Wenn die Weltgeschichte plötzlich in Badehose verhandelt wird

Es gibt Momente, in denen die Weltpolitik so unfreiwillig komisch wirkt, dass man sich fragt, ob nicht längst ein Team aus übermotivierten Drehbuchautoren die geopolitische Realität steuert. Und zwar jene Art Autoren, die eine Netflix-Serie schon nach fünf Folgen gegen die Wand fahren, weil ihnen das Budget ausgeht und sie verzweifelt versuchen, das Publikum mit plötzlichen Wendungen zu halten. Die Enthüllung, dass angeblich in einem sonnendurchfluteten Anwesen in Miami an einem angeblich epochalen Friedensplan gewerkelt wird, während Europa blinzelt und höflich fragt, ob es vielleicht auch ein Kekschen zum Tee haben dürfe, wirkt wie die schlecht gelaunte Parodie eines John-le-Carré-Romans.

Aber es ist, wie immer, nur die Realität, die sich weigert, geschmackvoll zu sein.

Miami-Diplomatie: Die internationale Politik wechselt in den Casual Dresscode

Wenn wahre Weltmächte miteinander verhandeln, stellt man sich gemeinhin marmorne Hallen vor: goldene Adler, schwere Vorhänge, Männer und Frauen in Anzügen, deren Preis den BIP-Pro-Kopf mancher Staaten übersteigt. Stattdessen: drei Herren aus der Immobilien- und Finanzwelt, die sich in Florida zusammensetzen, als würden sie besprechen, wie man einen besonders widerspenstigen Golfplatz erweitert.

Obwohl sie, zumindest laut Bericht, im Namen zweier atomarer Supermächte sprechen, tun sie es mit jener charmanten Lässigkeit, die sonst nur Hedgefonds-Manager an den Tag legen, wenn sie erklären, warum sie gerade eine Firma mit 8.000 Mitarbeitern abgewickelt haben („war halt strategisch“).

Europa? Europa sitzt metaphorisch vor der Tür auf einer kleinen Holzbank, wie ein Schüler, der dem Direktor auf die Nerven ging.

Der Kapitalfriedensplan: Wenn Gelder reden, schweigen Diplomaten

Die rund 300 Milliarden eingefrorenen russischen Zentralbankreserven sind in dieser Erzählung nicht mehr politisches Druckmittel, sondern eine Art mega-monetäres Überraschungsei, in dem sich Ölrechte, politische Deals und Wiederaufbaupakete befinden – nur ohne Spielzeug, dafür aber mit globalen Nebenwirkungen. Dass diese Summe in Europa eingefroren wurde, ist in diesem Kontext eine Art kosmischer Joke: Die EU hält das Geld stramm wie ein Pfadfinder seine erste Fahne – während andere überlegen, wie man aus diesem Bannstrahl eine Startfinanzierung für eine neue Weltordnung basteln könnte.

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So schließt sich der Kreis: Europa schützt Milliarden vor Russland. Russland will sie mit den USA nutzen. Die USA denken darüber nach. Und Europa, das den Schlüssel besitzt, darf sich fragen, ob es eigentlich noch die Hauptrolle spielt oder inzwischen bestenfalls die Figur „überarbeiteter Sachbearbeiter 3“.

Arktisches Monopoly: Wenn Eis plötzlich heiß gehandelt wird

Man könnte meinen, das Schmelzen des Polareises sei eine Tragödie. Falsch. In dieser geopolitischen Groteske ist es vielmehr ein „Business Opportunity“. Die arktischen Rohstoffkorridore, seltene Erden, Gas, Öl – all das verwandelt sich in Chips eines geopolitischen Pokerabends, bei dem keiner weiß, ob man um Billionen verhandelt oder am Ende nur um die letzten Snacks auf dem Tisch.

Während Europa noch „Klimaziele“ murmelt und überlegt, ob man den CO₂-Ausstoß eines Toasters regulieren sollte, bereiten sich amerikanische und russische Industrien bereits auf die neue Pipeline-Ära vor, in der die Arktis zur globalen Tankstelle mutieren könnte. Die EU schaut hin und sagt: „Das ist ja interessant“, als hätte sie gerade entdeckt, dass ihr Nachbar einen Pool im Garten baut, in dem ein Atom-U-Boot parkt.

Nord Stream 2: Das Zombie-Projekt, das niemand wollte – außer denen, die es brauchen

Wie in jedem guten Horrorfilm kehren manche Protagonisten zurück, egal wie oft man sie begraben hat. Nord Stream 2 gehört dazu. Die Pipeline lebt, zumindest als Idee, offenbar fröhlich weiter.

Die Vorstellung, dass ein US-Großspender erwägt, sich das Projekt im Rahmen eines Insolvenzverfahrens zu schnappen, wirkt wie der Plot eines absurden Polit-Thrillers: Amerika kauft Europas Gasabhängigkeit zurück – dieses Mal aber mit dem freundlichen Hinweis „Made in USA“. Ob Europa das beruhigen soll oder nicht, hängt davon ab, wie gern man es hat, wenn fremde Mächte die politische Sauerstoffzufuhr kontrollieren.

