Prolog im Nebel
Es gibt Sätze, die werden nicht alt. Sie werden nicht weise, sie werden nicht milde, sie bekommen keine Patina aus historischer Distanz, die uns erlaubt, sie wie ein Exponat im Museum zu betrachten: „Ach ja, damals, interessant.“ Nein. Manche Sätze altern nicht, sie werden aktueller, bis sie uns anstarren wie ein Spiegel im schlecht beleuchteten Flur, an dem man nachts vorbeischleicht und hofft, das eigene Gesicht möge bitte nicht zurückschauen. Bärbel Bohleys Warnung gehört in diese Kategorie. Sie ist nicht der feierliche Schwur einer demokratischen Selbstgewissheit, sondern das Gegenteil: eine böse Prophezeiung, die sich nicht als Prophetie verkleidet, sondern als nüchterne Kenntnis von Mechanik und Menschenmaterial. Sie sagt im Grunde nichts Mystisches, nichts Übernatürliches. Sie sagt bloß: Wer die Werkzeuge der Unterdrückung analysiert, liefert sie womöglich ausgerechnet denen aus, die sich danach sehnen, sie wieder anzufassen. Und wer glaubt, man könne die Apparate der Kontrolle entwaffnen, indem man ihre Funktionsweise aufschreibt, der hat wahrscheinlich auch schon einmal gedacht, man könne Feuer dadurch löschen, dass man ihm ein Handbuch schenkt.
Bohley spricht nicht von der Rückkehr der Stasi als Institution, nicht von Uniformen, nicht von Aktenordnern im Keller, nicht von dem muffigen Atem der DDR-Bürokratie. Sie spricht von der Wiederkehr eines Prinzips, und Prinzipien sind wie Schimmel: Sie brauchen keine großen Räume, sie brauchen nur ein bisschen Feuchtigkeit, ein wenig Dunkelheit und die Gewissheit, dass niemand wirklich hinsieht. Und das ist der eigentliche Zynismus dieser Warnung: Dass die „falschen Hände“ nicht zwangsläufig die Hände eines diktatorischen Monsters sein müssen, das aus dem Sumpf steigt und brüllt. Nein, es können sehr gepflegte Hände sein. Hände mit Maniküre. Hände, die eine Pressekonferenz halten, während sie dir in die Tasche greifen. Hände, die auf Podien sitzen und in die Kamera lächeln, während sie dir die Konturen des Wirklichen aus dem Gesicht wischen wie Staub von einer Schaufensterscheibe.
Und dann dieser Satz, so schrecklich schlicht, so unliterarisch geradezu, dass er literarisch wird: „Das ständige Lügen wird wiederkommen.“ Nicht: Eine Lüge. Nicht: gelegentliche Unwahrheiten. Sondern: das ständige Lügen. Das Lügen als Wetterlage. Als Grundzustand. Als Betriebssystem.
Die Wiedergeburt der Kontrolle: Rebranding für Fortgeschrittene
Wir leben in einer Zeit, in der nichts wirklich verschwindet, es wird nur umbenannt. Die Zensur heißt dann „Community-Richtlinie“, das Berufsverbot heißt „fehlende Eignung“ oder „Wertekompatibilität“, die schwarze Liste heißt „Risikobewertung“, die Denunziation heißt „Hinweisgeberkultur“, die Überwachung heißt „Sicherheitsarchitektur“ und die Propaganda heißt „strategische Kommunikation“. Wer heute noch nach dem alten Etikett sucht, wird beruhigt sein: Ach, es heißt ja nicht mehr so. Als wäre das Wort das Verbrechen und nicht die Tat. Als wäre der Dolch ungefährlich, wenn man ihn „Konfliktmoderationsinstrument“ nennt.
