„Wer in einer Demokratie schläft, wird in einer Diktatur aufwachen“ – dieser Satz klingt wie ein abgenutztes Transparent aus dem Fundus politischer Mahnwachen, nach kaltem Kaffee, Kerzenwachs und moralischer Überlegenheit. Und doch ist er beunruhigend widerständig. Er weigert sich, alt zu werden. Er legt sich nicht schlafen, selbst wenn wir es tun. Denn Schlaf ist in Demokratien kein biologischer Zustand, sondern ein politisches Programm: ein weiches Kissen aus Gewohnheit, ein federnder Glaube daran, dass schon irgendwer anders wach bleibt. Demokratie, so scheint es, funktioniert am besten, wenn man sie für selbstverständlich hält – und genau darin liegt ihre größte Ironie. Nichts ist zerbrechlicher als das, was als unzerstörbar gilt. Während wir schnarchend von Freiheit träumen, werden die Möbel der Macht leise umgestellt, damit wir beim Erwachen stolpern.
Die Demokratie als Selbstbedienungsladen
Demokratie wird heute konsumiert wie ein All-inclusive-Armband im politischen Freizeitpark. Man hat sie bezahlt – mit Geschichte, mit Blut, mit den Trümmern früherer Irrtümer – und nun darf man sie auch nutzen, ohne ständig nachzudenken. Wahlen? Alle paar Jahre. Meinungsfreiheit? Klar, solange sie bequem ist. Rechtsstaatlichkeit? Ein schönes Wort für Sonntagsreden. Der Bürger wird zum Kunden, der Staat zum Dienstleister, und Politik zur lästigen Push-Nachricht, die man wegwischt. Wer sich beschwert, gilt als Spielverderber. Wer warnt, als hysterisch. Wer aufmerksam bleibt, als verdächtig. Denn Wachsein ist anstrengend, und Anstrengung passt schlecht in eine Kultur, die alles optimiert, außer der eigenen Urteilskraft.
Der schleichende Umbau der Wirklichkeit
Diktaturen kommen nicht mehr mit Stiefeln und Fanfaren. Sie kommen im Businessanzug, mit beruhigender Stimme und dem Versprechen, endlich Ordnung zu schaffen im Chaos der Freiheit. Sie sind das Update, das man aus Versehen akzeptiert, weil man die Nutzungsbedingungen nicht liest. Ein bisschen weniger Pressefreiheit hier, ein bisschen mehr Überwachung dort, alles selbstverständlich begründet mit Sicherheit, Effizienz oder dem Schutz der Demokratie selbst. Der Zynismus erreicht seinen Höhepunkt, wenn die Axt als Pflaster verkauft wird. Wer widerspricht, wird nicht verhaftet, sondern delegitimiert. Nicht zum Schweigen gebracht, sondern lächerlich gemacht. Die neue Repression braucht keine Gewalt, sie lebt von Gleichgültigkeit.
Die freiwillige Entmündigung
Es ist eine der bittersten Erkenntnisse moderner Politik, dass Unterdrückung selten gegen den Willen der Unterdrückten geschieht. Man gibt Rechte ab wie alte Kleidung, die nicht mehr passt. Zu sperrig. Zu pflegeintensiv. Zu kompliziert. Verantwortung wird ausgelagert an Experten, Algorithmen oder starke Männer mit schwachen Argumenten. Der mündige Bürger mutiert zum müden Untertan, der sich nach einfachen Antworten sehnt und dafür bereit ist, komplexe Freiheiten zu opfern. Die Diktatur der Zukunft wird nicht aufgezwungen, sie wird herbeigesehnt – als Ruhezone im Lärm der Vielfalt.
Satirische Zwischenbilanz des Untergangs
Man stelle sich die Diktatur als Hotel vor, in dem man eincheckt, weil das demokratische Camping zu unbequem geworden ist. Endlich feste Regeln, endlich klare Zuständigkeiten, endlich kein Streit mehr. Dass die Fenster vergittert sind, fällt erst auf, wenn man lüften will. Dass die Türen nur von außen schließen, merkt man, wenn man gehen möchte. Bis dahin genießt man den Zimmerservice und wundert sich, warum plötzlich niemand mehr lacht. Humor ist in autoritären Systemen stets der erste, der kündigt. Zynismus bleibt, aber er richtet sich nach innen, wird bitter und leise.
Wachsein als Zumutung und Pflicht
Der Satz vom schlafenden Demokraten ist keine Drohung, sondern eine Diagnose. Er verlangt keine Helden, sondern Aufmerksamkeit. Kein Dauerengagement, sondern gelegentliches Aufschrecken. Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Tätigkeit, unerquicklich, unerquicklich menschlich. Sie lebt vom Streit, vom Misstrauen gegenüber Macht, auch – und gerade – der eigenen Seite. Wachsein bedeutet, sich unbeliebt zu machen, Fragen zu stellen, wenn alle Antworten wollen, und zu widersprechen, wenn Konsens verordnet wird. Es ist die unerquicklichste Form der Loyalität.
Schlussbemerkung im Halbschatten
Vielleicht ist der Satz letztlich weniger politisch als anthropologisch. Wer schläft, überlässt die Welt den Wacheren. Und die Wacheren sind nicht immer die Besseren. Demokratie verzeiht vieles, aber sie vergisst nichts. Sie stirbt nicht spektakulär, sondern peinlich: an Bequemlichkeit, an Überdruss, an dem fatalen Irrtum, Freiheit sei ein Naturzustand und kein täglicher Kraftakt. Wer also in einer Demokratie schläft, wird nicht zwangsläufig in einer Diktatur aufwachen – aber er erhöht die Wahrscheinlichkeit erheblich. Und das allein sollte genügen, um wenigstens ein Auge offen zu halten.