Man muss Gabriele von Lutzau zuhören, wenn sie spricht. Nicht, weil ihre Worte sanftmütig oder vorsichtig wären, sondern genau weil sie es nicht sind. Diese Frau kennt das Grauen der Gewalt aus nächster Nähe, und ihre Warnungen tragen ein Gewicht, das selbst die lautesten Debatten um Cancel Culture und Identitätspolitik nicht einmal annähernd erreichen. Die ehemalige Lufthansa-Stewardess, die 1977 als „Engel von Mogadischu“ weltberühmt wurde, als sie während der Entführung der „Landshut“ kühlen Kopf bewahrte, blickt heute auf eine Republik, die scheinbar die Erinnerung an jene Schrecken verschwinden lassen möchte – oder, schlimmer noch, sie als historischen Ballast betrachtet, der ideologisch umgedeutet werden darf. Von Lutzau spricht von der „RAF 2.0“, und ja, man muss ihr zuhören, auch wenn man sich dabei unweigerlich im Spiegel eines paradoxen und zutiefst absurden politischen Spiels erkennt: Der Staat, so warnt sie, finanziert die neue Generation linker Radikalisierung als NGO. Stellen Sie sich dieses Bild ruhig einmal vor: Steuergelder fließen in Projekte, die in mildem Licht den Idealismus feiern, in Wahrheit aber Strukturen fördern, die irgendwann – in irgendeiner Form – die gleiche Gewaltbereitschaft kultivieren könnten, die einst Menschen wie von Lutzau selbst in Lebensgefahr brachte.
Die poetische Ironie staatlicher Förderung
Man könnte sich kaum eine zynischere Ironie vorstellen: Ein Staat, der einst verzweifelt versuchte, den Terror der RAF zu zähmen, spendet heute Millionenbeträge an NGOs, die genau die narrative Substanz von damals wiederbeleben, nur diesmal in zivilgesellschaftlicher Verpackung. Die Worte „Demokratie leben“ klingen gut, manch einer mag beim Gedanken an bunte Workshops, partizipative Projekte und Sensibilisierungskurse ein wohliges Gefühl von Verantwortung spüren. Doch wenn man zwischen den Zeilen liest, erkennt man das perfide Paradoxon: Wer linksextreme Strömungen über politische Stiftungen und Förderprogramme finanziert, der sät möglicherweise die Saat einer neuen Generation von Radikalen. Ein Staat, der einst Opfer von RAF-Aktionen zu beklagen hatte, wird nun zum indirekten Sponsor einer Bewegung, die genau dieses historische Trauma theoretisch wiederholen könnte – und das, während die öffentliche Debatte das alles lächelnd als progressiven Aktivismus abtut.
Die Romantisierung des Extremismus
Von Lutzau kritisiert nicht nur den finanziellen Aspekt. Sie kritisiert die kulturelle Dimension, die schleichende Romantisierung linker Gewalt. Junge Menschen erleben heute die Geschichten von RAF und Co. durch Filter der Verklärung: Heldenmut wird zu moralischer Berechtigung, Ideologie zu politischem Spielraum. Marc Felix Serrao erinnerte an Alfred Herrhausen, ermordet vor 36 Jahren, und stellte nüchtern fest, dass die Gefahr linker Gewalt nicht kleiner, sondern nur anders sichtbar ist. Von Lutzau setzt nach: Die „RAF 2.0“ ist nicht nur ein Phantom, sie formiert sich tatsächlich, ausgebildet in den sicheren Gefilden staatlicher Förderung, ausgestattet mit der Legitimation, die ihnen die Symbole der Demokratie selbst verleihen. Man kann es zynisch nennen – und das sollte man auch – aber es ist Realität: Wer Geld gibt, gibt Macht. Und manchmal gibt man sie ausgerechnet denen, deren Macht man am meisten fürchtet.
Die Dialektik des staatlich unterstützten Extremismus
Es ist diese dialektische Wendung, die den heutigen Diskurs so absurd macht. Auf der einen Seite stehen Politiker, die von Aufklärung, Toleranz und gesellschaftlichem Zusammenhalt schwadronieren. Auf der anderen Seite fließen Steuergelder in Projekte, die auf subtile Weise eine ideologische Neuauflage der Strukturen unterstützen, die einst ganze Nationen in Angst versetzten. Man könnte sich fast darüber amüsieren, wäre es nicht so tragisch. Von Lutzau spricht aus Erfahrung: Sie hat gesehen, wie Ideologie zu Gewalt wird, wie Gruppen sich radikalisieren, wie der Staat hilflos oder blind danebensteht. Heute aber ist das Scheitern systematisch, verschleiert in Bürokratie, gespickt mit Förderanträgen, Projektberichten und PR-Kampagnen. Der Humor dieser Situation ist schwarz, bitter, fast schon Shakespeare’sch: Wir applaudieren der Zivilgesellschaft, während wir den Tiger im Käfig füttern, ohne zu bemerken, dass die Stäbe dünner werden.
Fazit: Augen öffnen, bevor der Albtraum Realität wird
Es ist nicht Sensationslust, die von Lutzau antreibt. Es ist die nüchterne, unangenehme Wahrheit, dass Radikalisierung nicht nur in dunklen Hinterhöfen gedeiht, sondern auch in hellen Konferenzräumen, unter dem Label „Förderung von Demokratie“. Die „RAF 2.0“ mag ein dramatischer Ausdruck sein, und doch beschreibt er genau das, was passiert, wenn staatliche Mittel in Hände geraten, die sie zur Wiederholung alter Muster nutzen könnten. Wer heute den Scherz nicht erkennt, wird morgen Zeuge der Tragödie sein – und dann wird kein „Engel von Mogadischu“ zur Stelle sein, um zu retten, was verloren gegangen ist. Satire, Polemik, Zynismus – all das wird von Lutzau bewusst eingesetzt. Sie zwingt uns, die Augen zu öffnen, das Lächeln zu ersticken und den Ernst der Lage zu erkennen. In dieser bitteren Wahrheit liegt ein Appell: Beobachten, hinterfragen, handeln – bevor die Geschichte sich erneut in einem makabren Spiegel wiederholt.