Die Mathematik der Moral

oder Wie man mit Zahlen sehr ernsthaft Unsinn macht

Nur damit ich es einmal richtig verstehe: Es kostet also zehn Milliarden Euro, um in Deutschland Obdachlosigkeit zu beenden. Sieben Milliarden, um jedes neugeborene Kind so aufzustellen, dass es später einmal geschniegelt als Renten-Millionär durch die Fußgängerzone schreiten kann, während es in einem Café mit glutenfreier Altersvorsorge am Hafermilchschaum nippt. Vierundzwanzig Milliarden, um unsere Schulen so zu sanieren, dass man dort nicht länger das Gefühl hat, Lernen sei ein Überlebensspiel im Setting „postapokalyptischer Betonbunker mit Kreideversorgung“. Und Deutschland hat 2024 fünfundfünfzig Milliarden in die Ukraine geschickt. Irgendwas stimmt hier nicht, oder? – Doch, doch. Es stimmt sogar alles. Es stimmt nur nicht gleichzeitig, nicht in der Reihenfolge, nicht im moralischen Gefühlshaushalt, nicht in der Art, wie wir uns selbst gern betrachten: als Land der Ingenieure, der Haushaltsdisziplin, der „schwäbischen Hausfrau“ – und, wenn es gerade passt, als humanitäres Großgewissen Europas. In Wahrheit sind wir ein Land, das an zwei Dinge mit religiöser Inbrunst glaubt: an die Magie des Preisschilds und an die Heiligkeit des falschen Vergleichs. Und beides zusammen ergibt jene besonders deutsche Form von Empörung, die nicht fragt „Was ist richtig?“, sondern „Warum fühlt es sich ungerecht an, wenn die anderen es kriegen?“.

Der Preis eines Menschenlebens ist erschreckend niedrig, solange es im Inland stattfindet

Zehn Milliarden, um Obdachlosigkeit zu beenden. Diese Zahl ist so unerquicklich konkret, dass sie fast beleidigend wirkt. Denn sie bedeutet: Es ist nicht unmöglich, nicht utopisch, nicht „leider leider systemisch komplex“ – es ist offenbar eine Frage, die man mit einer Summe beantworten kann, wie den Kauf einer mittelgroßen Brücke oder einer Handvoll halbherziger Digitalisierungsoffensiven. Und genau da beginnt die Unruhe. Denn wenn Obdachlosigkeit eine finanzierbare Angelegenheit ist, dann ist ihr Fortbestand keine Tragödie mehr, sondern eine Entscheidung. Eine Budgetentscheidung. Eine Prioritätenentscheidung. Eine Entscheidung mit Ansage, Protokoll und Kaffeepause. Das ist schwer auszuhalten, also tut man, was man immer tut: Man stellt sich komplex. Man spricht von „Zuständigkeiten“. Man sagt „So einfach ist das nicht“. Man sagt „Da gibt es auch individuelle Gründe“. Und das stimmt sogar. Natürlich gibt es psychische Erkrankungen, Sucht, Bürokratie, zerfledderte Hilfestrukturen, Vermieter, die lieber einem Goldfisch die Wohnung überlassen als einem Menschen mit Schufa-Eintrag. Aber all diese Gründe ergeben nicht den Beweis, dass man nichts tun könne – sie ergeben nur den Beweis, dass man es ernst meinen müsste. Ernst meinen heißt in Deutschland: jemand müsste dafür verantwortlich sein. Und Verantwortung ist hierzulande ein gefährliches Tier. Man hält sie möglichst klein, füttert sie selten und zeigt sie ungern Besuchern.

Denn Obdachlosigkeit ist nicht nur ein soziales Problem. Sie ist auch ein ästhetisches. Sie stört die Kulisse. Sie kratzt am Selbstbild. Sie ist ein sichtbarer Riss im Lack der Wohlstandsrepublik, und man wünscht sich, sie möge bitte diskret sein: nicht zu laut betteln, nicht zu krank aussehen, nicht zu sehr nach menschlichem Elend riechen. Am besten wäre eine Obdachlosigkeit, die in Statistiken stattfindet. Oder in Talkshows. Oder irgendwo in der Nähe von „denen da unten“, wo man sie als bedauerliche Randnotiz abheften kann. Zehn Milliarden wären also nicht der Preis, um Obdachlosigkeit zu beenden – zehn Milliarden wären der Preis, um sie nicht mehr sehen zu müssen. Der Unterschied ist subtil, aber entscheidend. Man muss nur die Frage richtig stellen: Wollen wir, dass niemand mehr auf der Straße lebt? Oder wollen wir nur, dass es uns nicht weiter irritiert?

