Oder die Kunst, sich aus der Verantwortung zu spielen
Es gibt Momente, in denen sich politische Realität und literarische Groteske so innig umarmen, dass selbst der erfahrenste Satiriker neidvoll den Notizblock zuklappt. Der 4. Januar gehört zweifellos dazu. Während Anwohner nach einem linken Terroranschlag frierend auf der Straße ausharrten – Familien mit Kindern, Alte, Kranke, Menschen, deren Begriff von „Kopf freikriegen“ sich auf heißen Tee und die Hoffnung auf staatliche Fürsorge beschränkte –, zog sich der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, nach eigenem Bekunden in sein „Homeoffice“ zurück. Eingeschlossen. Felsenfest. Ein Bild wie aus der Hagiografie moderner Führung: der Landesvater allein mit Akten, Gewissen und Verantwortung. Nur dass drei Tage später aus dem stillen Kämmerlein ein Tennisplatz wurde, aus der asketischen Pflichterfüllung ein lockerer Satzgewinn, und aus der behaupteten Ernsthaftigkeit ein Bekenntnis, das weniger entkräftete als entlarvte. Satire, so lehrte einst Karl Kraus, ist das, was passiert, wenn die Wirklichkeit den Humoristen überholt. Berlin, Januar, Matchball.
Spiel, Satz und Moral
„Ja, dann habe ich von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt.“ Dieser Satz ist von einer lakonischen Schönheit, die man sonst nur aus der Literatur des Absurden kennt. Ein einziger Nebensatz, geschniegelt wie ein frisch bespannter Schläger, und doch schwerer als jedes politische Dementi. Man müsse ja auch mal den Kopf freikriegen, hieß es entschuldigend, nach wenigen Stunden der Belastung. Der Kopf, dieses empfindsame Organ christdemokratischer Verantwortung, scheint inzwischen ähnlich pflegeintensiv zu sein wie ein Hochleistungsknie auf rotem Sand. Dass ausgerechnet der Regierende Bürgermeister Berlins, dessen Stadt regelmäßig beweist, dass Chaos kein Ausnahmezustand, sondern ein Geschäftsmodell ist, bereits nach einem halben Tag politischer Zumutung in die Regeneration musste, ist mehr als eine Anekdote. Es ist ein Symbol. Während unten die Realität friert, schwitzt oben die Selbstfürsorge. Und irgendwo zwischen Grundlinie und Netz lauert die Frage, ob politische Führung heute vor allem bedeutet, die richtige Balance zwischen Krisenmanagement und Freizeitdress zu finden.
Doppelfehler im Amt
Besonders delikat wird die Angelegenheit durch die personelle Doppelbesetzung auf der Tribüne: Wegners Lebensgefährtin, zugleich Berliner Familiensenatorin. Man stelle sich die Szene vor: zwei Spitzenrepräsentanten des Landes, vereint im sportlichen Gleichklang, während draußen Familien auf Unterstützung warten. Das hat etwas von einer neoliberalen Performancekunst, bei der der Staat demonstrativ zeigt, dass er zwar nicht immer da ist, aber immerhin fit bleibt. Die eigentliche Pointe liegt jedoch weniger im Tennisschläger als im vorherigen Narrativ. Wer öffentlich erklärt, er habe sich eingeschlossen, um der Lage Herr zu werden, und später beiläufig einräumt, man habe zwischendurch Aufschlag trainiert, darf sich nicht wundern, wenn das Vertrauen einen leichten Knacks bekommt. Lüge ist ein großes Wort, ein schweres, juristisch und moralisch. Doch politisch genügt oft schon der Eindruck von Beliebigkeit, von Wahrheit als flexibler Spielvariante. Und der Eindruck ist hier so präsent wie der weiße Ball auf grünem Filz.
Platzverweis für die Glaubwürdigkeit
Natürlich kann man argumentieren, eine Stunde Tennis rette keine Welt und zerstöre sie auch nicht. Doch Politik besteht nicht aus Stunden, sondern aus Symbolen. Wer in der Krise Entspannung sucht, während andere um Schutz und Wärme bitten, sendet eine Botschaft – ob beabsichtigt oder nicht. Sie lautet: Meine Erholung ist dringlicher als eure Unsicherheit. Dass diese Botschaft ausgerechnet von einem CDU-Politiker kommt, dessen Partei sich gern als Hort von Ordnung, Pflichtbewusstsein und staatstragender Nüchternheit inszeniert, verleiht dem Ganzen eine ironische Tiefe, die selbst eingefleischte Zyniker kurz innehalten lässt. Vielleicht ist es das wahre Drama unserer Zeit, dass politische Verantwortung zunehmend wie ein Hobby behandelt wird: anspruchsvoll, ja, aber bitte mit Pausen, Trainingszeiten und möglichst ohne schlechtes Wetter. Der Platzverweis, den diese Episode nahelegt, richtet sich weniger gegen eine Person als gegen ein Amtsverständnis. Eines, das glaubt, man könne die Wahrheit wie einen Ball übers Netz spielen – und hoffe, dass ihn niemand retourniert.