Der Triumph des Missverständnisses

Es ist ein erhabener Moment, wenn eine Gesellschaft beschliesst, Bildung nicht länger als Voraussetzung des Gelingens zu betrachten, sondern als eine Art optionales Wellnessprogramm für jene, die ohnehin schon zu viel Zeit haben. Österreich hat sich auf diesem Feld, so scheint es, zu einem Labor für eine neue Anthropologie entwickelt: jene des kompetenten Verzichts. Nicht, dass man nichts mehr können müsste, um etwas zu werden — aber man müsse bitte schön nicht mehr so viel können, wie es die Kreise der historisch Überambitionierten verlangt hatten: diese pedantischen, mit Grammatikbänden bewaffneten Bildungsbürokraten der Aufklärung, die hartnäckig behaupteten, Sprache bilde das Rückgrat demokratischer Selbstbestimmung. Welch romantischer Irrtum!

Und nun tritt Judith Kohlenberger auf die Bühne des öffentlichen Diskurses und hebt das Skalpell an genau dem Punkt an, an dem die Mehrheitsgesellschaft beinahe zärtlich aufjaulen möchte. Die «Fetischisierung der Landessprache» nennt sie es. Welch wunderschöne Diagnose! Endlich sagt jemand, was heimlich alle wissen: Es ist gar nicht notwendig, seine Gedanken kohärent zu artikulieren, solange man im Idealfall wenigstens arbeiten könnte. Die Sprache wird damit — wie so vieles — zu einem Hindernis, einem bürokratischen Bremsklotz, einer überflüssigen Pflichtübung der bürgerlichen Respektabilität.

Die neue Alphabetisierung: Lesen? Schreiben? Ach was, Hauptsache produktiv!

Man ahnt bereits, dass Kohlenbergers Vorschlag, Deutschkenntnisse in Zukunft «herunterzufahren», in gewissen Zirkeln als Sakrileg gilt. Denn viele, die an der heiligen Schrift des Arbeitsmarktes festhalten, glauben weiterhin, es sei sinnvoll, Menschen verstünden ihre Kollegen, ihre Arbeitsanweisungen oder gar ihre Rechte. Welch herziges Kommunikationsideal! Was für eine völlig überschätzte Vorstellung von Sprachgemeinschaft, als ginge es im Arbeitsleben darum, sich zu verstehen, statt bloss funktional nebeneinander zu existieren wie zwei halbdefekte Maschinen, die sich gegenseitig tolerieren, weil sie nun einmal nicht anders können.

Kohlenberger, pragmatisch bis zur metaphysischen Eleganz, erinnert uns daran, dass der zu erwartende Fachkräftemangel die wahre Grammatik des 21. Jahrhunderts schreibt. Und diese Grammatik kennt nur einen Imperativ: Beschäftige jeden, der nicht aktiv davonläuft. Unter diesen Umständen erscheint Sprache tatsächlich wie ein bourgeoises Hobby, ein ästhetischer Luxus, den man sich vielleicht für die Abendstunden der gepflegten Selbstveredelung aufhebt.

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Die Kränkung der Mehrheit: Wenn Integration gelingt – und gerade deshalb scheitert

Witzigerweise liegt für Kohlenberger das eigentliche Problem nicht im Sprachlichen, sondern im Psychologischen: der Unsicherheit der Mehrheitsgesellschaft. Wer also perfekt Deutsch spricht, arbeitet, Steuern zahlt und brav integriert ist, kann dennoch als Fremdkörper gelten — nicht etwa, weil man etwas falsch gemacht hätte, sondern weil man es zu richtig macht. Es ist quasi die Integration, die stört; die Sichtbarkeit des Erfolges, die irritiert; der schiere Beweis, dass Menschen aus anderen Weltregionen nicht zwingend als Statisten auftreten müssen, sondern gelegentlich die Hauptrolle einzufordern wagen.

Hier schlägt das Herz des Paradoxons: Die Gesellschaft, die Integration verlangt, will sie gar nicht sehen, wenn sie tatsächlich stattfindet. Es ist wie ein skurriles Theaterstück, in dem das Publikum gleichzeitig nach Authentizität schreit und Buhrufe ausstösst, sobald ein Schauspieler spontan zu improvisieren beginnt.

Der politische Salon: Wenn Mitteparteien den rechten Hausmeister spielen

In ihrem Buch Migrationspanik stellt Kohlenberger fest, die politische Mitte habe sich gewissermaßen selbst geopfert: Um verlorene Wähler zurückzugewinnen, sei man nach rechts gerutscht — nicht aus Überzeugung, sondern aus Verzweiflung. Das politische Spektrum gleicht seither einem Raum, in dem alle Möbel nach rechts geschoben wurden, während die Bewohner weiterhin behaupten, sich genau in der Mitte aufzuhalten.

Und tatsächlich: Wenn in Talkshows mittlerweile Meinungen wiedergekäut werden, die einst den Stammtischen vorbehalten waren, dann zeigt dies nicht etwa Mut zur Realität, sondern die pure Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Die politische Mitte hat sich zur Hausverwaltung des Ressentiments entwickelt. Sie streicht die Wände der öffentlichen Meinung mit den Farben des populären Zorns, einfach weil es niemanden mehr gibt, der das Wagnis eingehen möchte, eine neue Farbe zu mischen.

Dialog, Dialog, Dialog – das letzte Mantra einer demokratischen Müdigkeit

Und doch — das macht Kohlenberger fast rührend — plädiert sie für Dialog. Rechte Wählerinnen und Wähler sollten nicht ausgegrenzt, sondern «auf Augenhöhe» angesprochen werden, so ihr Credo. Man müsse «Echokammern aufbrechen». Ein nobles Anliegen! Ein wunderschönes Ideal! Und zugleich ein Vorschlag, der ungefähr so realistisch wirkt wie die Idee, man könne Waldbrände durch höfliche Bitten auslöschen.

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Die Härte der Gegenwart besteht nämlich darin, dass Dialog nicht an den Unwilligen scheitert, sondern an der Müdigkeit der Erklärenden. Die einen haben ihre Meinung längst betoniert, die anderen haben längst aufgegeben, am Beton zu kratzen. Und irgendwo dazwischen steht die Demokratietheorie und ruft: «Aber redet doch bitte weiter!»

Epilog: Der Preis des Verzichts

So bleibt am Ende die Frage: Wenn eine Gesellschaft beginnt, Sprache zu entwerten, politische Unterschiede zu verwischen und Bildung als übertriebenen Luxus anzusehen — was bleibt dann eigentlich übrig?

Vielleicht eine Zukunft, in der wir alle miteinander kommunizieren wie müde Maschinen, die sich nur noch durch vereinfachte Signale verständigen. Eine Zukunft, in der die Landessprache nicht mehr fetischisiert wird, weil sie längst musealisiert wurde. Eine Zukunft, in der Integration nicht am Scheitern, sondern am Gelingen zerbricht. Und eine Zukunft, in der der Bildungsverzicht zum heimlichen Staatsprojekt wird, weil Bildung Fragen stellt — und Fragen stören bekanntlich beim reibungslosen Funktionieren.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch können wir Essays schreiben. Noch können wir Sätze bilden, die länger sind als Schlagzeilen. Noch können wir verstehen, dass der Verzicht auf Sprache kein Fortschritt ist, sondern ein schleichender Rückzug aus der Möglichkeit, sich selbst und die Welt zu begreifen.

Möge uns diese Fähigkeit erhalten bleiben — auch wenn sie gerade nicht gefragt ist.

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