Das kleine, große Wort „uns“

Es gibt Wörter, die sind wie Fahrkartenkontrolleure in schlecht beleuchteten Regionalzügen: Sie treten mit einer Selbstverständlichkeit auf, die jede Nachfrage als verdächtig erscheinen lässt. „Uns“ ist so ein Wort. Ein kleines Pronomen, das tut, als wäre es ein warmer Mantel, in den man sich gemeinsam wickelt, während draußen die Kälte der Weltgeschichte durch die Ritzen zieht. Und dann kommt dieser Satz, geschniegelt, geschniegelt bis zur moralischen Starre, geschniegelt bis zur Diskussionsverweigerung, geschniegelt wie ein Sonntagsanzug der Mitte: „Unsere Demokratie“. Als ob Demokratie ein Familienbesitz wäre, ein Erbstück im Wohnzimmer, das man abstaubt, wenn Besuch kommt, und das man mit einem leicht bedrohten Lächeln verteidigt, sobald irgendjemand die Hand ausstreckt. Unsere. Als gäbe es einen Schlüsselbund, an dem irgendwo zwischen Haustür, Fahrradschloss und Gewissen ein kleiner Messingschlüssel hängt: „Demokratie – nur für Mitglieder“.

Und jedes Mal, wenn jemand „unsere Demokratie“ sagt, sollte irgendwo im Hintergrund ein leiser Alarm losgehen, so wie bei einem schlecht eingestellten Rauchmelder, der nicht weiß, ob er gerade ein Feuer oder bloß eine zu ambitionierte Tiefkühlpizza melden soll. Denn „uns“ ist nicht harmlos. „Uns“ ist ein Zaun. „Uns“ ist eine Einladung, die zugleich eine Gästeliste enthält. „Uns“ ist die sprachliche Version dieses Blicks an der Clubtür: freundlich, neutral, aber mit einer unübersehbaren Frage in den Pupillen: Du gehörst doch dazu, oder? Und wenn du zögerst, wenn du nach Luft schnappst, wenn du fragst, wer genau dieses „uns“ ist – dann wirst du plötzlich behandelt, als hättest du im Treppenhaus eine Brandrede gegen die Hausordnung gehalten.

Denn das „uns“ in „unsere Demokratie“ ist nie einfach nur ein Plural. Es ist ein Besitzpronomen mit eingebautem Moralaufschlag. Es ist das Wort, das sich an die Kehle legt wie ein Seidenschal und dann doch ein bisschen zuzieht. Es ist ein Sammelbegriff, der vorgibt, alle zu meinen, aber oft genug nur diejenigen umarmt, die ohnehin schon am Tisch sitzen. Wer also ist dieses „Uns“? Und warum klingt es in manchen Mündern wie ein Versprechen – und in anderen wie eine Drohung?

Das „Uns“ als politisches Kuscheltier und als Schlagstock

„Unsere Demokratie“ ist in ihrer Rhetorik ein Wunderwesen: halb Plüschtier, halb Rammbock. Man kann damit trösten („Wir schaffen das gemeinsam“), man kann damit erziehen („Das gehört sich nicht in unserer Demokratie“) und man kann damit ausgrenzen („Wer so redet, hat in unserer Demokratie nichts verloren“). Die Demokratie selbst wird dabei behandelt wie ein empfindliches Haustier, das ständig kurz vor dem Zusammenbruch steht, weil irgendjemand im Internet zu laut atmet. Sie ist immer „unter Druck“, „in Gefahr“, „bedroht“ – ein Wesen mit der Konstitution eines Spitzenpolitikers nach einer Talkshow-Woche: erschöpft, nervös, aber grundsätzlich überzeugt, dass es ohne Applaus nicht weitergeht.