Schulen sind teuer, weil man sie im Alltag benutzen müsste

Vierundzwanzig Milliarden für Schulen. Das ist die Zahl, die in Deutschland traditionell das Achselzucken auslöst, begleitet von jenem resignierten Tonfall, den man sonst nur beim Wetter verwendet: „Ja, schlimm, schlimm. Aber was willste machen.“ Schulen sind in diesem Land so etwas wie die Badezimmer einer Mietwohnung: Man weiß, dass sie renoviert gehören, aber solange sie noch irgendwie funktionieren und man sich nicht die Hüfte bricht, schiebt man es auf nächstes Jahr. Nur dass aus „nächstes Jahr“ bei Schulen schnell ein „nächste Generation“ wird. Vielleicht liegt es daran, dass Schulen nicht unmittelbar Profit abwerfen. Schulen sind eine langfristige Investition in etwas, das man nicht auf Quartalszahlen drucken kann: Bildung, soziale Mobilität, demokratische Stabilität, also der ganze Kram, den man gern in Sonntagsreden aufbläst, um ihn montags in der Haushaltsdebatte zusammenzufalten wie eine zu große Fahne.

TIP:  Wo das Schweigen wohnt,

Und es ist ja nicht nur der Putz, der von den Wänden fällt. Es fällt auch die Illusion, dass Deutschland ein Land sei, in dem Leistung zählt, wenn man nur fleißig genug ist. Das ist eine schöne Erzählung – die funktioniert aber nur in Gebäuden, in denen Fenster schließen, Toiletten benutzbar sind und Lehrkräfte nicht wie Notfallmedizin im Dauereinsatz arbeiten. Wenn man vierundzwanzig Milliarden braucht, um Schulen auf Vordermann zu bringen, dann hat man nicht vierundzwanzig Milliarden „Reparaturbedarf“. Dann hat man Jahrzehnte kollektiver Verdrängung, verwaltet mit der Präzision eines Staubsaugers, der die sichtbaren Krümel einsaugt, während die Küche dahinter längst brennt. Aber Schulen haben einen Nachteil: Sie betreffen alle. Und damit niemanden. Jeder war mal in einer, jeder hat Geschichten, jeder regt sich auf, alle nicken – und am Ende bleibt es doch ein Problem von „denen da oben“ oder „denen da unten“ oder „denen da im Bildungsministerium“, also von Leuten, die man gerade nicht ist. Und solange das so bleibt, kann man wunderbar empört sein, ohne sich schmutzig zu machen.

Sieben Milliarden für Babys als Renten-Millionäre oder Die große deutsche Fantasie vom Sparschwein mit Herzschlag

Sieben Milliarden, um jedes neugeborene Kind als Millionär in Rente zu schicken. Allein dieses Bild ist eine kleine Satire, die sich selbst schreibt: Man wickelt das Baby, stempelt seine Geburtsurkunde, drückt ihm einen ETF-Sparplan in die Hand und flüstert: „Willkommen im Leben, kleiner Mensch. Du bist jetzt offiziell ein Finanzprodukt.“ Es ist auch typisch deutsch, dass man bei Kindern zuerst an die Rente denkt. Nicht an Spielplätze. Nicht an Betreuung. Nicht an Zeit. Sondern an den Moment, in dem sie selber alt sind und dann bitte niemandem zur Last fallen. Deutschland liebt Kinder am meisten, wenn sie leise sind, funktionieren und sich später selbst tragen. Am besten steuerlich optimiert.

