Segen sei mit ihm

Der Anspruch der Ewigkeit und die Tyrannei des Augenblicks

Der Anspruch allgemeiner Gültigkeit ist die große rhetorische Währung heiliger Texte: Was hier gesagt wird, so die implizite Drohung, gilt immer, überall und für alle. Wer den Koran jedoch konsequent entlang der Biographie des Propheten liest und zusätzlich die Logik der Abrogation ernst nimmt, dem zerbröselt dieser Anspruch zwischen den Fingern wie zu trockenes Fladenbrot. Denn was bleibt von der Ewigkeit, wenn sich Gebote, Verbote und moralische Imperative auffällig synchron zu den Lebensumständen eines einzelnen Mannes verändern? Die mekkanischen Suren predigen Geduld, Gewaltlosigkeit und die Schönheit des Erduldens, nicht weil diese Tugenden zeitlos überlegen wären, sondern weil sie für eine machtlose Minderheit funktional sind. In Medina hingegen, wo Macht, Waffen und politische Verantwortung ins Spiel kommen, wird aus Geduld plötzlich Kampfbereitschaft, aus Toleranz Abgrenzung, aus moralischem Universalismus eine fein säuberlich regulierte Gemeinschaft mit klaren Innen und Außenlinien. Wer hier noch von allgemeiner Gültigkeit spricht, muss erklären, warum das Allgemeine so verdächtig oft deckungsgleich ist mit dem jeweils biografisch Nützlichen.

Abrogation als theologische Schadensbegrenzung

Die Lehre von der Abrogation wirkt bei näherem Hinsehen weniger wie ein tiefes metaphysisches Prinzip als wie eine hastig errichtete Stützkonstruktion, um den Einsturz des Universalitätsanspruchs zu verhindern. Wenn ein späterer Vers einen früheren aufhebt, dann wird damit nicht nur ein theologisches Problem gelöst, sondern ein historisches offengelegt: Offenbarung ist offenbar nicht unabhängig von Zeit, Ort und politischer Lage. Polemisch zugespitzt könnte man sagen, dass die Abrogation genau das Gegenteil dessen beweist, was sie retten soll. Sie zeigt, dass Normen nicht deshalb gelten, weil sie wahr sind, sondern weil sie in einer bestimmten Situation durchsetzbar erscheinen. Der Gedanke, dass Gott seine eigenen Aussagen relativiert, um den wechselnden Bedürfnissen seines Propheten zu entsprechen, ist für die Idee ewiger Moral verheerend. Satirisch betrachtet ähnelt das weniger einer himmlischen Weisheit als einem Vertragswerk mit ständig nachgereichten Fußnoten, in denen steht, dass Absatz drei nur gilt, solange Absatz sieben noch nicht offenbart ist.

Der Prophet als Maß aller Dinge und aller Zeiten

Stellt man die Biographie des Propheten radikal ins Zentrum der Textauslegung, wird der Koran weniger zu einem Buch für die Menschheit als zu einem Begleitprotokoll eines außergewöhnlichen Lebens. Jeder biografische Einschnitt erzeugt seine eigene Theologie: Verfolgung erzeugt Trostverse, politische Konsolidierung erzeugt Gesetzestexte, militärischer Erfolg erzeugt Triumphrhetorik. Selbst intime Aspekte des Privatlebens finden ihren Weg in die Offenbarung und werden damit normativ aufgeladen. Der satirische Kern dieser Beobachtung liegt in der grotesken Asymmetrie: Aus sehr konkreten, sehr persönlichen Situationen werden Regeln abgeleitet, die Jahrhunderte später noch als allgemeingültig gelten sollen. Dass eine Offenbarung die ehelichen Arrangements eines Siebtjahrhundertmannes regelt und damit implizit vorgibt, etwas über universelle Moral zu sagen, ist literarisch betrachtet kühn und philosophisch betrachtet fragwürdig. Kritisch formuliert: Je genauer man hinschaut, desto weniger spricht der Text zur Menschheit und desto mehr spricht er zu und über Muhammad.

Universalität als nachträgliche Illusion

Die Vorstellung, der Koran sei unabhängig von seiner Entstehungszeit verständlich und gültig, erweist sich bei biografischer Lektüre als fromme Illusion. Ohne Kenntnis der Lebensumstände des Propheten bleiben viele Verse rätselhaft, widersprüchlich oder schlicht unverständlich. Mit dieser Kenntnis werden sie verständlich, verlieren aber genau dadurch ihren universellen Anspruch. Denn was nur im Kontext funktioniert, ist per Definition nicht allgemein. Der Text wird so zu einer Art historischer Dramaturgie, in der Gott die Rolle des allwissenden Erzählers übernimmt, der jedoch erstaunlich gut über die tagespolitischen Sorgen seines Protagonisten informiert ist. Der Zynismus liegt darin, dass diese Kontextabhängigkeit später in einen Absolutheitsanspruch umgedeutet wird: Aus situativen Antworten werden zeitlose Wahrheiten, aus biografischer Notwendigkeit ewige Norm. Die Allgemeingültigkeit erscheint damit weniger als Eigenschaft des Textes denn als Projekt seiner späteren Leser.

Schlussbemerkung über Heiligkeit und Maßstab

Ein Koran, der konsequent nach Abrogation und Prophetenbiographie gelesen wird, ist kein Buch der Ewigkeit, sondern eines der Anpassung. Das muss man nicht moralisch verurteilen, aber man sollte es intellektuell ernst nehmen. Die satirische Pointe besteht darin, dass ausgerechnet ein Text, der den Anspruch erhebt, überzeitlich zu sein, sich als besonders zeitgebunden erweist. Seine Normen wachsen, verändern sich und widersprechen einander in genau dem Maß, wie sich das Leben seines Verkünders verändert. Wer daraus dennoch allgemeingültige Regeln ableiten will, betreibt weniger Exegese als Mythologie. Vielleicht ist das die ehrlichste Lehre dieser Lektüre: Nicht dass der Text nichts zu sagen hätte, sondern dass er vor allem etwas über seine Entstehungsbedingungen sagt. Und dass der Anspruch auf universelle Gültigkeit weniger eine Eigenschaft des Koran ist als der Wunsch seiner Ausleger, die eigene Geschichte zur Geschichte aller zu erklären.

Das Diskursproblem als Komfortzone

Es gibt Momente, in denen das Wort „Diskursproblem“ wie ein Sofa wirkt: weich, breit, einladend, ideal zum Hineinsinken, wenn die Wirklichkeit stachelig wird. Luisa Neubauer hat dieses Möbelstück jüngst im Funke-Podcast neu bezogen, und zwar mit dem Stoff der eigenen Befindlichkeit. Nicht der 7. Oktober 2023, nicht die Massaker, nicht der eruptive Judenhass, der seitdem wieder aus Kellern und Kommentarspalten quillt, stehen im Zentrum ihrer Erzählung, sondern das Gefühl, missverstanden, unter Druck gesetzt, ja fast: bedrängt worden zu sein. Man könnte sagen, das ist die hohe Kunst der Perspektivverschiebung, eine Art rhetorisches Feng-Shui: Man rückt die schweren Dinge an den Rand und stellt die Zimmerpflanze der eigenen Panikattacke ins Licht. Dass das Ganze als „kritische Selbstreflexion“ verkauft wird, gehört zum Handwerk; dass es dabei unerquicklich riecht, ist der Preis des Handwerks.

Empathie nach Bedarf, Moral im Baukastensystem

Neubauers Bedauern darüber, Fridays for Future habe „nicht nachdrücklich genug“ Repressionen gegen Palästina-Aktivisten verurteilt, ist ein bemerkenswerter Satz. Er ist bemerkenswert, weil er ohne Subjekt auskommt – wer repressiert hier eigentlich wen? – und ohne Objekt – was genau ist geschehen? –, aber mit einer klaren Stoßrichtung: Die Opfer sind jene, die sich „für Menschenrechte in Palästina und Gaza“ eingesetzt haben. Das ist ein schöner, warmer Satz, wie ein Wollschal, der allerdings die Tatsache verdeckt, dass in diesem Land Demonstrationen stattfanden, auf denen „From the river to the sea“ skandiert wurde, als handle es sich um einen Wellness-Slogan. Empathie, so scheint es, ist bei Neubauer keine Kategorie der Zumutung, sondern der Auswahl. Man verteilt sie wie Solarpaneele: bevorzugt dort, wo sie gut ins eigene Energiekonzept passt.

Die internationale Familie und der deutsche Sonderweg

Der Hinweis auf die internationale Mutterorganisation von Fridays for Future, die sich früh auf die Seite der Palästinenser schlug und dabei antisemitische Entgleisungen billigend in Kauf nahm, wirkt wie eine Entlastungsstrategie mit eingebauter Notausgangstür. Der deutsche Ableger habe sich ja distanziert, sagt man, und Luisa Neubauer sagt es mit der Ernsthaftigkeit einer Schülerin, die darauf hinweist, dass sie zwar im falschen Bus saß, aber rechtzeitig ausgestiegen sei. Das Problem an dieser Erzählung ist nicht ihre faktische Fragwürdigkeit, sondern ihre moralische Bequemlichkeit. Wer eine globale Bewegung repräsentiert, kann sich nicht in nationale Unschuld flüchten, wenn es international brennt. Global denken, lokal entschuldigen – das war einmal ein Werbeslogan, kein ethisches Prinzip.

Greta, die Reflektierte, und der Umgang, der nicht zu rechtfertigen ist

Die Verteidigung Greta Thunbergs gehört zum Ritual. Greta sei „sehr reflektiert“, sagt Neubauer, und man nickt höflich, denn Reflexion ist in diesen Kreisen eine Tugend wie früher die Keuschheit. Dass Thunberg sich nicht nachdrücklich zum 7. Oktober geäußert habe, wird eingeräumt, aber sofort relativiert: Der Umgang mit ihr sei „unter keinen Gesichtspunkten zu rechtfertigen“. Unter keinen. Das ist ein großer Satz, ein Satz mit der Wucht einer Bannbulle, der allerdings erneut die Blickrichtung verschiebt: vom Inhalt zur Form, vom Gesagten zum Umgang damit. Wer so argumentiert, verteidigt nicht die Sache, sondern den Status. Die Ikone darf nicht fallen, also muss der Kontext weichen.

Das historische Ding, oder: Wie man den Holocaust in Klammern setzt

Am unerquicklichsten wird es dort, wo Neubauer Verständnis für internationale Aktivisten äußert, die Deutschland mit einem „Heult leise“ bedenken, weil hierzulande von einem „Diskursproblem“ die Rede sei – Staatsräson, „noch das historische Ding“. Dieses „historische Ding“ ist kein Ding. Es ist der industrielle Massenmord an sechs Millionen Juden. Es ist der Grund, warum dieses Land eine besondere Verantwortung trägt, nicht als folkloristische Bürde, sondern als ethische Verpflichtung. Wer den Holocaust in der Umgangssprache zum „Ding“ verkleinert, macht ihn handhabbar, abheftbar, relativierbar. Das ist kein Ausrutscher, sondern eine Haltung: Geschichte als lästiges Möbelstück, über das man im Eifer der Gegenwart stolpert.

Panikattacken als politisches Argument

Natürlich ist es ernst zu nehmen, wenn jemand von einer Panikattacke berichtet. Psychische Belastungen sind real, und öffentlicher Druck kann krank machen. Aber wenn die eigene Panik zum narrativen Höhepunkt einer Erzählung wird, die von einem beispiellosen antisemitischen Terrorakt handelt, dann stimmt die Gewichtung nicht mehr. Dann wird das Private zum Maßstab des Politischen, und das Politische zur Kulisse des Privaten. Bundespolitiker hätten in ihr Telefon „reingebrüllt“, sagt Neubauer, ohne Namen zu nennen. Das Bild ist stark, fast filmisch, aber auch bequem: Es immunisiert gegen Nachfragen. Wer brüllt, hat Unrecht; wer leidet, hat Recht.

Satirisches Fazit: Die Klimaerwärmung der Moral

Luisa Neubauer steht exemplarisch für eine Generation politischer Akteure, die moralische Dringlichkeit mit moralischer Eindeutigkeit verwechselt. Das „Diskursproblem“ ist dabei kein analytischer Begriff, sondern ein Rettungsring. Man wirft ihn sich selbst zu, wenn die Wellen der Wirklichkeit zu hoch schlagen. Satirisch betrachtet könnte man sagen: Die Moral hat sich erwärmt, sie ist flüssig geworden, sie passt sich jeder Form an. Ernst betrachtet bleibt die Frage, ob eine Bewegung, die die Welt retten will, es sich leisten kann, beim Thema Antisemitismus so erstaunlich selektiv zu sein. Denn während man über Diskurse spricht, zählen andere noch immer die Toten. Und das ist kein „historisches Ding“, sondern eine Gegenwart, die mehr verlangt als augenzwinkernden Zynismus.

