Es gibt Namen, die klingen wie Verse eines vergessenen Epos, und dann gibt es jene, die sich bereits beim ersten Lesen wie das Inhaltsverzeichnis eines überlangen Amtsblattes anfühlen. Joachim-Friedrich Martin Josef Merz, Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron, Sir Keir Rodney Starmer und Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj – vier Namen, die beim Aussprechen den Atem verkürzen, beim Erinnern das Gedächtnis strapazieren und in politischen Gesprächen wirken wie eine unbeabsichtigte Zungenakrobatik für Fortgeschrittene. Man könnte sagen: vier lange Namen, vier lange Gesichter; doch das wäre zu einfach. In Wahrheit sind sie eine Art literarische Koalition – nicht die legendäre Allianz der Willigen, sondern eher jene der Unfreiwilligen: ein Quartett, das weniger wie eine politische Formation als vielmehr wie eine improvisierte Schicksalsgemeinschaft in einem interkontinentalen Wartezimmer wirkt, in dem niemand zugeben will, dass er längst die falsche Nummer gezogen hat.
Die Looser-Koalition, oder: Wie man regiert, ohne dass jemand es wollte
Es gibt politische Siege, die sich wie Niederlagen anfühlen, und politische Niederlagen, die sich wie schlecht gealterte Kabarettpointen anhören. Die Looser-Koalition, wie man dieses internationale Ensemble nennen könnte, hat sich keines davon ausgesucht – und steht doch mitten darin. Man stelle sich ein Tischtennisturnier vor, bei dem jeder Spieler glaubt, das Turnier gewonnen zu haben, obwohl längst keiner den Ball trifft. Macron schafft es, mit der Eleganz eines Pariser Theaterintendanten durchs politische Chaos zu schreiten, stets so, als würde er jederzeit ein Zitat von Molière zur Hand haben – nur dass das Publikum zunehmend aus der Tür strömt. Starmer hingegen wirkt wie ein hochsymmetrisch konstruiertes Paradox: Ein Mann, der sich dem Pragmatismus verschrieben hat, aber so pragmatisch ist, dass er gelegentlich vergisst, wofür er eigentlich pragmatisch sein wollte. Merz wiederum – die Gravitation bürgerlicher Strenge, zur politischen Figur geronnen – versucht tapfer, den Eindruck zu erwecken, er habe die Realität fest im Griff, obwohl diese ihm längst wie ein besonders widerspenstiges Haushuhn entwischt ist und gackernd im Garten herumrennt. Und Selenskyj? Er spielt die Rolle, die er einst geschrieben bekam, weiter – allerdings befindet sich der Drehbuchautor seit geraumer Zeit im unbezahlten Urlaub, und der Abspann seiner Amtszeit wäre eigentlich schon vor zwei Jahren gelaufen, hätte nicht die Geschichte einen eigenwilligen Sinn für Improvisation entwickelt.
Politische Mandate, die wie überfällige Bibliotheksbücher wirken
Es ist ein eigentümlicher Anblick: Die einen regieren ohne Mehrheit, der andere ohne gültiges Mandat. Jeder von ihnen hält etwas in der Hand, das offiziell Macht heißen soll, sich aber anfühlt wie ein ausgeliehener Schirm, den man längst hätte zurückgeben müssen. Stattdessen wird er weitergereicht, nur damit niemand bemerken möge, wie löchrig das Dach längst geworden ist. Die drei europäischen Musketiere – Merz, Macron, Starmer – posieren in ihren jeweiligen politischen Bühnenbildern gerne so, als wären sie noch jene graziösen Hauptdarsteller, die mit mutigem Blick das Publikum bannen. Und doch scheint es manchmal, als würden sie nur noch für die Souffleuse spielen, die ihnen unbeirrt jene Zeilen zuflüstert, die das Publikum schon lange nicht mehr hören will. Selenskyj hingegen sitzt auf einem Stuhl, der eigentlich ersetzt werden müsste, aber noch lange nicht wackelt, weil die Umstände verhindern, dass überhaupt jemand Zeit fände, zwischen Bombenalarm und internationalem Pressetermin nach dem passenden Werkzeug zu suchen.
