Ein Auge für den Weg, keines für die Welt

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob die Realität vielleicht eine besonders hartnäckige Satire ist, die nie den Mut hatte, sich als solche zu outen. Der neueste Streich aus dem theokratischen Labor Afghanistans ist einer dieser Momente: Die Taliban, offenbar unermüdliche Innovatoren auf dem Gebiet des repressiven Minimalismus, haben sich nach Jahrzehnten intensiver Frauenpolitik nun einer Art metaphysischem Feintuning verschrieben. Nachdem sie Frauen erst unter die Burka gezwungen haben – denn Freiheit ist bekanntlich nur belastender Luftraum –, folgt nun die ästhetisch wie logistisch herausfordernde Entscheidung, dass Frauen auf der Straße nur noch ein einziges Auge unbedeckt lassen dürfen. Ein Auge! Als hätte die Evolution aus purer Willkür zwei erschaffen, und jetzt, welch himmlischer Zufall, kommt ein Prediger namens Zakeri daher und verlangt eine Rückabwicklung der Schöpfung. Noch grotesker: Das freigelassene Auge soll auf den Weg gerichtet sein, als wäre der Boden der einzig legitime Gesprächspartner einer Frau. Die Taliban formulieren ihre Weltanschauung wie ein schlecht gelaunter Optiker, der sich rächen möchte, weil niemand seine Angebote für asymmetrische Brillen kauft. Man fragt sich, ob sie irgendwann verlangen werden, Frauen sollten zur Sicherheit noch ein zweites Paar Augen am Hinterkopf zuklappen – man kann ja nie vorsichtig genug sein, wenn ein Geschlecht nach Auffassung solcher Herrschaften im Grunde bereits durch seine bloße Existenz Unruhen stiftet.

Die Schriftauslegung als olympische Disziplin der Skrupellosigkeit

Prediger Zakeri beruft sich natürlich auf religiöse Texte, denn wer das Unhaltbare verteidigen will, nimmt sich üblicherweise das Heilige Buch als rhetorischen Vorschlaghammer – egal, ob der Inhalt sachlich mit der Realität kompatibel ist oder sich eher in den Bereich „beliebig interpretierbares Faltblatt“ schmiegt. Der Islam, wie auch jede andere Weltreligion, bietet auf mehreren tausend Seiten selbstverständlich Stellen, die man kreativ verbiegen kann, wenn man zu viel Zeit und zu wenig Respekt vor dem ursprünglichen Geist hat. Aber was Zakeri hier abliefert, ist schon eine formidable Kür der Exegese-Akrobatik: Er springt von Text zu Text wie ein hyperventilierender Bibliothekar, der aus jeder Fußnote ein Gesetz, aus jeder Metapher ein Dogma und aus jeder historischen Randbemerkung eine unentrinnbare Vorschrift formt. Natürlich nicht ohne jene unvermeidliche Aura moralischen Hochmutes, die nur Menschen entwickeln, die einerseits absolute Macht haben und andererseits keinerlei Zweifel daran hegen, dass diese Macht nicht zufällig, sondern gottgewollt sei. Die methodische Eleganz besteht darin, nicht nur Frauen zu kontrollieren, sondern dies im Brustton des spirituellen Pflichtgefühls zu tun – das ist die himmlische Variante des „Das ist nicht meine Entscheidung, das ist die Hausordnung“.

TIP:  Die verkehrte Welt der Grundrechte

Die Taliban als Architekten der Absurdität

Man darf sich an dieser Stelle ruhig vorstellen, wie ein Taliban-Gremium zusammenkommt, um die neuesten Verordnungen zu prüfen. Irgendwo zwischen Steppenstaub und autoritärem Eifer sitzen dann ehrwürdige Herren, die darüber diskutieren, wie viele Quadratzentimeter eines Frauenauges die öffentliche Ordnung gefährden könnten. Die Vorstellung ist so lächerlich, dass sie Tragik generiert – eine Art totalitärer Slapstick. Es ist ein intellektueller Offenbarungseid, ein Beweis dafür, dass Macht in den falschen Händen nicht nur gefährlich, sondern auch unfassbar banal ist. Wenn ein Regime anfängt, Augen zu regulieren wie andere Leute Parkverbote, dann hat die Realität längst den Kampf gegen die Satire verloren. Die Taliban wirken wie die überkorrekte Schulaufsicht eines Internats für Misogynie, die jeden Zentimeter Stoff nachmisst, jeden Blickwinkel auf seine moralische Aerodynamik prüft und jeden Atemzug auf potenzielle Okkasion der Sünde abklopft. Und während sie all dies mit erschreckender Ernsthaftigkeit tun, bricht man als Beobachter zwangsläufig in eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Zorn und einem bitteren Kichern aus, das einen selbst erschreckt.