Antisemitismus unter Quarantäne

Das Labor mit den dicken Wänden

Antisemitismus ist in Österreich ein Forschungsgegenstand, der unter Quarantäne steht, geschniegelt, nummeriert, mit Latexhandschuhen angefasst und nach getaner Betrachtung wieder sorgfältig in den Tresor gesperrt wird. Er darf das Labor nicht verlassen, denn draußen könnte er ansteckend sein, oder schlimmer noch: erkenntlich. Dort draußen nämlich trägt er längst keine Springerstiefel mehr, sondern modische Zeichen internationaler Solidarität, die sich als moralische Tarnkappen erweisen. Einst war alles einfacher, als der Antisemit noch geschniegelt geschniegelt kam, mit klarer politischer Etikette und eindeutiger Frisur, eine Karikatur seiner selbst, die man ohne Umwege fotografieren, katalogisieren und verdammen konnte. Damals ließ sich das Böse mit Pfeilen versehen, und die Pfeile zeigten stets nach rechts, wo sie hingehörten, so glaubte man. Der Forschungsgegenstand war bequem, weil er bestätigte, was man ohnehin wusste, und die Forschung bestand im Wesentlichen aus dem wiederholten Nicken vor dem Spiegel.

Heute jedoch ist der Antisemitismus ein Chamäleon, das seine Farbe wechselt, sobald der moralische Zeigefinger gehoben wird. Und weil er sich nicht mehr an die vertrauten Codes hält, wird er kurzerhand umetikettiert, bis er wieder in das vertraute Raster passt. Man nennt ihn Antizionismus, Israelkritik, Kontext, Perspektive, ja sogar Empathie. Alles Wörter, die so klingen, als seien sie mit Bedacht gewählt, dabei sind sie oft nichts als das intellektuelle Äquivalent einer Tarnkappe, unter der man sich unsichtbar macht, während man weiter zielt. Die Labortüren bleiben geschlossen, denn draußen müsste man anerkennen, dass das Phänomen gewandert ist, dass es sich neue Allianzen gesucht hat, neue Vokabeln, neue Bühnen. Und das würde bedeuten, die eigenen Denkgewohnheiten zu hinterfragen, eine Tätigkeit, die in der heimischen Intelligenzia ungefähr so beliebt ist wie ein ungefilterter Blick auf die eigene Doppelmoral.

Der Gratisgestus der Gerechten

Es gibt in diesem Land einen Reflex, der so zuverlässig ist wie der Applaus nach der Nationalhymne: Geht es gegen Rechts, dann ist die Betroffenheit grenzenlos, die Empörung großzügig, der moralische Kredit unbegrenzt. Man weiß genau, wo man stehen muss, um gesehen zu werden, und noch genauer, welche Sätze man sagen muss, um nichts zu riskieren. Antisemitismus von rechts ist der Gratisgestus der Gerechten, ein moralischer Selbstbedienungsladen, in dem man sich bedienen kann, ohne je zur Kassa gebeten zu werden. Er ist der Prüfstein, den man mit verbundenen Augen besteht, weil der Weg dorthin ausgetreten ist wie ein alter Pilgerpfad. Die richtigen Schlagworte, die richtigen Feinde, die richtige Pose – alles sitzt, alles passt, alles ist vertraut.

Ganz anders wird es, sobald der Blick nach links schweift oder in religiöse Milieus, die man sich mühsam als Opferreservate eingerichtet hat. Dort wird plötzlich gestottert, relativiert, kontextualisiert, dort werden Schwänze mit der Geschwindigkeit einer V2-Rakete wieder eingezogen, als hätte man sich versehentlich zu weit aus dem moralischen Fenster gelehnt. Man spricht von Einzelfällen, von importierten Konflikten, von kulturellen Missverständnissen, von allem, nur nicht von dem, was es ist. Die Sprache wird weich wie Watte, die Sätze krümmen sich vor lauter Vorsicht, und am Ende bleibt nichts übrig als ein diffuses Unbehagen, das man schnell wieder wegmoderiert. Kritik an antisemitischen Ressentiments in diesen Kontexten gilt als Zumutung, als Verrat an der eigenen Haltung, als gefährliches Spiel mit falschen Freunden. Also lässt man es bleiben, schweigt, nickt, schaut weg und nennt das dann Verantwortung.

Gedenktage mit Ablaufdatum

Zweimal im Jahr allerdings wird der Tresor geöffnet, feierlich, unter Blitzlicht und Kranzniederlegung. Am 27. Jänner und am 9. November darf die Betroffenheitsrhetorik ausgepackt werden wie ein gut gebügelter Anzug, der sonst im Schrank hängt. Man spricht von Nie wieder, man mahnt, man erinnert, man zeigt sich tief bewegt. Die Worte sind groß, die Gesten würdevoll, und für einen kurzen Moment scheint es, als habe das Labor tatsächlich einen Ausgang gefunden. Doch kaum ist der Kranz verwelkt, kaum sind die Kameras abgebaut, fällt die Tür wieder ins Schloss. Die restlichen 363 Tage herrscht Funkstille, als wäre Antisemitismus ein saisonales Phänomen, das man zwischen zwei Gedenkterminen getrost ignorieren kann.

In dieser langen Zwischenzeit wird das alte Ressentiment durch das Dorf getrieben, neu verkleidet, neu benannt, oft begleitet von Applaus aus jenen Reihen, die sich selbst für immun halten. Israelkritik wird zur Projektionsfläche, Antizionismus zur moralischen Ausrede, und wer darauf hinweist, dass hier alte Muster in neuen Gewändern auftreten, gilt schnell als Spielverderber, als jemand, der den Diskurs vergiftet. Dabei ist es nicht der Hinweis, der vergiftet, sondern das Gift selbst, das man nicht benennen will. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene, die sich als besonders wachsam verstehen, blind werden, sobald die Gefahr nicht mehr aus der erwarteten Richtung kommt. So bleibt der Antisemitismus im Labor, sauber beschriftet, gut erforscht und völlig wirkungslos bekämpft, während er draußen längst seine Runden dreht, ungestört, ungeniert und bestens angepasst an die moralischen Moden der Zeit.

Ein Gedenktag betritt die Bühne,

und stolpert über den roten Teppich

Welttag gegen Islamophobie. Schon das Wortgebirge wirkt wie eine frisch asphaltierte Umgehungsstraße für Denkfaulheit, breit genug für Ministerlimousinen, NGOs und Hashtag-Karawanen zugleich. Ein Tag, der uns alle, kollektiv und mit ernster Miene, an die Hand nehmen will, damit wir endlich fühlen, was wir ohnehin fühlen sollen. Echt jetzt? Der Kalender, dieses stoische Tier, das früher Erntezeiten, Heiligengedenktage und Mondphasen verwaltete, wird zum moralischen Beichtstuhl mit Stempelautomat. Heute bitte reumütig sein, morgen solidarisch, übermorgen achtsam – und zwischendurch die Kaffeemaschine entkalken. Der Welttag gegen Islamophobie betritt diese Bühne mit der Grazie eines Elefanten im Porzellanladen der Begriffe: gut gemeint, schwer bewaffnet mit Pathos, und mit jener unerschütterlichen Gewissheit, dass Benennung bereits Bekämpfung sei. Als hätte man mit der Etikettierung des Problems schon dessen Lösung eingepackt, Geschenkpapier inklusive.

Die Magie des Benennens und das bequeme Sofa der Empörung

Es ist eine alte Hoffnung des modernen Moralmanagements, dass Dinge verschwinden, wenn man sie richtig nennt. Rassismus, Sexismus, Klimakrise – die Worte sollen wie Salzsäulen wirken, die das Unheil erstarren lassen. Islamophobie nun also, eine Vokabel, die mit klinischer Kälte Angst diagnostiziert und zugleich politisch erhitzt wird. Phobie klingt nach Couch, nach Therapeutin, nach Atemübungen. Sie klingt nicht nach Debatte. Wer eine Phobie hat, diskutiert nicht, der wird behandelt. Das ist der elegante Trick: Kritik wird zur Pathologie umetikettiert, Zweifel zur Krankheit, Widerspruch zur Symptomatik. Und der Welttag ist das Gruppentherapie-Seminar, in dem alle nicken, weil Nicken als gesund gilt. Dass damit nicht selten das Sofa der Empörung bequemer wird als der Stuhl der Analyse, ist kein Kollateralschaden, sondern das Designprinzip.

Opfer, Täter und die pädagogische Choreografie des Guten

Die Dramaturgie ist so vertraut, dass man sie im Halbschlaf mitsummen könnte. Da sind die Opfer, klar umrissen und in der Mehrzahl unsichtbar, da sind die Täter, vage, aber stets präsent, und dazwischen die Erzieherinnen der Nationen, die mit sanfter Strenge erklären, was man heute fühlen darf. Der Welttag gegen Islamophobie verspricht Schutz, liefert aber oft Symbolik; er ruft zur Solidarität auf und landet nicht selten bei der moralischen Selbstvergewisserung jener, die ohnehin überzeugt sind. Man trägt das richtige Abzeichen, postet das richtige Quadrat, formuliert den richtigen Satz – und geht dann beruhigt zum Tagesgeschäft über. Die Welt ist wieder in Ordnung, zumindest für 24 Stunden. Dass reale Diskriminierung nicht durch Hashtags verschwindet, ist eine triviale Wahrheit, die erstaunlich hartnäckig ignoriert wird, wenn der Applaus laut genug ist.

Kritik, die sich verkleidet, und Glaube, der sich verwechselt fühlt

Es gibt einen neuralgischen Punkt, an dem die Satire bitter wird: Dort, wo berechtigte Kritik an religiösen Institutionen, Texten oder Machtansprüchen in denselben Topf geworfen wird wie blanker Hass auf Menschen. Der Welttag gegen Islamophobie behauptet, zu differenzieren, lebt aber von der Undifferenziertheit seines Schlagworts. Wer Fragen stellt, riskiert, als Phobiker etikettiert zu werden; wer pauschalisiert, findet sich paradoxerweise im Schatten der guten Absichten wieder. Der Diskurs verengt sich, nicht weil jemand böse wäre, sondern weil die Bühne so gebaut ist. Religion wird zur Identität erklärt, Identität zur Unantastbarkeit, Unantastbarkeit zum Diskussionsverbot. Am Ende steht eine eigentümliche Allianz aus Wohlmeinenden und Machtbewussten, die beide von der Stille profitieren.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und der moralische Feiertagsrabatt

Kein Welttag ohne Sponsoren der Aufmerksamkeit. Medien lieben Anlässe, Aktivismus liebt Kalender, Politik liebt Rituale. Der Welttag gegen Islamophobie ist ein Sonderangebot im Supermarkt der Tugenden: Heute zwei zum Preis von einem – Mitgefühl und Selbstlob. Morgen wieder Normalbetrieb. In dieser Ökonomie zählt nicht die Tiefe der Auseinandersetzung, sondern die Reichweite der Geste. Komplexität ist schlecht für Klicks, Ambivalenz schlecht für Slogans. Also wird vereinfacht, zugespitzt, poliert. Dass Islamophobie ein reales Problem ist, steht außer Frage; dass seine Bekämpfung mehr erfordert als einen Tag, scheint hingegen eine unbequeme Erkenntnis zu sein, die man lieber auf morgen verschiebt. Der Feiertagsrabatt erlaubt es, die Mühe der Dauerarbeit aufzuschieben.

Die Satire als Notwehr der Vernunft

Lachen ist hier keine Respektlosigkeit, sondern ein Überlebensreflex. Wenn Begriffe zu Bannflüchen werden und Tage zu Dogmen, bleibt der Ironie nur die Rolle der Feuerwehr. Sie löscht nicht das Feuer, aber sie verhindert, dass der Rauch die Sicht vollständig nimmt. Ein augenzwinkernder Blick entlarvt die Mechanik: den inflationären Gebrauch des Ernstes, die pädagogische Pose, die moralische Erpressung mit dem guten Zweck. Satire fragt: Wem nützt das? Wer spricht? Wer schweigt? Und sie erlaubt, gleichzeitig zwei Gedanken zu halten: dass Menschen wegen ihres Glaubens diskriminiert werden und geschützt werden müssen – und dass der Diskurs darüber nicht in Watte gepackt, sondern geschärft gehört.

Jenseits des Kalenders eine Zumutung namens Alltag

Was wäre, wenn man den Welttag gegen Islamophobie ernst nähme, im wörtlichen Sinne? Wenn man ihn als Startschuss verstünde, nicht als Schlussapplaus? Das würde bedeuten, mühsam zu unterscheiden, konsequent zu widersprechen, unbequem zu bleiben. Es würde bedeuten, Hass klar zu benennen und Kritik nicht zu dämonisieren; Betroffene zu hören, ohne sie zu instrumentalisieren; Macht zu kontrollieren, auch wenn sie sich in religiöse Gewänder hüllt. Vor allem aber würde es bedeuten, den Kalender zu entmachten und den Alltag zu belasten. Denn Gerechtigkeit ist kein Event, sondern eine Praxis. Sie braucht keinen Welttag, um wichtig zu sein – und sie leidet, wenn sie auf einen reduziert wird.

