Die große Expedition der 37 Tapferen

oder Wie Europa lernte, sich selbst ernst zu nehmen

Es gibt Meldungen, die sind so klein, dass sie beim Lesen beinahe durchs Sieb der Aufmerksamkeit rutschen – und gerade deshalb besitzen sie eine groteske Strahlkraft. Eine dieser Meldungen lautet: Europa entsendet „Truppen“ nach Grönland, um die Sicherheit zu stärken. „Truppen“ in Anführungszeichen, versteht sich, denn das Wort selbst scheint sich zu schämen, in diesem Zusammenhang ohne Schutzhülle aufzutreten. Und dann die Zahl, diese Ziffer, die wie ein literarischer Schlusspunkt wirkt, bevor der Satz überhaupt begonnen hat: 37 Soldaten. Siebenunddreißig. So viele Menschen, wie in manchen europäischen Städten morgens in der Bäckerei Schlange stehen, wenn das Laugengebäck frisch aus dem Ofen kommt und noch Hoffnung in der Kruste knistert. Und diese 37 sollen also Grönland sichern, dieses riesige, eisige Stück Welt, das aussieht wie ein Kontinent, der beschlossen hat, lieber still zu leiden, statt sich den Menschen mit ihren Konferenzen, Excel-Tabellen und moralischen Großkalibern auszusetzen. Nun kann man über diese Nachricht lachen – und das sollte man auch, denn sie kommt mit eingebauter Pointe, wie ein Witz, den sich die Realität ausgedacht hat, nachdem sie zu lange in einem Sitzungssaal ohne Sauerstoffzufuhr festsaß. Aber man kann sie auch als komprimiertes Symbol nehmen: als Miniatur, in der Europa sich selbst porträtiert, geschniegelt, wortreich, mit ernster Miene und einer Armee, die ungefähr die Größe eines mittelgroßen Junggesellenabschieds hat. „Jetzt können die Grönländer endlich wieder ruhig schlafen“, heißt es dann süffisant – und man hört förmlich das ironische Glöckchen, das am Satzende bimmelt, als würde es sagen: Seht her, wir spielen Weltpolitik. Wir sind dabei. Wir sind relevant. Bitte klatschen, wenigstens ein bisschen.

Die Zahlen als Theaterkritik oder: Wenn Symbolpolitik Beinlinge trägt

Die Auflistung ist das eigentliche Kunstwerk. Frankreich: 15. Deutschland: 13. Schweden: 3. Finnland: 2. Norwegen: 2. UK: 1. Niederlande: 1. Es ist eine Castingshow der europäischen Selbstbehauptung, bei der alle unbedingt mitspielen wollen, aber niemand zu lange aufbleiben darf, weil am nächsten Tag Ausschusssitzung ist. Großbritannien, einst Weltreich mit der Angewohnheit, Kontinente zu verwalten wie andere Leute Schrebergärten, schickt einen Soldaten. Einen. Man möchte ihn fast „den tapferen Nigel“ nennen, der mit Thermoskanne und stoischem Blick aus dem Flugzeug steigt, den Kragen hochschlägt und sagt: „Right then, let’s do geopolitics.“ Die Niederlande schicken auch einen, vermutlich einen sehr effizienten Menschen mit einer Checkliste, der in fünf Minuten die Lage analysiert und anschließend vorschlägt, den gesamten Konflikt durch Deichbau zu lösen. Frankreich hingegen, mit 15 Mann, fühlt sich sofort wie die Grande Nation: Man sieht sie innerlich schon in Formation stehen, geschniegelt, ein wenig beleidigt darüber, dass die Sonne nicht scheint, und doch bereit, die Zivilisation bis zum letzten Baguette zu verteidigen. Deutschland schickt 13, eine Zahl, die im Aberglauben Unheil bringt, im politischen Betrieb aber wahrscheinlich das Ergebnis einer Haushaltsrechnung ist: 14 wäre zu teuer gewesen, 12 hätte nach Schwäche gerochen, also nimmt man 13 und nennt es „robuste Präsenz“. Und irgendwo zwischen all dem steht die EU-Summe: 37 Soldaten, als wäre sie die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat: Wie viele Uniformierte braucht es, um die Illusion von Handlungsfähigkeit zu erzeugen, ohne das Budget zu strapazieren und ohne dass es nach Militarismus aussieht? Der Zauber dieser Zahl liegt ja nicht in ihrer militärischen Wirkung – die ist ungefähr so einschüchternd wie ein sehr entschlossener Chorverein –, sondern in ihrer semantischen Wirkung. 37 ist nicht Null. 37 ist nicht „wir schauen mal“. 37 ist eine Entscheidung. Ein Statement. Ein „Wir sind da“. Und Europas Spezialität war schon immer, lieber eine semantische Festung zu bauen als eine reale.

