Der moralische Feueralarm,

Der moralische Feueralarm, der immer dann losgeht, wenn man ihn am wenigsten hören will

Es gibt Abstimmungen, die wie ein nüchterner Verwaltungsakt daherkommen, mit Zahlenkolonnen und dem beruhigenden Rascheln parlamentarischer Geschäftsordnungen – und dann gibt es Abstimmungen, die klingen wie ein moralischer Kurzschluss im Maschinenraum der Demokratie. 364 zu 111 Stimmen: Das ist kein knappes Ringen, kein tragisches Patt, kein heroisches „Wir müssen abwägen“. Das ist die parlamentarische Version eines Türschildes mit der Aufschrift: „Bitte nicht stören, wir diskutieren gerade unsere Prinzipien.“ Dass es bei der Debatte um eine mögliche nationale Untersuchung schwerster Sexualverbrechen durch pakistanische Gangs im „Grooming Skandal ging, verleiht dem Ganzen jene frostige Ironie, die selbst eingefleischte Zyniker kurz innehalten lässt.

Nun wäre es unerquicklich – und intellektuell unerquicklich obendrein –, so zu tun, als gäbe es auf dieser Welt einfache moralische Gleichungen. Niemand mit halbwegs funktionierendem moralischem Kompass wird ernsthaft bestreiten, dass pauschale Verdächtigungen gegen religiöse oder ethnische Gruppen ein gesellschaftliches Gift darstellen. Gleichzeitig entsteht jedoch ein eigentümlicher Geruch nach verbranntem Verantwortungsgefühl, wenn der Kampf gegen mögliche Vorurteile in der öffentlichen Wahrnehmung wie ein Vorwand wirkt, unangenehme Untersuchungen zu vermeiden. Politik liebt bekanntlich Zielkonflikte; doch selten tritt dieser so nackt auf wie hier: der Schutz vor Diskriminierung auf der einen Seite, das kompromisslose Aufarbeiten schwerster Verbrechen auf der anderen.

Die Hierarchie der guten Absichten

Moderne Politik ist eine Kunstform, die sich besonders dann entfaltet, wenn sie zwischen zwei moralisch aufgeladenen Begriffen wählen darf. In solchen Momenten betreten Politiker die Bühne mit der Gravitas tragischer Opernfiguren – nur dass sie statt Dolchen meist Pressemitteilungen schwingen. „Wir müssen verhindern, dass…“ ist dabei eine der beliebtesten Einleitungen. Was danach folgt, hängt vom jeweiligen Zeitgeist ab.

Die Kritik, die in diesem Kontext laut geworden ist, lautet im Kern: Haben Teile der politischen Linken – oder zumindest ihre Kritiker zufolge – eine Rangliste moralischer Güter erstellt, in der das Risiko gesellschaftlicher Spannungen höher bewertet wird als die maximale Transparenz bei der Aufklärung von Verbrechen? Das ist eine harte Frage, und sie verdient mehr als reflexhafte Empörung oder ebenso reflexhafte Abwehr. Denn Demokratien geraten genau dort in Schwierigkeiten, wo sie anfangen, Wahrheiten nach ihrem potenziellen PR-Schaden zu sortieren.

Natürlich gibt es eine zweite, weniger polemische Lesart: dass manche Abgeordnete befürchteten, eine nationale Untersuchung könnte politisch instrumentalisiert werden, könnte gesellschaftliche Gräben vertiefen oder extremen Stimmen Auftrieb geben. Auch das ist kein völlig abwegiger Gedanke. Die Geschichte kennt genügend Beispiele dafür, wie reale Verbrechen zu pauschalen Anklagen gegen ganze Bevölkerungsgruppen aufgeblasen wurden. Doch selbst wenn diese Sorge ehrlich war, bleibt die unbequeme Gegenfrage bestehen: Seit wann besteht verantwortungsvolle Politik darin, Untersuchungen zu vermeiden, weil ihre Ergebnisse missverstanden werden könnten?

Der Staat und seine gelegentliche Neigung zur gepflegten Wegschau

Man sollte sich nichts vormachen: Institutionen haben eine fast poetische Begabung dafür, Probleme so lange zu „kontextualisieren“, bis sie sich in administrativem Nebel auflösen. Behörden sprechen dann gern von „komplexen Lagen“, „strukturellen Herausforderungen“ oder „der Notwendigkeit sensibler Kommunikation“. Das klingt vernünftig – und ist doch manchmal nur die gehobene Form des Wegschauens.

Gerade bei schweren Straftaten gegen Minderjährige erwartet die Öffentlichkeit eine Haltung, die weniger an ein diplomatisches Minenfeld erinnert und mehr an einen Feuerwehrtrupp: rein, Licht an, alles offenlegen. Wenn stattdessen der Eindruck entsteht, politische Rücksichtnahmen könnten Ermittlungs- oder Aufklärungswillen bremsen, dann beschädigt das nicht nur Vertrauen, sondern das Fundament demokratischer Legitimität. Staaten verlieren selten auf einen Schlag ihre Glaubwürdigkeit; sie lassen sie eher tropfenweise versickern, während sie sich selbst versichern, alles geschehe aus den edelsten Motiven.

Die Angst vor dem falschen Applaus

Ein besonders tragikomisches Element moderner Politik ist die panische Furcht, von den „Falschen“ beklatscht zu werden. Man stelle sich das vor: Ein Politiker sagt etwas offensichtlich Richtiges – und irgendwo nickt ein Mensch mit zweifelhaften Ansichten zustimmend. Sofort bricht ein rhetorischer Fluchtreflex aus. Lieber gar nichts tun, als in den Verdacht geraten, mit den Unanständigen denselben Satz zu teilen.

Doch Moral, die sich danach richtet, wer ebenfalls zustimmen könnte, verwandelt sich rasch in ein Theater der Selbstzensur. Die Wahrheit wird dann nicht mehr danach beurteilt, ob sie stimmt, sondern danach, wer sie womöglich retweeten würde. Das ist ungefähr so, als würde ein Arzt eine Diagnose verschweigen, weil auch ein Hypochonder sie interessant finden könnte.

Symbolpolitik und ihre Nebenwirkungen

Die Gegenwart liebt Symbole. Sie sind elegant, schnell kommunizierbar und passen hervorragend in Schlagzeilen. „Wir stehen gegen Islamophobie.“ Aber Symbole haben eine Schattenseite: Sie können zur Ersatzhandlung werden, wenn konkrete Maßnahmen unbequem sind.

Der Vorwurf, der hier im Raum steht, ist deshalb weniger eine Anklage gegen Antidiskriminierungsarbeit als gegen eine mögliche Schieflage politischer Prioritäten. Eine Gesellschaft wirkt nicht dadurch stark, dass sie heikle Themen meidet, sondern dadurch, dass sie mehrere Wahrheiten gleichzeitig aushält: dass Minderheiten Schutz verdienen und dass Verbrechen kompromisslos aufgeklärt werden müssen; dass pauschale Schuldzuweisungen falsch sind und individuelles Fehlverhalten dennoch benannt werden darf.

Wer diese Balance verliert, gerät in eine eigentümliche moralische Gymnastik, bei der man versucht, gleichzeitig hinzusehen und wegzuschauen – eine Übung, die selbst geübte Parlamentarier irgendwann ins Schwanken bringt.

Der Preis der moralischen Selbstvergewisserung

Vielleicht liegt das eigentliche Problem weniger in einer einzelnen Abstimmung als in einer politischen Kultur, die moralische Selbstvergewisserung manchmal höher schätzt als unbequeme Selbstkritik. Es ist angenehm, sich auf der richtigen Seite der Geschichte zu wähnen; deutlich unangenehmer ist es, die Archive zu öffnen und zu prüfen, ob man dort womöglich selbst eine Fußnote verdient hätte.

Denn am Ende – und hier endet jede Satire abrupt in bitterem Ernst – geht es nicht um Schlagworte, nicht um parteipolitische Reflexe und auch nicht um die Frage, wer sich im nächsten Kommentar moralisch überlegen fühlen darf. Es geht um Opfer realer Verbrechen und um das Versprechen des Rechtsstaats, dass ihre Geschichten nicht aus Rücksicht auf politische Empfindlichkeiten in Aktenordnern verdämmern.

Eine reife Demokratie erkennt man nicht daran, dass sie Konflikte vermeidet, sondern daran, dass sie sie austrägt, ohne in Vorurteile zu verfallen. Sie kann gleichzeitig gegen Diskriminierung kämpfen und kompromisslose Aufklärung verlangen. Alles andere wäre, bei Lichte betrachtet, keine moralische Differenziertheit, sondern bloß eine sehr höfliche Form der Gleichgültigkeit – geschniegelt, geschniegelt, mit gutem Gewissen versehen und stets bereit, sich selbst zu versichern, man habe ja nur das gesellschaftliche Klima schützen wollen.

Das Klima, könnte man trocken hinzufügen, lässt sich zur Not reparieren. Verlorenes Vertrauen deutlich schwerer.

Der große Aufbruch ins moralische Mittelmeer

Es gibt Nachrichten, die wirken wie aus einem Drehbuch, das irgendwo zwischen Hochmoral, politischem Theater und der sehr alten menschlichen Sehnsucht nach historischer Bedeutsamkeit entstanden ist. Eine neue Gaza-Flottille also, diesmal größer, entschlossener, mit hundert Schiffen – eine Zahl, die in ihrer runden Symbolik bereits verrät, dass hier nicht nur Logistik, sondern auch Dramaturgie am Werk ist. Man stelle sich die Szene vor: Häfen in Italien, Spanien und Tunesien, Fahnen im Wind, Kameras im Anschlag, Interviews mit ernster Stirn und jener Stimme, die Menschen verwenden, wenn sie wissen, dass sie Teil einer Geschichte sein wollen, die später einmal in Dokumentarfilmen mit melancholischer Klaviermusik unterlegt wird.

Die Organisatoren sprechen von Isolation. Ein großes Wort. Isolation ist schließlich kein Werkzeugkastenbegriff wie Schraubenschlüssel oder Hilfslieferung; Isolation ist ein geopolitischer Fluch, ein diplomatisches Erdbeben, ein moralischer Bannkreis. Dass man ihn mit Schiffen herstellen möchte, erinnert ein wenig an jene Zeiten, in denen Menschen glaubten, mit wehenden Bannern und ausreichend Pathos könne man die Schwerkraft der internationalen Politik außer Kraft setzen.

Und doch steckt in solchen Unternehmungen etwas zutiefst Modernes: die Überzeugung, dass Sichtbarkeit bereits Wirkung ist. Dass ein Schiff mit Aktivisten heute mehr Schlagkraft besitzen kann als ein Bataillon – sofern es gut genug fotografiert wird.

Aktivismus als Hochseesport

Der Aktivismus hat sich in den letzten Jahrzehnten professionalisiert. Er besitzt mittlerweile Presseabteilungen, Hashtag-Strategien und eine erstaunliche Begabung für ikonische Bilder. Früher kettete man sich an Fabriktore; heute fährt man über das Mittelmeer. Fortschritt bedeutet schließlich auch, dass die Kulissen größer werden.

Mehrere Tausend Menschen sollen beteiligt sein: medizinische Fachkräfte, Ingenieure, Ermittler zu Kriegsverbrechen – eine Besetzungsliste, die klingt wie der Abspann eines sehr ernsten Films, bei dem niemand so recht weiß, ob er Dokumentation oder Performancekunst gesehen hat. Besonders reizvoll ist die Vorstellung der „dauerhaften zivilen Präsenz“, ein Begriff von jener elastischen Mehrdeutigkeit, die politische Sprache so liebenswert macht. Dauerhaft – aber wo genau? Unter welchen Bedingungen? Mit welcher Zustimmung der beteiligten Mächte? Fragen dieser Art haben in der frühen Phase moralischer Expeditionen traditionell Hausverbot.

Natürlich darf auch das historische Echo nicht fehlen. Der Vergleich mit Südafrika wird bemüht, denn nichts verleiht einer aktuellen Kampagne so zuverlässig moralischen Glanz wie ein erfolgreich abgeschlossener Kampf der Vergangenheit. Geschichte wird hier zur Leihgabe: Man borgt sich ein Siegerkapitel und hofft, dass etwas von dessen Aura abfärbt. Dass historische Analogien jedoch eher grobe Werkzeuge als chirurgische Instrumente sind, stört selten – sie klingen einfach zu gut.

Die mediale Choreografie der guten Absichten

Was an solchen Flottillen fasziniert, ist weniger ihre praktische Aussicht auf Erfolg als ihre symbolische Architektur. Schon die Organisatoren räumen ein, dass die Chancen gering sind. Aber Erfolg, so scheint es, wird inzwischen neu definiert: Nicht das Ankommen zählt, sondern das Gesehenwerden. Vielleicht erreichen wir Gaza nicht physisch, heißt es – aber wir erreichen die Menschen. Eine bemerkenswerte Formulierung, die elegant offenlässt, welche Menschen gemeint sind: jene vor Ort, jene vor den Bildschirmen oder jene im moralischen Eigenheim des Aktivisten.

Es ist das Zeitalter der performativen Politik. Wer handelt, sendet Bilder; wer Bilder sendet, gestaltet Narrative; wer Narrative gestaltet, verschiebt zumindest kurzfristig die diskursive Wetterlage. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit die knappste Ressource ist, wirkt ein Konvoi aus hundert Schiffen wie ein gigantischer Magnet für Kameras. Dass Aufmerksamkeit jedoch ein flüchtiger Gast ist, der morgen schon beim nächsten Drama anklopft, gehört zu den weniger beliebten Erkenntnissen.

Und so segelt die Flottille auch durch die Gewässer der Selbstvergewisserung. Aktivismus ist schließlich nicht nur Intervention, sondern auch Identitätsarbeit. Man fährt nicht nur für eine Sache – man fährt auch, um der Mensch zu sein, der für eine Sache fährt.

Realität, diese unkooperative Angelegenheit

Die Kritiker verweisen auf bestehende Hilfslieferungen, auf Lastwagen, Tonnenzahlen und Grenzübergänge. Zahlen sind unerquicklich; sie besitzen keine Aura, keine wehend poetische Qualität. Ein Lastwagen ist nun einmal kein Schiff voller Idealisten. Er ist effizient, unspektakulär und daher medial ungefähr so attraktiv wie ein gut funktionierender Drucker.

