Der Winter, dieses alte Arschloch,

und die Kunst, uns dafür bezahlen zu lassen

Man sagt ja gern, der Winter sei eine Jahreszeit. Ein meteorologischer Zustand. Eine neutrale, kalte Tatsache. Aber das ist eine dieser bürgerlichen Legenden, die nur funktionieren, solange man noch nie in einer Altbauwohnung mit „charaktervollen“ Fenstern gewohnt hat, die so dicht schließen wie ein politisches Versprechen im Wahlkampf. Der Winter ist keine Jahreszeit, der Winter ist eine Haltung. Eine pädagogische Maßnahme, die Natur und Markt Hand in Hand durchsetzen, um uns daran zu erinnern, dass der Mensch zwar das Rad, die Demokratie und die Wärmepumpe erfunden hat – aber immer noch mit einer erbarmungslosen Selbstverständlichkeit friert wie ein mittelmäßig ausgerüsteter Säugetierkörper. Und heuer, so lässt man uns wissen, hat sich dieser Winter im Osten des Landes wieder einmal besonders erzieherisch gegeben: Der Jänner sei im Schnitt zwei Grad kälter als der Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. Zwei Grad! Das klingt nach nichts, nach dem Unterschied zwischen „Ich zieh noch eine Weste an“ und „Warum schmeckt mein Leben plötzlich nach Heizöl und Verzweiflung“. Und doch ist es, wie jeder Mensch weiß, der schon einmal einen Thermostat berührt hat, der Beginn einer Kettenreaktion: Zwei Grad weniger draußen bedeuten nicht nur, dass man drinnen häufiger seufzt, sondern dass man plötzlich einer uralten Wahrheit gegenübersteht – Wärme ist in Europa kein Grundrecht, sondern ein Abonnementmodell.

Sechs bis acht Prozent mehr Heizbedarf: Der Kapitalismus in Wollsocken

Wie schön das klingt, wenn es Experten sagen: „Bei einem Grad weniger erhöht sich der Heizbedarf um sechs bis acht Prozent.“ Sechs bis acht Prozent! So nüchtern, so sachlich, so beruhigend wie eine Durchsage im Wartezimmer eines Zahnarztes. Und gleichzeitig ist es ein Satz, der in Wahrheit eine Drohung ist, ausgesprochen mit der sanften Stimme des Staates, der sich gern als neutraler Moderator zwischen Mensch und Natur inszeniert, während er uns im Hintergrund die Rechnung zuschiebt. Denn für den durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt bedeutet das laut E-Control wöchentliche Mehrkosten von sechs bis zehn Euro – pro Grad weniger Außentemperatur. Das ist eine dieser Zahlen, die man erst richtig begreift, wenn man sie emotional übersetzt: Das ist ein halber Einkaufswagen weniger, ein Kinobesuch weniger, ein „Nein“ mehr beim Blick auf die Preisschilder im Supermarkt. Sechs bis zehn Euro – das ist das kleine, wöchentliche Eintrittsgeld dafür, dass sich die Luft dazu entscheidet, eine Spur weniger freundlich zu sein.

Und hier liegt der eigentliche Witz – oder sagen wir: die Pointe in einer Tragikomödie, die Europa seit Jahren aufführt. Wir reden so gern über Effizienz, über Energiewende, über Innovation. Wir streicheln uns gegenseitig die Stirn mit Worten wie „Resilienz“ und „Transformation“ und tun dabei so, als seien wir eine Zivilisation, die ihre Zukunft bewusst gestaltet. Aber dann kommt ein Jänner, macht zwei Grad unter Durchschnitt, und plötzlich verhalten wir uns wie ein Nervensystem, das direkt an den Gaspreis angeschlossen ist. Zwei Grad, und wir werden wieder klein. Wir schrumpfen zurück in die Rolle, die wir im Grunde schon immer hatten: Kundschaft.

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Gasmarkt, Gasmarkt: Das Orakel von 40 Euro pro Megawattstunde

Natürlich bleibt es nicht bei der privaten Frost-Betriebsprüfung. Es gibt ja immer noch die große Bühne, den europäischen Gasmarkt, diese religiöse Institution unserer Gegenwart, in der Zahlen und Kurven wie göttliche Zeichen gelesen werden. Vergangene Woche stieg der Erdgaspreis um 25 Prozent – der stärkste Anstieg seit Oktober 2023. Und am Donnerstag überschritt der Preis erstmals seit einem halben Jahr wieder 40 Euro pro Megawattstunde. Man muss sich diese Formulierung einmal langsam auf der Zunge zergehen lassen, wie ein bitteres Medikament: „erstmals seit einem halben Jahr“. Als wäre es eine lange Zeit gewesen. Als hätte Europa die Wärmeversorgung inzwischen neu erfunden, den Winter abgeschafft, die Abhängigkeit von globalen Märkten hinter sich gelassen, den Thermostat als Symbol kapitalistischer Fremdbestimmung verbrannt. Stattdessen hören wir diese Zahl und reagieren wie dressierte Konsumenten im Energiesupermarkt: Ach so, 40 Euro. Das ist ja… mehr. Und „mehr“ heißt in einem System, das alles mit Zahlen erklärt, automatisch: Sorge. Der Winter wird nicht nur kälter – er wird teurer. Und der Preis ist immer die wirklich spürbare Temperatur.

