Die Hierarchie des Mitgefühls

Es gehört zu den eigentümlichsten Phänomenen spätmoderner Gesellschaften, dass nicht das Leid selbst über seine Wahrnehmung entscheidet, sondern dessen erzählerische Verwertbarkeit. Schmerz ist kein absoluter Wert mehr, sondern ein kuratiertes Gut, dessen Relevanz sich nach seiner Anschlussfähigkeit an Diskurse, Narrative und moralische Moden bemisst. Eine junge Frau in Spanien, nach einer Gruppenvergewaltigung und einem Suizidversuch querschnittgelähmt, entscheidet sich für den letzten Ausweg, den eine liberale Rechtsordnung bereithält: die Sterbehilfe. Ein Ereignis von erschütternder Tragweite, existenziell in jeder Hinsicht, ein Fall, der die Grundfragen menschlicher Würde, von Autonomie und Verzweiflung in ihrer reinsten Form berührt. Und doch: kaum ein Echo, kaum ein Aufschrei, kaum eine feuilletonistische Selbstvergewisserung.

Gleichzeitig entfaltet sich andernorts ein Pathos, das sich an vergleichsweise randständigen Figuren entzündet, deren biografische Dramen in epischer Breite ausgeleuchtet werden. Eine ehemalige Kulturministerin zeigt sich tief bewegt vom Schicksal einer medial bekannten Persönlichkeit, „weil da so viel Schmerz ist“. Man reibt sich die Augen: Ist Schmerz neuerdings eine Frage der Prominenz? Oder entscheidet die ideologische Kompatibilität darüber, welche Tränen gesellschaftlich legitim sind? Es scheint, als habe sich eine Hierarchie des Mitgefühls etabliert, in der das reale Leid nicht verschwindet, aber selektiv ausgeblendet wird, wenn es nicht in die dramaturgischen Erwartungen eines moralisch aufgeladenen Publikums passt.

Die Ästhetik des Wegsehens

Währenddessen berichten Polizeistatistiken – trocken, unaufgeregt, fast schon schamhaft – von einer konstanten Realität: sexuelle Gewalt, oft in Gruppen begangen, häufig unter jungen Tätern, nicht selten begleitet von einer bemerkenswerten Zurückhaltung im öffentlichen Diskurs. Fälle, in denen Opfer oder deren Umfeld zögern, Anzeige zu erstatten, „um niemanden zu stigmatisieren“, wirken wie aus einem dystopischen Theaterstück entnommen, dessen Autor beschlossen hat, die Logik zugunsten einer bitteren Pointe außer Kraft zu setzen. Doch es ist keine Fiktion, sondern eine soziale Praxis, die sich aus einer eigentümlichen Mischung aus moralischem Relativismus, Angst vor politischer Instrumentalisierung und einer fast religiösen Scheu vor klarer Benennung speist.

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Hier tritt ein paradoxes Schauspiel zutage: Die gleiche gesellschaftliche Sphäre, die sich in anderen Kontexten als kompromisslos anklagend präsentiert, verfällt in bemerkenswerte Zurückhaltung, sobald die Realität nicht mehr eindeutig in das gewünschte Weltbild passt. Die moralische Empörung, sonst ein zuverlässig sprudelnder Brunnen, versiegt plötzlich oder wird in andere, weniger unbequeme Kanäle umgeleitet. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass nicht das Unrecht selbst skandalisiert wird, sondern dessen politische Verwertbarkeit.

Die Moral als Modeaccessoire

Die sogenannte „woke“ Schickeria – ein Begriff, der längst mehr beschreibt als eine bloße politische Haltung, nämlich eine soziale Ästhetik, eine Art moralischen Lifestyle – hat es meisterhaft verstanden, Empathie zu einem distinktiven Merkmal zu stilisieren. Doch wie jedes Modeaccessoire unterliegt auch diese Empathie Trends, Konjunkturen und vor allem einer strengen Auswahl. Nicht jedes Leid eignet sich gleichermaßen zur Selbstinszenierung. Es muss anschlussfähig sein, teilbar, kommentierbar, idealerweise versehen mit einer klaren Täter-Opfer-Zuordnung, die keine kognitive Dissonanz erzeugt.

Wo diese Klarheit fehlt, wo die Realität sperrig wird, widersprüchlich, unbequem – dort zieht sich die moralische Pose diskret zurück. Man schweigt, relativiert, kontextualisiert, bis das ursprüngliche Ereignis in einem Nebel aus Erklärungen und Einordnungen verschwindet. „Komplexität“ wird zum rhetorischen Schutzschild, hinter dem sich eine bemerkenswerte Selektivität verbirgt. Es ist eine Komplexität, die nicht der Erkenntnis dient, sondern der Vermeidung.

Die Entleerung des Wertegefüges

Was hier sichtbar wird, ist weniger ein Verlust von Werten als deren Verschiebung. Das klassische Verständnis von Gerechtigkeit, das sich an universellen Maßstäben orientiert, wird zunehmend ersetzt durch ein situatives Moralsystem, das je nach Kontext unterschiedliche Maßstäbe anlegt. Diese Flexibilität wird oft als Fortschritt gefeiert, als Zeichen einer sensibleren, differenzierteren Gesellschaft. Doch sie hat ihren Preis: die Erosion von Verlässlichkeit.

Wenn das gleiche Verbrechen je nach Täterkonstellation unterschiedlich gewichtet wird, wenn das gleiche Leid je nach medialer Verwertbarkeit mehr oder weniger Aufmerksamkeit erhält, dann entsteht ein moralisches Klima, in dem nicht mehr klar ist, woran sich Urteile orientieren. Die Folge ist nicht etwa eine höhere Sensibilität, sondern eine zunehmende Zynisierung – allerdings nicht die produktive, aufklärerische Form des Zynismus, sondern eine resignative, die sich in Gleichgültigkeit übersetzt.

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Die Ironie der Empathie

Und so bleibt am Ende eine bittere Ironie: Eine Gesellschaft, die sich selbst als besonders empathisch versteht, entwickelt Mechanismen, die Empathie selektiv und strategisch einsetzen. Der Schmerz wird nicht geleugnet, sondern sortiert. Die Tragödie wird nicht bestritten, sondern gewichtet. Und während man sich in wohltemperierten Diskursräumen über die richtige Sprache, die korrekte Haltung und die angemessene Betroffenheit verständigt, geschehen draußen Dinge, die keiner semantischen Feinjustierung bedürfen, sondern einer klaren, unmissverständlichen Reaktion.

Vielleicht liegt die eigentliche Satire darin, dass all dies unter dem Banner einer gesteigerten moralischen Sensibilität geschieht. Eine Sensibilität, die so fein justiert ist, dass sie das Offensichtliche gelegentlich übersieht. Oder, um es mit einem leicht abgewandelten Bonmot zu sagen: Nicht das Fehlen von Mitgefühl ist das Problem, sondern dessen kuratorische Überformung. Und die hat, wie jede gute Inszenierung, ihre blinden Flecken.

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