Crime Ländle oder Die Kunst, im Kreis zu laufen

Es gibt Regionen, die sich mit kulinarischen Spezialitäten schmücken, andere mit landschaftlicher Erhabenheit, wieder andere mit wirtschaftlicher Dynamik. Vorarlberg, so scheint es, arbeitet leise, aber konsequent an einem ganz eigenen Alleinstellungsmerkmal: der statistisch belegten Wiederkehr des Immergleichen. 1.823 Schuldsprüche im vergangenen Jahr – elf Prozent mehr als zuvor – sind zunächst bloß eine Zahl, ein trockenes Artefakt aus der Welt der Justizverwaltung. Doch Zahlen sind tückisch. Sie liegen da wie scheinbar harmlose Kieselsteine, über die man stolpert, wenn man sie ignoriert. Während Österreich insgesamt brav dem längerfristigen Trend sinkender Verurteilungen folgt, stemmt sich das Ländle dagegen wie ein trotziges Kind gegen den Mittagsschlaf. Weniger interessiert an der Frage, ob man überhaupt straffällig wird, sondern eher daran, wie oft und wie schnell man es wieder tut.

Der Rekord, den niemand wollte

Denn was Vorarlberg wirklich auszeichnet, ist nicht die bloße Menge an Schuldsprüchen, sondern ihre erstaunliche Zirkularität. Rund 37 Prozent Rückfallquote – österreichweiter Spitzenwert. Ein Rekord, der weder mit Pokal noch mit Applaus gefeiert wird, sondern mit Stirnrunzeln und der vagen Hoffnung, dass es sich bloß um ein statistisches Missverständnis handelt. Doch Zahlen sind gnadenlos ehrlich, selbst wenn sie schamlos sind. Fast vier von zehn Verurteilten kehren zurück vor den Richter, als hätten sie einen Stempel im Pass: „Bis bald.“ Besonders beeindruckend ist dabei die Geschwindigkeit dieser Rückkehr. Kaum hat sich die erste Verurteilung im Strafregister gesetzt, ist man schon wieder da. Ein, zwei Jahre – das ist weniger Resozialisierung als juristisches Intermezzo. Es wirkt, als sei das Strafsystem weniger eine Zäsur als eine kurze Werbepause im Programmablauf eines Lebens, das ansonsten unbeirrt seinen alten Mustern folgt.

Resozialisierung als regionales Missverständnis

Natürlich könnte man nun wohlmeinend fragen, ob es an mangelnden Angeboten zur Resozialisierung liegt, an sozialen Umständen, an ökonomischen Zwängen oder an einer Justiz, die zwar urteilt, aber danach höflich wegschaut. Doch das wäre zu einfach, zu rational, zu wenig satirisch. Vielleicht liegt das Problem tiefer, kultureller. Vielleicht ist die Rückkehr zur Kriminalität im Ländle weniger Scheitern als Gewohnheit, weniger Ausrutscher als Ritual. Man kennt einander ja. Das Landesgericht Feldkirch wird zur Bühne eines tragikomischen Repertoires, in dem dieselben Darsteller immer wieder auftreten, nur mit leicht variierten Rollen. Resozialisierung erscheint dabei wie ein Fremdwort aus einem anderen Dialekt, höflich zur Kenntnis genommen, aber emotional nicht wirklich verstanden.

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Wenn die Fäuste wieder sprechen

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Deliktarten. Körperverletzungen nehmen wieder zu, als hätten sie bloß eine kurze Pause eingelegt, um Luft zu holen. Die Fäuste feiern ein Comeback, als wären sie nie wirklich aus der Mode gekommen. Nach Jahren des Rückgangs meldet sich das archaische Bedürfnis nach physischer Konfliktlösung zurück – bodenständig, direkt, ehrlich. Sexualdelikte hingegen verharren auf konstantem Niveau, was in der nüchternen Sprache der Statistik beinahe wie Stabilität klingt, in der Realität aber alles andere als beruhigend ist. Sieben Verurteilungen wegen Vergewaltigung, neun wegen Missbrauchs Unmündiger – Zahlen, die sich jeder Ironie entziehen und dennoch Teil derselben nüchternen Aufzählung werden. Auch das ist eine Eigenart moderner Statistik: Sie nivelliert moralische Abgründe zu vergleichbaren Datensätzen.

Der nationale Kontext oder Warum der Bund leise seufzt

Österreich insgesamt gibt sich vergleichsweise gelassen. 27.717 rechtskräftige Verurteilungen im Jahr 2024 – leicht mehr als im Vorjahr, aber deutlich weniger als vor der Pandemie. Langfristig betrachtet sogar ein Erfolg: Seit 2001 ist die Zahl der Verurteilten um fast ein Drittel gesunken, während die Bevölkerung munter gewachsen ist. Man könnte das als Beweis für zivilisatorischen Fortschritt lesen, als Triumph von Prävention, Bildung und sozialem Ausgleich. Und dann ist da Vorarlberg, das diese Erzählung mit stoischer Konsequenz unterläuft. Nicht aus Bosheit, sondern aus Beharrlichkeit. Als wolle man sagen: Ihr da draußen mögt euch entwickeln, wir bleiben uns treu.

Eigentum, Körper, Gewohnheit

Die Deliktstruktur fügt sich nahtlos in dieses Bild. Straftaten gegen fremdes Vermögen dominieren, angeführt vom guten alten Diebstahl – jenem Delikt, das so banal ist, dass es fast schon nostalgisch wirkt. Dahinter folgen Straftaten gegen Leib und Leben, wobei Körperverletzungen den Löwenanteil ausmachen. Es ist eine Kriminalität ohne große Raffinesse, ohne spektakuläre Innovation. Keine ausgeklügelten Cyberverbrechen, keine internationalen Finanzkonstrukte, sondern Handfestes, Greifbares, Überschaubares. Auch hier zeigt sich eine gewisse Bodenständigkeit, die man fast sympathisch finden könnte, wäre sie nicht so unerquicklich.

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Schlussbemerkung mit schiefem Lächeln

Am Ende bleibt der Eindruck eines Landes, das weniger an der Entstehung von Kriminalität interessiert ist als an ihrer erstaunlichen Persistenz. Vorarlberg erscheint wie ein sozialer Kreislaufbetrieb, in dem Straftaten recycelt werden, effizient und nachhaltig. Das ist polemisch, gewiss, und ungerecht obendrein – aber Satire lebt von der Überzeichnung. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo zwischen Statistik und Stammtisch, zwischen Strukturproblem und individueller Verantwortung. Sicher ist nur: Das Crime Ländle hat sich seinen Platz in der österreichischen Justizlandschaft redlich erarbeitet. Und während der Bund stolz auf sinkende Zahlen blickt, dreht sich im Westen das Karussell weiter – mit einem Augenzwinkern, einem Achselzucken und dem leisen Verdacht, dass man sich hier längst an den Kreis gewöhnt hat.

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