Dass die Kälte viele Teile Europas betrifft, ist natürlich fast rührend solidarisch: Wir frieren gemeinsam. Aber auch das ist so eine europäische Einigung, die erstaunlich gut funktioniert, wenn sie wehtut. In der Praxis heißt das: Wenn überall mehr geheizt wird, steigt die Nachfrage, die Nervosität, das Geraune. Und wie immer ist es nicht die Kälte selbst, die Angst macht, sondern die Frage, wer an ihr verdient. Denn im Gasmarkt steckt eine fast poetische Grausamkeit: Er funktioniert nicht wie ein Lagerfeuer, bei dem alle näher zusammenrücken. Er funktioniert wie ein Auktionshaus, in dem Menschen Wärme ersteigern, während sie so tun, als wäre das eine rationale Angelegenheit.

Speicherstände: 52 Prozent Hoffnung, 48 Prozent Schicksal

Und dann die Gasspeicher – diese heimlichen Helden des Winters, die sonst irgendwo im Unterbewusstsein unserer Gesellschaft lagern wie verdrängte Kindheitserinnerungen. Jetzt plötzlich sind sie Thema. Jetzt sind sie nicht mehr nur technische Infrastruktur, sondern Seismographen unserer kollektiven Angst. Die europäischen Reserven liegen bei 52 Prozent, deutlich unter dem saisonüblichen Durchschnitt von 67 Prozent. Österreich bei rund 53 Prozent, etwa 53 TWh, knapp 15 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Zahlen, Zahlen, Zahlen – als könnten sie Wärme erzeugen, wenn man sie nur oft genug wiederholt.

Natürlich kann man das alles sachlich erklären: Mehr Verbrauch, weniger Füllstand, Markt reagiert, Preise steigen. Das ist die elegante, kreisrunde Logik einer Welt, die sich selbst für effizient hält. Aber unter dieser Logik liegt etwas viel Archaischeres: die Tatsache, dass wir uns in einer hochgerüsteten, digitalisierten, „smarten“ Gesellschaft befinden, die trotzdem jedes Jahr nervös auf den Himmel schaut wie ein Bauer im Mittelalter. Damals betete man für Regen. Heute checkt man die App für Gaspreise und hofft, dass es nicht so kalt wird. Fortschritt ist manchmal einfach nur ein besser beleuchteter Aberglaube.

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Und ja, die Speicherstände sind wichtig, natürlich sind sie das. Aber sie sind auch ein Symbol: Wir haben uns daran gewöhnt, dass Sicherheit immer eine Zahl ist, die man irgendwo nachlesen kann. 67 Prozent wären beruhigend, 52 Prozent sind es nicht. Und genau darin steckt die moderne Form der Panik: Sie ist quantifiziert. Sie ist grafisch darstellbar. Sie ist exportfähig in Schlagzeilenform. Der Winter ist längst nicht mehr nur ein Wetterereignis – er ist ein Marktindikator.

Die wahren Opfer: Wasserleitungen, Wärmflaschen und die Psychologie des Frosts

Als wäre das alles nicht schon genug, meldet man zusätzlich vermehrte Schäden an Wasserleitungen und -zählern. Was für ein wunderbares Detail, fast literarisch: Während oben die Energiepreise steigen und unten die Speicherstände fallen, platzt im echten Leben der Menschen die Infrastruktur. Der Frost, dieser altmodische Störenfried, knackt nicht nur unsere Haushaltsbudgets, sondern auch Rohre und Leitungen – also exakt jene Dinge, die wir normalerweise für selbstverständlich halten, weil wir sie nie sehen. Es ist die brutale Pädagogik der Kälte: Sie zwingt uns, die Welt wieder als fragiles System zu begreifen. Plötzlich ist Wasser nicht einfach da, plötzlich ist Wärme nicht einfach da – plötzlich ist alles ein bisschen prekär. Und wer ohnehin schon an der Grenze lebt, erlebt den Winter nicht als romantisches Naturphänomen, sondern als Mechanik der sozialen Auslese.