Doch Politik besteht selten aus reinen Symbolen oder reiner Logistik. Sie ist vielmehr ein unerquicklich komplexes Gemisch aus Sicherheitsinteressen, humanitären Notwendigkeiten, strategischen Kalkülen und jener notorischen menschlichen Fähigkeit, sich gegenseitig zutiefst zu misstrauen. Wer glaubt, man könne diese Gemengelage mit einer Flotte moralisch überrumpeln, erinnert ein wenig an jemanden, der versucht, ein Schachspiel durch leidenschaftliches Dameopfern zu gewinnen, ohne vorher die Regeln geprüft zu haben.

Hinzu kommt die geografische Realität: Ägypten, Israel, militärische Kontrollzonen, diplomatische Spannungen – das Mittelmeer ist kein leerer Bühnenraum, sondern ein dicht reguliertes Terrain. Schiffe bewegen sich dort nicht nur durch Wasser, sondern durch Rechtsordnungen und Sicherheitsdoktrinen. Idealismus prallt hier gern auf Bürokratie, und Bürokratie ist bekanntlich der natürliche Fressfeind jeder heroischen Erzählung.

Die Prominenzfrage oder Wer darf moralisch glänzen

Noch ist offen, welche bekannten Gesichter an Bord sein werden. Doch man darf sicher sein: Sobald ein prominenter Name auftaucht, wird die Aufmerksamkeit sprunghaft steigen. Prominenz ist der Turbolader des Aktivismus. Sie verwandelt politische Aktionen in globale Ereignisse und komplexe Konflikte in gut teilbare Schlagzeilen.

Dabei entsteht eine eigenartige Dialektik: Je berühmter die Teilnehmer, desto größer die mediale Reichweite – und desto stärker auch der Verdacht, dass hier ein Stück weit das eigene Image mitsegelt. Engagement und Selbstdarstellung sind keine Gegensätze; sie sind Zwillinge, die sich gelegentlich um die bessere Kameraposition streiten.

Das Publikum wiederum liebt klare Rollen. Held, Schurke, Opfer – dramaturgisch bewährte Kategorien, die allerdings mit der Wirklichkeit des Nahostkonflikts ungefähr so kompatibel sind wie ein Kinderpuzzle mit einem Quantenphysiklabor.

Moral als Exportgut

Besonders bemerkenswert ist die Idee, einen Staat „in die Knie zu zwingen“, indem man ihn moralisch isoliert. Moral wird hier zum geopolitischen Druckmittel, gewissermaßen zum Exportgut, das in Containern der Überzeugungskraft verschifft wird. Doch Moral besitzt die unangenehme Eigenschaft, selten universell anerkannt zu sein. Was für die einen ein Akt der Gerechtigkeit ist, erscheint den anderen als Provokation, Einmischung oder schlicht als Naivität.

Das bedeutet nicht, dass moralischer Protest wertlos wäre – im Gegenteil. Viele historische Fortschritte begannen mit Aktionen, die zunächst als aussichtslos galten. Aber ebenso wahr ist: Moral ersetzt keine Strategie. Wer beides verwechselt, produziert zwar eindrucksvolle Gesten, aber selten nachhaltige Ergebnisse.

Vielleicht liegt gerade darin die Tragik moderner Protestformen: Sie müssen spektakulär sein, um wahrgenommen zu werden, und verlieren dabei mitunter jene geduldige Nüchternheit, ohne die politische Veränderungen kaum möglich sind.

Der alte Traum vom rettenden Schiff

Das Schiff ist seit jeher ein starkes Symbol. Arche, Freiheitsboot, Auswandererschiff – es steht für Aufbruch, Hoffnung, Rettung. Eine Flottille aktiviert dieses kulturelle Gedächtnis automatisch. Wer in See sticht, wirkt entschlossen; wer an Land bleibt, wirkt abwartend.

Doch die Geschichte kennt auch eine andere Lektion: Nicht jedes Schiff bringt Erlösung. Manche bringen lediglich neue Konflikte, diplomatische Krisen oder symbolische Sackgassen hervor. Der Ozean ist ein Meister darin, menschliche Gewissheiten zu relativieren.

Und dennoch wäre es zu einfach, die gesamte Unternehmung als bloßes Theater abzutun. Hinter ihr stehen zweifellos Menschen, die überzeugt sind, etwas Gutes zu tun. Idealismus mag oft irritierend sein, gelegentlich selbstgerecht, manchmal unerquicklich laut – aber eine Welt ohne ihn wäre vermutlich deutlich zynischer, als selbst dieses Essay es zu sein versucht.

Zwischen Pathos und Pragmatismus

Vielleicht zeigt die geplante Flottille vor allem eines: die tiefe Ungeduld einer globalen Öffentlichkeit, die nicht erträgt, dass manche Konflikte sich über Jahrzehnte verhärten. Ungeduld sucht nach spektakulären Gesten, weil die langsame Diplomatie so unerquicklich unsichtbar ist.

Doch nachhaltige politische Veränderungen entstehen selten durch dramatische Einzelaktionen. Sie wachsen eher wie Korallenriffe – langsam, unscheinbar, Schicht um Schicht. Das ist unerquicklich unromantisch und daher für den modernen Nachrichtenzyklus nahezu unbrauchbar.

So bleibt am Ende ein Bild: hundert Schiffe voller Hoffnung, Empörung, Überzeugung und vermutlich auch einer guten Portion Selbstinszenierung, unterwegs in ein Meer aus politischen Realitäten. Ob sie tatsächlich etwas isolieren werden, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass sie eine Debatte befeuern – und dass Debatten, so unerquicklich sie sein mögen, immer noch besser sind als Gleichgültigkeit.

Vielleicht besteht die eigentliche Pointe dieser Geschichte darin, dass sowohl Aktivisten als auch ihre Kritiker von derselben Sehnsucht getrieben werden: der nach einer Welt, die endlich einfacher ist, als sie es hartnäckig bleibt. Bis dahin aber wird weiter gesegelt, gestritten, gefilmt und kommentiert.

Das Mittelmeer hat schon ganz andere Dramen gesehen. Es wird auch dieses mit jener stoischen Gelassenheit tragen, die nur Gewässer besitzen, denen menschliche Gewissheiten herzlich gleichgültig sind.

Linker Antisemitismus vom Feinsten

Wenn die gute Absicht geschniegelt marschiert und dabei das Denken erschlägt

Es gibt Texte, die liest man und hat sofort dieses unverwechselbare Gefühl: Ah ja, hier spricht die aufgeklärte Avantgarde – aber bitte nur in dem Sinn, in dem ein Presslufthammer „spricht“. Der Gastkommentar von Benjamin Schütze in der taz mit dem Titel „Die Truppen der Staatsräson“ gehört in diese Kategorie: eine jener stilistisch geschniegelt daherkommenden Generalabrechnungen, die so tun, als würden sie die Realität freilegen, aber in Wahrheit vor allem eins freilegen – die erstaunliche Fähigkeit eines bestimmten akademisch-linken Milieus, sich in der Pose des Widerstands moralisch zu adeln, während es sich gedanklich in einer Art selbstgebautem Argumentationsbunker einmauert. Man muss diese Art Text gar nicht lange analysieren, um sein Funktionsprinzip zu erkennen: Er beginnt mit dem großen Begriff („autoritärer Anti-Antisemitismus“), setzt dann ein paar druckfrische Empörungsmarker dazu („Genozid“, „Normalisierung“, „Diffamierung“, „antiarabischer Rassismus“) und endet schließlich in einem dramaturgisch unvermeidlichen Feindbildkabinett („DIG“, Antisemitismusbeauftragte, eine mobilisierte Staatsräson-Front gegen die angeblich unterdrückte Wahrheit). Fertig ist das moralische Perpetuum mobile: Wer widerspricht, beweist nur, dass er Teil des Problems ist – und wer zustimmt, beweist, dass er zu den Guten gehört. Eine diskursive Einbahnstraße mit eingebautem Applausautomat. Und damit das alles auch wirklich nach „kritischer Analyse“ aussieht, wird noch ein wenig mit dem Völkerrecht gewedelt, wie man in früheren Zeiten mit dem Grundgesetz wedelte: nicht als komplexe Normenordnung, sondern als magisches Tuch, das man über jede Diskussion legt, damit der Gegner darunter erstickt.

Anti-Antisemitismus: Wenn aus dem Kampf gegen Judenhass eine Ideologie gegen Juden wird

Schon diese Formulierung – „autoritärer Anti-Antisemitismus“ – ist ein Meisterstück im Genre der linken Begriffsakrobatik: ein paradoxes Konstrukt, das sich anhört wie „freiheitliche Zwangsbeglückung“ oder „friedliche Vernichtung“. Gemeint ist offenbar: Die deutsche Politik bekämpfe Antisemitismus nicht, sondern benutze seine Bekämpfung als Herrschaftstechnik. Das kann man als Diagnose theoretisch diskutieren – es gibt ja tatsächlich Fälle, in denen Antisemitismusdefinitionen politisch instrumentalisiert werden, und es gibt ohne Frage auch opportunistische Staatsrhetorik, die sich mit moralischen Vokabeln schmückt, weil sie so schön geschniegelt aussehen. Aber die entscheidende Frage lautet: Was passiert, wenn man diesen Gedanken zum zentralen Narrativ erhebt? Nun, dann passiert exakt das, was der Text vorführt: Antisemitismus wird aus der Kategorie „konkrete Bedrohung für Juden“ herausgelöst und in die Kategorie „politisches Werkzeug des Westens“ verschoben. Judenfeindschaft wird zu einer Art Nebelmaschine im Dienste imperialer Interessen. Und plötzlich ist Antisemitismus nicht mehr das Problem, sondern der „Anti-Antisemitismus“ – also der Versuch, Antisemitismus zu benennen und zu bekämpfen. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Hierzulande hat sich ein autoritärer Anti-Rassismus etabliert – seine Anhänger bekämpfen nicht Rassismus, sondern die Freiheit, sich rassistisch zu äußern.“ Man merkt sofort: Das klingt nur so lange nach mutiger Kritik, bis man realisiert, dass der Satz im Kern nicht Emanzipation, sondern Entkernung betreibt. Er verschiebt die moralische Schwerkraft. Er macht die Brandmelder zum Brand. Und wer den Brandmelder tritt, fühlt sich plötzlich wie Feuerwehr.

Staatsräson: Dieses deutsche Wort, das immer nach Kanzleramt riecht und trotzdem nicht automatisch „Genozid“ bedeutet

„Die Staatsräson … dient nicht der Bekämpfung von Antisemitismus, sondern der institutionellen Verankerung deutscher Unterstützung eines Genozids in Gaza.“ Das ist der Satz, bei dem man als Leser kurz innehält, nicht weil er so erschütternd ist, sondern weil er so entwaffnend schlicht ist: Ein einziges Wort – „Genozid“ – übernimmt hier die komplette Beweislast. Es ist ein moralisches Fallbeil, kein Argument. Er fällt und alles ist entschieden. Denn wenn es ein Genozid ist, dann ist jede Unterstützung dafür nicht bloß falsch, sondern verbrecherisch; dann ist jedes Zögern, jedes Abwägen, jede Komplexität bereits Komplizenschaft; dann ist nicht nur die Politik schuldig, sondern jeder, der sie nicht in der gewünschten Tonlage verdammt. Genau so funktioniert dieses Vokabular. Es ist nicht dazu da, die Debatte zu erhellen, sondern dazu, sie zu exekutieren. Man kann das rhetorisch brillant finden – und intellektuell unerquicklich. Denn wenn wirklich alles so eindeutig ist, warum braucht man dann überhaupt noch Analyse? Warum dann diese ganze Theaterkulisse von „institutioneller Verankerung“, „Normalisierung“, „Diffamierung“? Dann reicht ja ein Plakat. Genozid. Ende. Und hier liegt das Problem: Der Text lässt nicht den leisesten Zweifel zu, dass es sich um eine nicht nur moralisch verwerfliche, sondern rechtlich eindeutige Sache handelt. Er tut so, als wäre die Lage glasklar, als wäre jede andere Einschätzung nur Propaganda. Damit macht er genau das, was er dem „autoritären Anti-Antisemitismus“ vorwirft: Er setzt auf moralische Disziplinierung. Er sagt: Wer das nicht so nennt, hat Unrecht. Wer Unrecht hat, ist nicht nur falsch, sondern verdächtig. Und wer verdächtig ist, gehört zur dunklen Seite. Das ist die autoritäre Geste im Gewand der Befreiung.

Anti-arabischer Rassismus: Ein reales Problem, das als rhetorischer Rammbock missbraucht wird

Besonders unerquicklich ist die elegante Verbindung von Begriffen, die in der Realität getrennt betrachtet werden müssen: Staatsräson, Gaza, Genozid, antiarabischer Rassismus, Diffamierung von Forscher. Das klingt nach einem großen Zusammenhang, nach Strukturkritik, nach Intersektionalität der Unterdrückung – aber es funktioniert eher wie eine Kettenreaktion im Argumentationslabor. Natürlich gibt es in Deutschland antiarabischen Rassismus. Das ist keine Erfindung. Aber in solchen Texten wird dieser reale Befund nicht als konkrete Herausforderung behandelt, sondern als moralische Universalwährung: Wer Israels Sicherheit betont, normalisiert automatisch antiarabischen Rassismus. Wer Antisemitismusbeauftragte verteidigt, diffamiert automatisch Forscher. Wer Hamas als antisemitische Organisation benennt, behauptet automatisch, Palästina-Solidarität sei „politischer Islam“. Das ist der Trick: Man nimmt etwas Wahres (Rassismus existiert) und klebt es wie eine Schuldmarke auf alle, die in einer anderen Frage nicht die richtige Parole sprechen. So wird das Wort „Rassismus“ entwertet, weil es nicht mehr beschreibt, sondern verurteilt. Nicht mehr differenziert, sondern zerschlägt. Und am Ende stehen die Betroffenen – Palästinenser, Araber, Muslime – nicht stärker da, sondern instrumentalisiert: als Kulisse für eine ideologische Abrechnung, die gar nicht zuerst ihnen gilt, sondern dem deutschen „Diskursregime“. Die Solidarität wirkt dann wie eine Art politisches Accessoire: Man trägt Palästina wie andere ein Che-Guevara-Shirt tragen – nicht als Verantwortung, sondern als Signal.