Schluss ohne Schlussstrich

Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Der Welttag gegen Islamophobie ist zugleich notwendig und unerquicklich, sinnvoll gemeint und unerquicklich umgesetzt, ein Symptom unserer Zeit, die Probleme gern datiert, statt sie zu bearbeiten. Man kann ihn begehen, ohne ihm zu verfallen. Man kann Solidarität zeigen, ohne Denkverbote zu verhängen. Und man kann, bei aller Ernsthaftigkeit, das Lachen nicht verlieren – dieses kleine, widerständige Lachen, das daran erinnert, dass Moral ohne Humor zur Pose erstarrt. Der Kalender mag markieren, was wichtig ist. Verstehen müssen wir es selbst.

Wiesbaden, moralisches Epizentrum

Ein Fest der digitalen Selbstgerechtigkeit

Wiesbaden, dieses noble Nest am Rhein, glänzt nicht nur durch Fachwerkromantik und Thermalbäder, sondern neuerdings durch ein virtuelles Tribunal, das sich selbst für Richter über Weltpolitik hält. Die jüdische Gemeinde lädt Arye Sharuz Shalicar ein, Ex-Sprecher der israelischen Armee, und zack – aus der Tiefe der Social-Media-Sümpfe tauchen sie auf: anonyme Petitionshelden, die mit der Grazie einer Presslufthammer-Oper auf die Einladung einschlagen. Man stelle sich vor: Ein Mann, der Worte formulierte, um Konflikte zu erklären, steht plötzlich im Fadenkreuz einer digitalen Meute, deren einziger Lebensinhalt darin besteht, Likes zu sammeln und sich dabei moralisch überlegen zu fühlen. Willkommen im Zeitalter, in dem Empörung Klicks hat und Verantwortung nur eine optionale Zutat.

Die Tyrannei der Tastaturhelden

Es ist ein herrliches Schauspiel: Tastaturhelden, die niemals einen Fuß in Wiesbaden gesetzt haben, bestimmen über die Agenda einer real existierenden Gemeinde. „Zurückziehen!“, schreien sie, während sie mit Daumen hoch und Herzchen in der virtuellen Arena jonglieren. Die Ironie? Diese digitale Moralpolizei arbeitet unter dem Mantel der Anonymität, die es erlaubt, mit den Fingern zu richten, ohne selbst je zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wer braucht schon echte Argumente, wenn man Empörung in 280 Zeichen zusammenfassen kann? Wer braucht Diskurs, wenn man Retweets hat? Wiesbaden ist plötzlich der Schauplatz eines absurden Krieges zwischen Realität und digitaler Vorstellungskraft – und alle tragen Uniformen aus Pixeln.

Die Komik der Selbstüberschätzung

Wer sich wundert, ob man darüber lachen oder weinen soll, liegt richtig: Man muss beides tun. Die jüdische Gemeinde organisiert eine Veranstaltung, und das Netz entschließt sich, Richter zu spielen, Anwalt zu sein, Staatsanwalt sowieso, und selbstverständlich auch Publikum in einem: alles gleichzeitig. Die Paradoxie liegt darin, dass der reale Akt der Einladung sekundär wird, während die imaginäre Empörung zur Hauptrolle aufsteigt. Social Media triumphiert, Wiesbaden wirkt wie ein moralisches Labor, und wir beobachten das Ganze mit Popcorn und einem Stirnrunzeln, das langsam zu einem Lächeln wird – bitter, zynisch, aber zutiefst unterhaltsam.

Schlussbemerkung: Die Tragikomödie der Moderne

Arye Sharuz Shalicar mag kommen oder nicht, doch die eigentliche Show läuft längst: ein episches Theaterstück der digitalen Moral, in dem jeder Klick, jeder Share, jede Petition ein Drama aus Selbstgerechtigkeit und Oberflächlichkeit aufführt. Wiesbaden ist nicht länger Stadt, sondern Bühne; die Gemeinde ist nicht länger Gastgeber, sondern Symbol; und die moralische Empörung ist nicht länger Argument, sondern Währung.

Und während wir über diese groteske Farce schmunzeln, bleibt die Erkenntnis, so schmerzhaft wie köstlich: Die Welt ist kompliziert, der moralische Reflex einfach. So funktioniert die neue Demokratie: digital, laut, oberflächlich – und herrlich absurd. Wiesbaden, nehmen Sie Platz, das Popcorn ist serviert, und der Vorhang fällt nie.

Anne Frank mit Kufija

Wenn Historie zur Meme-Kultur mutiert

Es gibt Momente in der Kunstkritik, die so bizarr wirken, dass man sich fragen muss, ob man Zeuge eines intellektuellen Deliriums oder schlicht moralischer Blindheit ist. Costantino Ciervos Ausstellung „Comune. Das Paradox der Ähnlichkeit im Nahostkonflikt“ gehört zweifellos in diese Kategorie. Neapel, 1961 geboren, Wirtschaft und Politik studiert, nur um dann, wie so viele Intellektuelle mit gescheitertem Rationalismus, die „freie Kunst“ als Bühne für moralische Selbstverherrlichung zu wählen – welch groteske Ironie.

Ciervo greift nicht irgendeinen politischen Skandal, sondern die wohl sensibelste Figur des 20. Jahrhunderts: Anne Frank – versehen mit einer roten Kufija. Es ist der Versuch, historische Opfer als Accessoires eines zeitgenössischen Diskurses zu benutzen. Hier wird nicht Kunst geschaffen, hier wird Geschichte trivialisiert, geformt nach der Bequemlichkeit des Künstlers. Die stille Chronistin ihres eigenen Untergangs wird zum moralischen Kompass umdefiniert – posthum, digital, entkernt.

Die Kunst der Grenzüberschreitung oder der ästhetische Antisemitismus

Anne Frank, am Tisch sitzend, ein iPad vor sich – als wäre ihr Tagebuch plötzlich ein Twitterfeed. Die Frage, wie sie sich zum Nahostkonflikt positionieren würde, ist so abgründig wie geschmacklos.(Ciervo fragt: „Wie würde sich Anne Frank heute zum Nahostkonflikt positionieren? Wie würde sie sich anlässlich der genozidalen Politik Israels in Gaza verhalten? Würde sie wegen ihres Humanismus, den ihre Tagebücher dokumentieren, wie zahlreiche jüdische Intellektuelle ihre Stimme gegen die israelische Politik erheben?„) Dies ist kein Dialog mit der Vergangenheit, sondern eine Aneignung, eine intellektuelle Kolonialisierung historischer Erfahrung. Moralisch verkleidet, intellektuell verbrämt – im Kern jedoch eine Form von klassischem, ästhetisch verbrämten Antisemitismus: die Verfälschung der Geschichte unter dem Vorwand humanistischer Ambitionen.

Humor als Schutzanzug gegen Unfähigkeit

Ciervo bietet ein Meme der Shoah: Anne Frank + iPad + rote Kufija. Der „Humor“, der hier suggeriert wird, ist nicht befreiend, sondern entlarvend. Er offenbart eine Gesellschaft, in der historische Sensibilität beliebig verschiebbar geworden ist, solange das Resultat viral taugt. Die Ironie wird zum Mittel der Distanzierung von Verantwortung: Wenn das Opfer gefahrlos politisch instrumentalisierbar wird, spielt der Kontext keine Rolle mehr.

Das moralische Feuilleton in Absurdität

Der intellektuelle Voyeurismus, der hier betrieben wird, ist subtil wie ein Vorschlaghammer. Die Erwartung, historische Opfer in zeitgenössische Debatten einzuspannen, ohne dass die Vergangenheit zurückschlägt, offenbart die moralische Kurzsichtigkeit des Kunstbetriebs. Ciervos Bild provoziert kaum, es ästhetisiert die eigenen, bequemen Vorurteile – und das unter dem Deckmantel „kritischer Kunst“.

Schlussakkord: Historische Integrität versus digitale Provokation

Am Ende steht der Betrachter ratlos vor Anne Frank, iPad vor sich, rote Kufija als politisches Instagram-Filter-Accessoire. Was inszeniert wird – Diskurs, Provokation oder eitle Symbolmanipulation – bleibt unklar. Dass dies als künstlerische Kühnheit gefeiert wird, offenbart mehr über die Zeitgenossen als über den Künstler. Die Erkenntnis ist bitter: Manchmal ist die Absurdität so groß, dass sie sich nicht einmal mit bitterem Humor rechtfertigen lässt. Man kann nur staunen – und sich fragen, wie viel Gleichgültigkeit und ästhetisierte Geschichtsvergessenheit nötig sind, um so etwas zu kreieren.

Der Flüchtlingsstatus, der nicht sterben wollte

Es gibt Tage, an denen man den Verdacht hegt, dass die Weltgeschichte von einem übernächtigten Büroangestellten geführt wird, der seine Akten im Halbdunkel eines Kellergeschosses sortiert, während er aus einem halbverstopften Thermobecher kalten Kaffee trinkt. Man hört förmlich, wie der Großarchivar des Universums durch vergilbte Register blättert und mit dem gelangweilten Seufzen eines Beamten nach Feierabend feststellt: „Ach herrje, diese Vertriebenen aus Schlesien, Ostpreußen, Sudetenland – die tun wir mal in den Ordner Erledigt. Die kriegen keinen Sonderstatus, die müssen sich irgendwie selbst regenerieren.“ Und dann, mit einer Mischung aus kosmischem Fatalismus und bürokratischer Kreativität, nimmt der Archivar eine andere Akte, klopft den Staub ab, betrachtet den Inhalt und entscheidet: „Hier machen wir mal eine Ausnahme. Eine einzige. Für immer. Ohne Ablaufdatum. Weil – warum nicht?“

Hier beginnt die Groteske.

In einer Welt, in der nichts Bestand hat – weder Ehen, noch Ideologien, schon gar nicht Druckerpatronen – existiert ein Status, der sturer ist als ein antiker Felsblock und langlebiger als das Durchschnittspolitiker-Versprechen vor der Wahl. Die deutschen Vertriebenen wurden nach 1945 behandelt wie Menschen, denen man einen Stempel aufdrückt und dann höflich bittet, doch bitte möglichst rasch im gesellschaftlichen Maschinenraum zu verschwinden, damit niemand länger darüber nachdenken muss. Integration nicht als humanes Ideal, sondern als eine Art absurdes Leistungspaket: Willkommen, bitte auspacken, neu anfangen, Klappe zu, Thema abgehakt.

Doch an anderer Stelle der Welt entschied die internationale Bürokratie – offenbar im Zustand einer metaphysischen Übermüdung –, dass ein Flüchtlingsstatus nicht etwa eine persönliche Katastrophe sei, sondern ein vererbbares Artefakt, ein genealogischer Ritus, ein bürokratischer Familienschmuck, der wie ein historisches Monstrum durch Generationen geistert. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus jener eigentümlichen Mischung aus Moral, Diplomatie, politischer Starre und weltweiter Überforderung, die aussieht, als habe Kafka persönlich den Leitfaden formuliert und dann in die Hände der UNO gelegt.

Wie man ein Problem konserviert wie eingelegte Artischocken

Stellt euch einen Konferenzraum vor, in dem die internationale Gemeinschaft sitzt wie eine Herde übermüdeter Intellektueller, die sich in ihre eigenen Formulierungen verstricken. Man diskutiert, ringt, würgt sprachliche Strukturen hervor, die derart umständlich sind, dass sie nur entstehen können, wenn 20 Staaten sich gegenseitig höflich nicht widersprechen wollen. Und in diesem Moment der globalen Sprachverwurstelung entsteht eine Sonderregelung, die so einzigartig ist, dass sie eigentlich mit einem „Bitte nicht nachmachen“-Warnhinweis versehen werden müsste.

Die historischen deutschen Vertriebenen? Eingegliedert, statistisch erfasst, abgeheftet wie alte Meldekarten.
Die Palästinenser? Ein politisches Kontinuum, das langlebiger ist als manche Staatsform, das vom Völkerrecht wie ein kostbares, aber unhandliches Relikt unter Glas gehalten wird – nicht gelöst, sondern konserviert. Nicht vergessen, aber auch nicht befriedet. Ein Paradigma des Hängenlassens, das gleichermaßen Empathie, Tragik und politisches Versagen offenbart.

Die Komödie der internationalen Prinzipien

Man möchte fast lachen, wenn man nicht wüsste, wie wenig komisch das alles in der Realität ist: Die Welt erfindet für eine Gruppe eine Regelung, die in keinem anderen Fall jemals angewendet wurde und vermutlich nie wieder angewendet werden wird. Wie ein Theaterstück, in dem alle Beteiligten zwar wissen, dass der Vorhang längst hätte fallen sollen, aber der Inspizient schläft und niemand sich traut, die Szene zu beenden.

Die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten wurden nach wenigen Jahren als „integriert“ deklariert – ein Wort, das in seiner nüchternen Brutalität eine ganze Epoche zusammenfasst. Die palästinensische Flüchtlingsfrage hingegen wurde ins Regal der dauerhaften globalen Probleme gestellt, gleich neben „Nahostkonflikt“, „Nordirland (alt)“, „Klimawandel“ und „Steuerreform“.