TIP:  Wissenschaft oder Weihrauch?

Grönland als Projektionsfläche oder: Das Eis, das die Eitelkeit spiegelte

Grönland ist in dieser Geschichte nicht Ort, sondern Bühne. Es ist ein Name, der nach Weite klingt, nach Einsamkeit und nach einem Naturzustand, der den Menschen nur als störendes Geräusch kennt. Und gerade deshalb eignet es sich perfekt für die europäische Fantasie vom geopolitischen Erwachsenwerden. Denn wenn man auf dem Eis steht, wirkt alles größer: die Worte, die Gesten, die Dramatik. In Brüssel kann man sich in Ausschüssen zersägen, in Paris kann man Reden halten, in Berlin kann man Leitlinien schreiben – aber in Grönland, da ist man plötzlich „im Einsatz“. Plötzlich wird aus der PowerPoint ein Abenteuer. Und der europäische Blick auf das Arktische hat ohnehin etwas Rührendes: eine Mischung aus Ehrfurcht, Panik und dem dringenden Bedürfnis, irgendwo ein Logo anzubringen. Das Eis schmilzt, die Routen öffnen sich, die Rohstoffe werden interessant, die Großmächte schauen hin – und Europa, das alte Europa, das gern ein Leuchtturm sein will, merkt, dass ein Leuchtturm ohne Fundament eben auch nur eine Laterne im Sturm ist. Da schickt man dann 37 Soldaten, sozusagen als menschgewordenes Post-it an den Rand der Welt: „Bin kurz weg, bitte nicht überrollen.“ Natürlich ist die Pointe des Tweets nicht nur die Zahl, sondern das Verhältnis zwischen Pathos und Realität. Sicherheit stärken – mit 37. Das klingt ein bisschen so, als wolle man den Weltfrieden sichern, indem man in den UN-Saal eine Zimmerpflanze stellt. Aber vielleicht ist genau das der europäische Genius: eine erstaunliche Fähigkeit, selbst im Angesicht der tektonischen Verschiebungen der Machtlage eine Haltung zu bewahren, die irgendwo zwischen Sanftmut und Selbstüberschätzung schwankt.

Die Kunst der kleinen Schritte oder: Europa als Marathonläufer in Pantoffeln

Es ist ja nicht so, dass kleine Kontingente per se lächerlich wären. Manchmal sind sie Vorhut, manchmal Symbol, manchmal diplomatische Flanke. Manchmal geht es nicht um Feuerkraft, sondern um Flagge, um Präsenz, um Bündnistreue. Aber genau hier entsteht die satirische Spannung: Europa möchte gern als strategischer Akteur auftreten, als „Player“, als gestaltende Kraft – und liefert dann eine Personalstärke, die verdächtig nach „wir haben auch noch jemanden gefunden“ aussieht. Es ist dieser ewige Gegensatz zwischen dem europäischen Selbstbild als normative Supermacht und der europäischen Wirklichkeit als müde Verwaltungseinheit, die mit einem Stapel Papier gegen die Weltgeschichte anrennt. Europa, das ist der Kontinent, der aus der Erfahrung zweier Weltkriege gelernt hat, dass militärische Macht gefährlich ist – und daraus die folgerichtige Schlussfolgerung zog, dass man am besten gar keine hat, außer man nennt sie anders. Europa ist der Ort, an dem man nicht „Armee“ sagt, sondern „Kräfte“, nicht „Krieg“ sagt, sondern „Mission“, nicht „Waffen“ sagt, sondern „Fähigkeiten“. Und jetzt steht man da und versucht, in einer Welt, die wieder grob wird, die zarteste aller Möglichkeiten zu wählen: Man sendet ein Zeichen. Ein Zeichen in Stiefeln. Ein Zeichen mit Helm. Ein Zeichen mit vermutlich sehr vielen Richtlinien zur korrekten Zeichenführung. Vielleicht ist das die einzige Form europäischer Militärpoesie, die noch möglich ist: Man marschiert nicht, man „entsendet“. Man greift nicht ein, man „stärkt“. Man kämpft nicht, man „sichert“. Und man schickt nicht viele, sondern „genug, um ernst genommen zu werden“ – was sich in diesem Fall wie ein Missverständnis anfühlt, das schon beim Tippen hätte auffallen müssen.