Forscher werden diffamiert: Ein Satz, der immer stimmt, wenn man ihn nur groß genug schreibt

„Diffamierung von Forschern, die solidarisch mit Palästina sind.“ Auch hier: Ja, es gibt Fälle, in denen Wissenschaftler und Künstler vorschnell unter Antisemitismusverdacht geraten, es gibt Cancel-Versuche, Einladungen werden zurückgezogen, Förderungen werden gestrichen. Das sollte man kritisieren, und zwar klar. Aber Schützes Formulierung ist nicht die Kritik an Einzelfällen oder Mechanismen, sondern die Generalbehauptung eines systematischen Feldzugs. Das ist bequem, denn es erlaubt einem, jede Kritik an bestimmten Positionen als „Diffamierung“ zu etikettieren. Wer von einem Forscher verlangt, sauber zwischen israelischer Politik und jüdischer Existenz zu trennen, diffamiert angeblich. Wer antisemitische Codes in Palästina-Rhetorik benennt, diffamiert angeblich. Wer darauf hinweist, dass „From the river to the sea“ nicht einfach ein poetischer Freiheitsvers ist, sondern historisch-politisch oft eliminatorisch gelesen wird, diffamiert angeblich. Und so entsteht eine immunisierte Zone: Palästina-Solidarität wird zum sakrosankten Terrain, auf dem Kritik automatisch als Repression gilt. Dass diese Immunisierung am Ende nicht die Wissenschaft schützt, sondern die Ideologie, ist die Pointe, die solche Texte nicht merken – oder nicht merken wollen.

DIG, Antisemitismusbeauftragte und der böse „Truppen“-Sound: Wie man Gegner baut, um sich als Widerstand zu fühlen

Der Titel „Die Truppen der Staatsräson“ ist nicht zufällig gewählt. „Truppen“ klingt nach Uniform, nach Befehl, nach Marschmusik. Es erzeugt sofort ein Bild: Hier die disziplinierte Front der Unterdrückung, dort die mutigen Dissidenten. Und dann werden die üblichen Verdächtigen aufmarschiert: Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG), Antisemitismusbeauftragte, politische Akteure, die mobilisieren, die diffamieren, die bekämpfen. Das ist die Dramaturgie der linken Selbstveredelung: Man braucht einen Apparat, gegen den man kämpft, denn ohne Apparat wäre man nur jemand, der eine Meinung hat. Der Apparat macht einen zum Helden. Und er erlaubt es, sehr unterschiedliche Akteure in einen Topf zu werfen: die DIG als Lobbyorganisation, staatliche Beauftragte mit ihren institutionellen Logiken, Medien, Parteien, Behörden, Universitäten – alles wird zu „Truppen“. Wer so spricht, will nicht erklären, sondern entlarven. Das Problem: Entlarven ist kein Denken, Entlarven ist ein Reflex. Es ist die intellektuelle Version von „Ich wusste es doch!“ Und das ist genau die emotionale Belohnung, die dieser Text verteilt: an alle, die sich längst sicher sind, dass Deutschland aus historischer Schuld heraus nun die nächste Schuld begeht – und dass die eigentliche moralische Pflicht darin besteht, dies mit maximaler Schärfe zu sagen, ohne jemals innezuhalten und zu fragen, ob die eigene Schärfe vielleicht längst Teil des Problems geworden ist.

Die „angebliche Allianz“: Wenn man mit spitzen Fingern das benennt, was man doch heimlich braucht

Besonders hübsch ist die Passage über die „angebliche Allianz aus politischem Islam und radikaler Linker“. Dieses „angeblich“ ist ein jener kleinen rhetorischen Handschuhe, die man über die Hand zieht, bevor man jemandem ins Gesicht schlägt. Es suggeriert: Das ist eine Erfindung, eine Diffamierung, eine konstruierte Angst. Aber gleichzeitig ist es eine Verharmlosung einer sehr realen, sehr sichtbaren Gemengelage: dass es in manchen Milieus tatsächlich Überschneidungen gibt zwischen linken Antiimperialismus-Reflexen und islamistischen oder zumindest islamistisch kompatiblen Narrativen. Das bedeutet nicht, dass jeder Palästina-Protest islamistisch ist, es bedeutet nicht, dass jeder Linke, der Israel kritisiert, mit Islamisten paktiert. Aber es bedeutet, dass es diese Schnittmengen gibt – ideologisch, rhetorisch, organisatorisch, auf Demonstrationen, in Parolen, in Feindbildern. Und dass man darüber reden muss, ohne gleich in platte Islamophobie zu verfallen. Doch Schützes Text will darüber nicht reden. Er will es wegwischen. Er braucht dieses „angeblich“, weil er den Gedanken nicht zulassen darf, dass die eigene Seite nicht nur Opfer, sondern auch Akteur sein könnte – und zwar ein Akteur, der sich im schlimmsten Fall mit Kräften gemein macht, die mit Emanzipation so viel zu tun haben wie ein Betonmischer mit Poesie. Denn das wäre der Moment, in dem die linke Selbstinszenierung bröckelt: Man wäre nicht mehr die reine Solidarität, sondern Teil eines politischen Spiels, in dem Juden am Ende wieder die Rolle spielen, die sie in der Geschichte so oft spielen mussten – die Rolle des Symbols, an dem man Weltbilder austobt.

Der eigentliche Witz: Wie man „Antisemitismus bekämpfen“ als Unterdrückung framen kann, ohne rot zu werden

Das wirklich Bitterkomische an dieser Art Text ist nicht einmal seine Polemik, sondern seine erstaunliche Blindheit für das, was er selbst tut. Der Autor wirft anderen vor, Antisemitismus nicht bekämpfen zu wollen, sondern das Völkerrecht. Nur: Was genau tut er? Er bekämpft nicht die Instrumentalisierung von Antisemitismus, sondern die Bekämpfung von Antisemitismus. Er bekämpft nicht die Staatsräson als politisches Dogma, sondern die Möglichkeit, überhaupt eine besondere Verantwortung gegenüber jüdischem Leben zu formulieren, ohne als Genozidunterstützer beschimpft zu werden. Er bekämpft nicht den Missbrauch des Holocaustgedenkens, sondern die Erinnerung selbst, indem er sie in eine moralische Erpressungsmaschine umdeutet: Deutschland unterstützt Genozid, weil es aus seiner Geschichte nichts gelernt hat. Das ist eine Erzählung, die sich hübsch anfühlt, weil sie das deutsche Schuldproblem in eine neue Schuld verwandelt – und damit endlich wieder eine Bühne schafft, auf der man moralisch glänzen kann. Es ist das alte deutsche Drama, nur mit neuem Kostüm: Früher wollte man sich durch Schweigen entlasten, heute will man sich durch Schreien erlösen. Und die linke Variante davon ist besonders perfide, weil sie sich als Antifaschismus tarnt, während sie ein Kernmotiv antisemitischer Denkfiguren reaktiviert: die Vorstellung, dass „die Juden“ – oder der jüdische Staat als Projektionsfläche – das Zentrum einer großen Unrechtserzählung sind. Nicht unbedingt als allmächtige Verschwörer, das wäre zu platt für dieses Milieu, sondern als moralischer Hebel der Mächtigen, als Ausrede des Westens, als Symbol imperialer Gewalt. Es ist Antisemitismus in Anzug und Gendersternchen: geschniegelt, gerechtigkeitsbewusst, und doch strukturell vertraut.

Pointe mit Beigeschmack: Das Leiden in Gaza wird zur Requisite, das jüdische Leben zur störenden Fußnote

Und am Ende bleibt ein schaler Geschmack: Denn so sehr solche Texte behaupten, sie würden für die Unterdrückten sprechen – sie sprechen vor allem für sich selbst. Gaza wird zur Requisite einer deutschen Selbstdebatte: Wie verlogen ist Deutschland? Wie repressiv ist die Staatsräson? Wie autoritär ist der Diskurs? Die Menschen in Gaza erscheinen weniger als Individuen als als moralischer Rohstoff. Gleichzeitig verschwinden die Juden – als lebende Menschen, als bedrohte Minderheit, als Ziel realer Gewalt – hinter dem Begriff „Staatsräson“, der dann so behandelt wird, als sei er das eigentliche Problem. Es ist eine seltsame Umkehrung: Statt zu fragen, wie man beides gleichzeitig ernst nehmen kann – das Leid der Palästinenser und die Bedrohung jüdischen Lebens – entscheidet sich dieser Text für den bequemen Totalismus: Hier die einen als Opfer, dort die anderen als Täter, und wer auf die Komplexität hinweist, ist ein Handlanger des Systems. So bekommt man eine klare Welt. Und eine klare Welt ist das größte Opium für Menschen, die sich vor Ambivalenz fürchten wie Vampire vor Sonnenlicht.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so unerquicklich wäre. Aber vielleicht ist das die angemessene Reaktion: ein Lachen, das nicht entlastet, sondern entlarvt. Denn „linker Antisemitismus vom Feinsten“ ist genau das: nicht der grölende Hass, nicht die Springerstiefel-Variante, sondern die fein ziselierte, moralisch parfümierte Version, die sich selbst für die letzte Bastion der Menschlichkeit hält, während sie mit großer Geste genau jene Muster erneuert, die sie zu bekämpfen vorgibt. Und wenn man das einmal gesehen hat, kann man es nicht mehr ungesehen machen: die Pose der Solidarität, die in Wahrheit eine Lust am moralischen Tribunal ist; der Kampf gegen Unterdrückung, der in Wahrheit ein Kampf gegen Widerspruch ist; der Antifaschismus, der so gerne „Nie wieder“ ruft, bis er merkt, dass „Nie wieder“ auch Juden einschließt – nicht nur als historische Fußnote, sondern als Gegenwart, die stört, weil sie die schöne, einfache Erzählung kompliziert macht.

So steht man am Ende da, irgendwo zwischen Kopfschütteln und bitterem Grinsen, und denkt: Was für eine Leistung. Man muss es erst einmal schaffen, das Wort „Antisemitismus“ so zu drehen, dass am Ende die Juden die Störgröße sind – und man selbst der Held. Das ist wirklich linker Antisemitismus vom Feinsten. Gourmetware. Serviert in der taz. Mit einem Hauch Völkerrecht und einer Prise Selbstgerechtigkeit.

Bon appétit.

Segen sei mit ihm

Der Anspruch der Ewigkeit und die Tyrannei des Augenblicks

Der Anspruch allgemeiner Gültigkeit ist die große rhetorische Währung heiliger Texte: Was hier gesagt wird, so die implizite Drohung, gilt immer, überall und für alle. Wer den Koran jedoch konsequent entlang der Biographie des Propheten liest und zusätzlich die Logik der Abrogation ernst nimmt, dem zerbröselt dieser Anspruch zwischen den Fingern wie zu trockenes Fladenbrot. Denn was bleibt von der Ewigkeit, wenn sich Gebote, Verbote und moralische Imperative auffällig synchron zu den Lebensumständen eines einzelnen Mannes verändern? Die mekkanischen Suren predigen Geduld, Gewaltlosigkeit und die Schönheit des Erduldens, nicht weil diese Tugenden zeitlos überlegen wären, sondern weil sie für eine machtlose Minderheit funktional sind. In Medina hingegen, wo Macht, Waffen und politische Verantwortung ins Spiel kommen, wird aus Geduld plötzlich Kampfbereitschaft, aus Toleranz Abgrenzung, aus moralischem Universalismus eine fein säuberlich regulierte Gemeinschaft mit klaren Innen und Außenlinien. Wer hier noch von allgemeiner Gültigkeit spricht, muss erklären, warum das Allgemeine so verdächtig oft deckungsgleich ist mit dem jeweils biografisch Nützlichen.

Abrogation als theologische Schadensbegrenzung

Die Lehre von der Abrogation wirkt bei näherem Hinsehen weniger wie ein tiefes metaphysisches Prinzip als wie eine hastig errichtete Stützkonstruktion, um den Einsturz des Universalitätsanspruchs zu verhindern. Wenn ein späterer Vers einen früheren aufhebt, dann wird damit nicht nur ein theologisches Problem gelöst, sondern ein historisches offengelegt: Offenbarung ist offenbar nicht unabhängig von Zeit, Ort und politischer Lage. Polemisch zugespitzt könnte man sagen, dass die Abrogation genau das Gegenteil dessen beweist, was sie retten soll. Sie zeigt, dass Normen nicht deshalb gelten, weil sie wahr sind, sondern weil sie in einer bestimmten Situation durchsetzbar erscheinen. Der Gedanke, dass Gott seine eigenen Aussagen relativiert, um den wechselnden Bedürfnissen seines Propheten zu entsprechen, ist für die Idee ewiger Moral verheerend. Satirisch betrachtet ähnelt das weniger einer himmlischen Weisheit als einem Vertragswerk mit ständig nachgereichten Fußnoten, in denen steht, dass Absatz drei nur gilt, solange Absatz sieben noch nicht offenbart ist.

Der Prophet als Maß aller Dinge und aller Zeiten

Stellt man die Biographie des Propheten radikal ins Zentrum der Textauslegung, wird der Koran weniger zu einem Buch für die Menschheit als zu einem Begleitprotokoll eines außergewöhnlichen Lebens. Jeder biografische Einschnitt erzeugt seine eigene Theologie: Verfolgung erzeugt Trostverse, politische Konsolidierung erzeugt Gesetzestexte, militärischer Erfolg erzeugt Triumphrhetorik. Selbst intime Aspekte des Privatlebens finden ihren Weg in die Offenbarung und werden damit normativ aufgeladen. Der satirische Kern dieser Beobachtung liegt in der grotesken Asymmetrie: Aus sehr konkreten, sehr persönlichen Situationen werden Regeln abgeleitet, die Jahrhunderte später noch als allgemeingültig gelten sollen. Dass eine Offenbarung die ehelichen Arrangements eines Siebtjahrhundertmannes regelt und damit implizit vorgibt, etwas über universelle Moral zu sagen, ist literarisch betrachtet kühn und philosophisch betrachtet fragwürdig. Kritisch formuliert: Je genauer man hinschaut, desto weniger spricht der Text zur Menschheit und desto mehr spricht er zu und über Muhammad.