Doch je häufiger jemand „unsere Demokratie“ sagt, desto mehr wird sie zur emotionalen Währung, die man herumzeigt, statt zur Praxis, die man lebt. Es ist wie bei Menschen, die ständig betonen, wie ehrlich sie sind: Man beginnt aus Reflex, den Geldbeutel festzuhalten. „Unsere Demokratie“ ist ein Satz, der oft dann fällt, wenn Argumente müde sind und die Stimme nach dem Ton greift, den man sonst für die nationale Hymne reserviert – nur eben ohne Melodie, damit man sich nicht lächerlich machen muss. Es ist der feierliche Moment, in dem das Gespräch aus der Ebene des Konkreten in die Wolken der Gesinnungsästhetik aufsteigt. Dort oben, im Nebel der edlen Begriffe, kann man wunderbar moralisch winken. Und noch besser: Man kann dort oben hervorragend nicht mehr unterscheiden zwischen Kritik an Regierungspolitik und Kritik an Demokratie.

Das ist das erste Problem: „Unsere Demokratie“ wird häufig als Synonym benutzt für „das politische System, wie ich es gerade für akzeptabel halte“, und wer daran rüttelt, rüttelt angeblich nicht an Entscheidungen, sondern am Fundament. Es ist ein genialer Trick, weil er Kritik in eine Art metaphysische Unanständigkeit verwandelt. Du kritisierst nicht mehr eine Maßnahme – du beschmutzt die Tapete der Zivilisation. Du bist nicht mehr dagegen – du bist draußen. Und wer draußen ist, muss ja irgendwo drinnen gewesen sein, also muss es eine Grenze geben. Willkommen im „Uns“.

Das „Uns“ als unsichtbarer Mitgliedsausweis: Staatsvolk, Publikumsvolk, Moralvolk

Rein rechtlich ist die Sache erstaunlich nüchtern: Demokratie, in ihrer deutschen Ausführung, hat eine definierte Trägerschaft. Sie lebt von Wahlrecht, Institutionen, Verfassung, Gewaltenteilung, Rechten und Pflichten. Das „Uns“ könnte schlicht heißen: die Bürgerinnen und Bürger, die hier wohnen, wählen, Steuern zahlen, demonstrieren, meckern, sich in Ämtern verlieren und gelegentlich den Glauben an Formulare wiederfinden. Das wäre nicht poetisch, aber ehrlich. Nur wird „unsere Demokratie“ selten so trocken gemeint. Es wäre ja auch unerquicklich, sie als Verwaltungssystem mit gelegentlicher Selbstkorrektur zu beschreiben. Das verkauft sich schlechter als die große Erzählung von „uns“.

TIP:  Die Toleranz der Mehrheit

Denn in Wahrheit existieren mindestens drei „Uns“, die sich gegenseitig imitieren und gelegentlich verachten.

Da ist erstens das Staatsvolk-Uns: die verfassungsrechtlich saubere Version. Es meint: diejenigen, die durch Staatsbürgerschaft und Rechtsordnung Teil des demokratischen Souveräns sind. Es ist ein „Uns“ aus Papier, Paragraphen und Passbildern. Ziemlich langweilig, aber immerhin überprüfbar.

Da ist zweitens das Publikumsvolk-Uns: das „Uns“, das sich in Talkshows bildet, in Kommentarspalten zusammenschmilzt, in Umfragen aufflackert und in den sozialen Medien zu einem großen, schäumenden „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ gerinnt. Dieses „Uns“ ist launisch, schnell beleidigt und liebt die große Geste. Es ist das „Uns“, das in jeder Krise plötzlich entdeckt, dass es „die da oben“ gibt, obwohl es sie gestern noch gewählt hat. Es ist der Chor der Zuschauer, der sich für das Stück hält.

Und dann ist da drittens das gefährlichste, weil es sich für das sanfteste hält: das Moralvolk-Uns. Das „Uns“, das nicht sagt: Wir sind die Bürger, sondern: Wir sind die Anständigen. Dieses „Uns“ ist kein Rechtsbegriff, sondern ein Heiligenschein. Es schwebt ein paar Zentimeter über dem Boden und glaubt, gerade dadurch besonders geerdet zu sein. Es sortiert nicht nach Gesetzen, sondern nach Gesinnung. Es ist das „Uns“, das keinen Gegner hat, sondern nur Abweichler. Und Abweichler sind ja bekanntlich der Rohstoff, aus dem man die schönsten Selbstvergewisserungen herstellt.