Aber diese Zahl ist genau deshalb interessant, weil sie zeigt, wie absurd günstig Zukunft sein kann, wenn man sie in abstrakte Rechenmodelle gießt. Man kann sehr viele gute Dinge finanzieren, wenn man sie wie ein Paketangebot formuliert: „Für nur sieben Milliarden erhalten Sie: ein Kind, das später nicht arm ist.“ Das wirkt wie ein Sonderangebot im Ethik-Discounter. Und es entlarvt etwas Peinliches: Wir wissen durchaus, wie man gesellschaftliche Probleme präventiv angeht. Wir tun es nur selten. Wir lieben Prävention so sehr, dass wir sie in PowerPoint-Folien verewigen, und dann lassen wir sie dort in Frieden ruhen, wie eine ausgestopfte Eule der Vernunft.

Natürlich wird man sagen: „So eine Rechnung ist doch Quatsch, das ist doch nicht realistisch.“ Ja. Genau. Willkommen im Club. Denn ebenso kann man mit „zehn Milliarden gegen Obdachlosigkeit“ und „vierundzwanzig Milliarden für Schulen“ rechnen, als wären das Schalter im Haushaltsautomaten: Münze rein, Problem weg. So funktioniert es nicht. Aber – und hier liegt der Kern der ganzen Empörung – es funktioniert auch nicht andersherum. Es ist nicht so, dass das Geld einfach aus Versehen in irgendwelchen Auslandsbudgets landet, während drinnen die soziale Misere zufällig weiterläuft. Es ist nicht Natur. Es ist Politik. Und Politik heißt: Es gibt Gewinner, Verlierer und sehr viele Leute, die so tun, als wäre das alles alternativlos.

55 Milliarden für die Ukraine oder Der Moment, in dem Deutschland plötzlich sehr schnell sehr großzügig werden kann

Und dann die 55 Milliarden für die Ukraine. Eine Zahl, die sich anfühlt wie ein Donnerschlag im deutschen Kassenbuch. Fünfundfünfzig Milliarden! Das ist nicht nur Geld, das ist eine ganze Armada aus Nullen. Und plötzlich, wie durch ein Wunder, ist Deutschland fähig, Summen zu mobilisieren, die sonst nur bei Flughäfen, Bankenrettungen oder „Sondervermögen“ auftauchen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Dass Deutschland – das Land, das über jeden Schul-USB-Stick debattiert, als würde er aus Gold gefräst – in Fragen geopolitischer Bedrohung erstaunlich flexibel wird. Das kann man bewundern. Und man kann es gleichzeitig misstrauisch beäugen. Denn es zeigt: Wenn der Druck groß genug ist, ist Geld nicht das Problem. Das Problem ist der politische Wille – oder genauer: wofür er sich lohnt.

TIP:  Jetzt aber wirklich!

Nun wäre es billig, daraus zu machen: „Die Ukraine ist uns mehr wert als Obdachlose.“ So simpel ist es nicht. Es geht nicht um Wertigkeit einzelner Menschen, sondern um Mechanismen. Außenpolitik funktioniert anders als Sozialpolitik. Außenpolitik ist Drama, ist Geschichte, ist Fernsehen: Panzer, Präsidenten, Frontlinien, Karten, die rot werden. Außenpolitik ist die große Bühne, auf der Nationen ihren Charakter aufführen. Sozialpolitik dagegen ist Kleinarbeit. Sie riecht nach Aktenordnern. Sie ist unsexy. Sie ist der zähe Alltag des Reparierens. Und Deutschland liebt das Große nur dann, wenn es nicht zu emotional wird und am besten noch als Pflicht verkauft werden kann. „Wir müssen.“ Das ist der Satz, mit dem hierzulande jede Hemmung überwunden wird. „Wir müssen der Ukraine helfen“ klingt wie ein moralisches Naturgesetz. „Wir müssen Obdachlosigkeit beenden“ klingt wie ein Verwaltungsakt.

Und dann kommt noch etwas dazu, das man in Deutschland selten offen ausspricht: Sicherheit. Die Ukraine-Hilfe ist – bei aller Solidarität – auch eine Investition in europäische Sicherheit, in Abschreckung, in geopolitische Stabilität. Sie ist nicht nur altruistisch, sie ist rational. Und genau das macht sie politisch verkäuflich. Denn sobald man eine moralische Handlung als Selbstschutz etikettieren kann, wird sie in Deutschland quasi zur Kerntugend. „Wir helfen, weil es auch uns hilft“ – das ist die Form von Humanismus, die der Bundeshaushalt besonders gern unterschreibt.