Und die Bürokratie? Sie schaut mit dem unbewegten Gesichtsausdruck einer Sphinx zu und sagt: „Tja. So ist das jetzt.“

Schlussbild eines absurden Welttheaters

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die so bitter wie ironisch ist: Die Menschheit behandelt ihre Katastrophen nicht nach Prinzipien, sondern nach historischen Zufällen, politischem Druck, internationalen Empfindlichkeiten und der konzilianten Ineffizienz riesiger Institutionen, die Probleme länger konservieren als Gurkengläser im Vorratsschrank einer schwäbischen Großmutter.

Dass die einen ihren Flüchtlingsstatus nicht weitergeben konnten, während andere ihn bis heute vererben – das ist kein moralisches Urteil über Menschen, sondern ein absurdes Monument der Weltpolitik, eine Skulptur aus Ambivalenz, Widerspruch und Weltüberforderung. Eine Tragödie mit komischen Einsprengseln. Ein groteskes Erbstück unserer kollektiven Unfähigkeit, Konflikte zu lösen, statt sie für kommende Generationen einzulagern wie besonders schwierige Winterreifen.

Die Unsichtbaren der Geschichtsbücher

Massenexodus nach 1948

Man könnte meinen, die Welt habe ein bemerkenswert selektives Gedächtnis, das sich darin manifestiert, dass Millionen von Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, einfach so aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden – vorausgesetzt, sie tragen keine palästinensischen Fahnen oder lassen sich politisch instrumentalisieren. Über eine Million Juden flohen seit 1948 aus den arabischen Staaten und ab 1979 auch aus dem Iran, doch in den öffentlichen Debatten zum Nahen und Mittleren Osten tauchen sie nur dann auf, wenn es opportun erscheint. Die Pogrome in Oujda und Jérada 1948 oder der Farhud in Bagdad sind heute Anekdoten, die man höchstens in Fußnoten von Spezialhistorikern findet, während die Tatsache, dass Ende der 1930er-Jahre zwischen 25 und 30 Prozent der Bevölkerung Bagdads jüdisch waren – ein Anteil, der mit Warschau oder New York konkurrierte –, in den Schulbüchern Europas nicht mehr vorkommt. Ähnlich verschwindet die halbe Million Juden Nordafrikas vor 1948 wie Sand in der Wüste.

Der Exodus dieser Juden war umfassend, total und – man muss es wohl sagen – in der dramatischen Einfachheit seines Unrechts erstaunlich: Während die 700.000 Araber, die im Zuge der Staatsgründung Israels flohen, vor allem in Angst vor Krieg handelten, war die Flucht der Juden aus den arabischen Staaten weitgehend frei von unmittelbaren Kampfhandlungen. Es war kein Krieg, der sie trieb, sondern der Hass ihrer Nachbarn, gesetzlich legitimiert, moralisch gerechtfertigt oder schlicht opportunistisch praktiziert. Heute leben in den arabischen Ländern, aus denen einst Hunderttausende Juden stammten, nur noch Reste der einst blühenden Gemeinden: 2.000 von 250.000 in Marokko, 1.500 von 100.000 in Tunesien, weniger als 20 in Ägypten oder Irak – ein Bevölkerungssterben, das nicht durch Krieg, sondern durch Verachtung, Entrechtung und Vertreibung verursacht wurde.

Traditionen der Verachtung: Juden als Schutzbefohlene

Die Geschichte dieser Juden ist die Geschichte einer tolerierten Demütigung. Wer sich Illusionen über das Leben von Juden in islamischen Gesellschaften macht, sollte die Dhimma nicht romantisieren: Sie war kein Schutz, sondern ein Status der Unterwerfung, ein „toleriertes Leiden“. Von den Ritualmordbeschuldigungen im Osmanischen Reich bis hin zu blutigen Ausschreitungen in Tetuan, Bagdad oder Safed – die Gewalt gegen Juden in islamischen Gesellschaften war historisch verankert, wenn auch kontextualisiert durch religiöse Doktrinen und soziale Ordnungen. Die Radikalisierung des Antisemitismus im arabischen Raum des 20. Jahrhunderts – unterstützt durch nationalsozialistische Propaganda und ausgelöst durch die politische Selbstbehauptung von Juden – zeigt, dass Antisemitismus nicht erst nach 1948 entstand: Er war ein traditionsverankerter, ideologisch aufgeladener Reflex, der nur auf den passenden Funken wartete.

Intellektuelle wie Hassan al-Banna, Sayyid Qutb oder Malek Bennabi fanden im Hass auf Juden und Moderne eine willkommene Projektionsfläche: „Dies ist das Jahrhundert der Frau, des Juden und des Dollars.“ Es klingt fast schon wie ein antikes Meme, nur dass es Leben zerstörte. Der Antisemitismus in der arabischen Welt war kein Resultat des Zionismus; der Zionismus fungierte nur als Brennstoff für einen bereits vorhandenen Brand. Die „Schutzbefohlenen“ erhoben sich in Form des Staates Israel – und die arabische Welt reagierte nicht etwa differenziert, sondern kollektiv feindselig.

Israel: Auffanglager und Integrationslabor

Israel selbst stand 1948 vor der absurden Aufgabe, einem Exodus von historischer Dimension zu begegnen. Die Aufnahme von 260.000 Flüchtlingen aus arabischen Ländern und später Hunderttausenden weiteren Juden war kein einfaches logisches Unterfangen, sondern ein logistisch-politisches Mammutprojekt, das zwischen restriktiven Einwanderungsquoten und spektakulären Luftbrücken pendelte. Die Operation Fliegender Teppich oder die Aktionen Ezra und Nehemiah klingen wie Mythen der Moderne: Luftbrücken aus dem Jemen, über 120.000 Juden aus dem Irak – eine Mischung aus Wunderwerk und bürokratischer Zwangsläufigkeit.

Die Integration der Mizrahim in Israel verlief nicht ohne Reibung. Die europäischen Ashkenasim betrachteten ihre neuen Brüder aus dem arabischen Raum nicht selten mit demselben skeptischen Blick, den man heutzutage Historikern entgegenbringt, die über den Farhud schreiben. Zeltlager, Ma’aborot, Entwicklungsstädte – die arabisch-jüdischen Flüchtlinge wurden integriert, aber nicht ohne sozialen Druck, Bildungsdefizite und die ständige Erinnerung an verlorenes Eigentum: geschätzte 300 Milliarden Dollar an Werten, Konfiszierung von Hunderttausenden Quadratkilometern Land, als ob das Schicksal selbst beschließen wollte, dass Ungerechtigkeit multipliziert wird.

Unsichtbare Flüchtlinge, sichtbare Politik

Es ist fast grotesk, dass während über 170 UN-Resolutionen das Schicksal palästinensischer Flüchtlinge thematisiert wurde, niemand über die jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern sprach. Israel praktizierte stillschweigend einen Bevölkerungsaustausch: Man half den Juden, man erwartete von den Arabern, dass sie sich um die arabischen Flüchtlinge kümmerten. Kein Rückkehrrecht, keine internationalen Debatten, nur stille Integration und das subtile politische Verschwinden einer ganzen Bevölkerungsgruppe aus dem kollektiven Gedächtnis der Weltöffentlichkeit.

Ein Funken Hoffnung: Historische Reflexion und Versöhnung

Doch Geschichte ist kein statisches Monument. Die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien, die offiziellen Beziehungen zu den Emiraten, Bahrain, Oman, Marokko und Sudan zeigen, dass Aussöhnung möglich ist. Dass dabei eine leise Renaissance jüdischen Lebens in Bahrein und die Abschwächung antisemitischer Propaganda in Saudi-Arabien stattfinden, mag klein wirken – aber jeder Schritt beginnt mit der Anerkennung von Geschichte. Die Reflexion über Diskriminierung, Verfolgung und Flucht der Juden aus den arabischen Ländern könnte zu einem realistischeren Verständnis des Zionismus führen und einen Beitrag zu zukünftiger Friedensarbeit im Nahen Osten leisten.

Denn am Ende ist die Geschichte dieser unsichtbaren Flüchtlinge eine Geschichte von Resilienz, Überleben und Integration – und vielleicht, nur vielleicht, auch ein Lehrstück darüber, wie selektive Erinnerung die Weltpolitik formt, während Millionen von Schicksalen still unter dem Teppich der Geschichte verschwinden.

Dublin, die Hauptstadt der symbolischen Akrobatik

Man stelle sich Dublin vor: eine Stadt, deren Kopf voll ist mit literarischem Stolz, deren Straßen nach Joyce, Yeats und Beckett riechen, und die gleichzeitig den Mut aufbringt, Geschichte auszulöschen, sobald sie unbequem wird. Chaim Herzog Park, 2018 anlässlich des hundertsten Geburtstags eines Mannes eingeweiht, dessen Lebenslauf jede beliebige politische Ideologie überdauern würde, ist das perfekte Sinnbild für diesen urbanen Zirkus. Herzog, Sohn der Stadt, Jude, Soldat, Jurist, Befreier von Bergen-Belsen, Vernehmer von Himmler, Oberstleutnant der britischen Armee – ein Mann, dessen Existenz den Stolz auf Irland und die Würde der Menschheit zugleich verkörperte. Und doch: Kaum hat man den Namen auf ein Schild gepinselt, schon ist Dublin bereit, diesen Giganten in den Schatten der Bedeutungslosigkeit zu stellen, mit der Selbstsicherheit eines städtischen Dekorateurs, der entscheidet, dass „modernes Design“ Altlasten ersetzt.

Vom Kriegsdienst zur politischen Fußnote

Herzog hat nicht nur Juristenbücher gelesen, sondern in Panzertruppen die Hölle Frankreichs überlebt, Lager befreit und die Abgründe deutscher Kriegsverbrechen dokumentiert. Er hat Himmler befragt, als ob er ein unangenehmes Missverständnis aus der Schule aufklären wollte, während Millionen Leben auf dem Spiel standen. Und heute? Heute wird dieser Mann, der moralische Klarheit im Chaos des Krieges bewies, von einer städtischen Kommission aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen, weil ein einzelner politischer Standpunkt ihn zu einem unbequem gewordenen Möbelstück macht. Die Ironie ist so dick, dass man sie fast schneiden könnte: ein Soldat, der Massenmord konfrontierte, wird auf ein Schild reduziert, das jetzt politischer Schachfigur dienen soll.

Die Kommission, der Widerstand und das triumphale Urteil

Eine Gegenstimme in einer Kommission, die ansonsten einstimmig entschieden hat, den Namen Herzog zu entfernen – man möchte fast applaudieren. Welch ein brillantes Stück demokratischer Performanz: einstimmig, bis jemand das Rückgrat beweist, nur um danach von der öffentlichen Meinung überrollt zu werden. Denn noch bevor irgendein neuer Name diskutiert wurde, erhoben sich Aktivisten, als hätten sie einen Spielplan der moralischen Erpressung bereits vorbereitet, und forderten die Umwidmung in „Free Palestine Park“. Das ursprüngliche Ziel, einen Sohn Dublins zu ehren, wird so elegant ersetzt durch ein politisches Statement, das sich wie ein unvermittelter Faustschlag in die städtische Identität anfühlt.

Politische Radikalisierung als städtische Virtuosität

Man muss Dublins Politik einfach bewundern: radikal links, voller Symbolik, bereit, historische Komplexität zugunsten eines ideologischen Schnellschusses zu opfern. Die Wahl von Catherine Connolly, die Israel als „Terrorstaat“ bezeichnete, verleiht dieser Dynamik einen besonderen Glanz: Staatliche Legitimation trifft auf moralische Kurzsichtigkeit, und die Stadt wird zu einem Schachbrett, auf dem historische Figuren durch politische Botschaften ersetzt werden. Dass es dabei nicht um Debatte, sondern um Eskalation geht, zeigt die Intensität, mit der öffentliche Parks zu Symbolbühnen politischer Selbstinszenierung werden.

Ein Park als Bühne der absurden Ironie

Am Ende ist der Park nicht nur Grünfläche, sondern eine Bühne absurden Theaters. Chaim Herzog, der Soldat, Jurist und Sohn Dublins, würde wahrscheinlich mit einer Mischung aus Amüsement und Entsetzen auf das Schauspiel blicken: Sein Leben, in wenigen Jahren eines Jahrhunderts so voller Bedeutung, wird nun als Staffage für zeitgenössische Ideologien verwendet. Dublin, in seinem postmodernen Überschwang, hat nicht nur die Geschichte gestrichen, sondern sie in einen bizarren Spiegel der eigenen Unsicherheit verwandelt: Man feiert den Aktivismus, während man den Sohn der Stadt vergisst.