Das Moralvolk-Uns ist die demokratische Version einer exklusiven Bio-Kooperative: nach außen offen, nach innen streng. Natürlich darf jede und jeder mitmachen – solange man die richtigen Produkte kauft, die richtigen Worte benutzt und die richtigen Feinde hat. Wer das nicht tut, „gefährdet unsere Demokratie“. Das klingt dann nicht wie ein politischer Satz, sondern wie ein Hausmeister, der den Müll falsch sortiert sieht und den Untergang des Gebäudes beschwört.

Wer „unsere Demokratie“ sagt, meint oft: „mein Sicherheitsgefühl“

Es gibt eine unheilvolle Verwechslung, die im Satz „unsere Demokratie“ fast automatisch mitschwingt: die Verwechslung von Demokratie mit Wohlbefinden. Sobald „unsere Demokratie“ im Mund geführt wird, wirkt sie wie ein Thermometer für das eigene emotionale Klima. Wer sich sicher fühlt, glaubt, die Demokratie sei stabil. Wer sich unsicher fühlt, glaubt, die Demokratie sei am Abgrund. Und wer andere unsicher machen kann, besitzt plötzlich die Macht, Demokratie zu definieren. Ein großartiger Deal: Man muss nicht mehr beweisen, dass etwas demokratiefeindlich ist – es reicht, wenn es sich so anfühlt.

So wird das „Uns“ zu einer Art empfindlichem Nervensystem. Demokratie ist dann nicht mehr die Kunst, Konflikte auszuhalten, sondern die Kunst, Konflikte möglichst so zu gestalten, dass das eigene Lager keine Bauchschmerzen bekommt. Der demokratische Prozess, einst gedacht als dauerndes Ringen, wird umetikettiert in eine Veranstaltung der kollektiven Harmonie. Demokratie als Wohlfühl-Seminar mit gelegentlichen Wahlen als Feedbackbogen. Und wer stört, wird als Gefahr markiert.

Das Tragikomische daran: Eine Demokratie, die nicht mehr gestört werden darf, ist schon dabei, sich selbst abzuschaffen – nur eben im Namen von Ruhe, Ordnung und einem perfekt temperierten moralischen Wohnzimmer. Das „Uns“ liebt Wohnzimmer. Es liebt Räume, in denen alle wissen, wie man sich verhält. Es liebt Regeln, die man nicht mehr begründen muss, weil sie „selbstverständlich“ sind. Und sobald etwas „selbstverständlich“ wird, beginnt die Demokratie, sich in ein Ritual zu verwandeln: Man macht es, weil man es macht. Nicht, weil man weiß, warum.

Das „Uns“ der Mitte: Wo jeder dazugehören darf, solange er die Mitte nicht stört

„Unsere Demokratie“ wird besonders gern von jenen beansprucht, die sich „die Mitte“ nennen. Das ist interessant, weil die Mitte kein Ort ist, sondern ein Gefühl. Wie „Normalität“. Oder „gesunder Menschenverstand“. Alles Begriffe, die einen merkwürdigen Trick beherrschen: Sie klingen inklusiv, sind aber fast immer exkludierend. Denn die Mitte definiert sich nicht darüber, was sie ist, sondern darüber, wer angeblich zu weit weg ist. Links, rechts, oben, unten – alles außerhalb, alles problematisch. Die Mitte ist wie ein Kreis, der sich selbst zum Zentrum erklärt und dann empört feststellt, dass es Ränder gibt. Als hätte jemand am Rand des Tellers unhöflich Speisereste platziert.

Das „Uns“ der Mitte ist das „Uns“, das sich selbst als stille Mehrheit imaginiert. Und es imaginiert sich so gern, weil stille Mehrheiten nicht widersprechen. Die stille Mehrheit hat eine wunderbare Eigenschaft: Sie ist immer auf der eigenen Seite. Sie ist ein unsichtbares Publikum, das im Zweifel applaudiert, wenn man sagt, dass man „keine Extreme“ will. Extreme sind ja anstrengend. Extreme verlangen Denken. Extreme verlangen, dass man sich positioniert. Die Mitte hingegen erlaubt es, sich moralisch überlegen zu fühlen, ohne sich inhaltlich festzulegen. Sie ist die bequemste aller politisch-seelischen Immobilien: eine Eigentumswohnung im Gebäude der Vernunft, mit Balkon zur Weltlage, aber ohne Verpflichtung zur Sanierung.