Die groteske Logik der Angst vor weiblicher Präsenz

Warum dieser bizarre Eifer? Warum diese panische Angst vor der Sichtbarkeit von Frauen? Die Taliban scheinen überzeugt, dass das Auge einer Frau eine Art radioaktive Quelle der Zersetzung sei, ein Strahl, der ihre bröckelige patriarchale Ordnung bedroht. Wenn zwei Augen schon gefährlich sind, dann ist eines offenbar das äußerste Maß an Risiko, das man der Gesellschaft zumuten kann – obwohl man sich fragt, ob nicht null Augen die konsequentere Lösung wäre, zumindest gemessen an der ideologischen Linie. Aber vielleicht ist das eine Auge die letzte symbolische Konzession an die Realität, sozusagen die Minimalanforderung an physische Navigation, um Frauen von A nach B zu bewegen, sofern A und B ausschließlich Pflichtenräume bezeichnen. Es ist ein paranoides Weltbild, das Frauen nicht als Menschen betrachtet, sondern als potenzielle Übertragungsflächen moralischer Infektion. Die Taliban erinnern damit an jene mittelalterlichen Moralpaniker, die glaubten, dass der Blick einer Frau Dämonen beschwören könne – nur dass mittelalterliche Moralpaniker zumindest die Ausrede hatten, nicht im 21. Jahrhundert zu leben.

TIP:  Die Früchte des 7. Oktober

Die Zukunft der islamisch-patriarchalen Optik

Wenn man dem absurden Gedankenexperiment freien Lauf lässt, könnte der nächste logische Schritt darin bestehen, dass die Taliban spezielle Ein-Augen-Schablonen herausgeben, vielleicht gar mit staatlich geprüften Sehschlitzen. Eine eigene Behörde wäre denkbar: das Ministerium für Einäugige Tugendhaftigkeit, mit wöchentlichen Kontrollen und einem Formular für Antragstellerinnen, die aus praktischen Gründen temporär zwei Augen benötigen – beispielsweise beim Stufensteigen oder beim Erkennen ihrer eigenen Kinder. Und selbstverständlich würde alles mit dem üblichen ideologischen Pathos verkauft: als Dienst an der Reinheit, an der Ordnung, am göttlichen Willen. Es ist die Art Parole, die nur jene bedenkenlos aussprechen, die selbst niemals auch nur einen Funken persönlicher Konsequenz tragen müssen. Denn in diesem System riskieren Männer bei Fehlverhalten vielleicht einen Tadel, Frauen dagegen ihre gesamte Existenz.

Schlussgedanken über ein Auge, das mehr sieht als erlaubt

Ironischerweise zeigt gerade dieses eine, vorgeschriebene Auge mehr Wahrheit, als den Taliban lieb sein dürfte. Es sieht die Absurdität der Macht, die Angst derer, die sie ausüben; es sieht das Leid der Frauen, die hinter der Burka verschwinden sollen wie Figuren aus einem schlechten Traum; es sieht die Feigheit eines Regimes, das so verunsichert ist, dass es glaubt, sich gegen die bloße Möglichkeit eines Blickes wappnen zu müssen. Dieses eine Auge wird, ob auf den Weg gerichtet oder nicht, zum Symbol wider Willen – nicht für Unterwerfung, sondern für die Lächerlichkeit jener, die sich im Schatten der Religion verstecken, weil sie zu schwach sind, den Menschen ins Gesicht zu sehen. Und vielleicht, nur vielleicht, wird eines Tages genau dieses Auge – das einzige, das man ihnen gelassen hat – den Weg aus der Dunkelheit erkennen.

Please follow and like us:
Pin Share