Berlin bringt Goethe jetzt in einfacher Sprache unters Volk.Faust, Nathan, Romeo & Julia – sprachlich entkernt, pädagogisch weichgekocht, serviert wie ein lauwarmer Milchreis mit der Aufschrift: „Keine Sorge, das tut nicht weh.“
Und ja – ich weiß: Das soll „entlasten“.
Entlasten wovon eigentlich? Vom Denken? Vom Stolpern? Vom Wachsen?
Von der letzten unangenehmen Begegnung mit einem Satz, der nicht sofort wie ein TikTok-Clip erklärt, worum es geht?
Willkommen im neuen Bildungsparadies: Klassiker ohne Kanten.
Literatur als leicht verdauliches Breichen, damit niemand versehentlich Charakter entwickelt.
Goethe in einfacher Sprache – das ist wie…
- Beethoven ohne Dynamik.
- Baguette ohne Kruste.
- Wein ohne Alkohol.
- Denken ohne Widerspruch.
Kurz: Man erkennt noch die Form – aber das Leben ist raus.
Denn Klassiker sind nicht „klassisch“, weil sie alt sind.
Sie sind klassisch, weil sie Widerstand leisten.
Weil sie sperrig sind. Vieldeutig. Klangvoll. Unverschämt präzise.
Sie fordern uns heraus – und genau darin liegt ihre Würde.
Aber nein: Berlin sagt sich offenbar:
„Wozu Schüler fordern, wenn man Texte auch einfach runterdimmen kann?“
Der eigentliche Lehrplan lautet jetzt:
- Hauptsache zugänglich
- Hauptsache motiviert
- Hauptsache niemand muss sich durchbeißen
- Hauptsache Bildung fühlt sich an wie ein Streaming-Abo
Wer komplexe Sprache systematisch vermeidet, trainiert nicht das Verstehen – sondern das Ausweichen.
Man übt nicht: „Ich kann das knacken.“
Man übt: „Wenn’s schwer wird, wird’s halt leichter gemacht.“
Und irgendwann gilt Schwierigkeit nicht mehr als Herausforderung, sondern als Frechheit.
„Wie bitte?! Ein Text, der mich nicht sofort abholt?!“
Anzeige ist raus.
Aber keine Sorge:
Der Untergang des Abendlandes kommt nicht mit Posaunen.
Er kommt als gut gemeinte Maßnahme.
Mit pädagogischer Miene und dem Satz:
„Wir wollen niemanden verlieren.“
Spoiler: Wir verlieren gerade alles.
Nicht abrupt. Sondern leise.
In vereinfachten Versionen.
In abgesenkten Erwartungen.
In einer Kultur, die glaubt, dass Tiefe ein Zumutungsdelikt ist.
Natürlich kann man Klassiker erschließen.
Gemeinsam. Mit Zeit. Mit Geduld. Mit Erklärungen.
Mit Vertrauen in junge Köpfe, statt Angst vor ihrem Scheitern.
Aber Goethe „leichter machen“, damit er niemandem etwas abverlangt, ist wie ein Fitnessstudio, das aus Rücksicht alle Gewichte durch Watte ersetzt:
Man bewegt sich noch – aber man wird nicht stärker.
Wir sind verloren.
Aber immerhin… in leichter Sprache.