Und wenn dann jemand aus der Mitte heraus „unsere Demokratie“ sagt, ist das oft ein Satz, der bedeutet: Bleib bitte so, dass ich dich nicht wahrnehmen muss. Demokratie als Lärmschutzverordnung. Pluralismus als Dämpfungsmatte.

TIP:  Ein fiktives Treffen in Wien

Das „Uns“ und das Problem der Zugehörigkeit: Wer wird eingeladen, wer wird geduldet, wer wird markiert?

Die heikelste Frage ist nicht, wer „Uns“ ist, sondern wer es nicht sein darf. Denn das „Uns“ existiert nur durch seine Schatten. Es ist ein Lichtkegel, der etwas ausleuchtet und den Rest in Dunkelheit taucht. Und in dieser Dunkelheit stehen dann die, die man „Populisten“ nennt, „Extremisten“, „Demokratiefeinde“, „Schwurbler“, „Systemgegner“, „Ungebildete“, „Wutbürger“, „Abgehängte“, „Radikale“, „Putinversteher“, „Gutmensch“ – je nach Blickrichtung und Tagesform. Die Begriffe wechseln, die Mechanik bleibt: Man braucht Figuren, an denen man die eigene Zugehörigkeit prüfen kann. Demokratie als Identitätsausweis: „Ich bin dagegen, also bin ich dafür.“

Natürlich gibt es echte Feinde demokratischer Ordnung. Das ist nicht die Pointe. Die Pointe ist, dass „unsere Demokratie“ gerne auch dann als Schlagwort eingesetzt wird, wenn es nicht um deren Feinde geht, sondern um deren lästigen Bewohner. Um Menschen, die ungeschickt, wütend, uninformiert, überfordert, hysterisch oder schlicht anderer Meinung sind. Eine Demokratie aber, die nur aus den rhetorisch Begabten und moralisch Gepflegten bestehen soll, ist keine Demokratie mehr, sondern ein Debattierclub mit Zugangskontrolle. Sie wäre das politische Gegenstück zu einem Museum: ruhig, geordnet, voller Tafeln, auf denen steht, was man bitte nicht anfassen soll.

Und so wird „Uns“ zur Chiffre für die Frage: Wer darf schwierig sein? Wer darf laut sein? Wer darf falsch liegen? Wer darf sich irren, ohne dass man ihn sofort aus der Gemeinschaft der Zurechnungsfähigen hinauskomplimentiert? Demokratie, wenn sie mehr ist als ein Etikett, muss das aushalten. Sie muss das sogar lieben, so unerquicklich es ist. Denn sie ist nicht die Abwesenheit von Konflikt, sondern die Zähmung von Konflikt. Und Konflikt ist selten geschniegelt.

Das „Uns“ als Besitzanspruch: Demokratie als Marke, die man verteidigt, indem man sie monopolisiert

Es gibt in der Gegenwart eine merkwürdige Tendenz, Demokratie wie eine Marke zu behandeln. „Unsere Demokratie“ klingt dann wie „unsere Werte“, „unsere Art zu leben“, „unsere Kultur“. Alles Wörter, die sich hervorragend eignen, um eine diffuse Einheit zu beschwören, ohne jemals angeben zu müssen, worin sie konkret besteht. Man kann sie wie ein Parfüm versprühen. Und je mehr man sie versprüht, desto weniger Luft bleibt für andere.

So wird Demokratie zur Besitzform: jemand glaubt, er habe sie, weil er sie benennt. Es ist wie bei Leuten, die ein Buch kaufen und dann meinen, sie hätten es gelesen, weil es im Regal steht. „Unsere Demokratie“ im Regal der Selbstbilder. Man verteidigt sie, indem man sie dekoriert. Man schützt sie, indem man sie ausstellt. Und man verhindert ihre Aushandlung, indem man sie heiligt.

Doch Demokratie ist keine Monstranz. Sie ist ein Werkzeugkasten. Und Werkzeugkästen werden schmutzig. Wer Demokratie nur anfassen will, wenn die Hände gewaschen sind, wird sie verlieren. Denn andere werden sie anfassen, mit dreckigen Händen, wütend, ungeschickt, gierig, verzweifelt – und das ist nicht schön, aber es ist Realität. Der Versuch, Demokratie vor den Unschönen zu retten, führt oft dazu, dass man sie in eine Glasvitrine sperrt: Schaut her, sie ist noch da! Ja. Aber sie lebt nicht mehr.