Universalität als nachträgliche Illusion

Die Vorstellung, der Koran sei unabhängig von seiner Entstehungszeit verständlich und gültig, erweist sich bei biografischer Lektüre als fromme Illusion. Ohne Kenntnis der Lebensumstände des Propheten bleiben viele Verse rätselhaft, widersprüchlich oder schlicht unverständlich. Mit dieser Kenntnis werden sie verständlich, verlieren aber genau dadurch ihren universellen Anspruch. Denn was nur im Kontext funktioniert, ist per Definition nicht allgemein. Der Text wird so zu einer Art historischer Dramaturgie, in der Gott die Rolle des allwissenden Erzählers übernimmt, der jedoch erstaunlich gut über die tagespolitischen Sorgen seines Protagonisten informiert ist. Der Zynismus liegt darin, dass diese Kontextabhängigkeit später in einen Absolutheitsanspruch umgedeutet wird: Aus situativen Antworten werden zeitlose Wahrheiten, aus biografischer Notwendigkeit ewige Norm. Die Allgemeingültigkeit erscheint damit weniger als Eigenschaft des Textes denn als Projekt seiner späteren Leser.

Schlussbemerkung über Heiligkeit und Maßstab

Ein Koran, der konsequent nach Abrogation und Prophetenbiographie gelesen wird, ist kein Buch der Ewigkeit, sondern eines der Anpassung. Das muss man nicht moralisch verurteilen, aber man sollte es intellektuell ernst nehmen. Die satirische Pointe besteht darin, dass ausgerechnet ein Text, der den Anspruch erhebt, überzeitlich zu sein, sich als besonders zeitgebunden erweist. Seine Normen wachsen, verändern sich und widersprechen einander in genau dem Maß, wie sich das Leben seines Verkünders verändert. Wer daraus dennoch allgemeingültige Regeln ableiten will, betreibt weniger Exegese als Mythologie. Vielleicht ist das die ehrlichste Lehre dieser Lektüre: Nicht dass der Text nichts zu sagen hätte, sondern dass er vor allem etwas über seine Entstehungsbedingungen sagt. Und dass der Anspruch auf universelle Gültigkeit weniger eine Eigenschaft des Koran ist als der Wunsch seiner Ausleger, die eigene Geschichte zur Geschichte aller zu erklären.

Das Diskursproblem als Komfortzone

Es gibt Momente, in denen das Wort „Diskursproblem“ wie ein Sofa wirkt: weich, breit, einladend, ideal zum Hineinsinken, wenn die Wirklichkeit stachelig wird. Luisa Neubauer hat dieses Möbelstück jüngst im Funke-Podcast neu bezogen, und zwar mit dem Stoff der eigenen Befindlichkeit. Nicht der 7. Oktober 2023, nicht die Massaker, nicht der eruptive Judenhass, der seitdem wieder aus Kellern und Kommentarspalten quillt, stehen im Zentrum ihrer Erzählung, sondern das Gefühl, missverstanden, unter Druck gesetzt, ja fast: bedrängt worden zu sein. Man könnte sagen, das ist die hohe Kunst der Perspektivverschiebung, eine Art rhetorisches Feng-Shui: Man rückt die schweren Dinge an den Rand und stellt die Zimmerpflanze der eigenen Panikattacke ins Licht. Dass das Ganze als „kritische Selbstreflexion“ verkauft wird, gehört zum Handwerk; dass es dabei unerquicklich riecht, ist der Preis des Handwerks.

Empathie nach Bedarf, Moral im Baukastensystem

Neubauers Bedauern darüber, Fridays for Future habe „nicht nachdrücklich genug“ Repressionen gegen Palästina-Aktivisten verurteilt, ist ein bemerkenswerter Satz. Er ist bemerkenswert, weil er ohne Subjekt auskommt – wer repressiert hier eigentlich wen? – und ohne Objekt – was genau ist geschehen? –, aber mit einer klaren Stoßrichtung: Die Opfer sind jene, die sich „für Menschenrechte in Palästina und Gaza“ eingesetzt haben. Das ist ein schöner, warmer Satz, wie ein Wollschal, der allerdings die Tatsache verdeckt, dass in diesem Land Demonstrationen stattfanden, auf denen „From the river to the sea“ skandiert wurde, als handle es sich um einen Wellness-Slogan. Empathie, so scheint es, ist bei Neubauer keine Kategorie der Zumutung, sondern der Auswahl. Man verteilt sie wie Solarpaneele: bevorzugt dort, wo sie gut ins eigene Energiekonzept passt.

Die internationale Familie und der deutsche Sonderweg

Der Hinweis auf die internationale Mutterorganisation von Fridays for Future, die sich früh auf die Seite der Palästinenser schlug und dabei antisemitische Entgleisungen billigend in Kauf nahm, wirkt wie eine Entlastungsstrategie mit eingebauter Notausgangstür. Der deutsche Ableger habe sich ja distanziert, sagt man, und Luisa Neubauer sagt es mit der Ernsthaftigkeit einer Schülerin, die darauf hinweist, dass sie zwar im falschen Bus saß, aber rechtzeitig ausgestiegen sei. Das Problem an dieser Erzählung ist nicht ihre faktische Fragwürdigkeit, sondern ihre moralische Bequemlichkeit. Wer eine globale Bewegung repräsentiert, kann sich nicht in nationale Unschuld flüchten, wenn es international brennt. Global denken, lokal entschuldigen – das war einmal ein Werbeslogan, kein ethisches Prinzip.

Greta, die Reflektierte, und der Umgang, der nicht zu rechtfertigen ist

Die Verteidigung Greta Thunbergs gehört zum Ritual. Greta sei „sehr reflektiert“, sagt Neubauer, und man nickt höflich, denn Reflexion ist in diesen Kreisen eine Tugend wie früher die Keuschheit. Dass Thunberg sich nicht nachdrücklich zum 7. Oktober geäußert habe, wird eingeräumt, aber sofort relativiert: Der Umgang mit ihr sei „unter keinen Gesichtspunkten zu rechtfertigen“. Unter keinen. Das ist ein großer Satz, ein Satz mit der Wucht einer Bannbulle, der allerdings erneut die Blickrichtung verschiebt: vom Inhalt zur Form, vom Gesagten zum Umgang damit. Wer so argumentiert, verteidigt nicht die Sache, sondern den Status. Die Ikone darf nicht fallen, also muss der Kontext weichen.

Das historische Ding, oder: Wie man den Holocaust in Klammern setzt

Am unerquicklichsten wird es dort, wo Neubauer Verständnis für internationale Aktivisten äußert, die Deutschland mit einem „Heult leise“ bedenken, weil hierzulande von einem „Diskursproblem“ die Rede sei – Staatsräson, „noch das historische Ding“. Dieses „historische Ding“ ist kein Ding. Es ist der industrielle Massenmord an sechs Millionen Juden. Es ist der Grund, warum dieses Land eine besondere Verantwortung trägt, nicht als folkloristische Bürde, sondern als ethische Verpflichtung. Wer den Holocaust in der Umgangssprache zum „Ding“ verkleinert, macht ihn handhabbar, abheftbar, relativierbar. Das ist kein Ausrutscher, sondern eine Haltung: Geschichte als lästiges Möbelstück, über das man im Eifer der Gegenwart stolpert.

Panikattacken als politisches Argument

Natürlich ist es ernst zu nehmen, wenn jemand von einer Panikattacke berichtet. Psychische Belastungen sind real, und öffentlicher Druck kann krank machen. Aber wenn die eigene Panik zum narrativen Höhepunkt einer Erzählung wird, die von einem beispiellosen antisemitischen Terrorakt handelt, dann stimmt die Gewichtung nicht mehr. Dann wird das Private zum Maßstab des Politischen, und das Politische zur Kulisse des Privaten. Bundespolitiker hätten in ihr Telefon „reingebrüllt“, sagt Neubauer, ohne Namen zu nennen. Das Bild ist stark, fast filmisch, aber auch bequem: Es immunisiert gegen Nachfragen. Wer brüllt, hat Unrecht; wer leidet, hat Recht.

Satirisches Fazit: Die Klimaerwärmung der Moral

Luisa Neubauer steht exemplarisch für eine Generation politischer Akteure, die moralische Dringlichkeit mit moralischer Eindeutigkeit verwechselt. Das „Diskursproblem“ ist dabei kein analytischer Begriff, sondern ein Rettungsring. Man wirft ihn sich selbst zu, wenn die Wellen der Wirklichkeit zu hoch schlagen. Satirisch betrachtet könnte man sagen: Die Moral hat sich erwärmt, sie ist flüssig geworden, sie passt sich jeder Form an. Ernst betrachtet bleibt die Frage, ob eine Bewegung, die die Welt retten will, es sich leisten kann, beim Thema Antisemitismus so erstaunlich selektiv zu sein. Denn während man über Diskurse spricht, zählen andere noch immer die Toten. Und das ist kein „historisches Ding“, sondern eine Gegenwart, die mehr verlangt als augenzwinkernden Zynismus.

Antisemitismus unter Quarantäne

Das Labor mit den dicken Wänden

Antisemitismus ist in Österreich ein Forschungsgegenstand, der unter Quarantäne steht, geschniegelt, nummeriert, mit Latexhandschuhen angefasst und nach getaner Betrachtung wieder sorgfältig in den Tresor gesperrt wird. Er darf das Labor nicht verlassen, denn draußen könnte er ansteckend sein, oder schlimmer noch: erkenntlich. Dort draußen nämlich trägt er längst keine Springerstiefel mehr, sondern modische Zeichen internationaler Solidarität, die sich als moralische Tarnkappen erweisen. Einst war alles einfacher, als der Antisemit noch geschniegelt geschniegelt kam, mit klarer politischer Etikette und eindeutiger Frisur, eine Karikatur seiner selbst, die man ohne Umwege fotografieren, katalogisieren und verdammen konnte. Damals ließ sich das Böse mit Pfeilen versehen, und die Pfeile zeigten stets nach rechts, wo sie hingehörten, so glaubte man. Der Forschungsgegenstand war bequem, weil er bestätigte, was man ohnehin wusste, und die Forschung bestand im Wesentlichen aus dem wiederholten Nicken vor dem Spiegel.

Heute jedoch ist der Antisemitismus ein Chamäleon, das seine Farbe wechselt, sobald der moralische Zeigefinger gehoben wird. Und weil er sich nicht mehr an die vertrauten Codes hält, wird er kurzerhand umetikettiert, bis er wieder in das vertraute Raster passt. Man nennt ihn Antizionismus, Israelkritik, Kontext, Perspektive, ja sogar Empathie. Alles Wörter, die so klingen, als seien sie mit Bedacht gewählt, dabei sind sie oft nichts als das intellektuelle Äquivalent einer Tarnkappe, unter der man sich unsichtbar macht, während man weiter zielt. Die Labortüren bleiben geschlossen, denn draußen müsste man anerkennen, dass das Phänomen gewandert ist, dass es sich neue Allianzen gesucht hat, neue Vokabeln, neue Bühnen. Und das würde bedeuten, die eigenen Denkgewohnheiten zu hinterfragen, eine Tätigkeit, die in der heimischen Intelligenzia ungefähr so beliebt ist wie ein ungefilterter Blick auf die eigene Doppelmoral.

Der Gratisgestus der Gerechten

Es gibt in diesem Land einen Reflex, der so zuverlässig ist wie der Applaus nach der Nationalhymne: Geht es gegen Rechts, dann ist die Betroffenheit grenzenlos, die Empörung großzügig, der moralische Kredit unbegrenzt. Man weiß genau, wo man stehen muss, um gesehen zu werden, und noch genauer, welche Sätze man sagen muss, um nichts zu riskieren. Antisemitismus von rechts ist der Gratisgestus der Gerechten, ein moralischer Selbstbedienungsladen, in dem man sich bedienen kann, ohne je zur Kassa gebeten zu werden. Er ist der Prüfstein, den man mit verbundenen Augen besteht, weil der Weg dorthin ausgetreten ist wie ein alter Pilgerpfad. Die richtigen Schlagworte, die richtigen Feinde, die richtige Pose – alles sitzt, alles passt, alles ist vertraut.

Ganz anders wird es, sobald der Blick nach links schweift oder in religiöse Milieus, die man sich mühsam als Opferreservate eingerichtet hat. Dort wird plötzlich gestottert, relativiert, kontextualisiert, dort werden Schwänze mit der Geschwindigkeit einer V2-Rakete wieder eingezogen, als hätte man sich versehentlich zu weit aus dem moralischen Fenster gelehnt. Man spricht von Einzelfällen, von importierten Konflikten, von kulturellen Missverständnissen, von allem, nur nicht von dem, was es ist. Die Sprache wird weich wie Watte, die Sätze krümmen sich vor lauter Vorsicht, und am Ende bleibt nichts übrig als ein diffuses Unbehagen, das man schnell wieder wegmoderiert. Kritik an antisemitischen Ressentiments in diesen Kontexten gilt als Zumutung, als Verrat an der eigenen Haltung, als gefährliches Spiel mit falschen Freunden. Also lässt man es bleiben, schweigt, nickt, schaut weg und nennt das dann Verantwortung.

Gedenktage mit Ablaufdatum

Zweimal im Jahr allerdings wird der Tresor geöffnet, feierlich, unter Blitzlicht und Kranzniederlegung. Am 27. Jänner und am 9. November darf die Betroffenheitsrhetorik ausgepackt werden wie ein gut gebügelter Anzug, der sonst im Schrank hängt. Man spricht von Nie wieder, man mahnt, man erinnert, man zeigt sich tief bewegt. Die Worte sind groß, die Gesten würdevoll, und für einen kurzen Moment scheint es, als habe das Labor tatsächlich einen Ausgang gefunden. Doch kaum ist der Kranz verwelkt, kaum sind die Kameras abgebaut, fällt die Tür wieder ins Schloss. Die restlichen 363 Tage herrscht Funkstille, als wäre Antisemitismus ein saisonales Phänomen, das man zwischen zwei Gedenkterminen getrost ignorieren kann.

