Der Winter ist kein Gefühl, sondern ein Lastprofil

Europa hat sich angewöhnt, den Winter wie eine unangenehme Meinung zu behandeln: Man kann sie ignorieren, bis sie einen plötzlich beim Diskutieren am Frühstückstisch anspringt und nach Fakten riecht. Und Fakten sind in der energiepolitischen Gegenwart ungefähr so beliebt wie ein ehrlicher Kassenbon nach einem spontanen Shoppingrausch. Jahrzehntelang hat man uns erzählt, Wind und Sonne machten den Strom frei, leicht, sauber und im Idealfall sogar moralisch überlegen. Wind und Sonne, hieß es, „schicken keine Rechnung“. Inzwischen sieht es so aus, als hätten sie nicht nur eine Rechnung geschickt, sondern gleich ein Inkassobüro beauftragt, das jeden Winter pünktlich vor der Tür steht, geschniegelt, geschniegelt im grünen Gewand, und freundlich lächelnd fragt, ob wir denn noch einmal kurz über „gesicherte Leistung“ sprechen könnten. Dieser Begriff, der so unerquicklich technokratisch klingt, ist in Wahrheit der Name eines sehr alten Gottes: Verlässlichkeit. Und Verlässlichkeit ist das Einzige, was im Winter nicht optional ist. Wenn es dunkel ist, wenn es kalt ist, wenn die Heizungen röhren, die Industrie nicht schlafen kann und die Bevölkerung das Grundrecht auf warme Radiatoren entdeckt, dann zählt nicht die poetische Idee, dass irgendwo ein Windrad sich gut fühlt. Dann zählt Strom. Jetzt. Und zwar nicht als Pinterest-Moodboard der Energiewende, sondern als physikalisches Ereignis in der Steckdose.

Europa, und damit auch Österreich, erlebt derzeit eine kleine, hässliche Wahrheit: Ohne Atomkraftexporte ist der europäische Winterbetrieb „undenkbar“. Dieses Wort ist besonders hübsch, weil es so klingt, als sei es eine Frage der Fantasie. Dabei ist es ein Hinweis darauf, dass die Fantasie längst die Hauptplanungsinstanz geworden ist. „Undenkbar“ heißt nicht: Wir wollen nicht. Es heißt: Es geht nicht. Und das ist der Moment, in dem eine energiepolitische Erzählung vom Disneyfilm in die Bedienungsanleitung eines Notstromaggregats kippt. Denn an dunklen, windstillen Wintertagen – an diesen herrlich deprimierenden Tagen, an denen das Land aussieht wie ein Schwarzweißfoto und der Himmel wie ein schlecht gelaunter Beamter – fällt die Produktion aus Photovoltaik und Wind „nahezu null“. Nahezu null ist dabei die höfliche Formulierung. In der Praxis ist es oft so, als hätte man einen gigantischen Apparat gebaut, der zwar hervorragend darin ist, bei idealem Wetter Strom zu produzieren, aber bei schlechtem Wetter eine Art philosophische Pause einlegt. Und im Winter, man verzeihe, ist das Wetter in Europa nicht selten… nicht ideal.

Die „österreichische Brille“ und der Mythos der universellen Vernunft

Österreich hat eine besondere Begabung: Es hält seine moralischen Positionen gern für die natürliche Weltordnung. Es ist eine charmante Eigenschaft, irgendwo zwischen Alpenromantik und Verwaltungsstaat, wie ein Dorfpfarrer, der fest davon überzeugt ist, dass die gesamte Welt heimlich katholisch ist und nur noch nicht dazu gekommen ist, es auszusprechen. Man neigt dazu, durch die „österreichische Brille“ zu glauben, alle würden so denken wie Wien. Und Wien, das ist in energiepolitischen Fragen oft weniger Hauptstadt als Theaterbühne: Hier werden die großen Gefühle gespielt, die großen Gesten, die großen Empörungen. Atomkraft? Pfui. Gas? Böse. Kohle? Barbarisch. Wind und Sonne? Heilige. Nur: Der Strommarkt Europas ist kein Wiener Gemeinderat, und Physik ist keine Diskussionsveranstaltung mit anschließender Vernissage.