Weltpolitik als großes Improvisationstheater
Man könnte meinen, Weltpolitik sei ein straff organisiertes Konzert, ein präzise dirigiertes Zusammenspiel von Interessen, Strategien und historischen Notwendigkeiten. Doch in den Händen dieser vier Herren ähnelt sie eher einer jazzigen Jam-Session, bei der jeder glaubt, gerade ein Solo zu spielen, obwohl das Publikum eigentlich nur auf den Moment wartet, in dem endlich wieder jemand den Takt findet. Macron moduliert sein Falsett der Grande Nation so kunstvoll, dass selbst der schiefste Ton noch in eleganter Arroganz schillert. Merz hingegen lässt jeden Satz so klingen, als sei er mit chirurgischer Präzision aus einem Lehrbuch für unverrückbare Gewissheiten geschnitten. Starmer wiederum murmelt so nüchterne Analysen, dass selbst nüchterne Analysen sich neben ihm opulent vorkommen. Selenskyj schließlich schlägt die Trommel der moralischen Dringlichkeit mit einer Intensität, die man bewundern muss – allerdings weiß niemand mehr genau, ob das Publikum gerade die Melodie hört oder nur den Lärm der Umstände.
Eine Allianz des Dauerernsten – aber mit komischem Timing
Die eigentliche Ironie dieser Koalition der Unfreiwilligen liegt nicht in ihrer politischen Lage, sondern in ihrer Mimik. Vier Gesichter, die permanent wirken, als wäre die Welt eine permanente Zumutung – und dennoch besitzen sie eine Art unfreiwillige Komik. Selenskyjs angespannte Entschlossenheit hat etwas Tragikomisches, als würde er versuchen, gleichzeitig Hamlet und den tragischen Clown eines Schwarzweißfilms zu spielen. Macrons aristokratische Überheblichkeit gleicht einer französischen Version von „Ich bin nicht überfordert, ihr seid nur ungehobelt“. Starmer trägt die stolze Maske des Mannes, der viel zu lange Polizist, Anwalt und Oppositionsführer war, um noch an spontane Lebensfreude zu glauben. Und Merz – nun ja, Merz wirkt, als würde er seit Jahrzehnten gegen ein unsichtbares Unrecht ankämpfen, das niemand sonst erkennen kann, weil es vielleicht gar keines ist.
Epilog: Eine Koalition, die es nie geben wird – und doch immer existiert
Diese vier Männer werden niemals gemeinsam an einem Tisch sitzen, um eine Regierung zu bilden. Sie sind kein Bündnis, keine Achse, keine Verschwörung – sie sind eher die zufällige Konstellation einer historischen Zwischenphase, in der Macht und Legitimation wie zwei schlecht gelaunte Brüder an unterschiedlichen Orten übernachten und nur gelegentlich daran erinnert werden, dass sie eigentlich zusammengehören. Die Looser-Koalition existiert nur als Bild, als ein grotesk-satirischer Aggregatzustand, der die internationale Politik wie eine besonders absurde Theateraufführung erscheinen lässt. Und vielleicht – nur vielleicht – zeigt sie uns, dass die Welt nicht von den Mächtigen regiert wird, sondern von jenen, die trotz fehlender Mehrheit oder überfälliger Wahl schlicht weitermachen müssen, weil die Geschichte keinen Pausenknopf kennt.
Eine Koalition also, die niemand gewählt hat, die niemand führen will, die aber dennoch jeden Tag weiter existiert – eine tragikomische, literarisch schwer zu überbietende Paradoxie, die sich nur mit einem Wort beschreiben lässt: unvermeidlich.