TIP:  Heuchler an den Hebeln

Der Tweet als politische Skulptur oder: Zynismus in der Form eines Smiley

Georg Pazderski setzt am Ende die Pointe: Jetzt können die Grönländer endlich wieder ruhig schlafen. Das ist natürlich Spott, und Spott ist in Zeiten der Überforderung eine verständliche Waffe. Der Satz wirkt wie ein kleiner Hieb gegen die Unfähigkeit, gegen das Aufblasen, gegen das europäische Talent, aus jedem Schritt ein Manifest zu machen. Aber der Satz ist auch eine Einladung zur bequemen Schadenfreude: Seht her, sie sind lächerlich. Und hier wird es interessant, denn Spott hat eine Eigenschaft, die ihn so beliebt und so unerquicklich macht: Er stellt sich gern an die Seitenlinie und tut so, als wäre das Spiel eine Farce, ohne sich selbst die Schuhe zu binden. Man könnte den Tweet also auch als das betrachten, was er ist: ein Stück politischer Kabarettismus, das sich über die Symbolpolitik lustig macht – und gleichzeitig die große Sehnsucht bedient, Europa möge doch endlich entweder richtig stark sein oder endlich ehrlich schwach. Zwischen diesen beiden Polen pendelt die Kritik wie ein Kronleuchter im Sturm: Entweder man will, dass Europa eine echte Verteidigungsfähigkeit hat, dann müsste man solche Einsätze als Anfang sehen, als Miniatur einer größeren Strategie. Oder man will, dass Europa sich aus solchen Dingen heraushält, dann wäre jede Entsendung bereits eine Irrfahrt. Aber wer nur lacht, ohne die Konsequenz zu denken, nimmt am Ende die bequeme Haltung ein: man kann sich über alles erheben, weil man für nichts verantwortlich ist. Und das ist die heimliche Eleganz der Polemik: Sie liefert ein warmes Gefühl, während die Welt kalt bleibt.

Was wäre, wenn es ernst wäre? Oder: Die große Angst vor der eigenen Relevanz

Denn hinter dem Witz steckt eine Frage, die nicht besonders lustig ist: Was heißt es eigentlich, „Sicherheit zu stärken“ in einer Region, die geopolitisch zunehmend wichtig wird? Wenn sich Interessen überlappen, wenn Routen entstehen, wenn Großmächte ihre Muskeln zeigen – dann ist Sicherheit nicht mehr nur ein Wort, sondern eine Fähigkeit, die man hat oder nicht hat. Und Europa wirkt in solchen Momenten wie jemand, der sich jahrelang eingeredet hat, Zivilcourage reiche völlig aus, um einen Einbrecher zu stoppen, und nun im Flur steht, bewaffnet mit einer sehr klaren Werteordnung und einem Regenschirm. 37 Soldaten sind nicht die Pointe, sie sind der Spiegel. Sie zeigen, wie sehr Europa zwischen Wunsch und Wirklichkeit zerrissen ist: Man möchte nicht martialisch sein, aber man möchte nicht hilflos sein. Man möchte Frieden, aber man möchte nicht ohnmächtig sein. Man möchte Moral, aber man möchte auch Ernsthaftigkeit. Und so landet man bei dem, was Europa am besten kann: Kompromiss als Identität. Ein bisschen Präsenz, ein bisschen Diplomatie, ein bisschen Sicherheitsrhetorik, ein bisschen alles – und am Ende eine Zahl, die in einem Tweet wie ein Witz aussieht. Vielleicht ist das tragikomische daran nicht, dass Europa 37 Soldaten schickt, sondern dass Europa selbst nicht weiß, ob das ein mutiger Anfang oder eine peinliche Notiz ist. Dass es gleichzeitig Handlung beweisen und Nicht-Handlung kaschieren will. Dass es überall mitreden möchte, ohne irgendwo die Rechnung zu bezahlen.