Der falsche Vergleich: Wenn Haushalte zu Moralwaffen werden

Aber nun zurück zur Ausgangsempörung: „Irgendwas stimmt hier nicht, oder?“ Doch. Etwas stimmt nicht. Nur ist es nicht unbedingt der Ukraine-Betrag. Es ist die Logik des Vergleichs. Denn was hier passiert, ist ein Klassiker: Man nimmt Zahlen, die in völlig unterschiedlichen Kategorien stehen, und legt sie nebeneinander wie drei Obstsorten und einen Schraubenzieher, um dann zu fragen, warum man nicht einfach alles gleichzeitig in den Einkaufskorb tun kann. Zehn Milliarden hier, sieben da, vierundzwanzig dort, fünfundfünfzig dorthin – und schon hat man das Gefühl, man habe eine Rechnung aufgemacht, die das System entlarvt.

Und ja: Diese Rechnung entlarvt etwas. Aber nicht zwingend das, was man zuerst denkt. Sie entlarvt vor allem, wie gerne wir glauben möchten, dass Politik so funktioniert wie ein Kontoauszug. Als wäre das Land eine einzige große Spardose, und man müsse nur mal „richtig priorisieren“. Das stimmt nur teilweise. Staatshaushalte bestehen aus laufenden Ausgaben, langfristigen Verpflichtungen, Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern, Kommunen, aus Personalmangel, aus Baurecht, aus Gerichten, aus Lobbyinteressen, aus Planungszeiten, aus der Tatsache, dass man eine Schule nicht wie ein Ikea-Regal in drei Stunden aufbaut, wenn gerade zufällig Geld im Portemonnaie ist. Geld ist nötig, aber Geld ist nicht hinreichend. Man kann Milliarden haben und trotzdem scheitern – wie jedes Großprojekt in Deutschland liebevoll beweist.

Aber genau deshalb ist die Empörung so berechtigt. Denn wenn Geld nicht alles ist, warum tut man dann so oft so, als wäre es alles – nur wenn es darum geht, im Inland etwas nicht zu tun? Dann heißt es plötzlich: „Dafür ist kein Geld da.“ Es ist eine rhetorische Abrissbirne: ein Satz, der jede Diskussion sofort beendet, wie ein Hausmeister, der die Aula abschließt, während noch jemand eine Frage stellen wollte. „Kein Geld“ ist oft keine Beschreibung, sondern ein Urteil. Es heißt: „Nicht wichtig genug.“ Oder noch genauer: „Nicht nützlich genug für jene, die entscheiden.“

Der deutsche Sozialstaat ist nicht zu klein, er ist nur zu selektiv freundlich

Was also stimmt nicht? Vielleicht stimmt nicht, dass wir uns einreden, wir seien unfähig, Probleme zu lösen, die wir seit Jahren vor uns herschieben. Vielleicht stimmt nicht, dass wir Menschen im Inland mit Verwaltungslogik behandeln und Menschen im Ausland mit Pathos. Vielleicht stimmt nicht, dass wir im Inneren von „Eigenverantwortung“ reden, sobald jemand in Not ist, während wir nach außen plötzlich sehr genau wissen, was Solidarität bedeutet. Vielleicht stimmt nicht, dass wir Armut und Verwahrlosung als quasi naturgegeben hinnehmen, weil sie so schön in unsere Erzählung von Leistung und Schuld passen: Wer oben ist, hat es verdient; wer unten ist, hat vermutlich irgendwo falsch abgebogen. Diese Erzählung ist bequem, denn sie macht aus Ungerechtigkeit ein Erziehungsproblem.

