Die Freiheit, die keiner mehr hören will

„Zur Aufklärung wird nichts erfordert als Freiheit – nämlich die, von seiner Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machen.“ So notierte Immanuel Kant einst, in einer Zeit, in der die Zumutung des Denkens noch als Fortschritt galt und nicht als Störung des Betriebsablaufs. Heute hingegen wirkt dieser Satz wie eine höfliche Beleidigung des Zeitgeistes, der sich seine Vernunft lieber in mundgerechten Portionen von algorithmisch kuratierten Erregungszyklen servieren lässt. Freiheit? Gewiss – solange sie nicht die eigene Bequemlichkeit tangiert. Öffentlicher Gebrauch der Vernunft? Nur bitte nicht öffentlich genug, um Widerspruch zu provozieren. Man möchte schließlich „Haltung zeigen“, ohne sie allzu sehr begründen zu müssen.

Die Lage, so heißt es nun, sei ernst. Das ist jene Phrase, die zuverlässig immer dann hervorgeholt wird, wenn das Offensichtliche zu lange ignoriert wurde und sich nun nicht mehr mit semantischem Nebel überdecken lässt. Ernst ist die Lage, weil sich die politischen Lager wie schlecht gelaunte Theatertruppen gegenseitig ihre Texte aus der Hand schlagen, während das Publikum längst das Gebäude verlässt. Ernst ist sie auch, weil Begriffe wie „liberal“, „links“ und „rechts“ mittlerweile weniger Orientierung bieten als ein Kompass in einem Magnetfeld aus Selbsttäuschung und moralischer Überheblichkeit. Und dennoch – oder gerade deshalb – wird vorgeschlagen, dass sich „wirklich Liberale“, „wirklich Linke“ und sogar die notorisch in Anführungszeichen gesetzten „Rechten“ zusammenschließen sollten. Ein Gedanke, der so ketzerisch ist, dass er fast schon wieder vernünftig wirkt.

Die große Koalition der Unzufriedenen

Man stelle sich dieses Bündnis vor wie ein Bankett, bei dem niemand dem anderen traut, aber alle plötzlich feststellen, dass die Küche in Flammen steht. Der Liberale, der einst glaubte, Freiheit bedeute vor allem die Deregulierung des eigenen Vorteils, entdeckt plötzlich seine Sorge um Meinungsfreiheit – allerdings erst, seit diese auch für andere gelten soll. Der Linke, der sich lange in der moralischen Überlegenheit seiner Anliegen sonnte, beginnt zu ahnen, dass moralische Gewissheit kein Ersatz für funktionierende Institutionen ist. Und die „Rechten“, deren Rolle im öffentlichen Diskurs oft auf die des nützlichen Schreckgespensts reduziert wurde, sehen sich paradoxerweise in der Position, auf Grundrechte zu pochen, die sie selbst nicht immer mit größter Konsequenz verteidigt haben.

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Es ist ein unerquicklich komisches Schauspiel: Alle Beteiligten haben sich über Jahre hinweg darin geübt, einander nicht zuzuhören, und sollen nun plötzlich gemeinsam sprechen. „Man kann doch nicht mit denen!“ lautet das empörte Argument, das in seiner intellektuellen Eleganz etwa dem Hinweis entspricht, dass Wasser nass sei. Natürlich kann man nicht – solange man nicht will. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob diese Gruppen kompatibel sind, sondern ob die Alternative – nämlich die schleichende Errichtung einer Dystopie mit freundlichem Interface – tatsächlich vorzuziehen ist.

Die Dystopie im Komfortmodus

Denn diese Dystopie, vor der gewarnt wird, trägt keinen martialischen Stiefel, sondern bequeme Turnschuhe. Sie kommt nicht als offener Zwang, sondern als sanfte Lenkung daher, als „Nudge“, als wohlmeinende Einschränkung im Dienste eines höheren Ziels, das zufällig immer gerade so definiert ist, dass es die Einschränkung rechtfertigt. „Es geht doch nur um Sicherheit“, „nur um Schutz“, „nur um Verantwortung“ – jene kleinen Worte, die wie Sedativa wirken und die Bereitschaft fördern, den eigenen Verstand in eine Art freiwillige Quarantäne zu schicken.