Vom Humor der Tragik zur Tragik des Humors

Und hier, in diesem absurden Theater, liegt die bittersüße Pointe: Dublin kann sich rühmen, politisch engagiert zu sein, radikal, moralisch aufgeladen – und gleichzeitig die eigene Vergangenheit auslöschen. Es ist ein Tanz auf einem Parkett, das Herzog selbst vielleicht mit einer trockenen Bemerkung kommentiert hätte: „Wenn ich Himmler befragen konnte, dann kann Dublin wohl auch eine Kommission überstehen.“ Satire, Zynismus, Polemik – sie alle treffen hier auf die Realität einer Stadt, die ihre Geschichte neu erfindet, Parks umbenennt und Helden auslöscht, während sie glaubt, moralisch überlegen zu sein.

Die paradoxe Freiheit

Israel als arabische Erlebniszone der Demokratie

Wer behauptet, dass die arabische Welt generell ein Hort der Freiheit sei, hat entweder die Schlagzeilen der letzten Dekade auf dem Flohmarkt der historischen Wirklichkeit gekauft oder lebt in einem permanenten Zustand der politischen Blindheit. Dennoch sticht ein Staat wie ein scharfkantiger Diamant aus diesem vermeintlich monotonen Mosaik hervor: Israel. Ja, Israel, jenes Land, das in zahllosen medialen Stereotypen als „Apartheidstaat“ oder „Besatzungsmaschine“ karikiert wird, entpuppt sich bei nüchterner Analyse als eine paradoxe Bastion arabischer Freiheit. Das klingt zunächst wie eine rhetorische List, ein Scherz der Geschichte, die uns über die eigene Erwartungslinie hinausschubst. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Araber innerhalb Israels einen politischen und sozialen Freiraum genießen, der in vielen Nachbarstaaten nicht einmal als vage Möglichkeit existiert.

In Israel besitzen arabische Bürger das volle Wahlrecht, sitzen in der Knesset, gründen Parteien, streiten über Bildung, Religion und Wirtschaftspolitik – und werden dafür nicht sofort in einem Betonblock politischer Unterdrückung eingesperrt. Die palästinensische Minderheit, die etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht, darf Richter stellen, Lehrer ausbilden, Anwälte praktizieren und in Medien publizieren. Man könnte diese Freiheiten als selbstverständlich abtun, würde man nicht die Vielzahl von Staaten des Nahen Ostens vor Augen haben, in denen die Teilnahme am öffentlichen Leben für Araber entweder restriktiv reguliert oder faktisch unmöglich ist. Hier zeigt sich eine paradoxe Tatsache: Ein Staat, dessen Gründungskern auf der Idee der jüdischen Heimstätte basiert, erweist sich als liberaler Raum für Araber als Staaten, die explizit auf arabischer Mehrheit und ethnisch-religiöser Homogenität beruhen.

Zynische Beobachtungen einer politischen Realität

Zyniker werden einwenden, dass diese Freiheit teuer erkauft ist: durch gesellschaftliche Isolation, durch subtilen institutionellen Druck, durch die alltägliche Spannung zwischen Zugehörigkeit und Differenz. Das ist nicht falsch – Israel ist kein Paradies ohne Risse. Doch die bitteren Parallelen in anderen Staaten der Region erscheinen umso deutlicher. Während ein arabischer Staatsbürger in Saudi-Arabien, Syrien oder Ägypten die politische Bühne kaum ohne staatliche Kontrolle betritt, darf ein arabischer Staatsbürger in Israel demonstrieren, Petitionen einreichen, sich in gewählten Organen organisieren. Ironischerweise ist es die demokratische Struktur eines „jüdischen Staates“, die diese Freiheiten garantiert, während ethnisch-arabische Staaten den Anspruch auf Freiheit oft mit dem Schwert der Macht beschneiden.

Die Satire liegt in der Inkongruenz: Ein Staat, der medial regelmäßig als „besatzend“ und „exklusiv“ gebrandmarkt wird, liefert faktisch Freiheiten, die manche arabische Länder ihren eigenen Bürgern verwehren. Der Humor entsteht durch die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und politischer Realität – ein makabrer Witz, den die Weltgemeinschaft zu selten würdigt. Hier, in dieser paradoxerweise liberalen Enklave, erleben Araber Wahlrecht, Pressefreiheit und kulturelle Entfaltung. Und doch bleibt die Realität unvollständig: Diskriminierung existiert, Ungleichheiten sind real, und gesellschaftliche Spannungen sind allgegenwärtig. Aber diese Unvollkommenheit macht das Bild nicht weniger interessant, sondern nur realistischer: Freiheit in Israel ist kein idealistisches Märchen, sondern ein kompliziertes, widersprüchliches Konstrukt, das die Region in grotesker Weise spiegelt.

Freiheit unter Zynismus: Eine kritische Bilanz

Die satirische Pointe besteht darin, dass Israel, ein Staat in permanenter Existenzbedrohung, paradoxerweise ein Umfeld schafft, in dem Araber am umfassendsten von Rechten und Möglichkeiten profitieren. Es ist eine Lektion in ironischer Politikwissenschaft: Die größten Hürden für Freiheit liegen oft nicht in der pluralistischen Demokratie, sondern in der Idee der ethnisch-homogenen Herrschaft. Während die arabische Mehrheitsgesellschaft in der Region oft die politische Kontrolle als oberstes Ziel setzt, zeigt Israel, dass Minderheitenrechte und demokratische Prinzipien nicht nur möglich, sondern produktiv sind. Und so wird der „jüdische Staat“ für Araber zu einer kuriosen Insel der Freiheit, deren Existenz die Widersprüche der gesamten Region scharf beleuchtet.

Man könnte abschließend sagen: Wer Israel aus der Perspektive arabischer Freiheit betrachtet, muss lachen, muss staunen und muss erkennen, dass die politischen Paradoxien der Region tiefgründiger sind, als Schlagzeilen es je vermitteln könnten. Freiheit, so scheint es, trägt oft den Namen des Unerwarteten, und Ironie ist der Spiegel, in dem sie am deutlichsten leuchtet.

Antisemitismus – Die vergessene Verknüpfung

I. Vorspiel mit Verdrängung – Deutschland und seine linke Reinwaschung

Wenn man in Deutschland „Antisemitismus“ sagt, denken die meisten an Stahlhelme, Hakenkreuze und dumpfe Parolen aus Bierdunst. Kaum einer denkt an Parkas, Che-Guevara-Plakate und Zitate aus Herbert Marcuse. Die einen hassten Juden, weil sie „fremd“ waren; die anderen hassten Israel, weil es „zu westlich“ war. Und beide wussten nicht, dass sie einander in der Struktur des Denkens zum Verwechseln ähnlich waren.

Denn das war das große Kunststück der Nachkriegslinken: Man wollte nie Täter sein – also wurde man Befreier. Befreier der Unterdrückten, der Verdammten dieser Erde, der Namenlosen in Gaza, Algier und Hanoi. Dass man dabei irgendwann auch die Feinde Israels adoptierte, war kein Zufall, sondern eine logische Fortsetzung des deutschen Erlösungsdrangs: Wenn schon die Väter die Juden vernichtet hatten, so wollte man nun wenigstens deren Feinde lieben.

Ein Akt der Umkehr – aber ohne Umdenken.

II. Von Marx bis Mekka – Die Theoretiker der Tat

Die neue Linke, die sich in den 1960ern formierte, war ein merkwürdiges Gebilde: bürgerlich erzogen, intellektuell überfüttert, moralisch überzuckert. Ihre Helden waren Che, Mao, Ho Chi Minh – alles Männer, die in der Praxis Blutbäder anrichteten, aber in der westdeutschen Fantasie zu Ikonen der Menschlichkeit mutierten.

In diesem Klima entstand eine Erzählung, die sich bis heute hält: Der Kampf gegen Imperialismus sei auch ein Kampf gegen Israel. Nicht, weil Israel ein Feind wäre, sondern weil es „Stellvertreter des Westens“ sei. Die Linke erfand sich selbst als dritte Welt in der Ersten Welt.

Das war kein Widerspruch – das war Ideologie mit Selbstbedienung.

Während in Vietnam Napalm fiel, fiel in Berlin der Groschen: Wer die USA hasste, musste Israel misstrauen. Wer den Kapitalismus bekämpfte, musste die Juden misstrauisch beäugen. Und wer die Welt retten wollte, musste irgendwo anfangen – am besten bei den Falschen.

III. Kommune, Kommune, Revolution – die Frühphase des Irrsinns

Die Kommune I war nicht nur ein Wohnexperiment, sondern eine politische Versuchsanordnung: Sexuelle Befreiung plus marxistische Dogmatik, LSD plus Lenin. Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans, Fritz Teufel – Kinder der Bourgeoisie, die sich für Guerilleros hielten.

Kunzelmann, der sich später in Jordanien von der Fatah im Bombenwerfen unterrichten ließ, wird gern als exzentrischer Spaßmacher abgetan. Doch seine Witze hatten Zünder. 1969 legten seine „Tupamaros West-Berlin“ eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße – auf den Jahrestag der Reichspogrome. Der Sprengsatz explodierte nicht. Der Zufall verhinderte, dass deutsche Linke 24 Jahre nach Auschwitz wieder Juden in Berlin ermordeten.

Das Ziel war kein Zufall. Es war Symbolik: Das Opfer sollte wieder Täter werden – und der Täter Befreier.

IV. Die Flugzeuge des Fortschritts – Internationale Solidarität mit Kalaschnikow

Aus den Tupamaros wurde die Bewegung 2. Juni, aus der Kommune die Rote-Armee-Fraktion. Und aus den Theoriekreisen der Universitäten wurden Operationsräume der Gewalt.

Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Holger Meins – alle suchten den revolutionären Adrenalinschub. Sie fanden ihn nicht in den Arbeitervierteln von Wuppertal, sondern in den Trainingscamps der PLO und der PFLP im Nahen Osten.

In Jordanien und im Libanon lernten sie, was Solidarität mit den Unterdrückten bedeutet: den Lauf der Waffe festzuhalten. Die PFLP – die Volksfront zur Befreiung Palästinas – nahm sie auf wie verlorene Kinder der Revolution. Dort lernten sie den internationalen Stil der Gewalt. Und dort entstand die bizarre Allianz aus linken Deutschen und arabischen Nationalisten, vereint im Hass auf Israel.

1972: München. Olympia. Schwarzer September.

Elf israelische Sportler werden ermordet. Der deutsche Staat versagt kläglich. Die Täter fliehen. Israel weint – Deutschland zuckt.

Die RAF schweigt. Keine Solidarität mit den Opfern, nur Schweigen, Achselzucken, Verständnis. „Das sei ja auch ein politischer Akt.“ In Wahrheit war es ein Wiederholungsakt.

V. Entebbe, Mogadischu, Beirut – Deutschland reist mit

Die 1970er Jahre wurden ein makabrer Reiseführer der Kooperation zwischen deutschen Linksterroristen und arabischen Antizionisten.

1976: Entführung der Air France nach Entebbe.

Zwei deutsche Mitglieder der Revolutionären Zellen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, helfen palästinensischen Terroristen, eine Passagiermaschine zu kapern. Im ugandischen Entebbe sortieren sie die Geiseln: Juden nach rechts, Nichtjuden nach links. Dreißig Jahre nach dem Holocaust wiederholen Deutsche die Selektion – diesmal im Namen der Befreiung.

Böse soll einer Geisel gesagt haben: „Ich bin kein Nazi.“

Vielleicht hat er das wirklich geglaubt. Vielleicht glaubte er, die Uniform aus Idealen sei reiner als die aus Wolle. Aber die Geisel hatte recht, als sie erwiderte: „Dann benehmen Sie sich nicht wie einer.“

1977: Der Deutsche Herbst.

Die RAF entführt Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, während palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine Landshut kapern. Ziel: Freilassung der RAF-Mitglieder.

Die GSG9 stürmt in Mogadischu das Flugzeug, Schleyer wird ermordet.

Deutsche, die mit Palästinensern kooperieren, um andere Deutsche zu töten, um gegen den Kapitalismus zu kämpfen – das ist kein Thriller, das ist ein nationales Psychogramm.

Und in Beirut, Damaskus, Tripolis finden sich Untergrundverstecke, in denen deutsche Linksterroristen von palästinensischen Gruppen versorgt werden. Die Solidarität mit Palästina wird zur globalen Blutspendeaktion der Revolution.

VI. Die RAF als Wiedergänger der Geschichte

Die RAF verstand sich als antifaschistisch. Doch in ihrer Struktur war sie das perfekte Spiegelbild des Faschismus: autoritär, hierarchisch, doktrinär, mit einem Erlösungsanspruch, der nur durch Gewalt eingelöst werden konnte.

Die RAF war die SS mit Seminarabschluss.

Ihre geistige Rechtfertigung – die „Befreiung der Unterdrückten“ – war nur der moralische Tarnanstrich für denselben alten Drang, Weltgeschichte zu spielen. Und Israel bot das ideale Ziel: klein, wehrhaft, jüdisch.

Die RAF war nie antiimperialistisch. Sie war antijüdisch – aber modern formuliert.