Denn das ist der Punkt, den man in all den Zahlen gern überhört: Ein „durchschnittlicher Haushalt“ ist eine statistische Fantasie, ein angenehmer Durchschnittsmensch, der nie existiert, aber ständig als Argument herhalten muss. Die sechs bis zehn Euro Mehrkosten pro Woche mögen für manche „ärgerlich“ sein, für andere sind sie der Unterschied zwischen „Ich heize“ und „Ich ziehe zwei Pullover an und hoffe, dass niemand merkt, wie kalt meine Wohnung ist“. Kälte ist nicht demokratisch. Sie verteilt sich zwar gleichmäßig über die Landkarte, aber nicht gleichmäßig über die Kontostände.

Und in all dem steckt eine bittere, fast zynische Ironie: Wir leben in einer Zeit, in der man die Temperatur des Planeten in Dezimalstellen diskutiert – und gleichzeitig scheitert die alltägliche Wärmeversorgung am Kleingeld. Der Klimawandel ist das große Drama, ja. Aber im Kleinen erleben Menschen längst ein anderes Drama: Energiearmut ist die stille Schwester der Klimakrise, die nicht so glamourös ist, nicht so symbolträchtig, nicht so geeignet für internationale Konferenzen – aber sie sitzt abends in der Küche und starrt auf die Heizkostenabrechnung, als wäre sie ein Urteil.

Der Osten friert, die Schlagzeile wärmt: Medienmeteorologie als Gesellschaftsspiegel

Dass diese Meldung „online seit gestern, 23.47 Uhr“ ist, hat auch etwas Beruhigendes. Es gibt in der Nacht noch Menschen, die wach sind, um uns zu sagen, dass es kalt ist. Als bräuchten wir dafür eine Redaktion. Als wäre das Frieren ohne Kontext nur halb so bedeutungsvoll. Und natürlich, es ist wichtig, dass darüber berichtet wird – aber man merkt auch, wie gut sich die Kälte in Nachrichten verwerten lässt. Kälte ist fotogen. Kälte ist dramatisch. Kälte hat sofortige Wirkung. Sie liefert Bilder von Raureif, Atemwolken, eingefrorenen Brunnen. Sie macht aus etwas Alltäglichem eine Geschichte. Und sie hat den Vorteil, dass niemand politisch schuld sein muss. Niemand hat den Winter beschlossen. Niemand hat die Minusgrade gewählt. Das macht es so praktisch.

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Und trotzdem: Sobald das Thema Heizkosten auftaucht, ist die Politik nie weit. Man spricht dann gern von „Belastung“, von „Herausforderung“, von „Maßnahmen“. Aber im Grunde ist es immer dasselbe Ritual: Man bestaunt die Natur, man befragt die Experten, man zeigt Zahlen – und am Ende bleibt der Einzelne allein mit dem Thermostat, dem Pulli und dem Gefühl, dass der Winter ihn persönlich meint.

Die Pointe: Es ist nicht nur kalt, wir sind auch noch dafür zuständig

Das Perfide an dieser Geschichte ist ja nicht, dass es kalt ist. Kälte ist, biologisch gesehen, eine ganz normale Frechheit. Das Perfide ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die uns gleichzeitig einredet, wir hätten alles unter Kontrolle – und uns dann, wenn die Kontrolle ausbleibt, mit dem moralischen Zeigefinger und der Rechnung konfrontiert. „Heiz weniger“, heißt es dann. „Dreh runter“, „spar Energie“, „sei effizient“. Und ja, natürlich: Energiesparen ist sinnvoll. Aber diese Appelle haben oft denselben Unterton wie jemand, der einem beim Ertrinken Tipps zur Schwimmtechnik gibt. Man kann noch so effizient sein – wenn die Wohnung schlecht isoliert ist, wenn die Preise steigen, wenn die Speicher leerer sind als versprochen, dann ist Effizienz vor allem eines: eine individuelle Beschäftigungstherapie im Angesicht struktureller Probleme.

Und so stehen wir nun wieder da, im Jänner, mit einem Osten, der friert, einem Gasmarkt, der nervös zuckt, Speicherständen, die „deutlich unter dem saisonüblichen Durchschnitt“ liegen, und Wasserleitungen, die sich in den Frost verabschieden. Und wir tun, was wir immer tun: Wir rechnen. Wir vergleichen. Wir hoffen. Wir fluchen leise. Wir machen Witze darüber, weil Humor in Österreich bekanntlich die wärmste Form des Fatalismus ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Kältewelle: Sie zeigt uns, wie zerbrechlich unsere Selbstbilder sind. Wir halten uns für modern, rational, vorbereitet – und dann reichen zwei Grad weniger, um uns in jene uralte menschliche Lage zurückzuwerfen, in der die Grundfrage lautet: Wird es warm genug sein, um durchzukommen?

Und während wir darüber nachdenken, fällt irgendwo ein Wasserzähler aus, weil er auch keine Lust mehr hat. Verständlich.

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