Man muss sich den Durchschnittsmenschen vorstellen wie eine Armee unsichtbarer Büroklammern, die in stoischer Disziplin ihr Dasein in der Welt ordnen. Diese Spezies – oh, welch zynisches Vergnügen es ist, sie zu beobachten – kennt keinen Feuersturm der Leidenschaft, keine glühende Wut, keine berauschende Ekstase der Liebe oder des Hasses. Sie bewegen sich auf dieser Welt wie geölte Zahnräder in einer gigantischen Uhr, deren Ticken sie selbst nicht einmal hören. Ihr ganzer Mut besteht darin, den morgendlichen Kaffee genau richtig zu temperieren, den Fußboden akkurat zu wischen und die Temperatur ihrer Fußböden nach den Launen des Thermostats zu regulieren. Jack London hatte recht: Es ist eine Gattung, die den Himmel dringend bewahren sollte vor der eigenen, lähmenden Mittelmäßigkeit. Doch während wir uns über diese Wesen mokieren, sollten wir uns fragen, warum sie so zahlreich sind – und warum sie uns doch irgendwie faszinieren, als wären sie ein stilles Echo der eigenen Ängste.
Die kalte Vernunft als höchste Tugend
Diese Menschen sind Meister der Kälte, nicht der winterlichen Kälte, die unsere Glieder erstarren lässt, sondern einer intellektuellen Frostigkeit, die alle Flammen menschlicher Regungen erstickt. Sie rauchen nicht, sie trinken nicht, sie fluchen nicht – sie leben im sorgsam temperierten Raum der Rationalität. Die Leidenschaft, die wir als berauschend und verzehrend kennen, erscheint ihnen wie ein akustischer Fehlalarm: störend, überflüssig, gefährlich. In ihren Augen ist das Herz lediglich ein Muskel, der pulsiert, damit das Blut zirkuliert, nicht damit es träumt oder liebt. Die Liebe, die Wut, das Verlangen – diese Dinge sind ihnen so fremd wie die Sprache der Sterne. Und doch, ironischerweise, bauen sie kleine Triumphe: einen perfekt gefalteten Hemdkragen, eine Steuererklärung ohne Makel, eine Lebensführung, die an Reinheit grenzt. Triumph ist hier nicht ein Ringen mit der Welt, sondern die geschickte Inszenierung der eigenen Unverbindlichkeit.
Angst und das kleine Herz
Man könnte meinen, dass in diesem Meer der Vorsicht und Berechenbarkeit ein Funke von Leben existiert. Aber nein: das Herz ist klein, trocken, und sorgfältig vor jeder Regung geschützt wie ein Samenkorn vor dem Winter. Jeder Herzschlag wird registriert, jede Abweichung von der Norm penibel notiert. Sie fürchten die Nässe der Welt – nicht die physische Nässe, sondern die metaphysische, jene, die aus Fehlern, Irrtümern und unkontrollierbaren Emotionen entsteht. So wird aus Vorsicht Angst, aus Rationalität Apathie, aus einem lebendigen Organ eine tickende Uhr, deren einziger Zweck darin besteht, den Tag unbeschadet zu überstehen. Und in dieser peniblen Selbstkontrolle manifestiert sich ihre eigentliche Tragik: die völlige Unfähigkeit, den Überschuss an Leben zu schmecken, der uns Sterblichen so oft den Atem raubt und den Herzschlag beschleunigt, während sie ihn lediglich messen und protokollieren.
Kleine Siege der Mittelmäßigkeit
Und doch feiern sie Siege, diese Durchschnittsmenschen. Nicht die Siege, die Geschichten schreiben oder Legenden formen, sondern Siege, die so klein sind, dass man sie kaum als solche erkennen würde, hätte man sie nicht gezählt. Ein korrekter Papierstapel, eine pünktlich gezahlte Rechnung, eine Kaffeetasse auf dem perfekten Untersetzer – das sind die Monumente ihrer Existenz. Sie werten diese triviale Meisterschaft als Triumph, ohne zu ahnen, dass wahre Triumphe nicht im Rahmen der Berechenbarkeit, sondern im Chaos der Leidenschaft entstehen. Jack London spricht von einem kleinen Herzen ohne Liebe – und in diesem kleinen Herzen wogen die Wellen der eigenen Überheblichkeit: „Seht her, ich bin integer, ich bin gefahrlos, ich bin unschuldig.“ Doch in Wahrheit ist das der melancholische Applaus eines Lebens, das niemals gewagt hat, in den Sturm zu treten.
Das Lächeln des Beobachters
Und wir, die Beobachter, lächeln. Wir lächeln nicht aus Schadenfreude, sondern aus dem bittersüßen Wissen, dass wir selbst leicht auf dem Pfad der Mittelmäßigkeit stolpern könnten. Der Durchschnittsmensch ist eine Warnung, eine Karikatur unserer eigenen Ängste: zu lieben, zu hassen, zu leben – das alles ist riskant, unbequem und oft unlogisch. Aber gerade darin liegt die Schönheit, die diese Menschen niemals begreifen werden. London hat sie gezeichnet, als seien sie Karikaturen einer Welt, die uns zwingt, den Atem anzuhalten. Und doch, in diesem Augenzwinkern, in dieser zynischen Umarmung der Wahrheit, erkennen wir vielleicht ein Stück von uns selbst – und lachen, während wir uns der Verlockung widersetzen, ebenfalls vorsichtig zu werden.