VII. Die Nachbeben: Von den 80ern bis zur akademischen Ausrede

In den 1980ern ebbte der Terror ab, aber die Ideologie blieb. Viele Ex-Mitglieder tauchten in der Kulturszene auf, in Redaktionen, Universitäten, Verlagen. Dort schrieben sie über Frieden, Gerechtigkeit, Weltethik. Niemand fragte, wie man vom Sprengstoff zur Seminararbeit kommt, ohne Spuren im Gewissen zu hinterlassen.

Die Nachgeborenen übernahmen die Argumente, nicht die Waffen. Sie tauschten Sprengsätze gegen Diskurse, Kalaschnikows gegen Konferenzen, Sprüche gegen Tweets. Der Hass blieb, nur die Ausdrucksweise änderte sich.

Die „Israelkritik“ wurde zur Ersatzreligion derjenigen, die sich moralisch über Wasser halten wollen. Man spricht von „Menschenrechten“, wenn man Israels Selbstverteidigung meint. Man spricht von „Genozid“, wenn man sich an der eigenen Sprachmacht berauscht.

VIII. Die Gegenwart – Moral mit Mordvergangenheit

Heute marschieren junge Menschen mit Palästina-Fahnen über deutsche Straßen und skandieren Slogans, die sie auf TikTok gelernt haben. Sie wissen nichts über Entebbe, nichts über München, nichts über Beirut – und doch tragen sie deren Parolen im Mund.

„From the river to the sea“ – das klingt so schön rhythmisch, so poetisch, so harmlos. Es heißt: von Jordan bis Mittelmeer, kein Platz für Israel. Ein Slogan für die Vernichtung, vorgetragen mit moralischem Tremolo.

Universitätsdozenten unterschreiben Petitionen gegen israelische Gegenwehr. Künstler fordern Boykotte. Intellektuelle relativieren den Terror, solange er „antikolonial“ firmiert. Die Nachfahren der 68er haben gelernt, dass man das Richtige fühlen kann, während man das Falsche sagt.

IX. Fazit: Der Kreis schließt sich – und niemand merkt es

Der Antisemitismus der Rechten ist offen, dumpf, brutal.

Der Antisemitismus der Linken ist feige, elegant, begrifflich.

Er hasst nicht Juden, er hasst das, was Juden symbolisieren: Individualität, Erfolg, Widerstandsfähigkeit.

Er nennt es Kapitalismus, Zionismus, Besatzung – aber er meint immer dasselbe.

Und so stehen wir wieder da, mitten im 21. Jahrhundert, im Land der Erinnerungskultur, und erleben, wie in Berlin jüdische Schüler von Mitschülern gemobbt werden, wie Demonstrationen für Israel unter Polizeischutz stehen müssen, wie der Satz „Ich bin Jude“ wieder eine Warnung voraussetzt.

Der rechte Antisemit brüllt, der linke argumentiert.

Aber am Ende zielen beide.

Und Deutschland?

Deutschland analysiert.

X. Epilog – Wenn das Schweigen wieder modern wird

Vielleicht ist das die größte Ironie: Dass ausgerechnet jene, die einst „Nie wieder Deutschland“ riefen, den neuen alten Hass wieder salonfähig machen.

Nicht, weil sie ihn wollen, sondern weil sie ihn nicht sehen können.

Es ist wie damals bei den Eltern, nur mit anderen Parolen.

Diesmal trägt der Hass keine Stiefel, sondern Sandalen.

Und man könnte fast lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Denn wer nicht erkennt, dass linker Antisemitismus die moralische Tarnkappe des alten ist,

der hat aus der Geschichte nichts gelernt – sondern sie nur anders dekoriert.

Vielleicht, nur vielleicht, wird man in fünfzig Jahren sagen:

„Es war der Herbst, in dem man den linken Antisemitismus endlich wieder sah – aber schon wieder nicht erkennen wollte.“

Hundert Jahre Endlosschleife: Krieg, Niederlage, Opfermythos

I. Prolog: Die endlose Reprise

Man möchte glauben, Geschichte sei linear, dass ein Ereignis logisch auf das vorherige folgt, dass Ursachen und Wirkungen klar erkennbar sind, dass man aus ihr lernen könnte, und dann stößt man auf den Nahen Osten, auf Israel, auf Palästina, auf hundert Jahre Zyklen, die sich wiederholen, in denen Israel angegriffen wird, Israel sich verteidigt, Israel gewinnt, die Angreifer verlieren, und dennoch triumphiert die Ideologie der Selbstzerstörung, in der Niederlagen gefeiert, Opfermythen erfunden und Moral verdreht werden, während die Welt, die glaubt, neutral zu beobachten, in Wirklichkeit nur applaudiert, weil Pathos befriedigt, und man beginnt zu verstehen, dass hier nicht Geschichte geschrieben wird, sondern eine Tragikomödie, in der das Drama sich selbst genüsslich wiederholt, wie ein Theaterstück, das seine eigene Pointe kennt, bevor die Zuschauer es verstehen.

Es ist fast, als hätte die Zeit einen schlechten Geschmack, als sei der Zyklus programmiert, um endlos dasselbe Szenario abzuspielen: Angriff, Verteidigung, Sieg, Verlust, moralische Verdrehung. Und dennoch – vielleicht gerade deswegen – existiert Israel immer noch, wie ein Fels in einem Sturm von wiederholten Ideologien, Niederlagen und Illusionen, der nicht nachgibt, weil Überleben eine Pflicht ist, nicht nur ein Instinkt.

II. Amin al-Husseini: Prophet der Unvernunft

Amin al-Husseini, der Großmufti, erkannte früh, dass Kompromiss gefährlich, Frieden ein Verrat, Realität eine lästige Formalität ist, und er entwickelte eine Schule, die nicht an menschlichen Errungenschaften, an Kultur oder Lebensschutz interessiert war, sondern an der Fähigkeit, Konflikte zu beginnen, zu verlieren und Niederlagen als moralische Triumphe zu inszenieren.

Man kann sich vorstellen, wie kleine Schüler in seinen Versammlungen saßen, ehrfürchtig, lernend, dass jede Kooperation ein Verbrechen sei, jede Anerkennung einer anderen Existenz ein Verrat, dass man nicht überleben, sondern scheitern müsse, und aus dem Scheitern eine Erzählung spinnen, die die Welt täuscht. Die Generationen nach ihm perfektionierten dieses Ritual: eine Kunstform, in der Niederlagen und Selbstzerstörung zur zentralen Leitlinie werden, moralische Verantwortung vertauscht und Opfermythen institutionalisiert.

Anmerkung am Rande: Es ist beinahe ironisch, dass diese „Lehre“ über Überzeugung und Starrsinn die einzige Konstante war, während Länder, Armeen, internationale Institutionen kamen und gingen, Pläne schmiedeten, Waffen lieferten und Verträge unterzeichneten – und doch blieb der Kern derselbe: Kompromissverweigerung als Lebensprinzip.

III. 1936–1948: Revolte, Bürgerkrieg, Unabhängigkeit

Die Arabische Revolte von 1936 war ein Lehrstück der Selbstzerstörung: Massaker an jüdischer Bevölkerung, Angriffe auf Briten, Chaos, Niederlagen, alles stilisiert als heroischer Widerstand. Historiker können hier nur staunen: die Konsequenz, mit der eine Bewegung ihr eigenes Scheitern inszenierte, ist bemerkenswert – wenn auch tragisch.

1947 und 1948 wiederholt sich das Muster: Bürgerkrieg, Terrorkampagnen, das Ziel, die Gründung Israels zu verhindern, und die Hagana reagiert mit dem, was man nur als militärisches Genie bezeichnen kann, strategische Präzision aus der Not geboren. Sechs arabische Armeen marschieren ein – eine nach der anderen wird besiegt. Die Niederlage wird inszeniert, die Flucht mythisiert, und die moralische Pointe bleibt unverändert: wer Vernichtung beginnt, verliert, immer wieder, und stilisiert Niederlagen zu Mythen.

Mini-Anekdote: Ein alter britischer Offizier, der diese Jahre dokumentierte, notierte trocken in sein Tagebuch: „Es ist erstaunlich, wie viele Male dieselbe Niederlage gefeiert werden kann.“ Ironie der Geschichte: Er hätte es nicht sarkastischer formulieren können.

IV. 1950er–1970er: Das Ritual der Eskalation

Fedayeen-Angriffe, Sechstagekrieg, Jom-Kippur-Krieg – derselbe Zyklus: Israel wird überfallen, Israel verteidigt sich, Israel siegt. Die Angreifer verlieren, stilisieren ihr Scheitern als heroischen Widerstand, moralischen Triumph, Gerechtigkeit gegen einen Aggressor, während die Welt applaudiert und nickt, weil Pathos befriedigt.

Die Ideologie des Scheiterns wird hier fast zu einer Kunstform: Niederlagen werden zur Grundlage neuer Gewalt, Opfermythen institutionalisiert, moralische Verantwortung verdreht. Israel, gezwungen, zu überleben, entwickelt Strategie, Moral, Präzision – der Kontrast könnte kaum deutlicher sein.

Poetischer Einschub: Man könnte sagen, dass jeder Krieg wie ein Spiegel ist, in dem die Täter ihre eigenen Illusionen sehen, und die Opfer das unzerstörbare Licht der Realität, das sich durch jede Eskalation drängt.

V. Nach Oslo: Frieden sabotiert, Selbstzerstörung institutionalisiert

Der Oslo-Prozess: eine historische Chance, die größte seit der Staatsgründung. Und doch: die zweite Intifada, Terrorismus gegen Zivilisten, die sofortige Übernahme Gazas durch die Hamas, Raketen, Gewalt, die sofortige Eskalation. Jede Chance auf Frieden wird als Verrat gesehen, jede Verteidigung als Aggression interpretiert, und der Zyklus wiederholt sich wie ein musikalisches Thema, dessen Fuge niemals endet, während die Welt nur die Reprise hört, applaudiert, nickt, die Ursachen ignoriert.

Nebenbemerkung: Wer glaubt, dass Politik hier eine rationale Wissenschaft sei, hat die Poesie der Zerstörung nicht verstanden.

VI. 2008–2014: Gaza – die antike Tragödie der Moderne

Raketen, Operationen, Gegenmaßnahmen: jede Eskalation wiederholt die vorherige, jede Reaktion Israels wird kritisiert, Ursachen ignoriert, Opfermythos gefeiert. Tragödie ritualisiert, moralische Verantwortung verdreht, Täter als Opfer, Verteidigte als Aggressoren. Die Realität wird zu einer Geschichte, die das Bewusstsein überlistet, den Zyklus wie ein Naturgesetz erscheinen lässt.

Mini-Anekdote: Ein Soldat erinnert sich Jahre später: „Manchmal fragte ich mich, ob wir nicht einfach nur Teil eines Theaterstücks sind, dessen Autoren lange tot sind, und wir spielen die Szenen nach, weil niemand die Regie übernommen hat.“

VII. 7. Oktober 2023: Das dunkle Finale

Am 7. Oktober 2023 geschah der bislang brutalste Angriff: Hamas-Angriffe auf israelische Zivilisten, hunderte Tote, Entführungen, Schrecken, methodisch geplant, präzise durchgeführt. Die Region geriet erneut in Brand – von Gaza über Libanon bis Syrien, Irak, Jemen. Israel reagierte militärisch, nicht aus Rache, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. Zwei Jahre harter Kampf führten zur Zerschlagung der Angreifer.

Poetischer Einschub: Der Zyklus der Gewalt, der sich über ein Jahrhundert erstreckt, kulminierte an diesem Tag in einer grotesken Symphonie aus Tod, Schrecken und Überlebenswillen, die jeden Betrachter zwingt, die Lektion zu verstehen: Wer Vernichtung plant, verliert, und wer überlebt, verteidigt nicht nur Land, sondern Moral, Existenz und Zukunft.

VIII. Täter als Opfer: Die moralische Verdrehung als Ideologie

Dürrenmatt: „Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen.“ Heute heißt das: Antizionist statt Antisemit, Aggression als Verständnis, Täter als Opfer, Verteidigung als Aggression. Hundert Jahre derselbe Zyklus, moralisch verdreht, historisch verschoben, Selbstzerstörung als Ideologie, Niederlagen als Pathos, Opfermythos als Rechtfertigung für weitere Gewalt.

Rhetorische Schleife: Und die Welt schaut zu, nickt, applaudiert, weil Pathos befriedigt, während Geschichte, Moral und Realität durch den Strudel von Lügen, Illusionen und Wiederholungen gezogen werden – ein Strudel, aus dem nur Überleben herausführt.