Das „Uns“ als Generationenroman: Früher war die Demokratie noch aus Holz, heute ist sie aus Plastik

Wer „unsere Demokratie“ sagt, spricht manchmal auch nostalgisch. Da schwingt dann dieses halbe Seufzen mit: „Früher hat man noch diskutiert.“ Als ob Diskussion früher ein gepflegter Spaziergang gewesen wäre, bei dem man sich mit einem kleinen Hut gegrüßt hat und danach gemeinsam Apfelkuchen aß. In Wahrheit war politische Debatte schon immer unerquicklich. Nur konnte man sie früher nicht in Echtzeit mitverfolgen, kommentieren, liken und mit Emojis verstärken. Die Hässlichkeit war nicht neu, sie war nur weniger sichtbar. Heute ist sie sichtbar, also glauben wir, sie sei entstanden. Ein klassischer Fehler: Man verwechselt das Licht mit dem Schmutz.

Das „Uns“ ist hier das „Uns der Vernünftigen“, die sich zurücksehnen in eine Zeit, in der Öffentlichkeit von Gatekeepern verwaltet wurde. Zeitung, Rundfunk, Parteiapparate – alles Filter, alles Sortierung. Damals war Demokratie nicht unbedingt besser, aber sie war leiser. Und viele verwechseln leise mit gut. Heute, wo jeder senden kann, will man plötzlich wieder Ordnung. Nicht unbedingt Zensur – Gott bewahre, so etwas tut man ja nicht –, aber „Verantwortung“. „Qualität“. „Einordnung“. Alles schöne Wörter, die oft bedeuten: weniger Überraschung, weniger Zumutung.

Und doch ist die Zumutung der Kern. Demokratie ist Zumutung: dass der andere existiert, dass er spricht, dass er wählt, dass er sich irrigerweise für kompetent hält, dass er sich weigert, im richtigen Moment zu verschwinden. Wer das nicht erträgt, kann natürlich immer noch ein anderes System bevorzugen. Aber der Witz ist: Diese Menschen bevorzugen selten ein anderes System. Sie bevorzugen eine andere Bevölkerung.

TIP:  Das ZdK – Ein Wunder an sich

Das „Uns“ im Mund der Institutionen: Wenn der Staat plötzlich „wir“ sagt, wird es ungemütlich

Besonders interessant wird „unsere Demokratie“, wenn es nicht von Bürgern, sondern von Institutionen gesprochen wird. Wenn Regierungen, Ministerien, Behörden, öffentlich-rechtliche Formate oder große Organisationen plötzlich in den Chor des „Uns“ einstimmen, entsteht ein schiefer Klang. Denn der Staat ist nicht „wir“. Der Staat ist ein Instrument, das „wir“ benutzen sollen – nicht umgekehrt. Sobald der Staat anfängt, „unsere Demokratie“ wie einen Besitz zu sprechen, droht eine Verschiebung: Dann ist Demokratie nicht mehr das, woraus der Staat seine Legitimation zieht, sondern das, wofür der Staat Legitimation verlangt.

Plötzlich klingt es so, als sei Demokratie etwas, das man dem Staat schuldet. Als müsse man sie dem Staat zuliebe lieben, wie man einen strengen Verwandten liebt, der in der Familie unangenehm ist, aber eben dazugehört. Und wer den Verwandten kritisiert, beleidigt angeblich die Familie. Hier wird „Uns“ zur emotionalen Geisel. Der Staat sagt: Wir sind doch alle zusammen. Und man möchte antworten: Ja, aber du bist trotzdem das Finanzamt.

Dieses „Uns“ ist gefährlich, weil es die Rollen verwischt. Demokratie lebt davon, dass Bürger den Staat kontrollieren, nicht davon, dass der Staat Bürger pädagogisch umarmt. Eine Demokratie, die sich wie eine Kampagne anfühlt, verliert ihre Bodenhaftung. Und wenn sie dann noch mit moralischem Pathos betrieben wird, verwandelt sie sich in etwas, das sich selbst nicht mehr kritisieren kann, ohne zu implodieren. Ein System aber, das nicht kritisierbar ist, ist kein demokratisches System – es ist ein sakralisiertes.