Bohley sagt: Man wird die Stasi-Strukturen untersuchen, um sie zu übernehmen. Das klingt zunächst wie ein Satz aus einer paranoiden Fieberkurve, und genau darin liegt seine Perfektion. Er ist so formuliert, dass ihn der saturierte Demokrat von heute reflexhaft abwehrt. „Das kann doch nicht sein!“ ruft er, wie ein Kind, das sich die Hände vor die Augen hält und glaubt, unsichtbar zu werden. Aber man muss nur kurz das bequeme Märchen ablegen, dass die Geschichte eine moralische Einbahnstraße sei. Es gibt keinen eingebauten Fortschritt. Es gibt keine demokratische Thermodynamik, nach der Unterdrückung automatisch in Freiheit übergeht und Freiheit niemals wieder in Unterdrückung. Es gibt nur Kräfte, Interessen, Angst und den ewigen Wunsch, Komplexität zu reduzieren, indem man Menschen sortiert, markiert und stillstellt.
Und dann wird es besonders modern: „Man wird sie ein wenig adaptieren, damit sie zu einer freien westlichen Gesellschaft passen.“ Das ist ein Satz, der klingt wie ein Workshop-Angebot einer Unternehmensberatung. Adaptieren. Anpassen. Kontextualisieren. Die Stasi, aber in helleren Farben. Ohne den muffigen Geruch. Ohne die peinlichen Uniformen. Mit besseren Apps. Mit einem gewissen „Nutzererlebnis“. Das ist der Punkt: Die wirkliche Gefahr besteht nicht darin, dass das Alte zurückkehrt, sondern darin, dass das Alte als Neues erscheint. Der Wolf kommt nicht mehr als Wolf. Er kommt als emotional kompetenter Hundetrainer.
Denn westliche Gesellschaften brauchen keine offenen Kerker, wenn sie die sozialen Kerker perfektionieren können. Wer eingesperrt wird, ist sichtbar. Wer ausgeladen wird, ist unsichtbar. Wer verhaftet wird, wird zum Fall. Wer isoliert wird, wird zum Gerücht. Und das Gerücht ist die elegante Form der Vernichtung: Niemand muss es beweisen, niemand muss es verantworten, niemand muss es zu Ende denken. Es schwebt einfach im Raum wie kalter Zigarettenrauch, der sich in die Kleidung frisst und später behauptet, er sei schon immer da gewesen.
Die feinen Möglichkeiten: Wie man Menschen unschädlich macht, ohne sich die Hände schmutzig zu machen
„Man wird die Störer auch nicht unbedingt verhaften“, sagt Bohley, „es gibt feinere Möglichkeiten, jemanden unschädlich zu machen.“ Und hier wird die Diagnose wirklich unangenehm, weil sie uns aus dem Kino des Offensichtlichen herauswirft. Wir lieben die grobe Gewalt, weil sie uns moralisch entlastet: Da ist das Böse, dort der Schlagstock, hier das Opfer, dort der Täter. Das ist übersichtlich, das kann man verurteilen, das kann man in Schulbüchern drucken und später mit Kranzniederlegungen abarbeiten. Aber die feinen Möglichkeiten sind tückisch: Sie sind so höflich, dass sie nicht wie Gewalt aussehen. So sauber, dass sie nicht nach Blut riechen. So kompliziert, dass man im Zweifel sagt: „Naja, das ist halt Verwaltung.“ Oder: „Das sind halt Standards.“ Oder: „Das ist halt der Markt.“
Die feinen Möglichkeiten bestehen darin, jemanden nicht zu zerstören, sondern zu entkernen. Nicht zu schlagen, sondern zu entziehen. Nicht zu verbieten, sondern zu entmutigen. Nicht zu sperren, sondern zu fransen. Man lässt ihn arbeiten, aber nur unter Bedingungen, die ihn auslaugen. Man lässt ihn sprechen, aber nur unter einem Chor von „Kontext“-Warnhinweisen, die wie rot blinkende Sirenen über jedem seiner Sätze hängen. Man lässt ihn existieren, aber man verpasst ihm so viele Etiketten, dass er irgendwann selbst glaubt, er sei ein Problem, das man verwalten muss.
Das ist das Geniale und das Abscheuliche: Moderne Repression tarnt sich als Fürsorge. Sie nennt sich Schutz. Sie erklärt sich zum Dienst an der Öffentlichkeit. Sie ist nicht das wütende „Du darfst nicht!“, sondern das sanfte „Wir machen uns Sorgen.“ Und während man sich sorgt, sorgt man dafür, dass du nicht mehr vorkommst.