IX. Epilog: Überleben ist Pflicht, Verteidigung ist Recht

Hundert Jahre Krieg, hundert Jahre Niederlagen, hundert Jahre Eskalation – und Israel existiert. Nicht weil es Machtspiele gewann, sondern weil Überleben zur moralischen Pflicht wurde; wer hundert Jahre Vernichtung beginnt und immer verliert, ist Täter; wer verteidigt und überlebt, ist moralischer Zeuge. Das 7. Oktober 2023 erinnert an die Schmalheit des Gratwegs zwischen Zivilisation und Anarchie, an die Brutalität ideologischer Wiederholung, die Notwendigkeit von Selbstverteidigung. Hundert Jahre Lehren, ein neues Trauma, und doch: Wer Frieden will, muss ihn verteidigen, wer Krieg beginnt, wird ihn verlieren. Geschichte, Moral, Strategie, menschliche Tragik – ein dichter Strudel, in dem Verteidigung kein Verbrechen, Überleben kein Zufall, Frieden aber nur möglich ist, wenn man bereit ist, ihn zu verteidigen.

Die Quadratur des Halbmonds

Ein polygamer Pilger im Tempel der europäischen Werte

Man stelle sich den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor wie eine Kathedrale aus Glas und Paragrafen, in der die Gläubigen der Moderne täglich das Evangelium der universalen Gleichheit rezitieren. In dieser ehrwürdigen Hallenkonstruktion tritt nun Khaled Saleh Mohammed Al-Anesi auf, ein Mann, dessen Familienstruktur an genealogische Gesamtkunstwerke aus 1001 Nacht erinnert – und der nichts Geringeres verlangt, als dass Europa, dieses alte und nervöse Gebilde aus Prinzipien, Bürokratien und schlechten Gewissen, sich in den Spiegel seiner eigenen Menschenrechte blickt und dabei nicht vor Schreck in die eigene Toga beißt.

Al-Anesi, der jemenitische Flüchtling mit einer ersten, zweiten und dritten Ehefrau, brachte zunächst Frau Nummer Eins und die dazugehörige Kinderschar – immerhin acht Seelen – in die Niederlande. Man kann es den Behörden kaum verdenken, dass sie beim Anblick dieser Familienbilanz tief durchatmeten und still den Etat für Integrationskurse überprüften. Doch Al-Anesi zeigte sich als Mann von Prinzipien: Die anderen beiden Ehefrauen ließ er im Exil, schließlich ist Polygamie im Königreich der Käsebauern und Calvinisten ein moralisches Sakrileg. Er wollte kein Gesetz brechen, nur ein wenig Gerechtigkeit.

Und so beantragte er – fast naiv in seiner Logik – den Nachzug der fünf Kinder aus Ehe zwei und drei. Kinder, wohlgemerkt, keine neuen Gattinnen, kein Haremszug, kein Umzug der orientalischen Hofhaltung. Nur Kinder, die – wie er argumentiert – schließlich auch Teil seines Familienlebens seien. Die niederländische Behörde aber, ungerührt vom Pathos der Vaterliebe, winkte ab: Die Kinder lebten sicher in der Türkei, bei ihren Müttern, geschützt und wohlgenährt unter dem Schirm des Flüchtlingsstatus. Es bestehe keine „Notwendigkeit“, sie ins Land zu holen.

In den dürren Sätzen der Verwaltungslogik klingt das wie: „Sie haben schon genug Familie hier. Machen Sie mal halblang.“

Die Moral als Verwaltungsakt

Doch damit war die Sache natürlich nicht erledigt. Kein moderner Konflikt endet heute in einer Akte, sondern vor einem Gerichtshof. Der Fall wanderte – wie alle Dinge, die zu kompliziert, zu heikel oder zu menschlich sind – nach Straßburg, wo der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sich nun an der Gretchenfrage der Multikulturalität abarbeitet:

Muss ein Staat, der Polygamie verbietet, dennoch das Resultat einer polygamen Verbindung anerkennen, wenn es in Gestalt unschuldiger Kinder anklopft?

Die juristische Eleganz dieses Dilemmas ist beispiellos. Denn streng genommen geht es gar nicht um Polygamie – oh nein, das wäre zu einfach! –, sondern um die „Achtung des Familienlebens“ nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Kinder, so der Antragsteller, haben ein Recht auf Zusammenleben mit ihrem Vater. Und wer könnte da widersprechen, ohne sofort als herzloser Bürokrat mit Betonherz gebrandmarkt zu werden?

Doch gleichzeitig sitzt im Gerichtssaal das Prinzip der westlichen Monogamie wie ein nervöser Zeuge der Zivilisation auf der Anklagebank. Denn wenn die Kinder kommen dürfen, dann ist das Eheverbot nur noch ein Buchstabengebilde – ein moralischer Zaun mit offenem Tor. Heute die Kinder, morgen die Mütter, übermorgen die kulturelle Relativierung des gesamten Familienrechts.

Man kann die Sorge der Niederländer also verstehen: Das Recht auf Familienleben ist ein Menschenrecht, aber auch ein Minenfeld.

Europa, das moralisch gespaltene Imperium

Europa ist, wenn man ehrlich ist, schon seit Jahren auf der Suche nach seiner eigenen Identität zwischen Aufklärung und schlechtem Gewissen. Auf der einen Seite steht die pathetische Rhetorik der universellen Rechte: Jeder Mensch ist gleich, jede Kultur verdient Respekt, jede Lebensform ihren Schutz. Auf der anderen Seite aber steht der neurotische Reflex, die eigenen Werte zu verteidigen – Demokratie, Säkularität, Frauenrechte – vor jenen, die sie mit einer anderen Weltsicht betrachten.

Der Fall Al-Anesi ist deshalb kein Rechtsstreit, sondern ein psychologischer Spiegel. Er zeigt das tiefe Unbehagen eines Kontinents, der gleichzeitig tolerant und moralisch überfordert ist. Der Westen will gerecht sein, aber bitte mit klaren Grenzen; er will humanistisch wirken, aber nicht zu sehr; er will Familien schützen, aber nur solche mit genealogisch überschaubarem Stammbaum.

Und so schraubt sich der Fall zu einer Groteske hoch: Die niederländische Behörde bot Al-Anesi sogar an, sich von seinen anderen beiden Frauen scheiden zu lassen – als bürokratische Erlösungstat, als sakramentales Ritual der Integration. Dann, so hieß es sinngemäß, könnten seine Kinder vielleicht kommen. Man kann sich die Szene vorstellen: Ein Mann zwischen drei Frauen, ein Richter mit Formular, ein Staat, der Eheberatung als Integrationsinstrument entdeckt.

Europa – das war einmal die Wiege des Humanismus. Heute ist es ein Beichtstuhl der Kompromisse.

Das Paradox der Prinzipien

Man muss kein Zyniker sein, um zu erkennen: Der EGMR steht hier vor einer Entscheidung, die weniger mit Juristerei als mit politischer Philosophie zu tun hat. Wenn er zugunsten Al-Anesis entscheidet, dann öffnet er eine Tür – vielleicht keine große, aber doch eine symbolische –, durch die andere treten werden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Denn das Recht, einmal gewährt, lässt sich nicht kulturell dosieren.

Doch wenn der Gerichtshof gegen ihn entscheidet, dann bleibt die Moralfrage im Raum: Kann Europa ernsthaft von universellen Menschenrechten sprechen, wenn es bestimmte Familienformen – wie fremd oder fremdelnd sie auch sein mögen – kategorisch ausschließt?

So oder so: Das Urteil wird als moralisches Bekenntnis gelesen werden, nicht als juristisches. Und Europa wird sich wieder in zwei Lager teilen – jene, die sagen, man müsse das Herz über das Gesetz stellen, und jene, die das Gesetz als Schutz vor der Auflösung des Herzens begreifen.

Schluss: Die Ironie der Aufklärung

Vielleicht liegt die tiefste Ironie des Falls darin, dass er überhaupt existiert. Denn er zeigt, wie weit die Idee der Menschenrechte gediehen ist – und wie dünn das Eis unter ihr geworden ist. Einst war das Recht auf Familienleben eine humane Reaktion auf Krieg und Trennung, auf Deportation und Unrecht. Heute ist es ein semantischer Kampfbegriff, der Staaten zu moralischen Selbstgesprächen zwingt.

Khaled Saleh Mohammed Al-Anesi, dieser moderne Hiob des Asylrechts, ist nicht der Bösewicht der Geschichte. Er ist ihr Symptom. Er stellt nur die Frage, die Europa nicht hören will: Wie universell sind eure universellen Werte wirklich?

Und so warten wir auf das Urteil von 2026. In der Zwischenzeit wird der EGMR seine Akten stapeln, die Kommentatoren werden sich in moralischer Dialektik üben, und irgendwo in Den Haag sitzt ein Beamter, der heimlich hofft, dass die Kinder in der Türkei bleiben – aus rein administrativen Gründen, versteht sich.

Am Ende aber wird Europa, wie immer, einen Kompromiss finden: einen juristisch präzisen, moralisch verwaschenen, menschlich halb befriedigenden Satz in der Sprache der Zivilisation.
Und dieser Satz wird, mit der sanften Eleganz des Bürokratendeutschs, in etwa lauten:
„Das Recht auf Familienleben gilt – sofern es nicht gegen das öffentliche Interesse verstößt.“

Ein Preis für den Frieden

oder: Wie man den Irrsinn vergoldet

Man stelle sich vor: Ein Preis, der für „Verdienste im Kampf gegen Vorurteile, Intoleranz und Hass“ vergeben wird, landet in den Händen eines Mannes, dessen moralischer Kompass gelegentlich scheint, als sei er auf einem Jahrmarkt ausgestellt. Benjamin Idriz, Imam, moralischer Kommentator, und anscheinend auch Künstler im Genre der historischen Relativierung, darf sich plötzlich Preisträger nennen. Die liberale Thomas-Dehler-Stiftung hat offenbar beschlossen, dass die Fähigkeit, Täter und Opfer semantisch auf dieselbe Waage zu legen, eine bemerkenswerte Tugend ist.

Man muss das Bild nur kurz wirken lassen: ein Mann, der die Freilassung israelischer Geiseln mit der Rückkehr verurteilter palästinensischer Mörder gleichsetzt, applaudiert von einer Jury, die sich vermutlich in feierlicher Selbsttäuschung wiegt. Das ist weniger Preisverleihung, mehr eine Lehrstunde in moralischer Akrobatik: wie man historische Realität aufhübscht, bis sie bequem durch die liberale Brille passt.

Relativierung als Lebenskunst – oder: Wie man Terror in Watte packt

„Die Geschichte beginnt nicht am 7. Oktober.“ Das ist nicht nur eine Relativierung – das ist eine Verflachung der Wirklichkeit, die mit der Eleganz eines Presslufthammers daherkommt. Hier wird Terror nicht verurteilt, sondern in eine historische Debatte verpackt, in der Opfer zu Statisten eines ewigen Dramas werden, das moralisch ausgeglichen sein soll. Es ist eine Form der „Toleranz“, die man nur dann verstehen kann, wenn man bereit ist, den eigenen moralischen Kompass als Kitschdekor abzulegen.

Die Krux dabei: Herr Idriz kann sehr wohl deutliche Worte finden, nur wählt er sie gezielt gegen Israel. Der Einsatz rhetorischer Brandstiftung wird mit der Verheißung moralischer Neutralität überklebt, wie ein Sofa, das man über brennende Trümmer legt. Und die Jury? Offenbar entzückt vom warmen Gefühl der eigenen Gutgläubigkeit, vergibt fröhlich den Preis.

Moralische Akrobatik – der Balanceakt zwischen Genozid und Geiseln

Wenn man das Wort „Genozid“ in den Mund nimmt, sollte man wissen, dass es nicht wie ein Bonbon zu verteilen ist. Doch Herr Idriz benutzt es wie ein Accessoire: „in der moralischen Wahrnehmung von Milliarden Menschen“, so seine Formulierung. Milliarden Menschen sehen etwas, also wird es moralisch. Wir dürfen ruhig innehalten und den Wahnsinn in dieser Formulierung erkennen: Es ist nicht die Tat, es ist die Wahrnehmung, die zählt. Und siehe da: Israel, ein demokratischer Staat, steht plötzlich auf derselben moralischen Linie wie das Menschheitsverbrechen der Schoa. Ein Kunstgriff, der sogar Dali ins Schwitzen gebracht hätte.

Die Pointe, dass Juden in Deutschland sich vom israelischen Staat distanzieren sollten, um Antisemitismus einzudämmen, ist so unverschämt altmodisch-antizionistisch, dass sie fast schon wieder modern wirkt. Die moralische Verantwortung wird wie ein Brandbeschleuniger verteilt, und Juden sollen das Feuer löschen, während die Täter weiter agieren.

Die Jury – Meister der Selbsttäuschung

Die Thomas-Dehler-Stiftung präsentiert sich als Hort des Liberalismus, doch hier offenbart sich die Absurdität der guten Absicht. Man wollte Dialog, Versöhnung, Toleranz? Geschenkt. Doch wenn die Grundlage des Dialogs darin besteht, Opfer und Täter rhetorisch zu vereinen, dann ist das nicht Dialog. Das ist die Selbstverleugnung einer ganzen Institution, getarnt als Liberalität.

Die Jury hat offensichtlich beschlossen, dass öffentlich zugängliche Äußerungen, die Israel dämonisieren und Hamas-Terror relativieren, einfach nicht relevant seien. Vielleicht haben sie geglaubt, man könne Realität ausblenden, solange man sie in einem feinen Goldrahmen präsentiert.