Wer ist „Uns“ wirklich? Eine unbefriedigende, aber notwendige Antwort

Die unerquicklich ehrliche Antwort lautet: „Uns“ ist umkämpft. „Uns“ ist kein gegebenes Wir, sondern ein ständig neu verhandeltes. Es besteht aus einer Mischung aus Recht, Zugehörigkeit, sozialer Wirklichkeit, kulturellen Selbstbildern und dem täglichen Kleinkrieg um Deutungshoheit. „Uns“ ist nicht die friedliche Gemeinschaft, als die es sich ausgibt. „Uns“ ist ein politisches Feld, auf dem gerungen wird: Wer zählt als Teil des Ganzen? Wer darf definieren, was akzeptabel ist? Wer bekommt Schutz, wer bekommt Misstrauen? Wer wird gehört, wer wird nur „mitgemeint“?

Wenn jemand „unsere Demokratie“ sagt, kann er tatsächlich ein solidarisches „Wir“ meinen: ein Wir, das offen ist, pluralistisch, konfliktfähig. Ein Wir, das Rechte schützt, Minderheiten respektiert, Macht begrenzt, Kritik zulässt, Fehler korrigiert. Dann ist „uns“ ein Versprechen: Wir halten das gemeinsam aus.

Aber oft meint er eben auch: ein Wir, das sich selbst für die Norm hält. Ein Wir, das Abweichung als Gefahr empfindet. Ein Wir, das lieber Einigkeit spielt als Streit erträgt. Dann wird „uns“ zum Besitzanspruch: Wir sind das Land, und du bist nur zu Gast in unserem Gefühl.

Und da liegt die Ironie, die man sich nicht oft genug auf der Zunge zergehen lassen sollte: Demokratie ist gerade nicht das System, das „Uns“ voraussetzt. Sie ist das System, das damit leben muss, dass es kein endgültiges „Uns“ gibt. Dass „Uns“ nie fertig ist. Dass „Uns“ manchmal nicht einmal sympathisch ist. Demokratie ist das politische Kunststück, nicht an dieser Unfertigkeit zu zerbrechen.

Epilog: Ein Vorschlag, so unerquicklich wie die Wahrheit

Vielleicht sollte man den Satz „unsere Demokratie“ seltener sagen. Oder zumindest nicht so, als wäre er ein Zauberspruch, der die Wirklichkeit ordnet. Denn jedes „unsere“ ist auch ein Griff an die Deutung. Und jeder Griff an die Deutung ist ein Griff an Menschen.

Statt „unsere Demokratie“ könnte man sagen: „die Demokratie“. Nicht als Besitz, sondern als Aufgabe. Man könnte sagen: „die Verfassung“ und meinen: Regeln, die auch für die gelten, die man unerquicklich findet. Man könnte sagen: „die Grundrechte“ und damit anerkennen, dass sie gerade dann gelten, wenn man sich wünscht, sie würden kurz Pause machen. Man könnte sagen: „der Pluralismus“ und damit zugeben, dass Vielfalt nicht die bunte Broschüre ist, sondern die Zumutung, dass der andere bleibt.

Denn „uns“ – das ist am Ende nicht das Kollektiv der Selbstzufriedenen, nicht das Publikum der moralischen Sieger, nicht die Mitte als Wellnessbereich der Politik. „Uns“ ist, wenn es überhaupt etwas taugt, das unbequeme Versprechen, den anderen nicht aus dem Satz zu streichen.

Und wenn wir schon unbedingt pathetisch sein wollen, dann vielleicht so: Nicht „unsere Demokratie“ muss geschützt werden, als wäre sie ein Porzellanhund im Schrank. Sondern wir müssen so werden, dass Demokratie mit uns leben kann. Das wäre wirklich ein Fortschritt. Der wäre sogar anstrengend. Und wie wir wissen: Anstrengung ist das Einzige, was in diesem Land zuverlässig als Zumutung gilt.

Please follow and like us:
Pin Share