Es beginnt, wie so viele zeitgenössische Tragikomödien, mit einer Liste. Früher waren Listen etwas Harmloses: Einkaufszettel, Hitparaden, die sieben Weltwunder. Heute sind sie Instrumente geopolitischer Pädagogik. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre Liste förderfähiger Universitäten aktualisiert – und Großbritannien elegant, aber entschieden hinausredigiert. Keine Stipendien mehr für Oxford-Träume, keine Scheich-finanzierte Nostalgie für Nebel, Tweed und diskrete akademische Verlotterung. Der Grund: Angst. Nicht vor Prüfungen, nicht vor Mietpreisen in London, sondern vor Ideen. Vor islamistischer Ideologie, die – so die Befürchtung – an britischen Universitäten wie eine intellektuelle Grippe grassiert, unsichtbar, ansteckend, hochgefährlich. Dass ausgerechnet die Wiege der Aufklärung, der Debattenkultur und des institutionalisierten Dissenses nun als ideologischer Gefahrenraum markiert wird, ist eine Ironie, die man kaum besser hätte inszenieren können. Shakespeare hätte seine Freude gehabt. Oder zumindest bitter gelacht.
Campus als Kampfzone der Weltanschauungen
Die Anklage ist schnell erzählt und schwer zu widerlegen, gerade weil sie so vage bleibt. Studentische Organisationen, so heißt es aus Sicherheitskreisen, dienten als Einfallstore für die Muslimbruderschaft, jene langlebige politische Bewegung, die es geschafft hat, gleichzeitig überall präsent und nirgends eindeutig greifbar zu sein. Man lädt Redner ein, man diskutiert, man problematisiert westliche Werte, man zitiert religiöse Quellen – kurz: man tut an Universitäten das, was Universitäten seit Jahrhunderten tun, nur eben mit den falschen Vorzeichen. „Islam ist die Lösung“, lautet das berühmte Motto der Bruderschaft, ein Satz von bestechender Einfachheit und gefährlicher Elastizität. Lösung wofür genau, fragt der westlich sozialisierte Skeptiker, während der autoritäre Staat bereits die Antwort kennt und vorsorglich die Tür abschließt. Dass die Lösung langfristig in der Scharia liegen könnte, ist für die Emirate keine akademische Debatte, sondern ein existenzieller Albtraum, gespeist aus den Erfahrungen der arabischen Aufstände von 2011. Seitdem gilt: lieber ein übervorsichtiger Sponsor als ein naiver Mäzen.
Der alte Streit im neuen Kostüm
Natürlich ist das alles nicht neu. Bereits 2014 hatte Großbritannien, höflich alarmiert von seinen Golfpartnern, eine Untersuchung zur Muslimbruderschaft in Auftrag gegeben. Sir John Jenkins, Diplomat alter Schule, lieferte einen Bericht, der genau das tat, was Berichte in liberalen Demokratien gerne tun: Er differenzierte. Die Überzeugungen der Muslimbruderschaft stünden im Widerspruch zu britischen Werten, schrieb er sinngemäß, aber ein Verbot lasse sich rechtlich nicht sauber begründen. Das war die Art von Antwort, die Juristen lieben und Autokraten verabscheuen. London hielt an dieser Linie fest, auch unter Keir Starmer, der die Organisation weiterhin „eng beobachtet“ wissen will – eine Formulierung, die so beruhigend klingt wie eine Tasse Kamillentee, während im Hintergrund die Alarmglocken läuten. Beobachten statt handeln, prüfen statt verbieten: Es ist der Soundtrack des britischen Pragmatismus, der international immer öfter als Feigheit missverstanden wird.
Zahlen als moralische Nebelkerzen
Dann kommen die Zahlen, jene modernen Orakel, aus denen jeder liest, was er ohnehin schon glaubt. Siebzig Studierende wurden im Studienjahr 2023/24 an das Prevent-Programm gemeldet, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Siebzig von drei Millionen. Statistisch ein Rundungsfehler, politisch ein Menetekel. Für die einen ist es der Beweis, dass der Campus zur Brutstätte des Extremismus mutiert, für die anderen ein Beleg dafür, wie sensibel und vielleicht überempfindlich das Frühwarnsystem eingestellt ist. Prevent selbst ist umstritten, ein Programm, das zwischen Fürsorge und Verdachtskultur pendelt, zwischen Prävention und Generalverdacht. Doch Zahlen haben eine magische Eigenschaft: Sie erlauben es, Angst zu quantifizieren, ohne sie erklären zu müssen. Und Angst, einmal in Zahlen gegossen, wirkt plötzlich objektiv, alternativlos, zwingend.