In dieser langen Zwischenzeit wird das alte Ressentiment durch das Dorf getrieben, neu verkleidet, neu benannt, oft begleitet von Applaus aus jenen Reihen, die sich selbst für immun halten. Israelkritik wird zur Projektionsfläche, Antizionismus zur moralischen Ausrede, und wer darauf hinweist, dass hier alte Muster in neuen Gewändern auftreten, gilt schnell als Spielverderber, als jemand, der den Diskurs vergiftet. Dabei ist es nicht der Hinweis, der vergiftet, sondern das Gift selbst, das man nicht benennen will. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet jene, die sich als besonders wachsam verstehen, blind werden, sobald die Gefahr nicht mehr aus der erwarteten Richtung kommt. So bleibt der Antisemitismus im Labor, sauber beschriftet, gut erforscht und völlig wirkungslos bekämpft, während er draußen längst seine Runden dreht, ungestört, ungeniert und bestens angepasst an die moralischen Moden der Zeit.

Ein Gedenktag betritt die Bühne,

und stolpert über den roten Teppich

Welttag gegen Islamophobie. Schon das Wortgebirge wirkt wie eine frisch asphaltierte Umgehungsstraße für Denkfaulheit, breit genug für Ministerlimousinen, NGOs und Hashtag-Karawanen zugleich. Ein Tag, der uns alle, kollektiv und mit ernster Miene, an die Hand nehmen will, damit wir endlich fühlen, was wir ohnehin fühlen sollen. Echt jetzt? Der Kalender, dieses stoische Tier, das früher Erntezeiten, Heiligengedenktage und Mondphasen verwaltete, wird zum moralischen Beichtstuhl mit Stempelautomat. Heute bitte reumütig sein, morgen solidarisch, übermorgen achtsam – und zwischendurch die Kaffeemaschine entkalken. Der Welttag gegen Islamophobie betritt diese Bühne mit der Grazie eines Elefanten im Porzellanladen der Begriffe: gut gemeint, schwer bewaffnet mit Pathos, und mit jener unerschütterlichen Gewissheit, dass Benennung bereits Bekämpfung sei. Als hätte man mit der Etikettierung des Problems schon dessen Lösung eingepackt, Geschenkpapier inklusive.

Die Magie des Benennens und das bequeme Sofa der Empörung

Es ist eine alte Hoffnung des modernen Moralmanagements, dass Dinge verschwinden, wenn man sie richtig nennt. Rassismus, Sexismus, Klimakrise – die Worte sollen wie Salzsäulen wirken, die das Unheil erstarren lassen. Islamophobie nun also, eine Vokabel, die mit klinischer Kälte Angst diagnostiziert und zugleich politisch erhitzt wird. Phobie klingt nach Couch, nach Therapeutin, nach Atemübungen. Sie klingt nicht nach Debatte. Wer eine Phobie hat, diskutiert nicht, der wird behandelt. Das ist der elegante Trick: Kritik wird zur Pathologie umetikettiert, Zweifel zur Krankheit, Widerspruch zur Symptomatik. Und der Welttag ist das Gruppentherapie-Seminar, in dem alle nicken, weil Nicken als gesund gilt. Dass damit nicht selten das Sofa der Empörung bequemer wird als der Stuhl der Analyse, ist kein Kollateralschaden, sondern das Designprinzip.

Opfer, Täter und die pädagogische Choreografie des Guten

Die Dramaturgie ist so vertraut, dass man sie im Halbschlaf mitsummen könnte. Da sind die Opfer, klar umrissen und in der Mehrzahl unsichtbar, da sind die Täter, vage, aber stets präsent, und dazwischen die Erzieherinnen der Nationen, die mit sanfter Strenge erklären, was man heute fühlen darf. Der Welttag gegen Islamophobie verspricht Schutz, liefert aber oft Symbolik; er ruft zur Solidarität auf und landet nicht selten bei der moralischen Selbstvergewisserung jener, die ohnehin überzeugt sind. Man trägt das richtige Abzeichen, postet das richtige Quadrat, formuliert den richtigen Satz – und geht dann beruhigt zum Tagesgeschäft über. Die Welt ist wieder in Ordnung, zumindest für 24 Stunden. Dass reale Diskriminierung nicht durch Hashtags verschwindet, ist eine triviale Wahrheit, die erstaunlich hartnäckig ignoriert wird, wenn der Applaus laut genug ist.

Kritik, die sich verkleidet, und Glaube, der sich verwechselt fühlt

Es gibt einen neuralgischen Punkt, an dem die Satire bitter wird: Dort, wo berechtigte Kritik an religiösen Institutionen, Texten oder Machtansprüchen in denselben Topf geworfen wird wie blanker Hass auf Menschen. Der Welttag gegen Islamophobie behauptet, zu differenzieren, lebt aber von der Undifferenziertheit seines Schlagworts. Wer Fragen stellt, riskiert, als Phobiker etikettiert zu werden; wer pauschalisiert, findet sich paradoxerweise im Schatten der guten Absichten wieder. Der Diskurs verengt sich, nicht weil jemand böse wäre, sondern weil die Bühne so gebaut ist. Religion wird zur Identität erklärt, Identität zur Unantastbarkeit, Unantastbarkeit zum Diskussionsverbot. Am Ende steht eine eigentümliche Allianz aus Wohlmeinenden und Machtbewussten, die beide von der Stille profitieren.

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und der moralische Feiertagsrabatt

Kein Welttag ohne Sponsoren der Aufmerksamkeit. Medien lieben Anlässe, Aktivismus liebt Kalender, Politik liebt Rituale. Der Welttag gegen Islamophobie ist ein Sonderangebot im Supermarkt der Tugenden: Heute zwei zum Preis von einem – Mitgefühl und Selbstlob. Morgen wieder Normalbetrieb. In dieser Ökonomie zählt nicht die Tiefe der Auseinandersetzung, sondern die Reichweite der Geste. Komplexität ist schlecht für Klicks, Ambivalenz schlecht für Slogans. Also wird vereinfacht, zugespitzt, poliert. Dass Islamophobie ein reales Problem ist, steht außer Frage; dass seine Bekämpfung mehr erfordert als einen Tag, scheint hingegen eine unbequeme Erkenntnis zu sein, die man lieber auf morgen verschiebt. Der Feiertagsrabatt erlaubt es, die Mühe der Dauerarbeit aufzuschieben.

Die Satire als Notwehr der Vernunft

Lachen ist hier keine Respektlosigkeit, sondern ein Überlebensreflex. Wenn Begriffe zu Bannflüchen werden und Tage zu Dogmen, bleibt der Ironie nur die Rolle der Feuerwehr. Sie löscht nicht das Feuer, aber sie verhindert, dass der Rauch die Sicht vollständig nimmt. Ein augenzwinkernder Blick entlarvt die Mechanik: den inflationären Gebrauch des Ernstes, die pädagogische Pose, die moralische Erpressung mit dem guten Zweck. Satire fragt: Wem nützt das? Wer spricht? Wer schweigt? Und sie erlaubt, gleichzeitig zwei Gedanken zu halten: dass Menschen wegen ihres Glaubens diskriminiert werden und geschützt werden müssen – und dass der Diskurs darüber nicht in Watte gepackt, sondern geschärft gehört.

Jenseits des Kalenders eine Zumutung namens Alltag

Was wäre, wenn man den Welttag gegen Islamophobie ernst nähme, im wörtlichen Sinne? Wenn man ihn als Startschuss verstünde, nicht als Schlussapplaus? Das würde bedeuten, mühsam zu unterscheiden, konsequent zu widersprechen, unbequem zu bleiben. Es würde bedeuten, Hass klar zu benennen und Kritik nicht zu dämonisieren; Betroffene zu hören, ohne sie zu instrumentalisieren; Macht zu kontrollieren, auch wenn sie sich in religiöse Gewänder hüllt. Vor allem aber würde es bedeuten, den Kalender zu entmachten und den Alltag zu belasten. Denn Gerechtigkeit ist kein Event, sondern eine Praxis. Sie braucht keinen Welttag, um wichtig zu sein – und sie leidet, wenn sie auf einen reduziert wird.

Schluss ohne Schlussstrich

Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Der Welttag gegen Islamophobie ist zugleich notwendig und unerquicklich, sinnvoll gemeint und unerquicklich umgesetzt, ein Symptom unserer Zeit, die Probleme gern datiert, statt sie zu bearbeiten. Man kann ihn begehen, ohne ihm zu verfallen. Man kann Solidarität zeigen, ohne Denkverbote zu verhängen. Und man kann, bei aller Ernsthaftigkeit, das Lachen nicht verlieren – dieses kleine, widerständige Lachen, das daran erinnert, dass Moral ohne Humor zur Pose erstarrt. Der Kalender mag markieren, was wichtig ist. Verstehen müssen wir es selbst.

Wiesbaden, moralisches Epizentrum

Ein Fest der digitalen Selbstgerechtigkeit

Wiesbaden, dieses noble Nest am Rhein, glänzt nicht nur durch Fachwerkromantik und Thermalbäder, sondern neuerdings durch ein virtuelles Tribunal, das sich selbst für Richter über Weltpolitik hält. Die jüdische Gemeinde lädt Arye Sharuz Shalicar ein, Ex-Sprecher der israelischen Armee, und zack – aus der Tiefe der Social-Media-Sümpfe tauchen sie auf: anonyme Petitionshelden, die mit der Grazie einer Presslufthammer-Oper auf die Einladung einschlagen. Man stelle sich vor: Ein Mann, der Worte formulierte, um Konflikte zu erklären, steht plötzlich im Fadenkreuz einer digitalen Meute, deren einziger Lebensinhalt darin besteht, Likes zu sammeln und sich dabei moralisch überlegen zu fühlen. Willkommen im Zeitalter, in dem Empörung Klicks hat und Verantwortung nur eine optionale Zutat.

Die Tyrannei der Tastaturhelden

Es ist ein herrliches Schauspiel: Tastaturhelden, die niemals einen Fuß in Wiesbaden gesetzt haben, bestimmen über die Agenda einer real existierenden Gemeinde. „Zurückziehen!“, schreien sie, während sie mit Daumen hoch und Herzchen in der virtuellen Arena jonglieren. Die Ironie? Diese digitale Moralpolizei arbeitet unter dem Mantel der Anonymität, die es erlaubt, mit den Fingern zu richten, ohne selbst je zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wer braucht schon echte Argumente, wenn man Empörung in 280 Zeichen zusammenfassen kann? Wer braucht Diskurs, wenn man Retweets hat? Wiesbaden ist plötzlich der Schauplatz eines absurden Krieges zwischen Realität und digitaler Vorstellungskraft – und alle tragen Uniformen aus Pixeln.

Die Komik der Selbstüberschätzung

Wer sich wundert, ob man darüber lachen oder weinen soll, liegt richtig: Man muss beides tun. Die jüdische Gemeinde organisiert eine Veranstaltung, und das Netz entschließt sich, Richter zu spielen, Anwalt zu sein, Staatsanwalt sowieso, und selbstverständlich auch Publikum in einem: alles gleichzeitig. Die Paradoxie liegt darin, dass der reale Akt der Einladung sekundär wird, während die imaginäre Empörung zur Hauptrolle aufsteigt. Social Media triumphiert, Wiesbaden wirkt wie ein moralisches Labor, und wir beobachten das Ganze mit Popcorn und einem Stirnrunzeln, das langsam zu einem Lächeln wird – bitter, zynisch, aber zutiefst unterhaltsam.

Schlussbemerkung: Die Tragikomödie der Moderne

Arye Sharuz Shalicar mag kommen oder nicht, doch die eigentliche Show läuft längst: ein episches Theaterstück der digitalen Moral, in dem jeder Klick, jeder Share, jede Petition ein Drama aus Selbstgerechtigkeit und Oberflächlichkeit aufführt. Wiesbaden ist nicht länger Stadt, sondern Bühne; die Gemeinde ist nicht länger Gastgeber, sondern Symbol; und die moralische Empörung ist nicht länger Argument, sondern Währung.

Und während wir über diese groteske Farce schmunzeln, bleibt die Erkenntnis, so schmerzhaft wie köstlich: Die Welt ist kompliziert, der moralische Reflex einfach. So funktioniert die neue Demokratie: digital, laut, oberflächlich – und herrlich absurd. Wiesbaden, nehmen Sie Platz, das Popcorn ist serviert, und der Vorhang fällt nie.

Anne Frank mit Kufija

Wenn Historie zur Meme-Kultur mutiert

Es gibt Momente in der Kunstkritik, die so bizarr wirken, dass man sich fragen muss, ob man Zeuge eines intellektuellen Deliriums oder schlicht moralischer Blindheit ist. Costantino Ciervos Ausstellung „Comune. Das Paradox der Ähnlichkeit im Nahostkonflikt“ gehört zweifellos in diese Kategorie. Neapel, 1961 geboren, Wirtschaft und Politik studiert, nur um dann, wie so viele Intellektuelle mit gescheitertem Rationalismus, die „freie Kunst“ als Bühne für moralische Selbstverherrlichung zu wählen – welch groteske Ironie.

Ciervo greift nicht irgendeinen politischen Skandal, sondern die wohl sensibelste Figur des 20. Jahrhunderts: Anne Frank – versehen mit einer roten Kufija. Es ist der Versuch, historische Opfer als Accessoires eines zeitgenössischen Diskurses zu benutzen. Hier wird nicht Kunst geschaffen, hier wird Geschichte trivialisiert, geformt nach der Bequemlichkeit des Künstlers. Die stille Chronistin ihres eigenen Untergangs wird zum moralischen Kompass umdefiniert – posthum, digital, entkernt.

Die Kunst der Grenzüberschreitung oder der ästhetische Antisemitismus

Anne Frank, am Tisch sitzend, ein iPad vor sich – als wäre ihr Tagebuch plötzlich ein Twitterfeed. Die Frage, wie sie sich zum Nahostkonflikt positionieren würde, ist so abgründig wie geschmacklos.(Ciervo fragt: „Wie würde sich Anne Frank heute zum Nahostkonflikt positionieren? Wie würde sie sich anlässlich der genozidalen Politik Israels in Gaza verhalten? Würde sie wegen ihres Humanismus, den ihre Tagebücher dokumentieren, wie zahlreiche jüdische Intellektuelle ihre Stimme gegen die israelische Politik erheben?„) Dies ist kein Dialog mit der Vergangenheit, sondern eine Aneignung, eine intellektuelle Kolonialisierung historischer Erfahrung. Moralisch verkleidet, intellektuell verbrämt – im Kern jedoch eine Form von klassischem, ästhetisch verbrämten Antisemitismus: die Verfälschung der Geschichte unter dem Vorwand humanistischer Ambitionen.

