Es gibt Momente in der politischen Sphäre, in denen man als Beobachter nicht weiß, ob man sich nun die Augen reiben, laut auflachen oder einfach seufzend kapitulieren soll. Jene Szene, in der Sportminister Vizekanzler Andreas Babler beim „Vienna is lit!“-Flipperturnier auftauchte, gehörte zweifellos in diese Kategorie der multipel ambivalenten Regungen. Ein Minister, der sich „die Kugel gibt“ – metaphorisch selbstverständlich, man ist ja humanistisch gebildet – und dabei lässig zwischen zwei Tilt-Warnungen über den gesellschaftlichen Zusammenhalt fabuliert, ist ein kulturpolitischer Moment, den man im Geschichtsbuch später vermutlich unter „symptomatische Randnotiz eines überbeschleunigten Jahrzehnts“ finden wird. Doch was wie eine ironische Fußnote beginnt, entfaltet sich in Wahrheit als seltenes Panorama unserer Zeit: Der Retro-Flipper als politisch-emotionaler Kraftort, die nostalgische Kugel als Modell moderner Politik – unberechenbar, bunt blinkend, laut scheppernd und immer kurz davor, in den Abgrund zu rauschen.
Der Minister als Kugel, der Flipper als Gesellschaft
Dass das Flipperturnier eine „Community“ beherbergte, die „diese Kultur lebt und weiterträgt“, wie der Minister ernsthaft verkündete, ist einer jener Sätze, die man sofort in einer Fußgängerzone als Straßenperformance aufführen könnte: Der Nostalgieenthusiast, der beleidige Kulturpessimist und der verwirrte Passant würden gleichermaßen stehen bleiben. Diese „Kultur“ – das rhythmische Klackern der Kontaktpunkte, ein 80er-Jahre-Maschinenbrummen, das nach ölverschmiertem Heldenmut riecht – wird in diesem Moment zu einem Quasi-Kulturdenkmal erhoben. Und während Babler versucht, sich selbst zwischen Bumpern und Blinklichtern zu positionieren, merkt man, wie sehr dieser Wettbewerb seine eigene ministerielle Psyche spiegelt. Wer Flipper spielt, weiß: Die Kontrolle ist immer nur Illusion. Man kann noch so entschlossen die metallene Kugel in Bewegung setzen, am Ende entscheidet ein chaotisches Set aus Schwerkraft, Mechanik und unberechenbarem Glück. Genau so fühlt sich politische Verantwortung dieser Tage an – nur dass im Gegensatz zum Flipper niemand am Ende „Replay“ drückt.
Man könnte sogar argumentieren, dass Babler in diesem Setting sein bislang ehrlichstes öffentliches Statement abgegeben hat, ohne ein einziges Wort zu sagen: Durch die schiere Anwesenheit an einem Gerät, das schillerndes Spektakel und durchschaubare Sinnlosigkeit in perfekter Synthese verbindet. Eine Kugel wird abgeschossen, kämpft sich durch labyrinthische Herausforderungen, prallt an glitzernden Oberflächen ab, entkommt knapp mehreren Katastrophen und landet – früher oder später – doch wieder unten im Loch. Wenn das nicht die Metapher für österreichische Innenpolitik ist, dann weiß ich auch nicht.
Wenn Nostalgie zur Staatsräson erklärt wird
Dass der Minister öffentlich verkündete, wie „großartig“ das sei, „wie stark der Flipper-Trend zurück ist“, wäre in einer Welt, die sich mit Klimakrisen, geopolitischen Friktionen und einer erstaunlich kreativen Inflation herumplagt, eigentlich eine Satire in sich. Doch vielleicht ist es ja genau die Pointe unserer Epoche: Der Rückzug in harmlose Retro-Trostwelten. Während draußen ein globales Durcheinander tobt, flüchtet man sich in das vertraute Klackern der 1980er. Alte Geräte, die früher im verrauchten Beisl standen, werden nun zu Leuchttürmen kultureller Relevanz erhoben. Der politische Souverän, der einst über Arbeitsmarkt, Migration oder soziale Gerechtigkeit parlierte, erklärt nun mit heiligem Ernst die Rückkehr der Flipperkultur zur gesellschaftlichen Aufgabe. Man wähnt sich in einem dystopischen Roman über eine Welt, die endgültig beschlossen hat, dass die großen Erzählungen viel zu kompliziert sind – also ersetzt man sie durch nostalgische Miniaturdramen aus Stahl und Plastik.
