Erik der Rote als unfreiwilliger Standortberater
Es begann, wie große geopolitische Entwicklungen gern beginnen: mit einem Totschlag, einem Exil und einer PR-Idee. Erik der Rote, dieser frühmittelalterliche Problembär mit Axt und Marketinginstinkt, wurde aus Island verbannt und landete dort, wo selbst das Schicksal lieber mit Handschuhen anfasst. Dass er das neu entdeckte Land „Grönland“ nannte, war weniger geografische Beschreibung als erste bekannte Immobilienanzeige der Weltgeschichte. Grün klang nach Hoffnung, nach Weide, nach Zukunft – und nicht nach Eis, Tod und existenzieller Kälte. Der Name war eine Lüge, aber eine erfolgreiche. Vier Jahrhunderte hielten sich die nordischen Siedler an der arktischen Peripherie Europas, dann verschwanden sie lautlos aus den Chroniken, als hätte jemand den Stecker gezogen. Übrig blieb ein Gerücht: Tief in den Fjorden, so munkelte man, lebten sie weiter, reich, abgeschieden, fast mythisch. Grönland war von nun an weniger ein Ort als eine Projektionsfläche – für Sehnsüchte, Spekulationen und koloniale Fantasien.
Mission, Moral und Meeressäuger: Die Erfindung der nützlichen Seele
Jahrhunderte später betrat Hans Egede die Bühne, ein Pastor mit festem Glauben und erstaunlicher Flexibilität im liturgischen Detail. Er kam nicht wegen Bodenschätzen oder Militärbasen, sondern wegen verlorener Seelen – einer der wenigen Rohstoffe, die sich vermehren, je mehr man davon nimmt. Egede suchte Wikinger und fand Inuit, was ihn nicht davon abhielt, sein Ziel beizubehalten. Wenn schon keine verschollenen Europäer, dann eben neue Christen. Die Mission brachte Kirche, Handel und Kolonialverwaltung in einem Paket, das man heute „integriertes Geschäftsmodell“ nennen würde. Besonders aufschlussreich war die Umarbeitung des Vaterunsers: Brot wurde durch Seehund ersetzt. Theologie als Lokalisierungsstrategie, Inkulturation mit Fell und Flossen. So begann die dänische Geschichte Grönlands: mit frommer Fürsorge, die stets wusste, was gut für die anderen war, und mit einer Verwaltung, die das Land als Außenstelle der eigenen Moral verstand. Nuuk wuchs aus dieser Mischung aus Heilsversprechen und Handelsinteresse, und Grönland wurde endgültig von einem Mythos zu einem Besitz.
Kaufen, tauschen, sichern: Die amerikanische Liebe zum leeren Raum
Die USA traten auf den Plan, wie sie es immer tun, wenn irgendwo viel Platz und wenig Wähler sind. Seit dem 19. Jahrhundert kultivierte Washington eine besondere Form der Romantik: die Liebe zum strategischen Landkauf. Territorien waren für die junge Republik weniger Heimat als Option, weniger Kulturraum als Investment. Louisiana, Florida, Texas, Alaska – alles Schnäppchen im Rückspiegel der Geschichte. Grönland passte perfekt in dieses Beuteschema: groß, dünn besiedelt, schwer zugänglich und deshalb ideal, um darauf alles zu projizieren, was man gerade brauchte. Sicherheit, Einfluss, Rohstoffe, Zukunft. Dass Andrew Jackson schon früh mit dem Gedanken spielte, die Insel zu erwerben, überrascht kaum. Überraschender ist eher, dass es nicht früher geschah. In amerikanischer Logik war Grönland ein klassisches Problem: zu viel Eis für Dänemark, zu viel Potenzial, um es einfach liegen zu lassen. Ein riesiger weißer Fleck auf der strategischen Landkarte, der förmlich danach schrie, sinnvoll genutzt zu werden – vorzugsweise von jemand anderem.