Während Österreich sich gern in der Rolle des moralisch integren Kernkraftverächters gefällt, betreiben andere Länder ganz profan ihre Kraftwerke. Frankreich etwa, das Land, das seit Jahrzehnten das Modell „Wir machen Strom, weil wir ihn brauchen“ praktiziert. Oder Tschechien, das sich ebenfalls nicht von der Idee trennen will, dass Versorgungssicherheit eine reale Kategorie ist und nicht nur ein rhetorisches Accessoire. Europas Netz ist verbunden, die Märkte sind gekoppelt, die Winter sind kalt, und wenn irgendwo in Mitteleuropa das Licht anbleiben soll, dann ist es herzlich egal, ob der Strom gerade aus einem Wasserkraftwerk kommt, aus einem Windpark oder aus einem Kernreaktor, solange er kommt. Und im Winter kommt er eben auffällig oft aus Kernenergie. Österreich importiert physikalisch im Winter Strom, in dem Atomstrom enthalten ist, und das wird „auf absehbare Zeit“ so bleiben. Das ist nicht schön für das Selbstbild, aber Selbstbilder sind kein Energieträger.

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Atomstrom im Winter gebraucht wird. Der eigentliche Skandal ist die gepflegte Überraschung darüber. Als hätte man jahrelang ein Haus ohne Dach gebaut, voller Begeisterung über die schönen Fenster, und dann im November festgestellt, dass Regen irgendwie eine aggressive Haltung gegenüber offenen Wohnkonzepten entwickelt.

TIP:  Eine FPÖ-SPÖ-Regierung für Österreich

Wind und Sonne schicken doch eine Rechnung, sie sind nur sehr kreativ beim Zustellen

Die Energiekrise, in der Österreich und Europa gelandet sind, ist ein Lehrstück darüber, wie man ein System missversteht, während man es gleichzeitig umbaut. Politisch lag der Fokus stark auf dem Ausbau der Erneuerbaren. Das ist nachvollziehbar, es ist populär, es ist visuell, es lässt sich in Luftbildern gut verkaufen. Ein Windpark sieht aus wie Fortschritt. Ein Netzausbau sieht aus wie Baustelle. Und zwischen Fortschritt und Baustelle entscheidet die Politik ungefähr so zuverlässig wie ein Kind zwischen Brokkoli und Eis. Während also fleißig Photovoltaikflächen in die Landschaft geklebt wurden wie Sticker auf einen Koffer, blieb der Netzausbau zu langsam. Man glaubte, das Netz sei so etwas wie ein passives Rohrsystem: Man kippt oben Strom hinein, unten kommt er raus, fertig. In Wahrheit ist das Netz ein hochsensibles, anspruchsvolles Wesen, das bei jeder Laune von Wind und Sonne murrt und, wenn man es überfordert, sehr schnell in die Kategorie „Engpassmanagement“ übergeht, diese elegante Umschreibung für: Wir müssen mit hohem Aufwand reparieren, was wir mit Planung hätten vermeiden können.

Mit dem Gedanken „Wind und Sonne schicken keine Rechnung“ hat man sich in diese Situation hineinmanövriert. Man hat unterschätzt, dass volatile Erzeugung nicht einfach „mehr Strom“ ist, sondern eine komplett andere Art von Strom: Strom, der kommt, wenn er will. Strom, der in einer Stunde im Überfluss vorhanden ist und in der nächsten so rar wie Anstand auf Twitter. Und wenn man diese Volatilität ins System kippt, ohne Netze, Speicher, Digitalisierung und Flexibilität im gleichen Tempo mitzuziehen, dann baut man keinen Fortschritt, sondern einen Stressgenerator. Ein modernes Stromsystem ist kein Kindergeburtstag, bei dem man immer mehr Gäste einlädt und hofft, dass sich die Küche schon irgendwie selbst organisiert. Es ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel. Wer nur den Ausbau der Erneuerbaren feiert, ohne das Fundament zu verstärken, macht Energiepolitik wie jemand, der sein Auto tunen will, aber die Bremsen für „überbewertet“ hält.

Politisch ist „erst umgeschwenkt“ worden, als die Defizite schon sichtbar waren. Natürlich. Politik ist selten vorausschauend, sie ist reaktiv, wie ein Mensch, der nur dann zum Zahnarzt geht, wenn der Schmerz bereits eine Persönlichkeit entwickelt hat. Doch diese Defizite aufzuholen dauert. Und es kostet. Und wenn es kostet, beginnt die nächste Lieblingsdisziplin Europas: die Suche nach Schuldigen, die bitte nicht im eigenen Programmheft stehen.