Natürlich könnte man zynisch behaupten, es handle sich hier um eine ideale politische Strategie: Beim Flipper kann man wenigstens noch behaupten, man habe den Kugelverlauf ansatzweise beeinflusst. In der echten Welt hingegen hat jeder Versuch der Einflussnahme die charmante Tendenz, von unvorhersehbaren Ereignissen pulverisiert zu werden. Vielleicht ist das die bittere Wahrheit: Manchmal ist der Flipperraum schlicht ein besserer Ort als der Ministerratssaal.
Ein Dank, der wie eine Prophezeiung klingt
Und dann steht er da, der Vizekanzler, flankiert von blinkenden Geräten, und jemand ruft ihm zu: „Danke für Ihren gesellschaftlichen Einsatz in diesen gesellschaftlich herausfordernden Zeiten!“ Ein Satz so repetitiv, dass man ihn am liebsten als Dauerschleife auf einem dieser digitalen Scoreboards einstellen möchte. Es ist die Art von politischem Dank, die gleichzeitig klingt wie eine Lobeshymne, eine Entschuldigung und eine Warnung. Man spürt förmlich, wie die Worte ins Leere driften, wie sie zwischen zwei Bumpern hängen bleiben, bevor sie leise abgleiten: Wir danken ihnen, weil wir sonst nicht wüssten, wofür wir ihnen eigentlich danken sollen. Wir danken ihnen, weil man hofft, dass der Dank selbst schon die schwierigen Zeiten entschärfen möge. Wir danken ihnen, weil es in Österreich eine jahrhundertealte Tradition ist, Funktionsträgern rituell Dankbarkeit entgegenzuschleudern – unabhängig davon, ob sie nun tatsächlich etwas getan haben oder nicht.
Doch im glitzernden Halbdunkel des Flipperraums hat dieser Satz etwas Ergreifendes. Vielleicht, weil er so absurd ist. Vielleicht, weil er so ernst gemeint klingt. Vielleicht, weil man versteht, dass zwischen den Kuchler Gassen und dem Kanzleramt letztlich alle dasselbe wollen: Dass die Kugel ein bisschen länger oben bleibt, bevor sie wieder unweigerlich verloren geht.
Epilog: Die Kugel rollt weiter
So verlässt der Sportminister schließlich das Turnier, wahrscheinlich halb euphorisiert, halb überfordert, aber um eine neue Erfahrung reicher. Und irgendwo in diesem absurden Bild – ein Minister, der die Kugel abfeuert und dabei Gesellschaftspolitik beschwört – liegt tatsächlich ein Kern Wahrheit: Vielleicht ist unsere Zeit nur noch durch Satire zu ertragen. Vielleicht sind Flipperautomaten die letzten Orte, an denen wir den Zufall als Freund akzeptieren. Vielleicht zeigt uns dieses Bild, worum es politisch längst geht: Nicht um perfekte Kontrolle, sondern darum, sich mit Stil durch Chaos zu manövrieren.
Und so bleibt uns am Ende nur ein Fazit: Wenn schon die Welt eine Maschine voller Bumper, Multiballs und blinkender Ablenkungen ist – dann sollten wir wenigstens die Fähigkeit kultivieren, darüber zu lachen. Oder, wie es der Minister getan hat: Uns hin und wieder einfach die Kugel geben.