Der „Störer“ ist dabei ein Meisterstück der rhetorischen Biologie: ein Lebewesen, das nicht falsch liegen muss, um gefährlich zu sein. Er muss nur stören. Und stören kann alles heißen: stören die Stimmung, stören den Konsens, stören die moralische Selbstwahrnehmung der Mehrheit. Wer stört, ist nicht mehr Gegner, sondern Geräusch. Und Geräusch, das wissen wir, darf man filtern.
Geheimen Verbote und öffentliche Tugend: Das moralische Schmiermittel der Ausgrenzung
Bohley zählt auf, und ihre Liste ist eine Litanei aus sozialer Kälte: geheime Verbote, Beobachten, Argwohn, Angst, Isolieren, Ausgrenzen, Brandmarken, Mundtotmachen. Es ist eine Anatomie der gesellschaftlichen Nervenerkrankung. Und das Perfide ist, dass all diese Dinge in freien Gesellschaften nicht als Instrumente des Staates auftreten müssen, sondern als kollektive Selbststeuerung. Man braucht keinen Minister, der ein Verbot unterschreibt, wenn man eine Plattform hat, die „Aus Gründen“ entscheidet. Man braucht keinen Richter, wenn man einen algorithmischen Verdacht hat. Man braucht keine Polizei, wenn die Nachbarschaft sich freiwillig zur moralischen Einsatzgruppe formiert und mit dem Smartphone die Welt vom Abweichler säubert.
Die freie Gesellschaft hat eine neue Form von Priesterkaste entwickelt: die Tugendverwaltung. Sie spricht mit sanfter Stimme, hat gute Absichten, bemüht sich um Sensibilität und wirkt dabei wie ein Staubsauger, der nicht merkt, dass er gerade den Teppich samt Wohnzimmer verschluckt. Alles wird moralisch. Alles wird existenziell. Alles wird zum Test. Die kleinste Nuance wird zur Gesinnungsprobe. Und je moralischer das Klima wird, desto schmutziger werden die Methoden, denn moralische Selbstgewissheit ist das universelle Lösungsmittel für Skrupel. Wer im Namen des Guten handelt, muss nicht mehr genau hinschauen, was er tut. Das Gute ist sein Freibrief.
Und wenn ein Freibrief in einer demokratischen Gesellschaft gefährlich ist, dann ist es der Freibrief der Empörung. Empörung ist das billigste Rauschmittel der Gegenwart. Sie macht wach, sie macht warm, sie macht stark, sie macht blind. Sie erlaubt, jemanden zu verachten, ohne ihn zu kennen, und sie erlaubt, ihn zu vernichten, ohne sich schuldig zu fühlen. Der Empörte ist der neue Henker im weißen Kittel: Er wirkt sauber, weil er überzeugt ist.
Bohley sagt nicht: Es wird wieder Diktatur geben. Sie sagt: Es wird wieder die Atmosphäre geben, aus der Diktatur wächst. Die feuchte Luft, in der Kontrolle als Normalität gedeiht. Dieses „Nebel“-Bild am Ende ist entscheidend: Desinformation als Nebel, in dem alles seine Kontur verliert. Nebel ist nicht die Lüge als Statement, sondern die Lüge als Umgebung. Und in einer Umgebung, in der alles verschwimmt, gewinnt nicht die Wahrheit, sondern der, der am lautesten ruft, wo Norden ist.
Das Museum der Unschuld: Wie man aus Aufarbeitung ein Werkzeug macht
„Alle diese Untersuchungen, die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen… all das wird in die falschen Hände geraten.“ Das klingt nach einer bitteren Pointe über das Projekt Aufarbeitung selbst. Nicht, weil Aufarbeitung falsch wäre. Sondern weil Aufarbeitung, wie jedes Wissen, eine Waffe sein kann. Und wir sind so naiv, so moralisch selbstzufrieden, so westlich-triumphal, dass wir glauben: Wahrheit ist automatisch gut. Erkenntnis ist automatisch Befreiung. Dokumentation ist automatisch Immunisierung.
