Vom heroischen Verzicht und der Panik der Küchenpflicht

Es gibt eine Dimension des Menschseins, die bislang weder Philosophen noch Poeten hinreichend zu greifen vermochten, weil sie sich zu sehr auf das Ideale konzentrierten und zu wenig auf das Praktische: Ich, allein, stehe vor einer Packung Fischstäbchen. Es ist nicht die bloße Gegenwart eines industriell vorgefertigten Nahrungsmittels, die mich in den Abgrund meiner eigenen Lebensentscheidungen stürzt, sondern die unvermeidliche Reflexion über die vergebliche Bemühung, das Leben ästhetisch zu gestalten. Die Pfanne verlangt 15 Minuten der Aufmerksamkeit, ein Zeitraum, der im Verhältnis zu unserem modernen Tempo absurd, ja nahezu subversiv erscheint; der Ofen hingegen, stoisch wie ein alternder Philosoph, akzeptiert die Übergabe der Verantwortung mit gleichgültiger Würde. Welch triumphaler Akt der Bequemlichkeit, welch stilles Martyrium der Selbstoptimierung! Wir haben die Mühsal des Kochens gegen die mechanisierte Selbstzufriedenheit eingetauscht – und nennen es Fortschritt.

Fisch, das melancholische Fleisch

Man muss es aussprechen, ungeschönt, ohne Umschweife: Fisch ist Fleisch mit Komplexen. Kein simpler Leib, kein schlichtes Protein, sondern ein Wesen, das die traumatische Introspektion des Wassers in sich trägt, bevor es den menschlichen Gaumen erreicht. Die Panade, diese dick aufgetragene Maske der Sicherheit, ist mehr als ein kulinarisches Mittel; sie ist ein Schutzschild gegen das Entsetzen des Daseins, eine Allegorie der menschlichen Hybris, die alles Natürliche in künstliche Perfektion hüllt. Zehn Kilo Panade – ein Übermaß, das grotesk wirkt, doch notwendig ist – und ein Bottich Remoulade, die überdimensionale Salbung unserer eigenen Zweifel, transformieren den Fisch in ein Objekt der absoluten Verfügbarkeit. Geschmack? Eine optionale Dimension. Wahrheit? Ebenfalls optional. Alles wird nivelliert unter der dominanten Macht der Oberfläche.

Der Ofen als kaltes Symbol unserer Zeit

Wer heute den Ofen wählt, der hat nicht einfach den Herd vermieden; er hat die gesamte Tragik des modernen Lebens in einer mechanischen Apparatur kondensiert. Die Pfanne, diese klassische Waffe des Heldenkochens, verlangt Engagement, Schweiß, eine Bereitschaft zur unmittelbaren Verantwortung – Tugenden, die im Zeitalter des Sofortigen längst als antiquiert gelten. Der Ofen hingegen, mit seiner stoischen Gleichgültigkeit, symbolisiert die Gleichschaltung unserer Existenz, die Reduktion komplexer Prozesse auf einfache Mechanik: Ein Knopfdruck genügt, und das Mahl erledigt sich selbst, während wir in andererlei, unbedeutender Tätigkeit unsere Zeit vergeuden. Es ist die Metapher der postmodernen Welt: alles schnell, alles bequem, alles mediokreffizient – eine Allegorie auf die Gleichgültigkeit, die wir gegenüber der Substanz hegen, solange die Oberfläche glänzt.

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Panade, Remoulade und die letzte Ironie

Und hier offenbart sich die volle Ironie: Das Stück Fisch, ummantelt von überdimensionierter Panade, getaucht in einen Bottich Remoulade, ist nicht bloß Nahrung. Es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft, ein Monument der Selbsttäuschung, ein ironischer Kommentar auf die Hybris des Menschen, der glaubt, dass Überdosis, Oberfläche und Geschmackssimulation alle Unzulänglichkeiten kompensieren könnten. Wir konsumieren nicht, wir maskieren. Wir maskieren nicht, wir triumphieren über die Banalisierung unseres Lebens, solange wir es nur in golden-braune Rechtecke pressen und in Ketchup-artige Substanzen tauchen können. Jede Kruste, jede Kleckse Remoulade ist eine kleine Selbstverteidigung gegen die Erkenntnis, dass wir weder die Kontrolle über das Leben noch über das Essen besitzen. Wir sind Helden der Panade, Propheten der Convenience, Satiriker unseres eigenen Mangels an Ambition – und lachen dabei, wenigstens innerlich, über die ganze groteske Farce.

Die Epiphanie des Industrie-Fisches

So steht am Ende nicht der Fisch im Mittelpunkt, sondern wir selbst, unsere Komik, unsere Tragik, unsere permanente Selbstinszenierung. Wir sehen den Fisch nicht, wir sehen uns – in jedem goldbraunen Rechteck spiegelt sich die vergebliche Suche nach Sinn, nach Geschmack, nach Vollendung. Und während der Ofen stoisch seine Arbeit verrichtet, erkennen wir: Die wahre Leistung des Lebens liegt nicht im Erreichen, sondern im Ertragen, nicht im Genießen, sondern im Beobachten, nicht in der Perfektion, sondern in der grotesken, satirischen Überhöhung des Alltäglichen. Wer also meint, Fischstäbchen seien nur Nahrung, der hat den Kern der modernen Existenz nicht begriffen: Sie sind Allegorie, Satire, Kommentar und Mahnmal zugleich.

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