Humor als Schutzanzug gegen Unfähigkeit

Ciervo bietet ein Meme der Shoah: Anne Frank + iPad + rote Kufija. Der „Humor“, der hier suggeriert wird, ist nicht befreiend, sondern entlarvend. Er offenbart eine Gesellschaft, in der historische Sensibilität beliebig verschiebbar geworden ist, solange das Resultat viral taugt. Die Ironie wird zum Mittel der Distanzierung von Verantwortung: Wenn das Opfer gefahrlos politisch instrumentalisierbar wird, spielt der Kontext keine Rolle mehr.

Das moralische Feuilleton in Absurdität

Der intellektuelle Voyeurismus, der hier betrieben wird, ist subtil wie ein Vorschlaghammer. Die Erwartung, historische Opfer in zeitgenössische Debatten einzuspannen, ohne dass die Vergangenheit zurückschlägt, offenbart die moralische Kurzsichtigkeit des Kunstbetriebs. Ciervos Bild provoziert kaum, es ästhetisiert die eigenen, bequemen Vorurteile – und das unter dem Deckmantel „kritischer Kunst“.

Schlussakkord: Historische Integrität versus digitale Provokation

Am Ende steht der Betrachter ratlos vor Anne Frank, iPad vor sich, rote Kufija als politisches Instagram-Filter-Accessoire. Was inszeniert wird – Diskurs, Provokation oder eitle Symbolmanipulation – bleibt unklar. Dass dies als künstlerische Kühnheit gefeiert wird, offenbart mehr über die Zeitgenossen als über den Künstler. Die Erkenntnis ist bitter: Manchmal ist die Absurdität so groß, dass sie sich nicht einmal mit bitterem Humor rechtfertigen lässt. Man kann nur staunen – und sich fragen, wie viel Gleichgültigkeit und ästhetisierte Geschichtsvergessenheit nötig sind, um so etwas zu kreieren.

Der Flüchtlingsstatus, der nicht sterben wollte

Es gibt Tage, an denen man den Verdacht hegt, dass die Weltgeschichte von einem übernächtigten Büroangestellten geführt wird, der seine Akten im Halbdunkel eines Kellergeschosses sortiert, während er aus einem halbverstopften Thermobecher kalten Kaffee trinkt. Man hört förmlich, wie der Großarchivar des Universums durch vergilbte Register blättert und mit dem gelangweilten Seufzen eines Beamten nach Feierabend feststellt: „Ach herrje, diese Vertriebenen aus Schlesien, Ostpreußen, Sudetenland – die tun wir mal in den Ordner Erledigt. Die kriegen keinen Sonderstatus, die müssen sich irgendwie selbst regenerieren.“ Und dann, mit einer Mischung aus kosmischem Fatalismus und bürokratischer Kreativität, nimmt der Archivar eine andere Akte, klopft den Staub ab, betrachtet den Inhalt und entscheidet: „Hier machen wir mal eine Ausnahme. Eine einzige. Für immer. Ohne Ablaufdatum. Weil – warum nicht?“

Hier beginnt die Groteske.

In einer Welt, in der nichts Bestand hat – weder Ehen, noch Ideologien, schon gar nicht Druckerpatronen – existiert ein Status, der sturer ist als ein antiker Felsblock und langlebiger als das Durchschnittspolitiker-Versprechen vor der Wahl. Die deutschen Vertriebenen wurden nach 1945 behandelt wie Menschen, denen man einen Stempel aufdrückt und dann höflich bittet, doch bitte möglichst rasch im gesellschaftlichen Maschinenraum zu verschwinden, damit niemand länger darüber nachdenken muss. Integration nicht als humanes Ideal, sondern als eine Art absurdes Leistungspaket: Willkommen, bitte auspacken, neu anfangen, Klappe zu, Thema abgehakt.

Doch an anderer Stelle der Welt entschied die internationale Bürokratie – offenbar im Zustand einer metaphysischen Übermüdung –, dass ein Flüchtlingsstatus nicht etwa eine persönliche Katastrophe sei, sondern ein vererbbares Artefakt, ein genealogischer Ritus, ein bürokratischer Familienschmuck, der wie ein historisches Monstrum durch Generationen geistert. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus jener eigentümlichen Mischung aus Moral, Diplomatie, politischer Starre und weltweiter Überforderung, die aussieht, als habe Kafka persönlich den Leitfaden formuliert und dann in die Hände der UNO gelegt.

Wie man ein Problem konserviert wie eingelegte Artischocken

Stellt euch einen Konferenzraum vor, in dem die internationale Gemeinschaft sitzt wie eine Herde übermüdeter Intellektueller, die sich in ihre eigenen Formulierungen verstricken. Man diskutiert, ringt, würgt sprachliche Strukturen hervor, die derart umständlich sind, dass sie nur entstehen können, wenn 20 Staaten sich gegenseitig höflich nicht widersprechen wollen. Und in diesem Moment der globalen Sprachverwurstelung entsteht eine Sonderregelung, die so einzigartig ist, dass sie eigentlich mit einem „Bitte nicht nachmachen“-Warnhinweis versehen werden müsste.

Die historischen deutschen Vertriebenen? Eingegliedert, statistisch erfasst, abgeheftet wie alte Meldekarten.
Die Palästinenser? Ein politisches Kontinuum, das langlebiger ist als manche Staatsform, das vom Völkerrecht wie ein kostbares, aber unhandliches Relikt unter Glas gehalten wird – nicht gelöst, sondern konserviert. Nicht vergessen, aber auch nicht befriedet. Ein Paradigma des Hängenlassens, das gleichermaßen Empathie, Tragik und politisches Versagen offenbart.

Die Komödie der internationalen Prinzipien

Man möchte fast lachen, wenn man nicht wüsste, wie wenig komisch das alles in der Realität ist: Die Welt erfindet für eine Gruppe eine Regelung, die in keinem anderen Fall jemals angewendet wurde und vermutlich nie wieder angewendet werden wird. Wie ein Theaterstück, in dem alle Beteiligten zwar wissen, dass der Vorhang längst hätte fallen sollen, aber der Inspizient schläft und niemand sich traut, die Szene zu beenden.

Die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten wurden nach wenigen Jahren als „integriert“ deklariert – ein Wort, das in seiner nüchternen Brutalität eine ganze Epoche zusammenfasst. Die palästinensische Flüchtlingsfrage hingegen wurde ins Regal der dauerhaften globalen Probleme gestellt, gleich neben „Nahostkonflikt“, „Nordirland (alt)“, „Klimawandel“ und „Steuerreform“.

Und die Bürokratie? Sie schaut mit dem unbewegten Gesichtsausdruck einer Sphinx zu und sagt: „Tja. So ist das jetzt.“

Schlussbild eines absurden Welttheaters

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die so bitter wie ironisch ist: Die Menschheit behandelt ihre Katastrophen nicht nach Prinzipien, sondern nach historischen Zufällen, politischem Druck, internationalen Empfindlichkeiten und der konzilianten Ineffizienz riesiger Institutionen, die Probleme länger konservieren als Gurkengläser im Vorratsschrank einer schwäbischen Großmutter.

Dass die einen ihren Flüchtlingsstatus nicht weitergeben konnten, während andere ihn bis heute vererben – das ist kein moralisches Urteil über Menschen, sondern ein absurdes Monument der Weltpolitik, eine Skulptur aus Ambivalenz, Widerspruch und Weltüberforderung. Eine Tragödie mit komischen Einsprengseln. Ein groteskes Erbstück unserer kollektiven Unfähigkeit, Konflikte zu lösen, statt sie für kommende Generationen einzulagern wie besonders schwierige Winterreifen.

Die Unsichtbaren der Geschichtsbücher

Massenexodus nach 1948

Man könnte meinen, die Welt habe ein bemerkenswert selektives Gedächtnis, das sich darin manifestiert, dass Millionen von Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, einfach so aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden – vorausgesetzt, sie tragen keine palästinensischen Fahnen oder lassen sich politisch instrumentalisieren. Über eine Million Juden flohen seit 1948 aus den arabischen Staaten und ab 1979 auch aus dem Iran, doch in den öffentlichen Debatten zum Nahen und Mittleren Osten tauchen sie nur dann auf, wenn es opportun erscheint. Die Pogrome in Oujda und Jérada 1948 oder der Farhud in Bagdad sind heute Anekdoten, die man höchstens in Fußnoten von Spezialhistorikern findet, während die Tatsache, dass Ende der 1930er-Jahre zwischen 25 und 30 Prozent der Bevölkerung Bagdads jüdisch waren – ein Anteil, der mit Warschau oder New York konkurrierte –, in den Schulbüchern Europas nicht mehr vorkommt. Ähnlich verschwindet die halbe Million Juden Nordafrikas vor 1948 wie Sand in der Wüste.

Der Exodus dieser Juden war umfassend, total und – man muss es wohl sagen – in der dramatischen Einfachheit seines Unrechts erstaunlich: Während die 700.000 Araber, die im Zuge der Staatsgründung Israels flohen, vor allem in Angst vor Krieg handelten, war die Flucht der Juden aus den arabischen Staaten weitgehend frei von unmittelbaren Kampfhandlungen. Es war kein Krieg, der sie trieb, sondern der Hass ihrer Nachbarn, gesetzlich legitimiert, moralisch gerechtfertigt oder schlicht opportunistisch praktiziert. Heute leben in den arabischen Ländern, aus denen einst Hunderttausende Juden stammten, nur noch Reste der einst blühenden Gemeinden: 2.000 von 250.000 in Marokko, 1.500 von 100.000 in Tunesien, weniger als 20 in Ägypten oder Irak – ein Bevölkerungssterben, das nicht durch Krieg, sondern durch Verachtung, Entrechtung und Vertreibung verursacht wurde.

Traditionen der Verachtung: Juden als Schutzbefohlene

Die Geschichte dieser Juden ist die Geschichte einer tolerierten Demütigung. Wer sich Illusionen über das Leben von Juden in islamischen Gesellschaften macht, sollte die Dhimma nicht romantisieren: Sie war kein Schutz, sondern ein Status der Unterwerfung, ein „toleriertes Leiden“. Von den Ritualmordbeschuldigungen im Osmanischen Reich bis hin zu blutigen Ausschreitungen in Tetuan, Bagdad oder Safed – die Gewalt gegen Juden in islamischen Gesellschaften war historisch verankert, wenn auch kontextualisiert durch religiöse Doktrinen und soziale Ordnungen. Die Radikalisierung des Antisemitismus im arabischen Raum des 20. Jahrhunderts – unterstützt durch nationalsozialistische Propaganda und ausgelöst durch die politische Selbstbehauptung von Juden – zeigt, dass Antisemitismus nicht erst nach 1948 entstand: Er war ein traditionsverankerter, ideologisch aufgeladener Reflex, der nur auf den passenden Funken wartete.

Intellektuelle wie Hassan al-Banna, Sayyid Qutb oder Malek Bennabi fanden im Hass auf Juden und Moderne eine willkommene Projektionsfläche: „Dies ist das Jahrhundert der Frau, des Juden und des Dollars.“ Es klingt fast schon wie ein antikes Meme, nur dass es Leben zerstörte. Der Antisemitismus in der arabischen Welt war kein Resultat des Zionismus; der Zionismus fungierte nur als Brennstoff für einen bereits vorhandenen Brand. Die „Schutzbefohlenen“ erhoben sich in Form des Staates Israel – und die arabische Welt reagierte nicht etwa differenziert, sondern kollektiv feindselig.

Israel: Auffanglager und Integrationslabor

Israel selbst stand 1948 vor der absurden Aufgabe, einem Exodus von historischer Dimension zu begegnen. Die Aufnahme von 260.000 Flüchtlingen aus arabischen Ländern und später Hunderttausenden weiteren Juden war kein einfaches logisches Unterfangen, sondern ein logistisch-politisches Mammutprojekt, das zwischen restriktiven Einwanderungsquoten und spektakulären Luftbrücken pendelte. Die Operation Fliegender Teppich oder die Aktionen Ezra und Nehemiah klingen wie Mythen der Moderne: Luftbrücken aus dem Jemen, über 120.000 Juden aus dem Irak – eine Mischung aus Wunderwerk und bürokratischer Zwangsläufigkeit.

Die Integration der Mizrahim in Israel verlief nicht ohne Reibung. Die europäischen Ashkenasim betrachteten ihre neuen Brüder aus dem arabischen Raum nicht selten mit demselben skeptischen Blick, den man heutzutage Historikern entgegenbringt, die über den Farhud schreiben. Zeltlager, Ma’aborot, Entwicklungsstädte – die arabisch-jüdischen Flüchtlinge wurden integriert, aber nicht ohne sozialen Druck, Bildungsdefizite und die ständige Erinnerung an verlorenes Eigentum: geschätzte 300 Milliarden Dollar an Werten, Konfiszierung von Hunderttausenden Quadratkilometern Land, als ob das Schicksal selbst beschließen wollte, dass Ungerechtigkeit multipliziert wird.

Unsichtbare Flüchtlinge, sichtbare Politik

Es ist fast grotesk, dass während über 170 UN-Resolutionen das Schicksal palästinensischer Flüchtlinge thematisiert wurde, niemand über die jüdischen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern sprach. Israel praktizierte stillschweigend einen Bevölkerungsaustausch: Man half den Juden, man erwartete von den Arabern, dass sie sich um die arabischen Flüchtlinge kümmerten. Kein Rückkehrrecht, keine internationalen Debatten, nur stille Integration und das subtile politische Verschwinden einer ganzen Bevölkerungsgruppe aus dem kollektiven Gedächtnis der Weltöffentlichkeit.

