Radelst Du noch, oder parkst Du schon?

Es gibt politische Maßnahmen, die so aufrichtig gut gemeint sind, dass sie geradezu eine eigene ästhetische Kategorie bilden: das Erhabene des Offensichtlich-Unpraktischen. In diese Galerie gehört zweifellos jene norwegische Vorschrift, die einem Möbelgiganten eine vierstellige Anzahl von Fahrradparkplätzen verordnet – exakt 1.099, eine Zahl, die in ihrer präzisen Willkür fast schon poetisch wirkt. Man möchte sich die Szene ausmalen: ein staatlicher Schreibtisch, darauf ein Taschenrechner, daneben ein Stapel Nachhaltigkeitsbroschüren, und irgendwo zwischen Paragraf und Pedal entsteht diese Zahl, wie ein Gedicht, das sich selbst nicht ganz ernst nimmt, aber dennoch verbindlich ist. „Die Zukunft gehört dem Fahrrad“, könnte ein zuständiger Beamter gesagt haben, und niemand hätte gewagt zu fragen, ob die Zukunft auch eine Dreisitzer-Couch auf dem Gepäckträger vorsieht.

Der Triumph der Symbolpolitik über die Physik

Es ist eine jener Regelungen, die weniger auf die Realität zielt als auf deren moralische Überhöhung. Denn selbstverständlich ist das Fahrrad ein wunderbares Fortbewegungsmittel, ein Symbol für Nachhaltigkeit, Gesundheit und urbane Vernunft. Doch ebenso selbstverständlich bleibt die Schwerkraft ein unbestechlicher Gegner, wenn es darum geht, eine Einbauküche auf zwei Rädern nach Hause zu transportieren. „Man muss nur wollen“, lautet das implizite Credo solcher Vorschriften – ein Satz, der in seiner naiven Entschlossenheit ebenso bewundernswert wie unerquicklich ist. Dass ein Billy-Regal sich nur begrenzt für den Fahrradkorb eignet, wird dabei zur Petitesse erklärt, zur lästigen Fußnote im großen Narrativ der ökologischen Erlösung.

Die Verwechslung von Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit

Natürlich kann jemand theoretisch mit dem Fahrrad bei einem Möbelhaus einkaufen. Ebenso wie jemand theoretisch ein Klavier die Alpen hinauftragen kann – mit genügend Zeit, Training und einer gewissen Abneigung gegen Komfort. Doch zwischen dem Möglichen und dem Wahrscheinlichen klafft jene Lücke, in der sich Bürokratien besonders gern einrichten. „Es könnte doch sein“, lautet das stillschweigende Argument, das jede noch so absurde Maßnahme legitimiert. Und so entsteht eine Infrastruktur für eine Kundschaft, die es in dieser Form schlicht nicht gibt: die heroischen Pedalritter des Möbeltransports, die mit stoischer Miene Waschmaschinen balancieren und dabei den Verkehr moralisch überholen.

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Zahlen als Fetisch der Vernunftsimulation

Warum 1.099 Fahrradparkplätze? Warum nicht 1.100, eine Zahl mit der angenehmen Rundheit eines gelungenen Beschlusses? Die Antwort liegt vermutlich in jener eigentümlichen Liebe zur exakten Zahl, die politischen Entscheidungen den Anschein mathematischer Unausweichlichkeit verleiht. „Die Berechnungen haben ergeben…“ – ein Satz, der jede Absurdität mit dem Mantel der Rationalität bedeckt. Dass diese Berechnungen sich möglicherweise auf Annahmen stützen, die ihrerseits aus der Luft gegriffen sind, bleibt diskret unerwähnt. Die Zahl wird zur Autorität, zur sakrosankten Größe, die nicht hinterfragt werden darf, weil sie mit Dezimalstellen bewaffnet ist.

Der stille Humor der Realität

Und doch liegt in all dem eine unfreiwillige Komik, die fast schon tröstlich wirkt. Man stelle sich die endlosen Reihen leerer Fahrradständer vor, geschniegelt und geschniegelt, bereit für eine Kundschaft, die lieber mit dem Auto kommt, weil sie – man wagt es kaum auszusprechen – Möbel transportieren möchte. Es ist ein Bild von fast kafkaesker Schönheit: die perfekte Infrastruktur für ein Verhalten, das sich hartnäckig weigert, stattzufinden. „Wenn wir es nur oft genug vorschreiben, wird es schon passieren“, scheint die zugrunde liegende Hoffnung zu sein – ein Glaube, der irgendwo zwischen pädagogischem Optimismus und sanfter Realitätsverweigerung oszilliert.

Fortschritt als Ritual

Vielleicht ist dies letztlich der Kern der Angelegenheit: Fortschritt wird hier weniger als tatsächliche Veränderung verstanden, sondern als rituelle Handlung. Man schreibt Fahrradparkplätze vor, also ist man fortschrittlich. Man erhöht die Zahl, also ist man noch fortschrittlicher. Die reale Nutzung spielt dabei eine untergeordnete Rolle; entscheidend ist das Signal, die Geste, das moralische Statement. „Wir haben etwas getan“, lautet die Botschaft, und sie ist in ihrer Selbstzufriedenheit ebenso beruhigend wie unerquicklich.

Ein augenzwinkerndes Fazit

So bleibt am Ende eine Maßnahme, die irgendwo zwischen gut gemeint und gut karikiert schwebt. Sie lädt ein zum Schmunzeln, zum Kopfschütteln, vielleicht auch zum leisen Bewundern jener Konsequenz, mit der hier eine Idee gegen die Realität verteidigt wird. Denn eines muss man solchen Regelungen lassen: Sie glauben unbeirrbar an eine bessere Welt – selbst wenn diese Welt auf einem Fahrrad sitzt und versucht, ein Sofa zu balancieren. „Von Norwegen lernen, heißt siegen lernen“, könnte man also sagen – sofern der Sieg darin besteht, die Grenzen zwischen Ideal und Wirklichkeit mit einer gewissen, beinahe liebenswerten Sturheit zu ignorieren.

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