Solarstrom ohne Wert und der subventionierte Triumph des Nutzlosen

Besonders köstlich ist die Episode „Solarstrom ohne Wert“. Sie klingt wie ein dadaistisches Kunstprojekt: Man produziert etwas, das genau dann in Massen anfällt, wenn es niemand braucht, und nennt das Fortschritt. Im Jahr 2025 fielen rund 24 Prozent der PV-Erzeugung in Stunden, in denen der Strompreis null oder negativ war. Kurz: Ein Viertel der Zeit fördern wir ein Produkt, das am Markt keinen Wert hat. Das ist eine Leistung. Es ist wie die Subventionierung von Sand in der Wüste oder von Regen in Irland. Nicht weil Photovoltaik an sich unsinnig wäre – im Gegenteil, sie ist technologisch elegant und ökologisch hilfreich –, sondern weil das System so gestaltet ist, dass es Produktion belohnt, unabhängig davon, ob sie in diesem Moment einen Nutzen stiftet.

Fördermodelle, die reine Erzeugung prämieren, sind der perfekte Nährboden für eine Art energetischen Ablasshandel. Man zahlt für das gute Gewissen, nicht für den Beitrag zur Systemstabilität. Und während die einen sich feiern, weil sie „grünen Strom“ produzieren, zahlen die anderen die Zeche, weil irgendwo im Hintergrund teure Regelenergie bereitgestellt werden muss, Netze überlastet sind oder Strom abgeregelt wird, weil er schlicht nicht transportiert oder nicht gebraucht werden kann. Die Rechnung landet dann nicht bei Wind und Sonne – die schicken sie ja angeblich nicht –, sondern bei Haushalten und Betrieben. Der Strompreis wird zur moralischen Umlage, und irgendwann wird aus der Energiewende ein Gesellschaftstest: Wer kann sich die Tugend leisten?

Der zynische Witz daran ist, dass das System damit eine groteske Priorität setzt: Es belohnt das Sichtbare, nicht das Nützliche. Ein neuer PV-Park ist ein Foto. Ein neuer Speicher ist ein technisches Detail. Eine neue Leitung ist ein politisches Risiko. Und Flexibilität – also Lastmanagement, variable Tarife, Digitalisierung – ist so unromantisch, dass man es lieber als Fußnote behandelt. So entsteht eine Energiewelt, in der wir zwar stolz auf die installierte Leistung sind, aber im Winter trotzdem nervös aufs Thermometer schauen wie ein Student auf die letzte Prüfungsfrage.

TIP:  Der Flüchtlingsstatus, der nicht sterben wollte

Eine Milliarde pro Jahr und der Preis der selbstgewählten Blindheit

Die Energiepolitik hat eine unangenehme Eigenschaft: Sie kann sich lange wie Ideologie anfühlen, bis sie plötzlich als Rechnung aufschlägt. Die Ineffizienzen werden inzwischen quantifiziert, und Zahlen sind bekanntlich der Moment, in dem Satire kurz still wird, weil die Realität bereits den besseren Witz erzählt. Ein zentraler Block ist der Preisunterschied zwischen Österreich und Deutschland. 2025 betrug die Differenz im Schnitt 9,6 Euro pro MWh. Bei rund 70 TWh Verbrauch ergibt das rund 650 Millionen Euro Mehrkosten. Dazu kommen etwa 100 Millionen Euro aus Engpassmanagement, plus weitere Ineffizienzen. In Summe rund eine Milliarde Euro pro Jahr.

Eine Milliarde ist eine hübsche Zahl, weil sie groß genug ist, um jeden Politiker kurzfristig nervös zu machen, aber abstrakt genug, um trotzdem keine Konsequenz zu erzwingen. Eine Milliarde klingt nach „ja, das ist viel“, und endet oft bei „aber wir müssen auch die Ziele erreichen“. Die Ziele, ja. Nur: Ziele sind keine Strategie. Ziele sind Wunschzettel. Strategie ist das, was man tut, wenn man akzeptiert, dass die Welt sich nicht nach moralischen Leitbildern richtet, sondern nach Naturgesetzen, Infrastruktur und Mathematik.