TIP:  Aiman Mazyek - Wenn Schamlosigkeit zur Strategie wird

Und doch ist das Bittere: Deutschland könnte all das, wenn es wollte. Nicht perfekt. Nicht über Nacht. Aber deutlich besser. Obdachlosigkeit könnte reduziert werden, Schulen könnten saniert werden, Kinder könnten sinnvoll gefördert werden – nicht als Renten-Millionäre, sondern als Menschen, die in einer Gesellschaft aufwachsen, die sie nicht als Kostenfaktor betrachtet. Das könnte man tun. Und man könnte gleichzeitig einem angegriffenen Land helfen. Das ist kein Entweder-oder, auch wenn das Internet es gerne so verkauft, weil es mit „Entweder-oder“ so hübsch knallt.

Der Zynismus als Volkssport: Empörung ist billiger als Veränderung

Warum also wirkt es trotzdem so schief? Weil wir spüren, dass Politik nicht an Zahlen scheitert, sondern an Prioritäten – und dass Prioritäten selten offen zugegeben werden. Niemand sagt: „Obdachlose haben keine Lobby.“ Niemand sagt: „Schulen bringen erst in zwanzig Jahren Rendite.“ Niemand sagt: „Kinder sind süß, aber teuer.“ Niemand sagt: „Die Ukraine ist ein geopolitischer Kipppunkt, und wir kaufen mit Milliarden Zeit.“ Stattdessen sagt man: „Das ist kompliziert.“ Und kompliziert ist das neue „Wir haben uns entschieden, es nicht zu machen“.

In dieser Lücke wächst der Zynismus. Zynismus ist die kalte Schwester der Hoffnung. Er schützt vor Enttäuschung, indem er sie vorwegnimmt. Er ist die geistige Jogginghose der politischen Debatte: bequem, elastisch, und man kann damit prima auf dem Sofa sitzen und alles verachten. „Die da oben machen doch eh, was sie wollen“ – sagt der Zyniker und fühlt sich einen Moment lang überlegen, weil er ja durchschaut hat, wie schlimm alles ist. Aber Durchschauen ersetzt kein Handeln. Es ist nur die intellektuelle Version von Schulterzucken.

Gleichzeitig ist Zynismus verständlich. Denn wer sieht, wie schnell Geld da ist, wenn Panzer rollen, aber wie langsam Hilfe kommt, wenn Menschen auf Parkbänken erfrieren, der fühlt sich veräppelt. Nicht unbedingt von „der Ukraine“, sondern vom eigenen System, das offenbar sehr genau unterscheiden kann zwischen Notfällen, die geopolitisch relevant sind, und Notfällen, die bloß menschlich sind.

Also: Stimmt hier was nicht?

Ja. Irgendwas stimmt hier nicht. Aber es ist nicht die Existenz von Ukraine-Hilfe an sich, die falsch ist. Falsch ist die Selbstverständlichkeit, mit der man im Inland chronische Verwahrlosung akzeptiert. Falsch ist die moralische Buchhaltung, die so tut, als seien Schulen Luxus und Menschenwürde eine freiwillige Spende. Falsch ist die politische Routine, in der man „kein Geld“ sagt, wenn man eigentlich meint: „Keinen Willen.“ Falsch ist die Illusion, man könne ein Land nach außen verteidigen, während es innen langsam verrottet – als könne man Demokratie exportieren, ohne sie im Treppenhaus zu putzen.

Und am falschesten ist vielleicht diese besonders gemütliche deutsche Haltung, die sich in jedem Vergleich versteckt: dass man Empörung für eine Form von Gerechtigkeit hält. Als würde es reichen, die Zahlen nebeneinander zu legen und empört zu murmeln: „Siehste.“ Nein. „Siehste“ ist erst der Anfang. Danach kommt Arbeit. Danach kommt Streit. Danach kommt Prioritätensetzung. Danach kommt das Unangenehme: dass man eingestehen muss, dass man sehr wohl entscheiden kann, was man will – und dass genau darin die Verantwortung liegt.

Aber immerhin: Wenn diese Zahlen eines beweisen, dann etwas fast Tröstliches. Sie beweisen, dass die großen Lösungen nicht im Bereich des Fantastischen liegen. Sie liegen im Bereich des Möglichen. Und das ist, je nachdem wie man es betrachtet, entweder Hoffnung – oder die unerquicklichste Form von Anklage.

Please follow and like us:
Pin Share