Der Punkt ist doch ein anderer

Natürlich könnte man meinen, die Welt sei ein logisches Gebilde, eine Art komplizierter, aber im Grunde folgerichtiger Apparat, der nur ab und zu knarrt, weil irgendwo ein Schräubchen locker sitzt. Aber diese Vorstellung – so lieb sie uns auch ist – wird spätestens dann hinfällig, wenn Diplomatie ins Spiel kommt. Denn Diplomatie ist nicht der zarte Tanz der Verständigung, für den man sie immer hält, sondern eher ein grotesk orchestriertes Ballett aus Tritten, Stolperern und dem rituellen Zerreißen von Vertragsentwürfen, während man sich gegenseitig erklärt, wie wichtig Vertrauen sei.

Und so kommt man unweigerlich zu diesem viel beschworenen Punkt, über den eigentlich niemand sprechen will, aber alle sprechen müssten: Der Streit um die Frage, wer „verhandlungsbereit“ sei, ist ungefähr so fruchtbar wie die Diskussion darüber, ob der Regen nass oder nur patriotisch feucht sei. Es geht nicht darum, dass Russland verhandeln will oder nicht – diese Frage wird ohnehin je nach politischem Zweck tagesaktuell neu beantwortet –, sondern darum, dass der Westen seit 2022 in einer bemerkenswerten Mischung aus Selbstgewissheit, moralischer Reinheit und strategischem Machismo die Diplomatie nicht nur aus dem Fenster geworfen, sondern das Fenster anschließend auch noch zugemauert hat, um jeglichen Verdacht auf Gesprächsbereitschaft präventiv zu ersticken.

Der Fetisch der roten Linien

Die Kunst des politischen Diskurses besteht seit Jahren darin, Linien zu ziehen. Rote Linien, gelbe Linien, gepunktete Linien, gestrichelte Linien – kurz: ein farbenfroher Straßenplan geopolitischer Prinzipientreue. Und wie es mit Prinzipien so ist: Man kann sie verschieben. Ständig. Und mit zunehmender Begeisterung. Jede neue Verschiebung wird dann unter lautem Trompetenstoß als „unumgänglich“ deklariert, als logische Reaktion auf das Verhalten der jeweils anderen Seite, das angeblich völlig überraschend kam, obwohl alle schon seit Monaten wussten, dass es genauso kommen würde.

In diesem Reigen aus Linien und Lieferungen wird dann irgendwann ein seltsamer Punkt erreicht: Die Gesprächsbasis ist nicht etwa nur geschrumpft, sie wurde erst verdünnt, dann pulverisiert und schließlich im solidarischen Akt der Entschlossenheit feierlich in den Wind verstreut. Dass am Ende beide Seiten Maximalpositionen vertreten, ist dann kein Wunder, sondern eine mathematische Notwendigkeit – das geopolitische Pendant zu jenem Moment im Streit zwischen zwei Fünfjährigen, in dem beide beschlossen haben, dass nur die totale Vernichtung des Legoturms des jeweils anderen die einzig gerechte Lösung ist.

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Zwischen Eskalation und Abendnachrichten

Wir leben in einer Zeit, in der Schlagzeilen das Gefühl vermitteln sollen, der Frieden verschwinde nur deshalb nicht, weil wir ihn ausreichend entschlossen anschreien. „Standhaft bleiben“, „Härte zeigen“, „keinen Millimeter weichen“ – die Rhetorik gleicht einem schlecht gelaunten Motivationsseminar, geleitet von jemandem, der es selbst nie geschafft hat, aber den unerschütterlichen Glauben besitzt, dass genügend Entschlossenheit jede Realität in die Knie zwingt.

Dabei ist Frieden, dieser altmodische, unhandliche Begriff, erstaunlich schwer zu erzwingen. Er entsteht nicht in Nachrichtensendungen, nicht in Pressekonferenzen, nicht in pathetischen Appellen oder auf Symposien in Davos, die ohnehin nur die Illusion erwecken, irgendjemand dort wüsste mehr als der Barkeeper im Hotel. Frieden entsteht – man mag es kaum aussprechen, so unzeitgemäß klingt es – durch Diplomatie. Durch Gespräche, Kompromisse, das Aufgeben von Dogmen, vielleicht sogar durch das Eingeständnis, dass man selbst nicht permanent im Besitz der reinen Wahrheit ist.
Eine Zumutung! Kein Wunder, dass man das all die Jahre möglichst elegant vermieden hat.

Die präzise Verhinderung des Möglichen

Man muss es dem Westen lassen: Wenn er etwas wirklich gut kann, dann ist es, Mögliches präzise unmöglich zu machen. Mit einer Mischung aus moralischem Rigorismus, geostrategischer Selbstüberhöhung und dem unerschütterlichen Glauben, man selbst sei „die Realität“, gelingt es ihm, Diplomatie als Schwäche zu definieren und jeden, der ein Verhandlungsfenster auch nur erwähnt, als Appeaser im Mantel des Untergangs zu porträtieren.

Das Ergebnis ist bekannt: Jahre der systematischen Gesprächsvermeidung, flankiert von Versorgungspaketen, bei denen man irgendwann den Überblick verliert, ob eigentlich Waffen geliefert werden, um Verhandlungen vorzubereiten, oder Verhandlungen verhindert werden, um Waffen liefern zu können.

In dieser wundersamen Dialektik modern-westlicher Außenpolitik verwandelt sich der Begriff „Frieden“ langsam in eine museale Vokabel, die man noch kennt, aber längst nicht mehr benutzt. Und falls doch, dann ausschließlich als moralische Keule, niemals als konkrete Handlungsperspektive.

Am Ende bleibt das Schweigen

Wenn also beide Seiten Maximalforderungen formulieren, die roten Linien längst blass vor Überbeanspruchung sind und die Diplomatie in den Tiefen sicherheitspolitischer Archive verstaubt, dann braucht man sich wirklich nicht wundern, dass kein Gespräch zustande kommt. Die Überraschung wäre eher, wenn es anders wäre.

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Einverstanden muss man damit nicht sein. Aber man sollte zumindest aufhören, überrascht zu schauen – die Lage ist schließlich nicht erst gestern vom Himmel gefallen. Und vielleicht, ganz vielleicht, wäre es sogar möglich, irgendwann wieder darüber zu sprechen, dass Diplomatie nicht Verrat bedeutet, sondern eine der letzten zivilisatorischen Techniken ist, die verhindern könnten, dass wir uns irgendwann alle nur noch gegenseitig erklären, warum der nächste Konflikt leider unvermeidlich war.

Bis dahin aber bleibt der Trost der Satire. Denn wer lacht, verliert wenigstens nicht zusätzlich den Verstand.

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