Eisige Deals und warme Kriege: Grönland als Militärmöbelstück
Der Zweite Weltkrieg brachte die Amerikaner nicht offiziell, aber effektiv nach Grönland. Man kam, um zu schützen, blieb, um zu sichern, und baute aus Provisorien dauerhafte Installationen. Flughäfen und Basen wuchsen aus dem Eis wie metallene Moose, stets mit Blick auf den nächsten Feind im Osten. Nach dem Krieg war Grönland plötzlich nicht mehr nur Missionsland oder Kolonie, sondern ein Möbelstück im globalen Sicherheitshaushalt. Die Truman-Regierung dachte pragmatisch: Wenn man schon da ist, könnte man es auch kaufen. 100 Millionen Dollar waren das Angebot – eine Summe, die Grönland auf den Status einer überdimensionierten Tiefkühltruhe reduzierte, die man entweder teuer unterhält oder gewinnbringend abstößt. Dänemark lehnte ab, gekränkt und trotzig, als hätte man versucht, ihm die eigene Identität abzukaufen. Doch die Idee verschwand nie. Sie wurde nur eingefroren, um später wieder aufgetaut zu werden, wenn die geopolitische Mikrowelle heiß genug lief.
Trump taut auf: Klima, Kapital und kalkulierte Ignoranz
Als Donald Trump die Idee öffentlich wiederbelebte, war das Entsetzen groß und das Gelächter laut. Einen Kontinent kaufen? Das klang nach Monopoly mit Weltkarten. Doch hinter der Groteske steckte Logik – eine kalte, zynische Logik, die perfekt ins 21. Jahrhundert passt. Der Mann, der den Klimawandel leugnet, setzt offenbar darauf, dass er trotzdem eintritt. Schmelzendes Eis macht aus Grönland kein Paradies, aber eine Rohstoffquelle mit besserer Zugänglichkeit. Seltene Erden, Öl, neue Schifffahrtsrouten: Das Eisland wird zum Ei des Kolumbus, wenn man nur lange genug wartet, bis es taut. Trump formulierte nur aus, was andere höflicher dachten: dass Territorien handelbar sind, wenn sie strategisch nützlich werden. Seine Offenheit war der Skandal, nicht die Idee selbst. Grönland als Ware – das ist kein Trumpismus, das ist Tradition.
Das begehrte Ei(s)land: Projektionen statt Perspektiven
Was in all dem auffallend fehlt, ist Grönland selbst. Die Inuit tauchen in der Geschichte meist als Kulisse auf, als Hintergrundrauschen der großen Mächte, die sich am Eis versuchen. Missioniert, verwaltet, geschützt, gekauft werden soll immer das Land – selten die Menschen gefragt. Grönland ist begehrt, weil es leer erscheint, obwohl es bewohnt ist; weil es kalt wirkt, obwohl dort Geschichte, Kultur und Gegenwart existieren. Vom Wikingerexil über die fromme Kolonisierung bis zur militärischen Nutzung und rohstoffgetriebenen Begehrlichkeit bleibt das Muster gleich: Grönland ist das Versprechen, dass irgendwo da draußen noch Raum ist für große Pläne, fernab von störender Demokratie. Ein Ort, an dem man glaubt, neu anfangen zu können, ohne alte Fragen zu stellen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie dieses Ei(s)lands: Es ist weniger Objekt der Geschichte als Spiegel ihrer Obsessionen. Wer Grönland begehrt, verrät mehr über sich selbst als über die Insel. Erik der Rote suchte Zuflucht und fand einen Mythos. Egede suchte Seelen und gründete eine Kolonie. Die USA suchten Sicherheit und Rohstoffe und fanden eine ewige Versuchung. Und Trump suchte einen Deal – und lieferte unbeabsichtigt eine Pointe. Grönland bleibt, was es immer war: kalt, widerspenstig und erstaunlich resistent gegen all jene, die glauben, man müsse es nur besitzen, um es zu verstehen.