Die beruhigte Nacht der Grönländer oder: Schlaf als politische Kategorie

Und nun stellen wir uns die Szene vor, die der Tweet heraufbeschwört: Grönländerinnen und Grönländer, bisher wachliegend vor Sorge, wälzend in der arktischen Dunkelheit, die Bettdecke bis zum Kinn gezogen, draußen heult der Wind, irgendwo knackt das Eis – und dann, plötzlich, die Nachricht: Europa hat 37 Soldaten entsandt. Ein kollektiver Seufzer geht durchs Land. Die Kinder schlafen ein. Die Hunde entspannen sich. Der Schnee fällt sanfter. In der Ferne leuchtet ein EU-Sternenkranz wie eine Wärmelampe über dem Polarkreis. Es ist absurd – und genau deshalb funktioniert es als Satire. Aber Satire ist dann am besten, wenn sie nicht nur lacht, sondern schneidet. Und der Schnitt sitzt hier: Europa macht sich klein, während es groß sprechen muss. Europa will groß sein, während es sich klein hält. Es ist, als hätte der Kontinent die Weltbühne betreten, geschniegelt und geschniegelt, und dann festgestellt, dass man dort nicht mit einem Lächeln allein bestehen kann. Die 37 Soldaten sind nicht die Sicherheit Grönlands. Sie sind die Sicherheit Europas vor dem Eingeständnis, dass es mehr brauchen könnte: mehr Einigkeit, mehr Entschlossenheit, mehr Klarheit über das, was es sein will. Und bis dahin bleibt der Kontinent das, was er so oft ist: eine hochgebildete Figur im Roman der Geschichte, die lange Monologe hält, während draußen das Kapitel wechselt.

TIP:  Der Karl, die Beate und der Andi

Schluss mit Frostbeulen oder: Das europäische Heldenepos im Miniaturformat

Vielleicht ist die eigentliche Pointe, dass wir uns überhaupt über Zahlen lustig machen, als sei Sicherheit eine Mengenangabe wie Mehl im Rezept. Vielleicht ist es auch unfair, 37 Soldaten als lächerlich abzutun, denn am Ende sind es Menschen, die dort stehen, frieren, warten, die ihren Auftrag erfüllen, egal ob Twitter lacht oder nicht. Und doch bleibt das Bild unerbittlich komisch: Europa, das sich selbst „Truppen“ schickt, um sich innerlich zu versichern, dass es handlungsfähig ist. Europa, das den großen Mächten der Welt zuschaut und sagt: „Wir sind auch da“, und dabei so klingt, als rufe ein Kind vom Rand des Schwimmbeckens: „Ich schwimme auch“, während es noch die Schwimmflügel sucht. Die Satire liegt nicht in der Zahl allein, sondern in dem, was sie verrät: in der Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung, zwischen Rhetorik und Realität, zwischen geopolitischem Drama und bürokratischer Bescheidenheit. Und wenn man ganz zynisch sein wollte, könnte man sagen: 37 Soldaten nach Grönland – das ist Europas Art, sich eine Weltmacht zu cosplayen, ohne die Nebenwirkungen einer echten Weltmacht in Kauf zu nehmen. Ein Hauch von Militär, nicht genug für Gewalt, aber genug für ein Pressefoto. Ein bisschen Risiko, nicht genug für Tragödie, aber genug für ein Narrativ.

Und so bleibt uns am Ende nur, dem arktischen Wind zuzuhören, der über das Eis streicht wie ein alter Kommentator, der alles schon gesehen hat. Er wird auch diese Episode überstehen: die Expedition der 37, das tapfere Kontingent, die heldenhafte Minimalbesetzung. Vielleicht wird man später einmal darüber schreiben, in dicken Geschichtsbüchern, mit ernster Typografie: „Europa zeigte Präsenz in der Arktis.“ Und irgendwo am Rand steht dann, fast wie eine Fußnote, fast wie ein Witz, fast wie ein Geständnis: 37 Soldaten. Jetzt können die Grönländer endlich wieder ruhig schlafen. Oder zumindest können wir es – weil wir uns mit diesem Satz so herrlich einreden können, dass das alles schon irgendwie reicht.

Please follow and like us:
Pin Share