Die postmoderne Inszenierung des sicheren Aufbegehrens
Es ist ein seltsames Schauspiel, diese heutige Kunst des Aufbegehrens, bei der der Mut so kalkuliert ist wie die Auswahl eines Bio-Lattes in einem hippen Café. Ein Frosch am Kreuz, eine Bart-Maria, Apostel in genderfluidem Kleid – das sind die heroischen Reiter des kritischen Diskurses, die unbehelligt durch die digitale Landschaft galoppieren. Man kann ihnen Beifall spenden, Fotos machen, Memes basteln – und keiner, kein einziger, hebt die Hand gegen sie. Der Mut ist hier eine künstliche Substanz, wie eine Vitaminpille, die das Gewissen füttert, ohne dass der Körper je in Gefahr gerät. Die Ironie daran ist süß wie fauliger Honig: je bizarrer die Provokation, desto ungefährlicher das Risiko, und desto lauter das kollektive Applaudieren.
Wenn das Lachen auf die Mauer der Macht trifft
Doch wehe, dieselbe Fantasie wendet sich an Figuren, deren Autorität nicht virtuell, sondern real, brennend, politisch unüberhörbar ist. Ein Trans-Mohammed, ein Koran mit Regenbogeneinband – hier endet das humorvolle Spiel, hier ist keine digitale Memekultur mehr, sondern die Welt, die explodiert: hundert Tote, brennende Botschaften, diplomatisches Erdbeben.
(2005, Mohammed-Karikaturen, „Jyllands-Posten“: In Gaza wurde ein Büro der EU gestürmt. In Teheran wurde die Botschaft Österreichs angegriffen. In Syrien stürmten hunderte Demonstranten die Botschaften Dänemarks und Norwegens und zündeten die Gebäude an. Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen kamen über 100 Menschen ums Leben. 2020 wurde der französische Lehrer Samuel Paty auf auffener Straße nethauptet, weil er im Unterreicht die Karikaturen zeigte)
Die Grenze zwischen Satire und Selbstmord liegt nicht in der Moral, sondern in der Macht, in der realen Konsequenz. Wir lachen über das Ungefährliche, wir schweigen über das Gefährliche, und genau hier offenbart sich die bittere Wahrheit: Gesellschaftlicher Mut ist proportional zur Ungefährlichkeit der Opfer.
Der Gratismut als Spiegel der Selbstverliebtheit
Diese selektive Courage ist kein Versehen, kein Nebenprodukt, sondern die Quintessenz einer Ära, die sich auf die sichere Empörung spezialisiert hat. Wir leben in einer Welt, in der kühne Kritik zum Freizeitspaß verkommt, zum augenzwinkernden Fitnessprogramm des Gewissens. Der Frosch am Kreuz ist kein Rebell, er ist ein Showobjekt; die Bart-Maria kein Ikon, sie ist ein Accessoire. Wir applaudieren ihnen, nicken anerkennend, fühlen uns moralisch überlegen – und merken nicht, dass unser Mut lediglich eine gut inszenierte Theaterbeleuchtung ist, die Schatten ohne Tiefe wirft.
Die Dialektik der Gefahrlosigkeit
Die wahre Satire, die radikale, die gefährliche, die, die brennt und zerstört, bleibt in der Garage der unerschrockenen Geister eingesperrt. Wir leben in einer Dialektik der Gefahrenlosigkeit: je sicherer der Angriff, desto lauter das Lachen; je riskanter, desto leiser das Herzklopfen und desto drängender die Angst. Unsere Zynik ist selektiv, unsere Provokation steril. Wir reiten auf dem Rücken der Absurdität, ohne den Gaul des Risikos zu berühren, und feiern die Illusion der Rebellion als moralische Exzellenz.
Satire als feiner Spiegel, nicht als Klinge
So betrachtet, ist Satire heute ein Spiegel ohne Schnittkante, ein scharfes Bild ohne Gefahr, eine ironische Projektion, die mehr über den Betrachter verrät als über das Motiv. Der Frosch, die Bart-Maria, die gendervertauschten Apostel – sie spiegeln unsere Angst, unsere Lust auf Empörung ohne Risiko, unser Bedürfnis nach moralischer Befriedigung ohne Blut, ohne Asche, ohne Konsequenz. Der echte Mut, der Mut, der brennt, ist den wenigen vorbehalten, die bereit sind, mit der Realität zu kollidieren. Die Mehrheit hingegen applaudiert, lacht, teilt, safe, und glaubt, sie sei revolutionär.
Fazit: Das groteske Theater des modernen Moralismus
Und so entfaltet sich das groteske Theater des modernen Moralismus: lauter Applaus für Ungefährliches, eisige Stille für Reales. Wir leben in der perfekten Illusion des Mutes, in der selektive Empörung als Zeichen von Zivilcourage gefeiert wird. Wer wirklich provoziert, wer wirklich bedroht, wer wirklich riskant ist, wird in einer Mischung aus Angst, Gewalt und Schweigen begraben. Die Satire, die wir lieben, ist ein Spiegel, der uns zeigt, wie ungefährlich wir geworden sind, wie berechnend unsere Rebellion ist, wie kunstvoll wir uns selbst inszenieren. Und dabei lächeln wir, nicken anerkennend und glauben, wir seien frei.