Die große Amnesie der kleinen Republik

Es gehört zu den langlebigsten Legenden der politischen Folklore Mitteleuropas, dass Österreich nach 1945 gleichsam naturwüchsig zur Nation gereift sei – als hätte es nie eine andere Möglichkeit, ja nicht einmal einen anderen Wunsch gegeben. Diese Erzählung ist so bequem wie unerquicklich, denn sie verschweigt mit bewundernswerter Konsequenz, dass die Idee eines Anschlusses an Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg keineswegs das spleenige Steckenpferd einiger radikaler Außenseiter war, sondern ein erstaunlich breiter Konsens, getragen von jenen, die sich selbst als Speerspitze der Aufklärung verstanden.

Die am 12. November 1918 ausgerufene Republik Deutschösterreich war nicht nur ein Staat im Werden, sondern auch ein politisches Bekenntnis. Schon im Namen lag das Programm, und dieses Programm war alles andere als subtil. Es ging nicht um eine vorsichtige Annäherung, nicht um diplomatische Erwägungen oder kulturelle Sympathien – es ging um Vereinigung. Um „Großdeutschland“. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, die heute fast schon anmaßend wirkt, alldieweil sie so gar nicht in das gegenwärtige Selbstbild passen will.

Otto Bauer und die Fortschrittsgewissheit

Besonders unerquicklich für die nachträgliche Selbstvergewisserung ist die Rolle jener, die man heute gerne als moralische Autoritäten der Geschichte zitiert. Otto Bauer, jüdischer Sozialdemokrat, Intellektueller, Vordenker – eine Figur, die sich nicht ohne Weiteres in die simplen Kategorien späterer Jahrzehnte pressen lässt. Und doch steht da dieser Satz, mit einer Mischung aus Pathos und politischer Nüchternheit vorgetragen: „Großdeutschland ist unsere Zukunft.“

Man stelle sich die Szene vor: kein dumpfes Raunen am Rand, sondern Zustimmung aus der Mitte. Bauer sprach nicht gegen den Zeitgeist, sondern aus ihm heraus. Die Vereinigung mit Deutschland erschien als logische Konsequenz aus ökonomischer Vernunft, kultureller Nähe und politischer Orientierung. Ein kleines, verarmtes Restgebilde der Monarchie sollte sich nicht trotzig isolieren, sondern in einem größeren nationalen Rahmen aufgehen. Fortschritt, so glaubte man, vollziehe sich nicht im Rückzug, sondern in der Vereinigung.

Dass ausgerechnet ein jüdischer Sozialdemokrat diese Vision formulierte, wirkt aus heutiger Perspektive wie eine jener historischen Ironien, die man nur mit einem gewissen Maß an schwarzem Humor ertragen kann. Denn es entzieht sich jeder nachträglichen Simplifizierung. Hier spricht kein Nationalist im vulgären Sinne, sondern ein Vertreter einer internationalen Bewegung, der im Nationalen eine notwendige Zwischenstufe erkennt.

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Der Konsens, den man nicht mehr erinnern möchte

Es ist diese Breite des Konsenses, die heute so sorgfältig überdeckt wird. Die Vorstellung, dass Sozialdemokraten, Liberale und weite Teile der politischen Elite die Vereinigung mit Deutschland befürworteten, passt schlicht nicht in das nachträglich konstruierte Narrativ eines stets eigenständigen Österreichs. Man erinnert sich lieber an die Brüche als an die Kontinuitäten, lieber an die Katastrophen als an die vorhergehenden Selbstverständlichkeiten.

Dabei war der Wunsch nach Anschluss nicht nur politisch artikuliert, sondern auch gesellschaftlich verankert. Volksabstimmungen in einzelnen Regionen zeigten deutliche Mehrheiten, politische Programme formulierten die Vereinigung als Ziel, und selbst internationale Beobachter nahmen diese Entwicklung als gegeben hin – bis die Siegermächte des Ersten Weltkriegs entschieden, dass diese Form der Selbstbestimmung gerade nicht zur Anwendung kommen sollte.

So entstand ein Staat, der von Beginn an unter einem eigentümlichen Vorbehalt stand: gewollt von außen, aber innerlich oft als Provisorium empfunden. Eine Republik wider Willen, die sich erst langsam daran gewöhnen musste, dass sie existieren sollte.

Die nachträgliche Moralordnung

Die Gegenwart jedoch liebt klare Linien, eindeutige Schuldzuweisungen und moralisch saubere Biografien. In diesem Bedürfnis nach Ordnung wird die Vergangenheit gerne zurechtgestutzt, bis sie in das gewünschte Raster passt. Der Anschlussgedanke wird dann rückwirkend mit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts aufgeladen, als hätte es eine direkte, zwangsläufige Linie von den Debatten der Jahre 1918 und 1919 zu den Verbrechen späterer Jahrzehnte gegeben.

Diese Verkürzung ist nicht nur historisch fragwürdig, sondern auch intellektuell unerquicklich. Sie ersetzt Analyse durch Moral, Kontext durch Urteil. Wer damals für „Großdeutschland“ eintrat, tat dies nicht im Wissen um das, was kommen sollte, sondern im Horizont seiner Zeit. Ein Horizont, der von wirtschaftlicher Not, politischer Unsicherheit und dem Bedürfnis nach Stabilität geprägt war.

Otto Bauer und seine Zeitgenossen erscheinen so weniger als Vorboten späterer Entwicklungen denn als Akteure in einer offenen Situation, deren Ausgang keineswegs feststand. Dass man ihnen heute mit einer Mischung aus Befremden und moralischer Überlegenheit begegnet, sagt womöglich mehr über die Gegenwart aus als über die Vergangenheit.

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Die Ironie der späten Nation

Am Ende bleibt eine eigentümliche Ironie: Österreich, das sich heute so selbstbewusst als eigenständige Nation versteht, musste diese Identität erst mühsam erlernen – gegen die ursprünglichen Intentionen vieler seiner Gründungsfiguren. Die Nation entstand nicht aus einem klaren Willensakt, sondern aus einer Reihe von Verhinderungen, Brüchen und nachträglichen Anpassungen.

Dass dieser Prozess heute als selbstverständlich erscheint, ist vielleicht der größte Erfolg der kollektiven Erinnerung – oder ihre eleganteste Täuschung. Denn unter der glatten Oberfläche der nationalen Erzählung liegt eine Geschichte, die deutlich weniger eindeutig ist, als man es gerne hätte. Eine Geschichte, in der „Großdeutschland“ nicht das Schreckgespenst der späteren Rückschau war, sondern für viele eine plausible, ja wünschenswerte Zukunft.

Und so bleibt der Satz Otto Bauers im Raum stehen, leicht patiniert vom Staub der Geschichte, aber keineswegs bedeutungslos geworden. „Großdeutschland ist unsere Zukunft.“ Ein Satz, der heute irritiert, weil er daran erinnert, dass Vergangenheit selten so ordentlich ist, wie es die Gegenwart gerne hätte – und dass selbst die überzeugtesten Fortschrittsdenker gelegentlich auf Pfaden wandeln, die später mit einem gewissen Unbehagen betrachtet werden.

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