Der Akku und die arktische Vernunft

Heute wurde im Radio darüber gesprochen, wie man bei eisiger Kälte den Handyakku länger am Leben hält. Man solle das Gerät nah am Körper tragen, hieß es, es nicht unnötig benutzen, energiesparende Einstellungen aktivieren, die Helligkeit dimmen, die Funkverbindungen zügeln wie aufmüpfige Pferde. Die Stimme klang freundlich, kompetent, geschniegelt. Es war die Stimme einer Welt, die weiß, wie man Probleme löst, sofern sie in Milliamperestunden messbar sind. Und während diese Stimme sich in nützlichen Ratschlägen sonnte, die so vernünftig waren wie ein Schal im Januar, fiel mir auf, dass es eine andere Kälte gibt, für die es keine Tipps gibt, jedenfalls keine, die man im Morgenmagazin verliest. Über Obdachlose wurde nicht gesprochen. Nicht einmal als Randnotiz, nicht einmal als ironischer Beifang im Netz der Alltagsweisheiten. Der Akku bekam Pflegehinweise; der Mensch blieb unsichtbar, vielleicht weil er sich nicht aufladen lässt, vielleicht weil er stört, wenn man gerade versucht, die Temperatur der Dinge zu optimieren.

Die Thermodynamik des Mitgefühls

Es ist eine alte Erkenntnis, dass Wärme ein soziales Phänomen ist. Sie entsteht nicht nur durch Reibung, sondern auch durch Nähe. Doch Nähe ist unpraktisch, sie verbraucht Zeit, Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Geld. Das Radio liebt das Praktische. Es liebt Lösungen, die man sofort anwenden kann, ohne sich zu beschmutzen. Ein Akku ist dankbar: Er verlangt nichts außer Disziplin und ein bisschen Wissen. Ein Mensch hingegen ist unerquicklich. Er riecht, er widerspricht, er ist nicht updatefähig. Vielleicht erklärt das die Schieflage der Berichterstattung: Der Akku passt in die Logik der Optimierung, der Mensch nicht. Während wir also lernen, wie man Lithium-Ionen vor dem Kältetod bewahrt, haben wir uns daran gewöhnt, dass Körper im Freien frieren, ohne dass dies als technisches Problem gilt. Es ist, als habe man das Mitgefühl ebenfalls auf Energiesparmodus gestellt: aktiv, aber nur im Hintergrund, gedimmt, damit es nicht stört.

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Fortschritt mit Frostschäden

Man könnte einwenden, das Radio könne ja nicht über alles sprechen. Es müsse auswählen, kuratieren, priorisieren. Richtig. Und genau darin liegt die Pointe, die bitter genug ist, um sie mit Zucker zu bestreuen. Die Prioritätensetzung verrät, was als lösbar gilt und was als naturgegeben hingenommen wird. Dass ein Akku bei Kälte schwächelt, ist ein Skandal, den man beheben muss. Dass Menschen bei Kälte schwächeln, ist offenbar ein Zustand, den man bedauernd zur Kenntnis nimmt, sofern man ihn überhaupt bemerkt. Der Fortschritt, so scheint es, hat eine Frostschadenversicherung abgeschlossen, aber nur für Geräte. Menschen sind Verschleißteile. Sie gehören zur Kulisse, wie der graue Himmel im Januar, über den man sich nicht aufregt, weil er jedes Jahr wiederkommt.

Die Satire der Selbstverständlichkeit

Es wäre billig, hier moralisch den Zeigefinger zu heben. Also lieber der zynische Handrücken. Man stelle sich eine Radiosendung vor, die konsequent wäre: Tipps für Obdachlose im Winter, präsentiert im gleichen Tonfall wie die Akku-Ratschläge. „Tragen Sie Ihre Existenz nah am Körper“, würde es heißen, „vermeiden Sie unnötige Aufenthalte im Freien, dimmen Sie Ihre Bedürfnisse, schalten Sie überflüssige Hoffnungen ab.“ Absurd? Ja. Und doch ist es genau diese Absurdität, die im Alltag herrscht, nur ohne Ironie. Wir haben gelernt, das Unmenschliche als selbstverständlich zu akzeptieren, solange die Geräte funktionieren. Die Satire liegt nicht in der Übertreibung, sondern in der nüchternen Beschreibung dessen, was ohnehin geschieht.

Der warme Witz am kalten Ende

Vielleicht ist das Lachen, das einem hier im Hals stecken bleibt, die letzte Form von Widerstand. Ein augenzwinkernder Humor, der weiß, dass Zynismus nur dann erträglich ist, wenn er eine Richtung hat. Die Richtung wäre: weg vom Akku, hin zum Menschen. Nicht als moralische Pflichtübung, sondern als intellektuelle Zumutung. Denn es ist unerquicklich, sich einzugestehen, dass man mehr über die Pflege eines Geräts weiß als über die Not des Nachbarn auf der Parkbank. Das Radio wird morgen wieder sprechen, und es wird wieder nützlich sein. Vielleicht geht es dann um Reifenluftdruck oder um die richtige Lagerung von Weihnachtsbäumen. Über Obdachlose wird man vermutlich wieder nicht sprechen. Und wir werden nicken, unsere Akkus wärmen und uns wundern, warum es trotz all der optimierten Einstellungen nicht richtig warm wird in dieser Welt.

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