Die Konsequenz der Emirate und die Kränkung Britanniens
Im Juni folgte der Paukenschlag. Die neue Liste anerkannter ausländischer Universitäten erschien, geschniegelt, geprüft, geopolitisch sortiert. USA: dabei. Australien: selbstverständlich. Frankreich: trotz eigener Islamismusdebatten akzeptabel. Israel: politisch aussagekräftig. Großbritannien: abwesend. Als britische Stellen höflich nachfragten, ob es sich um ein Versehen handle, kam die Antwort so trocken wie endgültig: Nein. Absicht. Man wolle nicht, dass die eigenen Kinder auf dem Campus radikalisiert werden, erklärte ein Insider. Das ist der Satz, der sitzt. Denn er stellt die britischen Universitäten nicht als Orte freier Bildung dar, sondern als pädagogische Risikozonen, als intellektuelle Spielplätze mit gefährlichem Gerät. Die Zahlen der Visa sprechen eine deutliche Sprache, und die Ankündigung, Abschlüsse nicht gelisteter Universitäten künftig nicht mehr anzuerkennen, ist mehr als ein bürokratischer Akt. Sie ist eine symbolische Ohrfeige für ein Land, das sich gern als globaler Bildungsanbieter versteht.
Autoritäre Klarheit und liberale Unschärfe
Man muss den Emiraten eines lassen: Ihre Linie ist klar. Seit 2011 wird der politische Islam mit einer Konsequenz bekämpft, die in Europa kaum vorstellbar ist. Unter Präsident Mohammed bin Zayed gilt die Muslimbruderschaft als existenzielle Bedrohung, nicht als diskussionswürdiger Akteur. Abu Dhabi drängt London seit Jahren, die Organisation als terroristisch einzustufen, und schüttelt vermutlich verständnislos den Kopf über die britische Zurückhaltung. In Washington wiederum herrscht das diplomatische Zwielicht: Einzelne Ableger ja, die Bewegung als Ganzes nein. Es ist diese internationale Uneinigkeit, die die Muslimbruderschaft zugleich schwächt und stärkt, weil sie immer irgendwo als legitimer Gesprächspartner durchrutschen kann.
Europa entdeckt den politischen Islam neu
Frankreich hat unter Emmanuel Macron bereits reagiert, mit Gesetzen, Programmen und einer Rhetorik, die den politischen Islam als systemische Herausforderung benennt. In Großbritannien nutzt nun die Opposition das Thema, allen voran Nigel Farage, der mit der ihm eigenen Mischung aus Provokation und Stammtischlogik erklärt, man werde die Muslimbruderschaft verbieten, weil alle anderen es ja auch täten. Warum Konservative und Labour so feige gewesen seien, frage er sich, sagt Farage – eine Frage, die weniger Analyse als Anklage ist. Feigheit oder Rechtsstaatlichkeit, Opportunismus oder Prinzipientreue: Es sind diese begrifflichen Verschiebungen, die die Debatte vergiften und zugleich antreiben.
Die satirische Pointe einer ernsten Angelegenheit
Am Ende bleibt ein Bild, das man kaum erfinden könnte, wollte man es satirisch zuspitzen. Ein autoritärer Staat streicht Stipendien aus Sorge vor zu viel ideologischer Freiheit, während eine liberale Demokratie an eben dieser Freiheit festhält und dafür international abgestraft wird. Die Emirate schützen ihre Jugend vor gefährlichen Ideen, Großbritannien schützt gefährliche Ideen vor staatlicher Willkür. Wer hier moralisch gewinnt, hängt vom Standpunkt ab. Vielleicht ist es gerade diese paradoxe Konstellation, die den Kern der Sache freilegt: Universitäten sind keine sicheren Räume, sondern riskante Orte. Sie produzieren Zweifel, Widerspruch, manchmal auch Radikalität. Wer sie auf eine Liste setzt oder von ihr streicht, gesteht unfreiwillig ein, wie viel Macht man ihnen zutraut. Und das ist, bei aller Polemik, vielleicht das größte Kompliment, das man der britischen Hochschullandschaft machen kann – auch wenn es sie teuer zu stehen kommt.