Die EU murmelt derweil beinahe trotzig: „Aber… Sanktionen?“ Und Amerika antwortet mit jener paternalistischen Nachsicht, mit der man einem Kind erklärt, dass Regeln zwar wichtig, aber verhandelbar sind – wenn die Erwachsenen Geschäfte machen.

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Diplomatie auf Autopilot: Europa als Passagier im falschen Flugzeug

Die Enthüllung, dass klassische diplomatische Apparate angeblich kaum eingebunden wurden, spricht Bände. Es ist, als hätte jemand beschlossen, den Boeing-Cockpit-Schlüssel dem Catering-Team zu geben, weil es „frischer denkt“ und „näher am Kunden“ sei.

Die Verschiebung der Macht – weg von Ministerien, hin zu Privatverhandlern – ist für Europa eine besonders bittere Erkenntnis. Denn es ist der Kontinent, der jahrzehntelang glaubte, die moralische und institutionelle Oberhoheit in internationalen Konflikten zu besitzen. Jetzt agiert man eher wie jemand, der höflich fragt, ob es okay wäre, irgendwann später auch einmal eine Kopie des Vertrags zu bekommen.

Derweil kümmert man sich in Washington und Moskau um die Deals. Europa kümmert sich um die Pressemitteilungen.

Oberst Reisner und die Ökonomie des Krieges: Der Krieg als geostrategischer Sonderposten

Oberst Markus Reisner bestätigt das Offensichtliche mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der längst begriffen hat, wie die Welt funktioniert: Wer die Rohstoffe hält, hält die Macht. Wer das Territorium kontrolliert, schreibt die Bedingungen.

Dass die Ukraine versucht hat, Explorationsrechte als Lockmittel einzusetzen, wirkt in dieser Logik tragisch-komisch – als würde jemand sein Fahrrad verkaufen wollen, obwohl es längst von jemand anderem gefahren wird.

Reisners Analyse ist brutal, aber in ihrer Klarheit fast poetisch: Am Ende zählt, wer das Gebiet hält. Und wer es nicht hält, darf gerne ein Bittgesuch formulieren – das allerdings kein Eingangspostfach findet.

Europas Zerfallserscheinungen: Die stille Kunst, sich selbst zu entmachten

Der wahre Skandal ist nicht, dass Washington und Moskau miteinander reden – sie tun es seit Jahrzehnten. Der Skandal ist, dass die EU inzwischen in einer politischen Selbstblockade verharrt, die jeden Entscheidungsprozess zu einem nervenzerfetzenden Spiel aus Veto, Gegenveto und „Wir verschieben es auf den nächsten Gipfel“ macht.

Während Europa über die besten Formulierungen für eine gemeinsame Pressemitteilung streitet, sichern sich andere längst die Gasrechte, die Rohstoffe, die Kapitalhebel, die geopolitischen Vorsprünge.

TIP:  Der deutsche Traum vom Platz an der Front

Europa ist nicht machtlos, weil es keine Macht hätte. Es ist machtlos, weil es seine Macht nicht nutzt.

Das Ergebnis: Ein Kontinent, der zahlt, während andere die Dividende kassieren. Ein politisches Projekt, das von Einigkeit predigt, aber in der Praxis so fragmentiert agiert wie eine WG, deren Mitglieder sich nicht einigen können, wer den Müll rausbringt.

Schlussbild: Wenn zwei Imperien die nächste Weltordnung schreiben – und Europa den Stift hält, aber nicht mitschreibt

Es entsteht eine neue Nachkriegsordnung, so viel ist klar. Sie wird nicht in Brüssel geschrieben, nicht in den Hallen europäischer Ministerien, nicht in den Gremien, die sich gerne selbst als moralische Avantgarde sehen.

Stattdessen entsteht sie in der Schnittmenge aus amerikanischem Kapitalinteresse und russischer Rohstoffstrategie.

Europa könnte eine Rolle spielen – müsste aber erst einmal wissen, welche.

Doch derzeit wirkt der Kontinent wie jemand, der zu spät zur Party kommt, ohne Einladung, aber mit einem selbst gebackenen Kuchen, den niemand bestellt hat.

Washington und Moskau reden, handeln, entscheiden. Brüssel hört zu – und unterschreibt am Ende jene Realität, die andere bereits formuliert haben.

Eine Ironie der Geschichte: Nie zuvor hatte Europa so viel wirtschaftliche Macht – und gleichzeitig so wenig geopolitische Schwerkraft.

Vielleicht wird man eines Tages sagen, dass die Weltordnung im 21. Jahrhundert in Badehose, in Florida, bei schlechten Margaritas und besseren Investitionsversprechen begonnen wurde.

Und Europa? Stand daneben, räusperte sich höflich – und suchte nach seinem Platz im Raum.

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