Die Wunderwaffe aus dem Morgenland der Physik

Es gehört zu den großen kulturellen Leistungen moderner Industriegesellschaften, gleichzeitig hochkomplexe technische Systeme zu betreiben und sie mit der Sorgfalt eines übermütigen Kleinkinds auseinanderzuschrauben, um anschließend erstaunt festzustellen, dass plötzlich das Licht flackert. Energiepolitiker – jene seltene Spezies, die sich irgendwo zwischen Erlösungsbewegung und Excel-Tabelle verortet – haben diese Kunstform zur Meisterschaft entwickelt. Sie blicken auf funktionierende Kraftwerke mit dem milden Lächeln eines Kunstrestaurators, der beschlossen hat, die Sixtinische Kapelle neu zu übermalen, weil Beige gerade im Trend liegt.

Was dabei besonders beeindruckt, ist der heroische Gestus: Zwei von drei Energieträgern werden nicht etwa kritisch überprüft, nein, ihnen wird mit der Gravitas eines mittelalterlichen Kirchenbanns der Krieg erklärt. Man erwartet beinahe, dass demnächst ein feierlicher Trommelwirbel ertönt, während ein Minister mit erhobenem Dekret verkündet: „Hiermit exkommunizieren wir die Thermodynamik.“ Dass Energieversorgung bislang weniger ein moralisches als ein physikalisches Problem war, wirkt in diesem Moment wie eine kleinliche Fußnote der Naturwissenschaft.

Die Religion des Wetters

An die Stelle der alten, schnöden Verlässlichkeit tritt nun eine neue Spiritualität: die Meteorologie als Staatsphilosophie. Strom soll künftig entstehen, wenn der Wind gnädig ist und die Sonne gute Laune hat – eine Energiepolitik, die ungefähr so planbar ist wie ein Picknick im norddeutschen November. Natürlich hat wetterabhängige Stromerzeugung ihre Verdienste; niemand bestreitet, dass Windräder eine elegante Methode darstellen, bewegte Luft in bewegte Rotorblätter zu verwandeln. Nur folgt daraus noch nicht zwingend, dass sie jederzeit genau dann Energie liefern, wenn ein Stahlwerk oder eine Intensivstation sie benötigt.

Die Rhetorik allerdings klingt, als sei die Volatilität selbst eine Tugend. Wer braucht schon Grundlast, wenn er Hoffnung haben kann? Speicherprobleme werden mit der Zuversicht eines Menschen diskutiert, der seine Altersvorsorge auf „irgendwas wird sich schon erfinden lassen“ aufgebaut hat. Effizienz? Ein Begriff für Pedanten. Hauptsache, das Diagramm zeigt irgendwann nach unten – idealerweise noch vor der nächsten Wahl.

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Die große Null als moralischer Horizont

Besonders ehrgeizig ist die Vision einer vollständig kohlenstoffdioxidfreien Gesellschaft. Man muss den Mut bewundern, ein Ziel auszurufen, das ungefähr so absolut ist wie ewige Jugend oder die perfekte Parkplatzsituation in der Innenstadt. CO₂ wird dabei behandelt wie ein dämonischer Stoff aus einem viktorianischen Schauerroman, obwohl er – kleine Erinnerung – auch der Rohstoff für alles ist, was grün wächst. Aber Differenzierung ist selten ein guter Kampagnen-Slogan.

Die gesellschaftliche Zumutung liegt weniger im Ziel selbst als in seiner dogmatischen Totalität. Null ist keine Zahl, sondern ein Heilsversprechen. Wer fragt, ob vielleicht auch 90 Prozent eine beachtliche Leistung wären, wird angesehen, als hätte er vorgeschlagen, Sicherheitsgurte optional zu machen. Politik verwandelt sich so in eine Art moralisches Hochreck: Wer nicht mithält, hängt vermeintlich charakterlich durch.

Der rettende Stern namens Fusion

Und hier, in dieser dramatischen Szenerie aus Selbstverpflichtung und strukturellem Optimismus, betritt sie die Bühne: die Fusionsenergie. Seit Jahrzehnten ist sie die Energiequelle der Zukunft – und sie hat sich mit bewundernswerter Konsequenz geweigert, etwas anderes zu werden. Fusion ist das technische Äquivalent zu einem literarischen Deus ex machina: Wenn alle Pläne wackeln, verweist man auf ein Wunder, das garantiert kommt, nur leider immer erst übermorgen.

Die politische Fantasie liebt diese Technologie, weil sie alles verspricht und nichts sofort verlangt. Unerschöpflich, sauber, effizient – ein energetischer Einhornstall. Dass zwischen experimentellem Reaktor und industriellem Maßstab noch ein Ozean aus Materialforschung, Kostenfragen und Ingenieurskunst liegt, wird mit jener Gelassenheit übergangen, mit der man auch Bauzeiten von Großflughäfen kalkuliert.

Warum Wunder selten Verwaltungsvorschriften folgen

Doch selbst wenn die Fusion eines Tages zuverlässig funktioniert – was viele kluge Menschen mit großem Ernst anstreben – wird sie kaum die Rolle eines nachträglichen Sündenablasses übernehmen. Technologien sind keine Zeitmaschinen. Sie können nicht die Konsequenzen politischer Entscheidungen neutralisieren, die Jahre zuvor getroffen wurden. Wer heute Infrastruktur abbaut in der Erwartung, morgen werde ein physikalisches Wunder alles richten, betreibt eine Energiepolitik nach dem Prinzip des Lottoscheins: geringe Eintrittskosten, maximale Hoffnung.

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Außerdem besitzt jedes Wunder eine unangenehme Eigenschaft: Es löst selten genau die Probleme, für die man es bestellt hat. Selbst eine erfolgreiche Fusion würde Netze brauchen, Investitionen, Übergangsstrategien, gesellschaftliche Akzeptanz – kurz, genau jene nüchterne Planung, die man zuvor zugunsten visionärer Erzählungen vernachlässigt hat.

Plädoyer für die unspektakuläre Vernunft

Vielleicht liegt die eigentliche Tragikomik darin, dass gute Energiepolitik notorisch langweilig ist. Sie besteht aus Diversifikation statt Monokultur, aus Redundanz statt moralischer Reinheit, aus Technikfolgenabschätzung statt Erlösungsrhetorik. Sie akzeptiert Zielkonflikte, weil eine industrialisierte Welt nicht mit Wunschdenken betrieben werden kann, sondern mit Kilowattstunden, Leitungen und Wartungsplänen.

Das bedeutet keineswegs, Innovation zu bremsen oder Klimaziele geringzuschätzen. Im Gegenteil: Gerade wer Transformation ernst nimmt, sollte sie nicht als Theaterstück inszenieren, in dem man erst die Bühne abbrennt, um dann auf spektakuläre Spezialeffekte zu hoffen. Fortschritt ist selten ein Sprung; meistens ist er eine Treppe – unerquicklich, stabil und mit Geländer.

Am Ende könnten Energiepolitiker feststellen, dass nicht das große Wunder sie rettet, sondern etwas weit Prosaischeres: technologische Offenheit, pragmatische Übergänge und die demütige Einsicht, dass Naturgesetze erstaunlich beratungsresistent sind. Das wäre keine heroische Geschichte. Aber vermutlich eine mit deutlich weniger flackerndem Licht.

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