Die Anatomie der Unfehlbarkeit

Es gehört zu den liebgewonnenen Mythen der Moderne, dass Fortschritt zwangsläufig auch Reife bedeutet habe. Eine zärtliche Illusion, fast rührend in ihrer Naivität, wie ein Kind, das glaubt, ein Laborkittel sei automatisch ein Beweis für Weisheit. Tatsächlich jedoch scheint sich hinter den glänzenden Fassaden von Wissenschaft, Politik, Militär, Medien und Showbusiness eine weitaus unerquicklichere Konstante zu verbergen: die erstaunliche Resistenz des Menschen gegenüber Selbstzweifel, gepaart mit einer geradezu heroischen Hingabe an die eigene Unfehlbarkeit. „Irren ist menschlich“, heißt es milde, doch manche scheinen diese Regel so konsequent zu delegieren, dass sie ausschließlich für andere gilt.

Die brandgefährliche Mischung aus Arroganz, Ignoranz und Macht bildet dabei kein Betriebsunfall, sondern eher eine systemimmanente Eigenschaft. Arroganz liefert die Überzeugung, ohnehin recht zu haben; Ignoranz sorgt dafür, dass störende Gegenargumente gar nicht erst wahrgenommen werden; und Macht garantiert schließlich, dass beides folgenlos bleibt – zumindest für die Verursacher. „Wer nichts weiß, muss alles glauben“, schrieb einst Marie von Ebner-Eschenbach, doch im 21. Jahrhundert scheint sich eine subtilere Variante durchgesetzt zu haben: Wer viel glaubt, hält sich für allwissend.

Die Ästhetik der Gewissheit

Besonders faszinierend ist die ästhetische Dimension dieser Selbstgewissheit. Sie tritt selten als plumpe Borniertheit auf, sondern bevorzugt elegante Gewänder: den technokratischen Jargon, die moralische Empörung, die strategische Notwendigkeit oder den vermeintlichen Konsens der „Experten“. Die Sprache wird dabei zum Schutzschild, zum Nebelwerfer und zur Eintrittskarte in eine Welt, in der Zweifel als Schwäche gilt und Komplexität als lästige Fußnote.

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, bemerkte Ingeborg Bachmann – ein Satz, der in vielen Entscheidungsetagen offenbar als Provokation verstanden wird. Denn Wahrheit hat die unangenehme Eigenschaft, widersprüchlich zu sein, unordentlich, oft unerquicklich. Gewissheit hingegen ist glatt, präsentabel und vor allem: bequem. Sie erlaubt Entscheidungen ohne Reue und Fehler ohne Verantwortung, solange nur die Inszenierung stimmt.

So entsteht eine eigentümliche Theaterlandschaft, in der jede Rolle bereits vorab geschrieben ist. Der Wissenschaftler erklärt mit ernster Miene, was alternativlos sei. Der Politiker verkündet mit staatsmännischem Ton, was ohnehin beschlossen wurde. Der General spricht von „notwendigen Maßnahmen“, und der Medienkommentator liefert die passende moralische Einordnung. Und irgendwo im Hintergrund applaudiert das Showbusiness, weil es gelernt hat, dass jede Tragödie auch eine Bühne braucht.

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Der Narzissmus als Betriebssystem

Der Narzissmus, einst ein eher klinischer Begriff, hat sich inzwischen zum Betriebssystem ganzer Institutionen entwickelt. Er äußert sich nicht nur in Eitelkeit oder Selbstverliebtheit, sondern in einer tieferliegenden Struktur: der Unfähigkeit, sich selbst als fehlbar zu begreifen. „Ich habe mich nie geirrt“, ist dabei weniger eine Aussage als ein Lebensentwurf.

In einer solchen Umgebung wird Kritik nicht als Korrektiv verstanden, sondern als Angriff. Wer widerspricht, gilt schnell als inkompetent, illoyal oder schlicht störend. Die Folge ist eine bemerkenswerte Homogenisierung des Denkens, die paradoxerweise gerade dort entsteht, wo Vielfalt und Offenheit proklamiert werden. „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt“, könnte man mit Karl Valentin seufzen – nur dass diese Einsicht meist erst einsetzt, wenn die Konsequenzen nicht mehr zu übersehen sind.

Die eigentliche Tragik liegt jedoch darin, dass dieser Narzissmus selten isoliert auftritt. Er vernetzt sich, verstärkt sich gegenseitig, bildet Echokammern, in denen sich jede Gewissheit selbst bestätigt. So entsteht ein System, das sich selbst immunisiert hat – gegen Zweifel, gegen Kritik und letztlich gegen die Realität.

Die Katastrophe als logische Konsequenz

Es wäre verführerisch, die daraus resultierenden Krisen als überraschende Ausnahmen zu betrachten, als unglückliche Verkettungen von Umständen. Doch in Wahrheit sind sie oft die logische Konsequenz eines Systems, das strukturell auf Selbstüberschätzung basiert. „Am Anfang war das Wort, am Ende das Gerücht“, könnte man zynisch anmerken – dazwischen liegt meist eine Reihe von Entscheidungen, die nie hinterfragt wurden.

Die Katastrophe kommt selten mit Paukenschlag. Sie schleicht sich ein, gut begründet, sorgfältig geplant, begleitet von beruhigenden Erklärungen und wohlklingenden Prognosen. Und wenn sie schließlich eintritt, ist die Überraschung groß – nicht etwa über das Ereignis selbst, sondern darüber, dass jemand es hätte vorhersehen können. „Niemand konnte das ahnen“, lautet dann die Standardformel, eine Art institutionalisierte Amnesie.

Dabei wäre die Diagnose durchaus möglich gewesen. Die Symptome lagen offen zutage: die Selbstgewissheit, die Abwehr von Kritik, die Konzentration von Macht. Doch sie wurden entweder übersehen oder bewusst ignoriert – was letztlich auf dasselbe hinausläuft.

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Ein Augenzwinkern im Abgrund

Und doch bleibt, bei aller Schärfe der Analyse, ein Rest von Ironie. Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Tragik und Komik, die das Ganze so schwer erträglich und zugleich so faszinierend macht. Der Mensch, ausgestattet mit beeindruckenden Fähigkeiten und grenzenloser Kreativität, scheitert nicht selten an der einfachsten aller Aufgaben: sich selbst ernsthaft zu hinterfragen.

„Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“, schrieb Friedrich Schiller, doch möglicherweise wäre es hilfreicher, weniger von Dummheit als von Selbstüberschätzung zu sprechen. Denn sie tritt oft dort auf, wo Intelligenz vorhanden ist – nur eben ohne die begleitende Demut.

So bleibt am Ende das Bild einer Gesellschaft, die sich selbst für aufgeklärt hält und gerade deshalb blind ist für ihre eigenen Schattenseiten. Ein durchaus tragikomisches Szenario, das sich irgendwo zwischen Hochglanz und Abgrund abspielt – und das, bei aller Polemik, eine leise Hoffnung offenlässt: dass Erkenntnis vielleicht doch noch möglich ist, wenn auch vermutlich erst nach dem nächsten, sorgfältig vorbereiteten Desaster.

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