Ein Funken Hoffnung: Historische Reflexion und Versöhnung

Doch Geschichte ist kein statisches Monument. Die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien, die offiziellen Beziehungen zu den Emiraten, Bahrain, Oman, Marokko und Sudan zeigen, dass Aussöhnung möglich ist. Dass dabei eine leise Renaissance jüdischen Lebens in Bahrein und die Abschwächung antisemitischer Propaganda in Saudi-Arabien stattfinden, mag klein wirken – aber jeder Schritt beginnt mit der Anerkennung von Geschichte. Die Reflexion über Diskriminierung, Verfolgung und Flucht der Juden aus den arabischen Ländern könnte zu einem realistischeren Verständnis des Zionismus führen und einen Beitrag zu zukünftiger Friedensarbeit im Nahen Osten leisten.

Denn am Ende ist die Geschichte dieser unsichtbaren Flüchtlinge eine Geschichte von Resilienz, Überleben und Integration – und vielleicht, nur vielleicht, auch ein Lehrstück darüber, wie selektive Erinnerung die Weltpolitik formt, während Millionen von Schicksalen still unter dem Teppich der Geschichte verschwinden.

Dublin, die Hauptstadt der symbolischen Akrobatik

Man stelle sich Dublin vor: eine Stadt, deren Kopf voll ist mit literarischem Stolz, deren Straßen nach Joyce, Yeats und Beckett riechen, und die gleichzeitig den Mut aufbringt, Geschichte auszulöschen, sobald sie unbequem wird. Chaim Herzog Park, 2018 anlässlich des hundertsten Geburtstags eines Mannes eingeweiht, dessen Lebenslauf jede beliebige politische Ideologie überdauern würde, ist das perfekte Sinnbild für diesen urbanen Zirkus. Herzog, Sohn der Stadt, Jude, Soldat, Jurist, Befreier von Bergen-Belsen, Vernehmer von Himmler, Oberstleutnant der britischen Armee – ein Mann, dessen Existenz den Stolz auf Irland und die Würde der Menschheit zugleich verkörperte. Und doch: Kaum hat man den Namen auf ein Schild gepinselt, schon ist Dublin bereit, diesen Giganten in den Schatten der Bedeutungslosigkeit zu stellen, mit der Selbstsicherheit eines städtischen Dekorateurs, der entscheidet, dass „modernes Design“ Altlasten ersetzt.

Vom Kriegsdienst zur politischen Fußnote

Herzog hat nicht nur Juristenbücher gelesen, sondern in Panzertruppen die Hölle Frankreichs überlebt, Lager befreit und die Abgründe deutscher Kriegsverbrechen dokumentiert. Er hat Himmler befragt, als ob er ein unangenehmes Missverständnis aus der Schule aufklären wollte, während Millionen Leben auf dem Spiel standen. Und heute? Heute wird dieser Mann, der moralische Klarheit im Chaos des Krieges bewies, von einer städtischen Kommission aus dem öffentlichen Gedächtnis gestrichen, weil ein einzelner politischer Standpunkt ihn zu einem unbequem gewordenen Möbelstück macht. Die Ironie ist so dick, dass man sie fast schneiden könnte: ein Soldat, der Massenmord konfrontierte, wird auf ein Schild reduziert, das jetzt politischer Schachfigur dienen soll.

Die Kommission, der Widerstand und das triumphale Urteil

Eine Gegenstimme in einer Kommission, die ansonsten einstimmig entschieden hat, den Namen Herzog zu entfernen – man möchte fast applaudieren. Welch ein brillantes Stück demokratischer Performanz: einstimmig, bis jemand das Rückgrat beweist, nur um danach von der öffentlichen Meinung überrollt zu werden. Denn noch bevor irgendein neuer Name diskutiert wurde, erhoben sich Aktivisten, als hätten sie einen Spielplan der moralischen Erpressung bereits vorbereitet, und forderten die Umwidmung in „Free Palestine Park“. Das ursprüngliche Ziel, einen Sohn Dublins zu ehren, wird so elegant ersetzt durch ein politisches Statement, das sich wie ein unvermittelter Faustschlag in die städtische Identität anfühlt.

Politische Radikalisierung als städtische Virtuosität

Man muss Dublins Politik einfach bewundern: radikal links, voller Symbolik, bereit, historische Komplexität zugunsten eines ideologischen Schnellschusses zu opfern. Die Wahl von Catherine Connolly, die Israel als „Terrorstaat“ bezeichnete, verleiht dieser Dynamik einen besonderen Glanz: Staatliche Legitimation trifft auf moralische Kurzsichtigkeit, und die Stadt wird zu einem Schachbrett, auf dem historische Figuren durch politische Botschaften ersetzt werden. Dass es dabei nicht um Debatte, sondern um Eskalation geht, zeigt die Intensität, mit der öffentliche Parks zu Symbolbühnen politischer Selbstinszenierung werden.

Ein Park als Bühne der absurden Ironie

Am Ende ist der Park nicht nur Grünfläche, sondern eine Bühne absurden Theaters. Chaim Herzog, der Soldat, Jurist und Sohn Dublins, würde wahrscheinlich mit einer Mischung aus Amüsement und Entsetzen auf das Schauspiel blicken: Sein Leben, in wenigen Jahren eines Jahrhunderts so voller Bedeutung, wird nun als Staffage für zeitgenössische Ideologien verwendet. Dublin, in seinem postmodernen Überschwang, hat nicht nur die Geschichte gestrichen, sondern sie in einen bizarren Spiegel der eigenen Unsicherheit verwandelt: Man feiert den Aktivismus, während man den Sohn der Stadt vergisst.

Vom Humor der Tragik zur Tragik des Humors

Und hier, in diesem absurden Theater, liegt die bittersüße Pointe: Dublin kann sich rühmen, politisch engagiert zu sein, radikal, moralisch aufgeladen – und gleichzeitig die eigene Vergangenheit auslöschen. Es ist ein Tanz auf einem Parkett, das Herzog selbst vielleicht mit einer trockenen Bemerkung kommentiert hätte: „Wenn ich Himmler befragen konnte, dann kann Dublin wohl auch eine Kommission überstehen.“ Satire, Zynismus, Polemik – sie alle treffen hier auf die Realität einer Stadt, die ihre Geschichte neu erfindet, Parks umbenennt und Helden auslöscht, während sie glaubt, moralisch überlegen zu sein.

Die paradoxe Freiheit

Israel als arabische Erlebniszone der Demokratie

Wer behauptet, dass die arabische Welt generell ein Hort der Freiheit sei, hat entweder die Schlagzeilen der letzten Dekade auf dem Flohmarkt der historischen Wirklichkeit gekauft oder lebt in einem permanenten Zustand der politischen Blindheit. Dennoch sticht ein Staat wie ein scharfkantiger Diamant aus diesem vermeintlich monotonen Mosaik hervor: Israel. Ja, Israel, jenes Land, das in zahllosen medialen Stereotypen als „Apartheidstaat“ oder „Besatzungsmaschine“ karikiert wird, entpuppt sich bei nüchterner Analyse als eine paradoxe Bastion arabischer Freiheit. Das klingt zunächst wie eine rhetorische List, ein Scherz der Geschichte, die uns über die eigene Erwartungslinie hinausschubst. Doch bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass Araber innerhalb Israels einen politischen und sozialen Freiraum genießen, der in vielen Nachbarstaaten nicht einmal als vage Möglichkeit existiert.

In Israel besitzen arabische Bürger das volle Wahlrecht, sitzen in der Knesset, gründen Parteien, streiten über Bildung, Religion und Wirtschaftspolitik – und werden dafür nicht sofort in einem Betonblock politischer Unterdrückung eingesperrt. Die palästinensische Minderheit, die etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung ausmacht, darf Richter stellen, Lehrer ausbilden, Anwälte praktizieren und in Medien publizieren. Man könnte diese Freiheiten als selbstverständlich abtun, würde man nicht die Vielzahl von Staaten des Nahen Ostens vor Augen haben, in denen die Teilnahme am öffentlichen Leben für Araber entweder restriktiv reguliert oder faktisch unmöglich ist. Hier zeigt sich eine paradoxe Tatsache: Ein Staat, dessen Gründungskern auf der Idee der jüdischen Heimstätte basiert, erweist sich als liberaler Raum für Araber als Staaten, die explizit auf arabischer Mehrheit und ethnisch-religiöser Homogenität beruhen.

Zynische Beobachtungen einer politischen Realität

Zyniker werden einwenden, dass diese Freiheit teuer erkauft ist: durch gesellschaftliche Isolation, durch subtilen institutionellen Druck, durch die alltägliche Spannung zwischen Zugehörigkeit und Differenz. Das ist nicht falsch – Israel ist kein Paradies ohne Risse. Doch die bitteren Parallelen in anderen Staaten der Region erscheinen umso deutlicher. Während ein arabischer Staatsbürger in Saudi-Arabien, Syrien oder Ägypten die politische Bühne kaum ohne staatliche Kontrolle betritt, darf ein arabischer Staatsbürger in Israel demonstrieren, Petitionen einreichen, sich in gewählten Organen organisieren. Ironischerweise ist es die demokratische Struktur eines „jüdischen Staates“, die diese Freiheiten garantiert, während ethnisch-arabische Staaten den Anspruch auf Freiheit oft mit dem Schwert der Macht beschneiden.

Die Satire liegt in der Inkongruenz: Ein Staat, der medial regelmäßig als „besatzend“ und „exklusiv“ gebrandmarkt wird, liefert faktisch Freiheiten, die manche arabische Länder ihren eigenen Bürgern verwehren. Der Humor entsteht durch die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und politischer Realität – ein makabrer Witz, den die Weltgemeinschaft zu selten würdigt. Hier, in dieser paradoxerweise liberalen Enklave, erleben Araber Wahlrecht, Pressefreiheit und kulturelle Entfaltung. Und doch bleibt die Realität unvollständig: Diskriminierung existiert, Ungleichheiten sind real, und gesellschaftliche Spannungen sind allgegenwärtig. Aber diese Unvollkommenheit macht das Bild nicht weniger interessant, sondern nur realistischer: Freiheit in Israel ist kein idealistisches Märchen, sondern ein kompliziertes, widersprüchliches Konstrukt, das die Region in grotesker Weise spiegelt.

Freiheit unter Zynismus: Eine kritische Bilanz

Die satirische Pointe besteht darin, dass Israel, ein Staat in permanenter Existenzbedrohung, paradoxerweise ein Umfeld schafft, in dem Araber am umfassendsten von Rechten und Möglichkeiten profitieren. Es ist eine Lektion in ironischer Politikwissenschaft: Die größten Hürden für Freiheit liegen oft nicht in der pluralistischen Demokratie, sondern in der Idee der ethnisch-homogenen Herrschaft. Während die arabische Mehrheitsgesellschaft in der Region oft die politische Kontrolle als oberstes Ziel setzt, zeigt Israel, dass Minderheitenrechte und demokratische Prinzipien nicht nur möglich, sondern produktiv sind. Und so wird der „jüdische Staat“ für Araber zu einer kuriosen Insel der Freiheit, deren Existenz die Widersprüche der gesamten Region scharf beleuchtet.

Man könnte abschließend sagen: Wer Israel aus der Perspektive arabischer Freiheit betrachtet, muss lachen, muss staunen und muss erkennen, dass die politischen Paradoxien der Region tiefgründiger sind, als Schlagzeilen es je vermitteln könnten. Freiheit, so scheint es, trägt oft den Namen des Unerwarteten, und Ironie ist der Spiegel, in dem sie am deutlichsten leuchtet.

Antisemitismus – Die vergessene Verknüpfung

I. Vorspiel mit Verdrängung – Deutschland und seine linke Reinwaschung

Wenn man in Deutschland „Antisemitismus“ sagt, denken die meisten an Stahlhelme, Hakenkreuze und dumpfe Parolen aus Bierdunst. Kaum einer denkt an Parkas, Che-Guevara-Plakate und Zitate aus Herbert Marcuse. Die einen hassten Juden, weil sie „fremd“ waren; die anderen hassten Israel, weil es „zu westlich“ war. Und beide wussten nicht, dass sie einander in der Struktur des Denkens zum Verwechseln ähnlich waren.

Denn das war das große Kunststück der Nachkriegslinken: Man wollte nie Täter sein – also wurde man Befreier. Befreier der Unterdrückten, der Verdammten dieser Erde, der Namenlosen in Gaza, Algier und Hanoi. Dass man dabei irgendwann auch die Feinde Israels adoptierte, war kein Zufall, sondern eine logische Fortsetzung des deutschen Erlösungsdrangs: Wenn schon die Väter die Juden vernichtet hatten, so wollte man nun wenigstens deren Feinde lieben.

Ein Akt der Umkehr – aber ohne Umdenken.

II. Von Marx bis Mekka – Die Theoretiker der Tat

Die neue Linke, die sich in den 1960ern formierte, war ein merkwürdiges Gebilde: bürgerlich erzogen, intellektuell überfüttert, moralisch überzuckert. Ihre Helden waren Che, Mao, Ho Chi Minh – alles Männer, die in der Praxis Blutbäder anrichteten, aber in der westdeutschen Fantasie zu Ikonen der Menschlichkeit mutierten.

In diesem Klima entstand eine Erzählung, die sich bis heute hält: Der Kampf gegen Imperialismus sei auch ein Kampf gegen Israel. Nicht, weil Israel ein Feind wäre, sondern weil es „Stellvertreter des Westens“ sei. Die Linke erfand sich selbst als dritte Welt in der Ersten Welt.

Das war kein Widerspruch – das war Ideologie mit Selbstbedienung.

Während in Vietnam Napalm fiel, fiel in Berlin der Groschen: Wer die USA hasste, musste Israel misstrauen. Wer den Kapitalismus bekämpfte, musste die Juden misstrauisch beäugen. Und wer die Welt retten wollte, musste irgendwo anfangen – am besten bei den Falschen.

III. Kommune, Kommune, Revolution – die Frühphase des Irrsinns

Die Kommune I war nicht nur ein Wohnexperiment, sondern eine politische Versuchsanordnung: Sexuelle Befreiung plus marxistische Dogmatik, LSD plus Lenin. Dieter Kunzelmann, Rainer Langhans, Fritz Teufel – Kinder der Bourgeoisie, die sich für Guerilleros hielten.

