Werte BILD-Redaktion – wobei bereits die Anrede eine gewisse Großzügigkeit voraussetzt, die angesichts der fraglichen Leistung fast schon als literarische Fiktion durchgehen muss –, es bedarf keiner langen Vorrede: Eine Schlagzeile wie „Der virtuelle Fall Pelicot“ ist kein Ausrutscher, kein bedauerlicher Lapsus im hektischen Maschinenraum der Aufmerksamkeit, sondern ein Offenbarungseid. Und zwar einer, der so laut und unüberhörbar ausgestellt wird, dass selbst die leisesten Reste redaktioneller Selbstachtung erschrocken die Flucht ergreifen dürften.
Denn hier wird nicht einfach zugespitzt, hier wird nicht einmal nur geschmacklos übertrieben – hier wird mit der Präzision eines Presslufthammers eine moralische Trennlinie eingerissen, die selbst in den unerquicklichsten Zeiten des Boulevards bislang wenigstens als schemenhafte Kontur existierte. Die systematische, über Jahre hinweg organisierte Vergewaltigung einer Frau, unter Betäubung, unter Mitwirkung Dritter, unter völliger Auslöschung von Autonomie und Würde, wird in ein semantisches Nachbarschaftsverhältnis zu einem C-Promi-Streit um digital manipulierte Nacktbilder gezwängt. Nicht aus Versehen. Nicht aus Unwissen. Sondern aus Kalkül.
Die Methode Bild: Maximale Grenzverwischung bei minimalem Gewissen
„Man muss die Dinge so einfach machen, dass sie jeder versteht“, lautet ein gern zitierter Grundsatz populärer Medien. Die hier praktizierte Variante könnte man präzisieren: Man macht sie so platt, dass sie keiner mehr hinterfragt. Die Methode ist so alt wie unerquicklich: Komplexität wird entsorgt, Maßstäbe werden eingeebnet, und übrig bleibt ein emotional aufgeladener Brei, in dem alles irgendwie gleich schlimm, gleich spektakulär, gleich klickbar erscheint.
Doch selbst innerhalb dieser Schule der Vereinfachung gab es einst so etwas wie eine Restdisziplin. Ein leises Bewusstsein dafür, dass nicht jede menschliche Abgründigkeit als dramaturgisches Accessoire taugt. Die hier vorgelegte Schlagzeile hingegen wirkt, als habe man diese letzte Schranke nicht nur überschritten, sondern mit demonstrativer Lust niedergetrampelt. „Skandal verkauft sich am besten, wenn er sich steigern lässt“, könnte man die implizite Redaktionsmaxime formulieren – und wenn sich kein echter Skandal findet, wird eben einer herbeiverglichen.
Der Zynismus als Geschäftsmodell
Es ist der spezifische Zynismus dieses Hauses, dass er sich nicht einmal mehr als solcher verkleidet. Während andere Medien sich zumindest die Mühe geben, ihre Grenzüberschreitungen mit einem Anstrich von Relevanz oder Aufklärung zu versehen, präsentiert sich hier die Gleichsetzung in ihrer nackten, beinahe stolzen Geschmacklosigkeit. Als wolle man sagen: Seht her, wir können alles miteinander vergleichen – und es wird trotzdem geklickt.
„Alles ist relativ, solange es Reichweite bringt“ – ein Leitsatz, der in dieser Schlagzeile seine beinahe perfekte Verdichtung findet. Der reale Horror wird zur Folie degradiert, zur bloßen Verstärkerkulisse für eine Geschichte, die ohne diesen Bezug vermutlich in der dritten Reihe des digitalen Vergessens verschwinden würde. Das Leid wird instrumentalisiert, nicht trotz, sondern wegen seiner Schwere.
Und darin liegt die eigentliche Perversion: Nicht die Unfähigkeit zur Differenzierung, sondern die bewusste Entscheidung gegen sie.
Die Banalisierung des Unfassbaren
Hannah Arendt sprach von der „Banalität des Bösen“, doch was hier geschieht, ist beinahe die Umkehrung: die Banalisierung des Unfassbaren durch seine mediale Zweitverwertung. Das Extreme wird nicht geleugnet, sondern benutzt – als rhetorischer Dünger für eine Geschichte, die ohne diese Aufladung schlicht zu mager wäre.
Die Folge ist eine schleichende Erosion dessen, was einmal als moralischer Maßstab galt. Wenn alles miteinander vergleichbar ist, verliert das Schlimmste seinen Schrecken. Wenn jede Grenzüberschreitung zur Stilfrage wird, gibt es keine Grenze mehr, die nicht irgendwann als „nur eine weitere Zuspitzung“ durchgeht.
„Vergleiche sind das billigste Stilmittel derer, die nichts mehr zu sagen haben“, ließe sich, leicht boshaft, formulieren. Und selten hat sich diese Diagnose so aufdringlich bestätigt wie hier.
Die kalkulierte Empörung
Natürlich ist auch die Empörung einkalkuliert. Man kennt das Spiel: Je größer der Aufschrei, desto höher die Reichweite, desto erfolgreicher die Operation. In dieser Logik ist selbst die Kritik Teil des Geschäftsmodells, ein willkommener Nebeneffekt, der die ursprüngliche Grenzüberschreitung nachträglich legitimiert.
Das eigentlich Erschreckende ist daher nicht einmal die Schlagzeile selbst, sondern die Routine, mit der sie produziert und konsumiert wird. Die Gewissheit, dass sie funktionieren wird. Dass sie gelesen, geteilt, diskutiert wird – und dass genau darin ihr Erfolg liegt.
Der letzte Rest Anstand als Fremdkörper
Man könnte fast nostalgisch werden angesichts der Vorstellung, es habe einmal so etwas wie eine interne Diskussion gegeben, ein kurzes Innehalten, vielleicht sogar einen Einwand: Ob das nicht doch eine Spur zu weit gehe. Ob man hier nicht etwas miteinander verknüpfe, das sich jeder vernünftigen Vergleichbarkeit entzieht.
Doch solche Skrupel wirken in diesem Kontext wie Relikte aus einer anderen Epoche – hübsch anzusehen, aber im täglichen Betrieb offenbar hinderlich. Der letzte Rest Anstand erscheint nicht mehr als notwendige Bedingung journalistischer Arbeit, sondern als verzichtbarer Luxus, den man sich im Wettbewerb um Aufmerksamkeit schlicht nicht mehr leisten möchte.
Ein Fazit, das keines sein sollte
Am Ende bleibt die unerquicklich klare Erkenntnis, dass hier nicht einfach eine Grenze überschritten wurde, sondern dass die Grenze selbst zur Disposition steht. Dass das Unvergleichliche vergleichbar gemacht wird, nicht aus Dummheit, sondern aus System.
Und so stellt sich weniger die Frage, wie „geistig und moralisch derangiert“ man sein muss, um eine solche Schlagzeile zu formulieren, als vielmehr, welches System eine solche Formulierung nicht nur ermöglicht, sondern belohnt. Die Antwort fällt unerquicklich einfach aus.
Oder, um es mit der gebotenen Höflichkeit zu sagen: Wenn dies der Maßstab ist, dann ist nicht die Schlagzeile der Skandal. Sondern die Tatsache, dass sie keiner mehr zu sein scheint.