Schlusswort: Wenn Preisverleihung zu Performancekunst wird

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Diese Verleihung ist kein Preis. Sie ist eine Performance, ein Lehrstück in der Kunst der moralischen Selbstüberhöhung. Vielleicht ist Benjamin Idriz gar nicht Imam, sondern ein schelmischer Kurator der Realität, der uns alle dazu bringt, staunend zuzusehen, wie man Absurdität in Gold gießt.

Chapeau, Thomas-Dehler-Stiftung. Sie haben uns gelehrt, dass Toleranz nicht nur relativ, sondern potenziell satirisch sein kann. Und dass man mit genügend Liberalität sogar den Terror umarmen kann – natürlich augenzwinkernd, versteht sich.

Ein erfundenes Volk

Die Geschichte des Nahen Ostens lässt sich selten in einfache Antworten fassen. Völker entstehen durch Kultur, manchmal durch Glauben – doch oft auch durch Krieg, Korruption und Bürokratie. So entstand das Konzept des „palästinensischen Volkes“: nicht als ethnische Gemeinschaft, sondern als politisches Konstrukt, das sich über Jahrzehnte hinweg formte – im Zusammenspiel von Mandatsverwaltung, Geheimdiensten und Ideologie.

Von der Provinz zur „Nation“

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts existierte auf der Karte des Osmanischen Reiches kein Land namens „Palästina“. Das Gebiet galt als südlicher Teil Syriens und unterstand administrativ Damaskus; die Küstenregion war kulturell und wirtschaftlich auf Ägypten ausgerichtet.
In britischen Dokumenten des Mandatszeitraums wurde die Bevölkerung schlicht als „Araber“ bezeichnet – ohne jeden ethnischen Zusatz.
Auch die Sprache verrät viel: Die Dialekte des Nordens ähneln dem Syrischen, die des Zentrums dem Jordanischen, und im Süden hört man ägyptisch-sinaitische Einflüsse. Sprachforscher wie Bergsträsser und Blanc betonen, dass sich hier kein einheitlicher Volksdialekt entwickelte, sondern eine Mischung von Grenzregionen – die Sprache von Durchreisenden, nicht von einem geschlossenen Volk.

Nationalismus als spätes Produkt

Die arabischen Eliten jener Zeit bezeichneten sich selbst nicht als „Palästinenser“. In den Beschlüssen der arabischen Kongresse von 1919–1920 hieß es ausdrücklich, das Gebiet sei „Süd-Syrien“ und solle Teil eines syrischen Staates werden. Gaza orientierte sich wirtschaftlich an Ägypten, während die Beduinen des Negev eng mit dem Sinai und Transjordanien verbunden waren.
Erst die zionistische Einwanderung änderte alles. Die jüdische Alija brachte Kapital, Ingenieure, Ärzte, Elektrizität, Industrie und neue Arbeitsplätze. Britische Berichte sprachen von einer „neuen Wirtschaft“, die auch viele arabische Arbeiter aus den Nachbarländern anzog.
Die Peel-Kommission stellte 1937 fest, dass der Anstieg der arabischen Bevölkerung zu einem großen Teil auf Migration zurückzuführen war – Menschen, die vom wirtschaftlichen Aufschwung des jüdischen Sektors angezogen wurden.
Zwischen 1922 und 1947 wuchs die arabische Bevölkerung von 590.000 auf über 1,2 Millionen – ein Zuwachs, der ohne massive Zuwanderung aus Syrien, Transjordanien und Ägypten kaum erklärbar ist.
Von der Modernisierung zur Revolte
Die arabischen Aufstände zwischen 1920 und 1939 waren weniger Ausdruck von „Unterdrückung“ als von Angst vor Modernisierung. Die neue Wirtschaft bedrohte traditionelle Machtstrukturen. Der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, nutzte diese Ängste, um die Bevölkerung gegen Juden und Briten aufzuhetzen. Die Pogrome von Jerusalem (1920), Jaffa (1921) und Hebron (1929) sowie der Aufstand von 1936–1939 waren das Ergebnis dieser Propaganda.
Nach der Niederlage im Unabhängigkeitskrieg 1948 wurde dieselbe Propaganda umgedreht: Arabische Führer riefen die Bevölkerung auf, das Land zu verlassen, „bis die Armeen die Juden vertreiben“. Hunderttausende folgten diesem Aufruf – im Vertrauen auf eine baldige Rückkehr.

Die Geburt der ewigen Flüchtlinge

Etwa 700.000 Menschen wurden zu Flüchtlingen. Viele waren Einwanderer der letzten Jahrzehnte, die erst durch den wirtschaftlichen Aufschwung in das Land gekommen waren. 1949 gründeten die Vereinten Nationen die UNRWA, ursprünglich als zeitweilige Hilfsorganisation für jene, die „Haus und Lebensunterhalt verloren hatten“.
Doch bald verwandelte sich das Hilfswerk in eine bürokratische Struktur ohne Ausweg. In den 1950er Jahren beschlossen seine Verwalter, dass der Flüchtlingsstatus vererbt werden könne – ein beispielloses Vorgehen, das von der Genfer Flüchtlingskonvention nicht gedeckt war. So stieg die Zahl der „palästinensischen Flüchtlinge“ von 700.000 auf fast sechs Millionen. Viele von ihnen besitzen längst die Staatsbürgerschaft anderer Länder, gelten aber weiterhin als Flüchtlinge.
Der Flüchtlingsstatus wurde zur sozialen Institution, das Lager zum Ersatz für ein Staatswesen. Hilfe trat an die Stelle von Arbeit, und Identität entstand aus Opferrolle.

Zwei Wege, ein Land

Im selben Zeitraum nahm Israel rund eine Million Juden aus arabischen Ländern auf. Niemand bezeichnete sie als „ewige Flüchtlinge“. Sie erhielten Staatsbürgerschaft, Ausbildung, Berufe – und bauten neue Städte auf den Ruinen alter. Während die UNRWA-Lager Symbole der Stagnation blieben, wurden die israelischen Siedlungen zu Zentren von Industrie, Wissenschaft und Kultur.
Heute wird oft von einer „Annexion“ der Gebiete Judäa und Samaria gesprochen. Doch eine Annexion kann es nur geben, wenn ein anerkanntes Staatsgebiet betroffen ist. Nach 1948 hatte jedoch kein Staat legitime Souveränität über diese Regionen – die jordanische Annexion von 1950 wurde international kaum anerkannt. Resolution 242 des UN-Sicherheitsrats spricht nicht von einem Rückzug auf die Linien von 1949, sondern von „sicheren und anerkannten Grenzen“. Juristisch geht es daher um Verwaltung strittiger Gebiete, nicht um Annexion.

Zivilisation oder Zerstörung

So trennten sich im 20. Jahrhundert zwei Wege, die einst auf demselben Boden begannen. Der eine wählte Wissen, Arbeit und Wissenschaft – und schuf Leben. Der andere wählte Propaganda, Gewalt und Selbstmitleid – und schuf Stillstand.
Israel wurde ein Land der Ingenieure, Ärzte und Forscher. Es verwandelte Sümpfe und Wüsten in fruchtbare Landschaften. Wo Arbeit und Bildung zählen, entsteht Zukunft.
In den palästinensischen Lagern dagegen ersetzte das politische Dogma die Tatkraft. Der Status des Opfers wurde zur Identität, der Stein zur Waffe, das Wort „Rückkehr“ zur Parole ohne Ziel.
Der Konflikt ist daher nicht nur ein Kampf zweier Völker, sondern zweier Prinzipien: Schaffen oder Zerstören. Geschichte gibt allen eine Chance – aber nur jene, die bauen, nutzen sie

HAMAS, was nun?

Die illustre Choreografie des Chaos

Man stelle sich Gaza nicht als Landkarte vor, sondern als überdimensioniertes Schachbrett, auf dem Figuren nicht nach den Regeln der Logik, sondern nach den Launen der Gewalt tanzen. Die Hamas, dieser von jedem moralischen Scharnier gelöster Akteur, hat jüngst wieder ihre Marionettenseile fest in die Hand genommen und rund 7.000 Angehörige der Sicherheitskräfte abberufen – ein süffisanter Hinweis darauf, dass Demokratie hier nur ein ferner, witzloser Witz ist. Per Telefon und SMS, dem modernen Äquivalent des Trommelsignals vergangener Kriegszeiten, rief man die Truppen zusammen, um „Gaza von Gesetzlosen und Kollaborateuren Israels“ zu säubern. Dabei ist die Botschaft so schlicht wie brutal: Meldet euch binnen 24 Stunden oder ihr seid das nächste Drama in einer endlosen Soap namens Gazastreifen.

Es ist ein Schauspiel, das zwischen Militärprotokoll und Improvisation pendelt, gespickt mit Zynismus und bitterem Humor. Die neuen Gouverneure, alle Veteranen militärischer Brigaden, stehen bereit wie Schachfiguren, die auf das nächste Unwetter warten. Ob sie im zivilen Mantel oder in der blauen Uniform der Polizei erscheinen, ist irrelevant – die Uniformen sind ohnehin nur Maskerade in einem endlosen Theater der Machtspiele.

Blut auf Asphalt: Familientragödien und Clan-Krimis

Die jüngste Eskalation durch den Dughmush-Clan, der zwei Elitesoldaten der Hamas erschoss – einer Sohn des hochrangigen Kommandanten Imad Aqel – liest sich wie ein tragikomischer Thriller. Ihre Leichen auf der Straße zurückgelassen, wie ungeladene Gäste auf einer schäbigen Party, erzeugt eine Welle der Empörung, die nur durch die nächsten, unausweichlichen Gewalttaten kanalisiert werden kann. Was folgt, ist ein groteskes, fast schon operettenhaftes Katz-und-Maus-Spiel: die Hamas umzingelt ein Gebiet, bewaffnet mit Maschinengewehren, improvisiertem Sprengstoff und der unerschütterlichen Gewissheit, dass Gewalt nicht nur Mittel, sondern Selbstzweck ist.

Das System hat seine eigene Logik: Einige Waffen stammen aus Raubzügen während des Krieges, andere waren seit Jahren in Clan-Hand, als hätten sie ihre eigene Biografie, die darauf wartet, ins Narrativ des Konflikts eingewoben zu werden. Hier verschmelzen die Begriffe von Recht und Rache, Ordnung und Anarchie, zu einer einzigen, flirrenden Realität, in der die Grenze zwischen Held und Schurkenfigur fließend ist.

Waffen, Angst und das perfekte Rezept für Bürgerkrieg

Es ist, wie Khalil Abu Shammala so nüchtern konstatiert: Gaza ist überschwemmt von Waffen. Frustration, Chaos, politische Intrigen, verzweifelte Machtspiele – die Zutaten für ein Theater, das jede Tragikomödie in den Schatten stellt. Inmitten all dessen steht die Hamas, gefangen zwischen dem Druck, sich dem Friedensplan Donald Trumps zu beugen, und dem inneren Zwang, ihre eigene Relevanz durch Gewalt zu behaupten. Man könnte fast meinen, die Hamas sehe in jeder Waffenexplosion, in jedem Schuss, ein groteskes Manifest ihrer eigenen Existenzberechtigung.

Die Bevölkerung? Sie ist das Publikum, dem man das Popcorn aus der Hand schlägt, während der nächste Akt der Gewalt beginnt. Zwei Jahre Krieg haben Spuren hinterlassen, aber keine Einsicht gebracht. Und so marschiert man weiter auf einem Pfad, der in Abgründe führt, die jeder Beschreibung spotten. Jede neue Nachricht, jede SMS-Mobilisierung ist ein Vorhang, der sich hebt, um eine weitere Szene dieser dunklen Oper zu enthüllen.

Die Tragik des Komischen: Kontrolle als Selbstzweck

Was am meisten zynisch fasziniert, ist die Logik, mit der hier Macht inszeniert wird. Die Hamas behauptet, sie kämpfe um Ordnung, aber in Wahrheit kämpft sie um die Dramaturgie des eigenen Mythos: ohne Waffen, ohne Gewalt, ohne die ständige Bedrohung wäre die Bewegung nur noch ein geisterhaftes Büro, das darauf wartet, von der Geschichte übersehen zu werden. „Unsere Waffen sind legitim“, sagt man, während man bewaffnete Männer in ziviler Kleidung durch zerstörte Straßen schickt. Legitim wie der Humor in einem schwarzen Satirefilm: man lacht, während man den Atem anhält.

Jeder neue Gouverneur, jede neue Razzia, jedes Blutopfer ist Teil eines grotesken Tanzes, in dem niemand sicher ist, außer dem Chaos selbst. Die Satire des Alltags wird hier zum Überlebensinstinkt: Man lacht über das Absurde, um das Grausame zu ertragen. Und so bleibt Gaza in einer Schleife gefangen, in der Ordnung und Gewalt ununterscheidbar verschmelzen, und die Welt, die zusieht, kann nur staunen – oder weinen.