Die Würde und ihr Kollektivkostüm

„Die Menschenwürde ist unantastbar“, deklamiert das Grundgesetz mit jener feierlichen Gravität, die sonst nur antiken Orakeln oder übernächtigten Verfassungsjuristen zu eigen ist. Doch schon bei der nächsten gedanklichen Abbiegung beginnt das semantische Gelände zu rutschen: Wer oder was ist Träger dieser Würde? Der Einzelne – jener eigensinnige, widersprüchliche, oft unerquicklich konkrete Mensch? Oder das Kollektiv – jene nebulöse, moralisch aufgeladene Wolke, die je nach politischem Wetterbericht ihre Form ändert? Der Satz „Die Menschenwürde kommt Individuen zu, nicht Gruppen“ wirkt in diesem Nebel wie ein schneidendes Skalpell. Er trennt, was im Diskurs allzu gern verklumpt wird: Person und Publikum, Gesicht und Fahne, Subjekt und Schlagwort.

Schon Immanuel Kant, der preußische Großmeister kategorischer Strenge, ließ keinen Zweifel daran, dass Würde untrennbar an die Fähigkeit zur Selbstzwecksetzung gebunden ist: „Handle so, dass du die Menschheit […] jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Man bemerke die Subtilität: „die Menschheit“ erscheint hier nicht als statistische Größe oder politische Kampfeinheit, sondern als Qualität, die im einzelnen vernunftbegabten Wesen aufleuchtet. Das Kollektiv hingegen kennt keine Zwecke, sondern nur Interessen; es denkt nicht, es rechnet; es empfindet nicht, es aggregiert. Würde lässt sich jedoch schlecht aggregieren, wie man auch Liebe nicht in Excel-Tabellen überführen kann, ohne dass sie dabei ihren Gegenstand verliert.

Die Versuchung der Gruppe

Und doch: Die Gruppe ist verführerisch. Sie bietet Identität ohne Mühe, Moral ohne Selbstprüfung, Empörung ohne Risiko. „Im Namen der Gemeinschaft“ – ein Satzanfang, der historisch selten Gutes verhieß und doch immer wieder mit erstaunlicher rhetorischer Frische serviert wird. Wer sich im Mantel der Gruppe kleidet, trägt plötzlich die Aura des Unangreifbaren. Kritik wird zur Blasphemie, Differenzierung zur Illoyalität, Individualität zum Verdachtsmoment. Der Einzelne verschwindet, nicht selten freiwillig, in der wohltemperierten Badewanne des Kollektivs, wo man gemeinsam friert und sich gegenseitig versichert, es sei angenehm warm.

Hannah Arendt hat die „Banalität des Bösen“ nicht im einsamen Dämon verortet, sondern im pflichtbewussten Funktionär, der im Namen einer abstrakten Gesamtheit handelt und dabei die konkrete Person aus dem Blick verliert. Die Gruppe, so ließe sich zuspitzen, ist das ideale Versteck für moralische Verantwortungslosigkeit: Niemand war es, alle waren beteiligt. Und so wird aus der Würde des Einzelnen eine Art moralische Restgröße, die im Kollektivhaushalt nach Belieben umgeschichtet werden kann.

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Die Sprache als Tarnkappe

Die Sprache spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie liebt das Pluralische, das Große, das Eindrucksvolle: „die Gesellschaft“, „die Gemeinschaft“, „das Volk“, „die Betroffenen“. Diese Begriffe haben den Vorteil, dass sie alles und nichts bedeuten, je nach Bedarf. Sie sind semantische Gummibänder, die sich dehnen lassen, bis sie jeden konkreten Inhalt verloren haben. In ihrem Schatten lassen sich Eingriffe rechtfertigen, die man einem konkreten Individuum gegenüber nur schwer aussprechen könnte.

Friedrich Nietzsche, der große Misstrauensbeauftragte der Moderne, hätte seine Freude an dieser Sprachgymnastik gehabt. „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“, schrieb er – und man könnte ergänzen: Wer im Namen der Gruppe spricht, sollte darauf achten, nicht das Individuum zu verschlucken. Denn die Gruppe hat eine eigentümliche Neigung zur moralischen Selbstüberhöhung. Sie hält sich für gut, weil sie viele ist, und übersieht dabei, dass auch viele Menschen gemeinsam Unsinn treiben können – ein Umstand, den jede Massenveranstaltung, von der Revolution bis zum Schlussverkauf, eindrucksvoll bestätigt.

Die Würde als Störfaktor

Die Würde des Individuums ist in diesem Szenario ein Störfaktor. Sie ist unbequem, weil sie nicht verhandelbar ist. Sie widersetzt sich der Logik des „größten Nutzens für die größte Zahl“, jener utilitaristischen Rechenaufgabe, bei der der Einzelne schnell zur variablen Größe wird. Würde sagt: Hier endet die Rechnung. Hier steht ein Mensch, kein Posten in einer Bilanz.

Jürgen Habermas, der letzte große Systemarchitekt der Frankfurter Schule, hat immer wieder betont, dass normative Geltung nicht aus Mehrheiten erwächst, sondern aus der Anerkennung der Person als gleichberechtigter Gesprächspartner. Doch das Gespräch ist mühsam, die Abstimmung bequem. Und so wird die Würde des Einzelnen gern dem Mehrheitswillen untergeordnet, der sich seinerseits als moralische Instanz geriert. Demokratie kippt dann in eine Art wohlmeinenden Despotismus der Vielen, der den Einzelnen mit freundlicher Miene überstimmt.

Die Ironie der Gleichheit

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass gerade im Namen der Gleichheit die Individualität nivelliert wird. „Alle sind gleich“ – ein Satz, der, falsch verstanden, dazu einlädt, alle Unterschiede einzuebnen, bis nur noch eine homogene Masse übrig bleibt. Doch Gleichheit vor dem Gesetz bedeutet nicht Gleichförmigkeit im Leben. Die Würde des Menschen besteht gerade darin, verschieden zu sein, ohne deshalb weniger wert zu sein.

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Alexis de Tocqueville warnte bereits im 19. Jahrhundert vor der „sanften Tyrannei“ der Mehrheit, die nicht mit Gewalt, sondern mit Konformitätsdruck arbeitet. Sie zwingt nicht, sie formt. Sie verbietet nicht, sie normiert. Und sie tut dies oft im Namen des Guten, was die Sache besonders unerquicklich macht. Denn gegen das offen Schlechte lässt sich leicht opponieren, gegen das vermeintlich Gute hingegen nur mit erheblichem argumentativem Aufwand – und einer Portion Mut.

Schlussbetrachtung ohne Trostpreis

„Die Menschenwürde kommt Individuen zu, nicht Gruppen“ – dieser Satz ist weniger eine Beschreibung als eine Mahnung. Er erinnert daran, dass Moral nicht im Kollektiv beginnt, sondern im Einzelnen. Dass Verantwortung nicht delegiert werden kann, auch wenn es verlockend ist. Und dass die Würde des Menschen kein Gemeinschaftsprojekt ist, sondern eine Eigenschaft, die jedem Einzelnen zukommt, unabhängig davon, ob er sich in einer Gruppe wohlfühlt oder nicht.

In einer Zeit, die das Kollektive gern feiert und das Individuelle misstrauisch beäugt, wirkt dieser Gedanke fast subversiv. Vielleicht ist er es auch. Doch gerade darin liegt seine Stärke. Denn die Würde, die nicht stört, ist keine. Sie ist Dekoration. Und Dekoration hat bekanntlich noch nie jemanden davor bewahrt, übersehen zu werden.

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