Aber Wissen immunisiert nicht. Wissen schult. Es schult auch den Täter. Man kann Foltermethoden dokumentieren, um sie zu verhindern – oder um sie zu verfeinern. Man kann Manipulation analysieren, um sie zu durchschauen – oder um sie effizienter zu betreiben. Man kann Überwachung entlarven, um sie abzubauen – oder um sie zu optimieren. Und wer heute glaubt, dass jede Kritik an Kontrolle und Manipulation automatisch als Warnsignal verstanden wird, unterschätzt das Talent moderner Systeme, Kritik nicht nur zu tolerieren, sondern zu verdauen.
Denn die moderne Herrschaft ist nicht beleidigt, wenn man sie kritisiert. Sie nimmt Kritik als Inspiration. Sie nennt das „Feedback“. Das ist die elegante Form des Zynismus: Man lässt dich warnen, damit man weiß, worauf man achten muss. Man lässt dich protestieren, damit man die Sensoren besser kalibrieren kann. Die Aufarbeitung wird zur Bedienungsanleitung, und die Demokratie wird zum Showroom für die nächste Version der Disziplinierung.
Es ist, als würde man einen Drachen fotografieren, um die Welt zu warnen, und am nächsten Tag verkauft jemand Drachen-Sättel in Serie.
Die Maschine der Angst: Warum Argwohn als Bürgerpflicht verkleidet wird
Argwohn ist ein hässliches Wort. Es klingt nach Keller. Nach schiefen Vorhängen. Nach dem Blick, der länger hängenbleibt, als er dürfte. Aber Argwohn ist heute schick geworden. Er heißt nicht mehr Argwohn. Er heißt Wachsamkeit. Und Wachsamkeit ist bürgerlich. Wachsamkeit ist demokratisch. Wachsamkeit ist verantwortungsvoll. Wer nicht wachsam ist, ist naiv. Wer nicht mitmacht, ist gefährlich. Wer nicht alles misstrauisch beäugt, ist Teil des Problems.
Die Ironie ist: In einem Klima, in dem Wachsamkeit zur Tugend erklärt wird, wird Vertrauen zur Sünde. Und ohne Vertrauen gibt es keine Freiheit, sondern nur Beweglichkeit innerhalb eines Käfigs. Der Käfig muss nicht abgeschlossen sein, man läuft freiwillig nicht hinaus, weil draußen die moralische Wüste droht: das Missverständnis, die Fehlinterpretation, der Shitstorm, die Empörungswelle, der soziale Tod.
Die Angst, von der Bohley spricht, ist nicht die Angst vor dem Gefängnis, sondern die Angst vor der Gemeinschaft. Vor dem Tribunal des Alltags. Vor dem Blick der anderen, der nicht mehr fragt: „Was meinst du?“ sondern sofort urteilt: „Was bist du?“ Und diese Angst ist ein hervorragender Motor für Selbstzensur. Man muss niemanden mundtot machen, wenn er sich selbst den Mund zuhält. Man muss niemanden isolieren, wenn er sich selbst aus der Debatte verabschiedet. Man muss niemanden verbieten, wenn er sich selbst verlernt.
Das ist das Paradox der freien Gesellschaft: Sie kann so frei sein, dass sie niemanden zwingt – und trotzdem so eng, dass niemand mehr atmet.
Das ständige Lügen: Wenn Wahrheit nicht mehr widerlegt, sondern umstellt wird
Der Satz über das ständige Lügen hat etwas Endgültiges. Weil er nicht von einzelnen Propagandatricks spricht, sondern von einer Struktur. „Desinformation, der Nebel, in dem alles seine Kontur verliert.“ Das ist nicht mehr die plumpe Parteilosung auf dem Transparent. Das ist die permanente Verschiebung des Realen. Die Wahrheit wird nicht mehr frontal bekämpft, sie wird umstellt. Sie wird eingekreist von Halbwahrheiten, Kontextfetzen, moralischen Nebelgranaten, emotionalen Appellen, bewussten Missverständnissen. Und irgendwann ist sie nicht widerlegt, sondern erschöpft. Sie steht nicht als besiegt da, sondern als müde.
