Gefährdungslage

Man könnte meinen, die adventliche Beschaulichkeit der deutschen Weihnachtsmärkte sei ein Hort der friedlichen Konsumfreude: Glühwein dampft aus den Bechern, Kinder mit roten Wangen stapfen über festlich geschmückte Pflastersteine, und zwischen den Buden erklingt das gedämpfte Schellen eines Karussells. Doch in Wahrheit, so lehrt uns der moderne Sicherheitsdiskurs, lauert das Risiko nicht in den Schatten von Terrorzellen oder gar in der finsteren Welt des globalisierten Extremismus. Nein, das wahre Grauen trägt silbernes Haar, hat oft eine Hornbrille, bevorzugt Karohemden unter groben Strickjacken und überschreitet gelegentlich Verkehrsbarrieren, als handle es sich um die zartesten Pflastersteine einer sonntäglichen Dorfstraße. Stephan Trogus, ein Veranstaltungssicherheits-Experte, dessen Titel alleine schon ein beruhigendes Gewicht von Autorität vermittelt, hat es klargestellt: „Grauhaarige ältere deutsche Herren“ sind die eigentliche Gefahr für Weihnachtsmärkte – viel bedrohlicher als jede islamistische Phantasie, die in politischen Talkshows zur moralischen Panik aufgeblasen wird. Und so wandelt die Sicherheitsarchitektur der Städte zwischen Pollern, Absperrbändern und überforderten Ordnungskräften wie eine nervöse Operettenfigur über das Parkett der öffentlichen Angst.

Die Ironie der Sicherheit

Es ist eine exquisite Ironie: Jahrzehntelang hat die öffentliche Wahrnehmung Terroristen als unsichtbare, omnipräsente Schattengestalten idealisiert – perfekt getarnte Bösen, die in jeder Menschenmenge lauern, bereit, die festlich geschmückte Nation in Trümmer zu legen. Und doch, in einem Spiegel der nüchternen Realität, entpuppen sich die wirklichen Risiken als Herrschaften mit Gehstock, deren wackelige Hände in die Pedale ihrer Dieselkarossen greifen, als handle es sich um das königliche Staatsgefährt auf dem Weg zur Audienz. Während Politiker über millionenschwere Sicherheitskonzepte debattieren, die Kamera über die „Terrorgefahr“ zoomt, und der Kolumnist um Worte ringt, um die subtile Bedrohung durch den „fremden Anderen“ zu illustrieren, streifen sie gleichzeitig durch die Budengassen, eine Latte Latte Macchiato in der einen, das Handy in der anderen Hand, und übersehen die wahre Bedrohung: den ungeduldigen Rentner im SUV, der Poller als Vorschläge missversteht. Wenn man so will, ist es die Tragikomödie des modernen Sicherheitsdiskurses, dass das Monster, vor dem wir zittern, nicht mit Kalaschnikows oder Sprengstoff experimentiert, sondern mit der stoischen Ignoranz von Verkehrsregeln.

TIP:  Weil nicht sein darf, was nicht sein soll

Politische Korrektheit trifft Realität

In diesem Kontext entwickelt sich eine herrliche Diskrepanz zwischen dem, was gesagt werden darf, und dem, was real passiert. Der Begriff „Islamismus“ fällt nicht – und das ist weder ein Versehen noch ein Mangel an Courage, sondern die subtile, satirische Botschaft der nüchternen Analyse: Während wir uns in vorsichtigen Worten über abstrakte Ideologien echauffieren, ignorieren wir beharrlich das, was täglich auf unseren Straßen geschieht. Der ältere Herr, der seine Bremsen falsch einschätzt, hat keinen Masterplan zur Weltvernichtung, sondern nur das Bedürfnis, seinen Glühweinstand pünktlich zu erreichen, und dennoch ist seine Wirkung auf die öffentliche Sicherheit dramatischer als die fernesten Terrorfantasien. Hier zeigt sich die Poesie des Absurden: Je lauter die mediale Inszenierung des imaginären Schreckens, desto stiller bleibt die Stimme des real existierenden Risikos, das sich in alltäglicher Routine tarnt.

Humor im Angesicht der Gefahr

Und doch, bei all der bitteren Ironie, bleibt das augenzwinkernde Element nicht auf der Strecke. Es ist ein Humor, der aus der Konfrontation mit der Absurdität erwächst: Da sitzt man also zwischen Glühweinstand und Lebkuchenherz, umgeben von Sicherheitsbändern und Absperrungen, während der Grauhaarige nebenan die Poller ignoriert, als seien sie bloß Dekoration für das festliche Ambiente. Es ist ein Lachen, das sich nicht über die Gefahr selbst erhebt, sondern über die groteske Unverhältnismäßigkeit, die unsere Wahrnehmung bestimmt: Wir fürchten das Unsichtbare, das Ferne, das Theoretische, während wir das Naheliegende und Konkrete als banale Störung abtun. Der wahre Witz liegt darin, dass die Bedrohung, die wir am meisten fürchten, nicht aus den exotischen Welten des Terrorismus kommt, sondern aus dem altbekannten Blick des deutschen Rentners hinterm Steuer. Eine Farce, die das Publikum gleichzeitig erschreckt und zum Schmunzeln bringt – so wie es guter Satire geziemt.

Fazit: Silbergrau und gefährlich

So stehen wir nun, Jahr für Jahr, an der Schwelle zwischen Vorweihnachtsfreude und urbaner Absicherung, zwischen der Fiktion globaler Bedrohung und der alltäglichen Realität silbergrauer Herren. Die Poller werden erhöht, die Kameras neu kalibriert, und die Analysten sprechen von Risikomanagement, als handele es sich um das Kochen eines perfekten Gänsebratens. Doch das eigentliche Drama, die eigentliche Komik, liegt in der stillen Ignoranz derjenigen, die wir kaum noch ernst nehmen – und doch sie sind es, die das größte Risiko darstellen. Wer hätte gedacht, dass die Weihnachtsmärkte nicht von terroristischen Angriffen, sondern von der milden, unaufhaltsamen Hartnäckigkeit des älteren deutschen Herren bedroht werden? Vielleicht liegt gerade darin der tiefste Lehrsatz: Die Welt ist nicht so gefährlich, wie wir glauben – sie ist nur humorvollerweise widerspenstig in den Händen derjenigen, die am meisten unterschätzt werden.

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