In diesem Klima wird Kants Forderung nach dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft zur subversiven Handlung. Wer argumentiert, statt zu empören, gilt schnell als verdächtig. Wer differenziert, statt zu vereinfachen, als unzuverlässig. Und wer gar versucht, Brücken zwischen den Lagern zu schlagen, riskiert, von allen Seiten gleichzeitig beschossen zu werden – ein seltenes Privileg, das nur den wirklich Unbequemen zuteilwird.

Die Zumutung der Gemeinsamkeit

Der Vorschlag, dass sich unterschiedliche politische Strömungen zusammenschließen sollten, ist daher weniger ein strategischer Masterplan als eine Zumutung. Er verlangt, dass man den eigenen Narzissmus zugunsten eines gemeinsamen Interesses zurückstellt – ein Opfer, das im politischen Betrieb ungefähr so populär ist wie Steuererhöhungen im Wahlkampf. Er verlangt ferner, dass man anerkennt, dass der Gegner nicht notwendigerweise der Feind ist, sondern möglicherweise nur jemand, der sich in anderen Punkten irrt – eine Unterscheidung, die in Zeiten moralischer Totalmobilmachung fast schon revolutionär wirkt.

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Und doch liegt gerade in dieser Zumutung eine eigentümliche Hoffnung. Denn wenn es gelingt, die ideologischen Reflexe zumindest zeitweise zu suspendieren, könnte etwas entstehen, das man lange für ausgestorben hielt: ein echter öffentlicher Diskurs. Einer, in dem Argumente mehr zählen als Zugehörigkeiten, in dem Widerspruch nicht als Angriff, sondern als Einladung verstanden wird, und in dem Freiheit nicht als dekoratives Schlagwort dient, sondern als ernsthafte Verpflichtung.

Die Ironie der Vernunft

Es wäre allerdings naiv, diesen Prozess ohne Ironie zu betrachten. Die Vorstellung, dass ausgerechnet jene Gruppen, die sich am lautesten über einander empören, plötzlich zu Kooperationspartnern werden, hat einen gewissen absurden Charme. Es ist, als würde man erwarten, dass rivalisierende Operndiven gemeinsam ein Duett singen, ohne sich gegenseitig die hohen Töne zu sabotieren. Und doch – manchmal zwingt die Realität zu genau solchen unwahrscheinlichen Arrangements.

Vielleicht liegt gerade in dieser Ironie eine Chance. Denn sie entlarvt die Selbstgewissheiten, die jede Seite für unerschütterlich hielt, als das, was sie oft sind: bequeme Konstruktionen, die sich unter dem Druck der Wirklichkeit erstaunlich schnell auflösen. Wenn Liberale, Linke und „Rechte“ tatsächlich beginnen, miteinander zu sprechen, könnte sich herausstellen, dass die Unterschiede zwar real, aber nicht unüberwindbar sind – und dass die Gemeinsamkeiten, so unerquicklich sie im Detail auch sein mögen, ausreichen, um zumindest das Schlimmste zu verhindern.

Ein Vorschlag, der keiner sein will

Am Ende bleibt dieser Vorschlag – der Zusammenschluss der ideologisch Entfremdeten – ein paradoxes Gebilde. Er ist zugleich offensichtlich und undenkbar, notwendig und unerquicklich, rational und politisch riskant. Seine Stärke liegt gerade darin, dass er keine perfekte Lösung verspricht, sondern lediglich eine mögliche Strategie darstellt, um den fortschreitenden Verlust jener Freiheit aufzuhalten, die Kant einst als Voraussetzung der Aufklärung beschrieb.

Es wäre also eine bemerkenswerte Pointe der Geschichte, wenn ausgerechnet in einer Zeit, die sich so gerne als aufgeklärt versteht, die Rückbesinnung auf diese einfache Einsicht als radikal gelten müsste. Und vielleicht, ganz vielleicht, besteht die eigentliche Hoffnung darin, dass die Lage irgendwann so ernst wird, dass man sich den Luxus der Unvernunft schlicht nicht mehr leisten kann. Bis dahin bleibt nur die leise, beinahe unverschämte Idee, dass Denken – echtes, öffentliches, widersprüchliches Denken – immer noch eine subversive Kraft besitzt.

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