Die moderne Lüge ist keine Behauptung, sie ist eine Atmosphäre. Sie ist ein Dauerrauschen. Sie ist die Infusion, die man sich selbst legt, um nicht fühlen zu müssen, wie unsicher die Wirklichkeit ist. Und das Lügen ist nicht nur Sache der Mächtigen. Es ist demokratisiert. Jeder kann es. Jeder tut es. Nicht unbedingt aus Bosheit, sondern aus Bequemlichkeit. Weil Wahrheit Arbeit ist. Wahrheit bedeutet, etwas auszuhalten: Ambivalenz, Grautöne, Komplexität. Aber die Gegenwart hasst Grautöne. Sie will klare Etiketten: gut, böse, Opfer, Täter. Wer sich nicht einordnen lässt, stört.
So entsteht die große Zynikerschleife: Man lügt nicht, um die Realität zu ersetzen, sondern um sie unbrauchbar zu machen. Wenn alles irgendwie stimmt, stimmt nichts mehr. Wenn jede Nachricht „auch nur eine Perspektive“ ist, wird jede Lüge zur Meinung und jede Meinung zur Waffe. Der Nebel ist nicht der Irrtum, sondern die Absicht, Orientierung zu verhindern.
Und im Nebel gewinnen nicht die Klugen, sondern die Lauten. Nicht die Wahrhaftigen, sondern die Selbstsicheren. Nicht die, die Belege haben, sondern die, die Pathos beherrschen. Der Nebel ist das Reich der Unanfechtbarkeit: Wer im Nebel behauptet, er sehe klar, wirkt wie ein Führer. Und wer sagt: „Ich bin mir nicht sicher“, wirkt wie ein Verräter.
Satirischer Epilog: Willkommen in der Freiheit, bitte lächeln
Man stelle sich vor, Bärbel Bohley würde heute eingeladen werden. Ein Talkshow-Spot, warme Scheinwerfer, freundliche Moderation. Man würde sie als „Zeitzeugin“ ankündigen – dieses Wort, das klingt, als sei man bereits halb im Archiv. Man würde höflich nicken, wenn sie von der Stasi erzählt. Man würde betroffen schauen, wenn sie von Angst spricht. Und sobald sie den Satz sagt, „das ständige Lügen wird wiederkommen“, würde jemand auf dem Nebensofa nervös lachen. Nicht, weil es lustig ist, sondern weil es gefährlich nah kommt.
Denn das ist der Trick der Gegenwart: Sie mag Warnungen, solange sie historisch sind. Sie liebt den Mut von gestern. Sie feiert Widerstand, solange er abgeschlossen ist und sich als Jubiläum begehen lässt. Aber wenn die Warnung in die Gegenwart hineinragt, wird sie unhöflich. Dann ist sie plötzlich „überzogen“. Dann ist sie „polarisierend“. Dann ist sie „problematisch“. Dann ist sie, das ist die raffinierte Pointe, ein Störgeräusch in der schönen Erzählung von der aufgeklärten Demokratie, die selbstverständlich aus ihrer Geschichte gelernt hat, weshalb sie jetzt eine bessere Geschichte erzählt.
Und vielleicht ist das der bitterste Humor in Bohleys Satz: Dass er heute nicht als Warnung vor Stasi-Methoden verstanden werden muss, sondern als Warnung vor uns selbst. Vor unserem Talent, die alten Muster wieder zu lieben, sobald sie modern verpackt sind. Vor unserer Bereitschaft, Kontrolle zu akzeptieren, wenn sie nur freundlich genug formuliert wird. Vor unserer Lust, abweichende Stimmen zu markieren, solange wir uns dabei als die Guten fühlen. Vor unserem Wunsch, die Wahrheit nicht zu suchen, sondern zu besitzen.
Der Nebel kommt nicht immer von oben. Manchmal kommt er aus der Mitte. Manchmal entsteht er aus lauter kleinen Ausatmungen: Aus Angst, aus Eitelkeit, aus moralischer Erregung, aus Bequemlichkeit. Und irgendwann ist er da, dieser milchige Schleier, in dem alles seine Kontur verliert. Und dann sagt jemand: „So schlimm ist es doch nicht.“ Und ein anderer: „Das ist eben die neue Normalität.“ Und ein dritter: „Das ist für die Sicherheit.“ Und ein vierter: „Das ist für das Gute.“
Und irgendwo, in einem Winkel dieses Nebels, steht eine alte Warnung, die nicht alt geworden ist, sondern nur näher.