Und dann gibt es diese wunderbare Alltagsszene, fast schon ein kleines Drama im Stil der modernen Verwaltungstragödie: „Letzten Montag hatten wir in Österreich rund 20 Millionen Euro an Mehrkosten, da wir nicht in der Lage waren, den billigen Strom aus Deutschland hereinzuholen.“ Nicht weil der Strom nicht da gewesen wäre. Sondern weil die Netzinfrastruktur den Transport nicht hergibt. Das ist die perfekte Metapher für das energiepolitische Zeitalter: Das Angebot existiert, der Bedarf existiert, die Verbindung existiert theoretisch auch – aber praktisch scheitert alles an der Realität von Leitungen, Genehmigungen, Kapazitäten. Andere Länder sichern sich den günstigen Strom, Österreich kann ihn oft nicht nutzen. Man steht also neben dem Buffet, hungrig, mit dem richtigen Ticket, und kommt nicht an den Teller, weil der Gang zu schmal ist. Dann zahlt man im Nebenraum das doppelte Menü und erklärt sich hinterher, dass Autarkie eine tolle Idee wäre.

Autarkie, dieses romantische Hobby der Wohlstandsregionen

Energieautarkie ist eines dieser Wörter, die sich anfühlen wie Selbstbestimmung und nach Freiheit klingen, aber in Wahrheit oft nur eine sehr teure Variante von Einsamkeit sind. Österreich „autark“ zu machen, wäre „der falsche Weg“, weil es das System „massiv verteuern“ würde. Und das ist logisch, sobald man sich dazu durchringt, Logik zu verwenden. PV liefert im Winter zu wenig. Die Wasserführung ist an kalten Jännertagen schwach. Wind ist nicht garantiert. Biomasse hat Grenzen. Speicher sind teuer und technisch nicht im Wunschmaßstab verfügbar. Österreich wird also auch künftig auf Importe angewiesen bleiben, schon allein, weil Geografie keine Verhandlungsmasse ist.

Der moderne, erwachsene Begriff wäre nicht Autarkie, sondern Souveränität. Das klingt weniger nach Selbstversorgerhütte und mehr nach funktionierender Einbindung in ein System, das Risiken verteilt und Vorteile nutzbar macht. Souveränität heißt: diversifizierte, verlässliche Quellen, ein Binnenmarkt, der funktioniert, und Netze, die diesen Markt tatsächlich zugänglich machen. Denn was nützt einem der schönste europäische Strommarkt, wenn man ihn an der Grenze nicht hineinbekommt? Dann ist man wie jemand mit EU-Roaming, der im Funkloch wohnt.

Für den Industriestandort ist zentral, sich mit ausreichenden Netzkapazitäten den Zugang zu den günstigsten Energiequellen Europas zu sichern. Wer ernsthaft glaubt, man könne in einer vernetzten Welt Wohlstand sichern, indem man sich energetisch in die Alpen einmauert, hat entweder ein sehr romantisches Bild von Wirtschaft oder ein sehr zynisches Bild von Arbeitsplätzen.

Netze, Genehmigungen und die große österreichische Sportart: Verzögerung

Die APG arbeitet mit einem 10-Jahres-Netzentwicklungsplan, der in der aktuellen Version (Plan 2025) rund 9 Milliarden Euro Investitionen ins Übertragungsnetz in zehn Jahren vorsieht. Das klingt beeindruckend, wie eine Zahl, die man in einer Pressekonferenz gut neben ein Roll-up stellen kann. Aber selbst das ist nur ein Teil der Wahrheit. Für das Gesamtziel braucht es darüber hinaus massive Investitionen in Verteilernetze, Erneuerbare und Speicher. Kurz: Man muss nicht nur neue Quellen bauen, sondern auch die Wege, auf denen die Energie zu den Menschen gelangt. Das ist so banal, dass es weh tut, und doch ist es politisch ein Minenfeld.

TIP:  POST N° 700

Hoffnungen ruhen auf Reformen wie dem ElWG, auf variablen Tarifen, Digitalisierung, Spitzenkappung. Alles richtige Stichworte, die sich nach Zukunft anhören. Aber entscheidend für Tempo sind am Ende die Genehmigungsregeln, die UVP, die rechtlichen Prozesse, die Einsprüche, die Bürgerinitiativen, die lokale Empörung, das ewige „Not in my backyard“. Man könnte sagen: Europa hat die Energiewende nicht nur an der Physik vorbeigeplant, sondern auch an der Psychologie. Jeder will Klimaschutz, aber bitte ohne Leitungen. Jeder will billigen Strom, aber bitte ohne Umspannwerk. Jeder will Versorgungssicherheit, aber bitte ohne sichtbare Infrastruktur. Es ist ein Wunschkonzert mit Orchestergraben, nur dass niemand die Noten lesen will.

