London, diese Stadt, die sich seit Jahrhunderten darin übt, das Chaos mit Höflichkeit zu tarnen und den Abgrund mit einer Tasse Tee zu überbrücken, hat wieder einmal geliefert. Nicht etwa mit Shakespeare, nicht mit Punk, nicht einmal mit einem neuen absurden Brexit-Nachhall, sondern mit einer Leistung, die in ihrer administrativen Schlichtheit fast schon genial ist: Man stellte Tausende Polizistinnen und Polizisten ein – und verzichtete dabei großzügig auf Sicherheitsüberprüfungen. Mehr als 5.000 Menschen mit Uniform, Machtbefugnissen und Gewaltmonopol, aber ohne gründliche Prüfung ihrer Vergangenheit. Effizienz, so scheint es, ist der neue moralische Wert. Oder genauer: Effizienz ersetzt Moral.
Der interne Bericht der Metropolitan Police liest sich wie ein Verwaltungsdrama, dessen Bösewicht kein Einzelner ist, sondern ein Zielwert. Einstellungszahlen, diese scheinbar neutralen, technokratischen Götzen der modernen Bürokratie, wurden zur höheren Wahrheit erklärt. Wer braucht schon Integrität, wenn man Tabellen füllen kann? Wer braucht Vertrauen, wenn man Fortschrittsbalken grün einfärbt? Die Sicherheitsüberprüfung, einst das moralische Rückgrat des Polizeidienstes, wurde zum lästigen Anhang degradiert – eine Fußnote, die man aus Zeitgründen überspringt.
Wenn Zahlen wichtiger sind als Menschen
Zwischen 2019 und 2023 – eine Zeit, in der die Welt Pandemie, soziale Spannungen und institutionelle Vertrauenskrisen durchlebte – entschied sich Londons Polizei offenbar für eine mutige Strategie: Masse statt Klasse, Geschwindigkeit statt Gewissen. Der Druck, Einstellungsziele zu erreichen, wurde zur universellen Entschuldigung. Druck ist schließlich ein wunderbares Wort. Es entlastet, anonymisiert, entschuldigt. Niemand ist schuld, der Druck war es. Der Druck hat entschieden, dass man lieber nicht so genau hinschaut. Der Druck hat gesagt: Wird schon gut gehen.
Es ging nicht gut. Dutzende Beamte begingen dienstliche Verstöße und Straftaten, zwei davon sogar so gravierend, dass sie als Serienvergewaltiger verurteilt wurden. Serienvergewaltiger. In Uniform. In einer Institution, deren Existenzgrundlage der Schutz der Bevölkerung ist. Satire? Leider nein. Realität, nackt und unerquicklich. Die Pointe schreibt sich selbst, aber sie lacht nicht, sie beißt.
Das Gewaltmonopol als Lotteriespiel
Man könnte versucht sein, dies als tragisches Versagen einzelner Personen abzutun, als unglückliche Ausnahme, als statistischen Ausrutscher. Doch genau diese Ausflucht ist Teil des Problems. Denn hier wurde nicht ein Fehler gemacht, hier wurde ein Prinzip aufgegeben. Die Sicherheitsüberprüfung ist kein bürokratisches Ritual, sie ist das Mindestmaß an Selbstkontrolle einer Institution, die Gewalt ausüben darf. Wer darauf verzichtet, verwandelt das Gewaltmonopol in ein Lotteriespiel: Ziehen wir einen Beschützer oder einen Täter?
Die Met begründet ihr Vorgehen mit Notwendigkeit, mit Personalmangel, mit politischem Druck. All das mag zutreffen. Aber Notwendigkeit war schon immer das Lieblingsargument jener, die Verantwortung scheuen. Notwendigkeit rechtfertigt alles – wenn man sie lässt. Heute sind es Sicherheitsüberprüfungen, morgen vielleicht Ausbildung, übermorgen Rechtskenntnisse. Hauptsache, die Uniform sitzt und die Quote stimmt.
Die empörte Reaktion als Ritual
Natürlich folgte die empörte Reaktion prompt. Das Innenministerium kündigte eine „dringende, unabhängige Untersuchung“ an – ein Satz, der so vertraut klingt, dass man ihn fast mitsummen kann. Dringend, unabhängig, Untersuchung: die drei magischen Worte der politischen Beruhigung. Innenministerin Shabana Mahmood sprach von einer Verletzung der Pflicht der Met, für die Sicherheit Londons zu sorgen. Das ist korrekt, präzise und vollkommen folgenlos formuliert. Pflichtverletzung klingt nach Aktenvermerk, nicht nach moralischem Erdbeben.
Man fragt sich unweigerlich, warum diese Erkenntnis erst nach Veröffentlichung eines internen Berichts kommt. War die Abschaffung der Sicherheitsüberprüfung vorher eine Art experimenteller Avantgarde? Ein mutiger Feldversuch im Bereich der institutionellen Selbstentkernung? Oder hat man einfach gehofft, dass schon nichts passiert – und wenn doch, dann bitte leise?
Vertrauen als Kollateralschaden
Der eigentliche Schaden ist nicht nur das Leid der Opfer, so ungeheuerlich dieses ist. Es ist auch das Vertrauen, dieses fragile, unsichtbare Band zwischen Staat und Bürgern, das hier wieder einmal achtlos zerschnitten wurde. Polizei funktioniert nicht allein durch Gesetze und Waffen, sondern durch Legitimität. Wer Uniformen verteilt wie Werbegeschenke, darf sich nicht wundern, wenn diese Legitimität erodiert.
Die Ironie ist bitter: Um die Polizei zu stärken, hat man sie geschwächt. Um Sicherheit zu gewährleisten, hat man Unsicherheit institutionalisiert. Um schnell zu handeln, hat man langfristig zerstört. Das ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom einer Zeit, in der Prozesse wichtiger sind als Prinzipien und Kennzahlen mehr zählen als Charakter.
Ein augenzwinkerndes Fazit ohne Lachen
Man könnte lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Man könnte zynisch applaudieren für eine Verwaltung, die das Risiko gleich mit einstellt. Doch das Lachen bleibt im Hals stecken. Was bleibt, ist eine Satire, die sich weigert, erfunden zu sein. London steht damit nicht allein, aber exemplarisch. Die Stadt zeigt, was passiert, wenn Institutionen glauben, sie könnten ihre eigene moralische Statik ignorieren, solange der Betrieb weiterläuft.
Die Sicherheitsüberprüfung abzuschaffen war kein technischer Fehler, sondern eine ideologische Entscheidung: die Entscheidung, dass Vertrauen verzichtbar ist. Dass man Sicherheit produzieren kann wie eine Ware. Dass Menschen austauschbar sind, solange sie eine Funktion erfüllen. Diese Entscheidung rächt sich nun – leise, bürokratisch, aber mit zerstörerischer Wirkung.
Und so bleibt nur der bittere Trost, dass diese Geschichte zumindest eines lehrt: Der Staat kann vieles delegieren, optimieren und beschleunigen. Seine Verantwortung nicht. Selbst wenn der Druck groß ist. Gerade dann nicht.