Politisch bräuchte es ein klares Bekenntnis zu Infrastruktur. Nicht als Lippenbekenntnis, sondern als Priorität, die Konflikte aushält. Denn Netze sind nicht sexy, sie sind nicht moralisch aufladbar, sie liefern keine Instagram-tauglichen Sonnenuntergänge. Aber sie sind das, was die Energiewende überhaupt erst real macht. Ohne Netze bleibt alles eine sehr schöne Idee auf PowerPoint. Und PowerPoint, so viel sei gesagt, hat noch nie ein Land durch einen windstillen Jänner gebracht.

Die große Pointe: Wer den Winter will, muss die Wirklichkeit akzeptieren

Wer Versorgungssicherheit im Winter will, kommt in Europa derzeit an Atomstrom nicht vorbei. Das ist nicht die Einladung zur kernenergetischen Wiederauferstehung als Religionsersatz, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Und wer billigen Strom will, braucht Netze, nicht Wunschdenken. Wer Milliardenkosten vermeiden will, muss endlich das ganze System planen: Erzeugung, Netze, Speicher, Flexibilität. Nicht nur neue PV-Flächen, nicht nur neue Ziele, nicht nur neue moralische Selbstvergewisserung.

Die Energiewende ist kein Gedichtband. Sie ist ein Ingenieurprojekt unter politischen Bedingungen, und das ist vielleicht die schwierigste Kombination, die unsere Zivilisation je erfunden hat. Denn Politik liebt Symbole, und Technik liebt Funktionen. Politik liebt das „Wir wollen“, Technik fragt „Wie genau“. Politik liebt das „Jetzt“, Technik sagt „In zehn Jahren, wenn ihr mir Genehmigungen gebt“. Politik liebt das „Ohne“, Technik liebt das „Mit“. Und so sitzen wir in Europa, geschniegelt im Wertegewand, und wundern uns, dass der Winter nicht verhandelt.

Die eigentliche Tragikomödie besteht darin, dass man all das hätte wissen können. Es war nie ein Geheimnis, dass Photovoltaik im Winter schwächelt. Es war nie ein Geheimnis, dass Wind nicht auf Kommando weht. Es war nie ein Geheimnis, dass Netze gebaut werden müssen. Es war nie ein Geheimnis, dass Speicher nicht aus Wunschdenken bestehen. Aber man hat sich entschieden, so zu tun, als sei die Realität ein Gegner, den man durch moralische Überlegenheit besiegen kann. Und nun steht man da, im Dunkeln, im Windstillen, und merkt: Physik ist unbeeindruckt von Pressemitteilungen.

Vielleicht ist das die reifste Erkenntnis, die Europa in dieser Phase gewinnen kann: Nicht Wind und Sonne sind das Problem. Das Problem ist, dass wir ihnen eine Rolle zugeschrieben haben, die sie allein nicht erfüllen können. Das Problem ist, dass wir „Erneuerbare“ wie eine Heilslehre behandelt haben, statt wie einen Baustein. Das Problem ist, dass wir das System als Kulisse betrachtet haben, nicht als Maschine. Und Maschinen, das ist ihr großer Nachteil, funktionieren nur, wenn man sie vollständig denkt.

Und so bleibt uns für den kommenden Winter – und vermutlich für einige danach – eine unbequeme Wahrheit, geschniegelt in technischer Nüchternheit, aber mit dem bitteren Humor eines Kontinents, der sich gern selbst für aufgeklärt hält: Wer keine Atomkraft will, muss Alternativen bauen, die im Winter tragen. Wer keine Netze baut, wird bezahlen. Wer Autarkie träumt, wird Souveränität verlieren. Und wer weiterhin glaubt, Wind und Sonne schickten keine Rechnung, der soll ruhig einmal im Jänner den Strompreis anschauen. Der Winter ist schon da. Und er hat leider keinen Sinn für Satire.

Please follow and like us:
Pin Share