Kunzelmann, der sich später in Jordanien von der Fatah im Bombenwerfen unterrichten ließ, wird gern als exzentrischer Spaßmacher abgetan. Doch seine Witze hatten Zünder. 1969 legten seine „Tupamaros West-Berlin“ eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße – auf den Jahrestag der Reichspogrome. Der Sprengsatz explodierte nicht. Der Zufall verhinderte, dass deutsche Linke 24 Jahre nach Auschwitz wieder Juden in Berlin ermordeten.

Das Ziel war kein Zufall. Es war Symbolik: Das Opfer sollte wieder Täter werden – und der Täter Befreier.

IV. Die Flugzeuge des Fortschritts – Internationale Solidarität mit Kalaschnikow

Aus den Tupamaros wurde die Bewegung 2. Juni, aus der Kommune die Rote-Armee-Fraktion. Und aus den Theoriekreisen der Universitäten wurden Operationsräume der Gewalt.

Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Holger Meins – alle suchten den revolutionären Adrenalinschub. Sie fanden ihn nicht in den Arbeitervierteln von Wuppertal, sondern in den Trainingscamps der PLO und der PFLP im Nahen Osten.

In Jordanien und im Libanon lernten sie, was Solidarität mit den Unterdrückten bedeutet: den Lauf der Waffe festzuhalten. Die PFLP – die Volksfront zur Befreiung Palästinas – nahm sie auf wie verlorene Kinder der Revolution. Dort lernten sie den internationalen Stil der Gewalt. Und dort entstand die bizarre Allianz aus linken Deutschen und arabischen Nationalisten, vereint im Hass auf Israel.

1972: München. Olympia. Schwarzer September.

Elf israelische Sportler werden ermordet. Der deutsche Staat versagt kläglich. Die Täter fliehen. Israel weint – Deutschland zuckt.

Die RAF schweigt. Keine Solidarität mit den Opfern, nur Schweigen, Achselzucken, Verständnis. „Das sei ja auch ein politischer Akt.“ In Wahrheit war es ein Wiederholungsakt.

V. Entebbe, Mogadischu, Beirut – Deutschland reist mit

Die 1970er Jahre wurden ein makabrer Reiseführer der Kooperation zwischen deutschen Linksterroristen und arabischen Antizionisten.

1976: Entführung der Air France nach Entebbe.

Zwei deutsche Mitglieder der Revolutionären Zellen, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, helfen palästinensischen Terroristen, eine Passagiermaschine zu kapern. Im ugandischen Entebbe sortieren sie die Geiseln: Juden nach rechts, Nichtjuden nach links. Dreißig Jahre nach dem Holocaust wiederholen Deutsche die Selektion – diesmal im Namen der Befreiung.

Böse soll einer Geisel gesagt haben: „Ich bin kein Nazi.“

Vielleicht hat er das wirklich geglaubt. Vielleicht glaubte er, die Uniform aus Idealen sei reiner als die aus Wolle. Aber die Geisel hatte recht, als sie erwiderte: „Dann benehmen Sie sich nicht wie einer.“

1977: Der Deutsche Herbst.

Die RAF entführt Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, während palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine Landshut kapern. Ziel: Freilassung der RAF-Mitglieder.

Die GSG9 stürmt in Mogadischu das Flugzeug, Schleyer wird ermordet.

Deutsche, die mit Palästinensern kooperieren, um andere Deutsche zu töten, um gegen den Kapitalismus zu kämpfen – das ist kein Thriller, das ist ein nationales Psychogramm.

Und in Beirut, Damaskus, Tripolis finden sich Untergrundverstecke, in denen deutsche Linksterroristen von palästinensischen Gruppen versorgt werden. Die Solidarität mit Palästina wird zur globalen Blutspendeaktion der Revolution.

VI. Die RAF als Wiedergänger der Geschichte

Die RAF verstand sich als antifaschistisch. Doch in ihrer Struktur war sie das perfekte Spiegelbild des Faschismus: autoritär, hierarchisch, doktrinär, mit einem Erlösungsanspruch, der nur durch Gewalt eingelöst werden konnte.

Die RAF war die SS mit Seminarabschluss.

Ihre geistige Rechtfertigung – die „Befreiung der Unterdrückten“ – war nur der moralische Tarnanstrich für denselben alten Drang, Weltgeschichte zu spielen. Und Israel bot das ideale Ziel: klein, wehrhaft, jüdisch.

Die RAF war nie antiimperialistisch. Sie war antijüdisch – aber modern formuliert.

VII. Die Nachbeben: Von den 80ern bis zur akademischen Ausrede

In den 1980ern ebbte der Terror ab, aber die Ideologie blieb. Viele Ex-Mitglieder tauchten in der Kulturszene auf, in Redaktionen, Universitäten, Verlagen. Dort schrieben sie über Frieden, Gerechtigkeit, Weltethik. Niemand fragte, wie man vom Sprengstoff zur Seminararbeit kommt, ohne Spuren im Gewissen zu hinterlassen.

Die Nachgeborenen übernahmen die Argumente, nicht die Waffen. Sie tauschten Sprengsätze gegen Diskurse, Kalaschnikows gegen Konferenzen, Sprüche gegen Tweets. Der Hass blieb, nur die Ausdrucksweise änderte sich.

Die „Israelkritik“ wurde zur Ersatzreligion derjenigen, die sich moralisch über Wasser halten wollen. Man spricht von „Menschenrechten“, wenn man Israels Selbstverteidigung meint. Man spricht von „Genozid“, wenn man sich an der eigenen Sprachmacht berauscht.

VIII. Die Gegenwart – Moral mit Mordvergangenheit

Heute marschieren junge Menschen mit Palästina-Fahnen über deutsche Straßen und skandieren Slogans, die sie auf TikTok gelernt haben. Sie wissen nichts über Entebbe, nichts über München, nichts über Beirut – und doch tragen sie deren Parolen im Mund.

„From the river to the sea“ – das klingt so schön rhythmisch, so poetisch, so harmlos. Es heißt: von Jordan bis Mittelmeer, kein Platz für Israel. Ein Slogan für die Vernichtung, vorgetragen mit moralischem Tremolo.

Universitätsdozenten unterschreiben Petitionen gegen israelische Gegenwehr. Künstler fordern Boykotte. Intellektuelle relativieren den Terror, solange er „antikolonial“ firmiert. Die Nachfahren der 68er haben gelernt, dass man das Richtige fühlen kann, während man das Falsche sagt.

IX. Fazit: Der Kreis schließt sich – und niemand merkt es

Der Antisemitismus der Rechten ist offen, dumpf, brutal.

Der Antisemitismus der Linken ist feige, elegant, begrifflich.

Er hasst nicht Juden, er hasst das, was Juden symbolisieren: Individualität, Erfolg, Widerstandsfähigkeit.

Er nennt es Kapitalismus, Zionismus, Besatzung – aber er meint immer dasselbe.

Und so stehen wir wieder da, mitten im 21. Jahrhundert, im Land der Erinnerungskultur, und erleben, wie in Berlin jüdische Schüler von Mitschülern gemobbt werden, wie Demonstrationen für Israel unter Polizeischutz stehen müssen, wie der Satz „Ich bin Jude“ wieder eine Warnung voraussetzt.

Der rechte Antisemit brüllt, der linke argumentiert.

Aber am Ende zielen beide.

Und Deutschland?

Deutschland analysiert.

X. Epilog – Wenn das Schweigen wieder modern wird

Vielleicht ist das die größte Ironie: Dass ausgerechnet jene, die einst „Nie wieder Deutschland“ riefen, den neuen alten Hass wieder salonfähig machen.

Nicht, weil sie ihn wollen, sondern weil sie ihn nicht sehen können.

Es ist wie damals bei den Eltern, nur mit anderen Parolen.

Diesmal trägt der Hass keine Stiefel, sondern Sandalen.

Und man könnte fast lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Denn wer nicht erkennt, dass linker Antisemitismus die moralische Tarnkappe des alten ist,

der hat aus der Geschichte nichts gelernt – sondern sie nur anders dekoriert.

Vielleicht, nur vielleicht, wird man in fünfzig Jahren sagen:

„Es war der Herbst, in dem man den linken Antisemitismus endlich wieder sah – aber schon wieder nicht erkennen wollte.“

Hundert Jahre Endlosschleife: Krieg, Niederlage, Opfermythos

I. Prolog: Die endlose Reprise

Man möchte glauben, Geschichte sei linear, dass ein Ereignis logisch auf das vorherige folgt, dass Ursachen und Wirkungen klar erkennbar sind, dass man aus ihr lernen könnte, und dann stößt man auf den Nahen Osten, auf Israel, auf Palästina, auf hundert Jahre Zyklen, die sich wiederholen, in denen Israel angegriffen wird, Israel sich verteidigt, Israel gewinnt, die Angreifer verlieren, und dennoch triumphiert die Ideologie der Selbstzerstörung, in der Niederlagen gefeiert, Opfermythen erfunden und Moral verdreht werden, während die Welt, die glaubt, neutral zu beobachten, in Wirklichkeit nur applaudiert, weil Pathos befriedigt, und man beginnt zu verstehen, dass hier nicht Geschichte geschrieben wird, sondern eine Tragikomödie, in der das Drama sich selbst genüsslich wiederholt, wie ein Theaterstück, das seine eigene Pointe kennt, bevor die Zuschauer es verstehen.

Es ist fast, als hätte die Zeit einen schlechten Geschmack, als sei der Zyklus programmiert, um endlos dasselbe Szenario abzuspielen: Angriff, Verteidigung, Sieg, Verlust, moralische Verdrehung. Und dennoch – vielleicht gerade deswegen – existiert Israel immer noch, wie ein Fels in einem Sturm von wiederholten Ideologien, Niederlagen und Illusionen, der nicht nachgibt, weil Überleben eine Pflicht ist, nicht nur ein Instinkt.

II. Amin al-Husseini: Prophet der Unvernunft

Amin al-Husseini, der Großmufti, erkannte früh, dass Kompromiss gefährlich, Frieden ein Verrat, Realität eine lästige Formalität ist, und er entwickelte eine Schule, die nicht an menschlichen Errungenschaften, an Kultur oder Lebensschutz interessiert war, sondern an der Fähigkeit, Konflikte zu beginnen, zu verlieren und Niederlagen als moralische Triumphe zu inszenieren.

Man kann sich vorstellen, wie kleine Schüler in seinen Versammlungen saßen, ehrfürchtig, lernend, dass jede Kooperation ein Verbrechen sei, jede Anerkennung einer anderen Existenz ein Verrat, dass man nicht überleben, sondern scheitern müsse, und aus dem Scheitern eine Erzählung spinnen, die die Welt täuscht. Die Generationen nach ihm perfektionierten dieses Ritual: eine Kunstform, in der Niederlagen und Selbstzerstörung zur zentralen Leitlinie werden, moralische Verantwortung vertauscht und Opfermythen institutionalisiert.

Anmerkung am Rande: Es ist beinahe ironisch, dass diese „Lehre“ über Überzeugung und Starrsinn die einzige Konstante war, während Länder, Armeen, internationale Institutionen kamen und gingen, Pläne schmiedeten, Waffen lieferten und Verträge unterzeichneten – und doch blieb der Kern derselbe: Kompromissverweigerung als Lebensprinzip.

III. 1936–1948: Revolte, Bürgerkrieg, Unabhängigkeit

Die Arabische Revolte von 1936 war ein Lehrstück der Selbstzerstörung: Massaker an jüdischer Bevölkerung, Angriffe auf Briten, Chaos, Niederlagen, alles stilisiert als heroischer Widerstand. Historiker können hier nur staunen: die Konsequenz, mit der eine Bewegung ihr eigenes Scheitern inszenierte, ist bemerkenswert – wenn auch tragisch.

1947 und 1948 wiederholt sich das Muster: Bürgerkrieg, Terrorkampagnen, das Ziel, die Gründung Israels zu verhindern, und die Hagana reagiert mit dem, was man nur als militärisches Genie bezeichnen kann, strategische Präzision aus der Not geboren. Sechs arabische Armeen marschieren ein – eine nach der anderen wird besiegt. Die Niederlage wird inszeniert, die Flucht mythisiert, und die moralische Pointe bleibt unverändert: wer Vernichtung beginnt, verliert, immer wieder, und stilisiert Niederlagen zu Mythen.

Mini-Anekdote: Ein alter britischer Offizier, der diese Jahre dokumentierte, notierte trocken in sein Tagebuch: „Es ist erstaunlich, wie viele Male dieselbe Niederlage gefeiert werden kann.“ Ironie der Geschichte: Er hätte es nicht sarkastischer formulieren können.

IV. 1950er–1970er: Das Ritual der Eskalation

Fedayeen-Angriffe, Sechstagekrieg, Jom-Kippur-Krieg – derselbe Zyklus: Israel wird überfallen, Israel verteidigt sich, Israel siegt. Die Angreifer verlieren, stilisieren ihr Scheitern als heroischen Widerstand, moralischen Triumph, Gerechtigkeit gegen einen Aggressor, während die Welt applaudiert und nickt, weil Pathos befriedigt.

Die Ideologie des Scheiterns wird hier fast zu einer Kunstform: Niederlagen werden zur Grundlage neuer Gewalt, Opfermythen institutionalisiert, moralische Verantwortung verdreht. Israel, gezwungen, zu überleben, entwickelt Strategie, Moral, Präzision – der Kontrast könnte kaum deutlicher sein.

Poetischer Einschub: Man könnte sagen, dass jeder Krieg wie ein Spiegel ist, in dem die Täter ihre eigenen Illusionen sehen, und die Opfer das unzerstörbare Licht der Realität, das sich durch jede Eskalation drängt.

V. Nach Oslo: Frieden sabotiert, Selbstzerstörung institutionalisiert

Der Oslo-Prozess: eine historische Chance, die größte seit der Staatsgründung. Und doch: die zweite Intifada, Terrorismus gegen Zivilisten, die sofortige Übernahme Gazas durch die Hamas, Raketen, Gewalt, die sofortige Eskalation. Jede Chance auf Frieden wird als Verrat gesehen, jede Verteidigung als Aggression interpretiert, und der Zyklus wiederholt sich wie ein musikalisches Thema, dessen Fuge niemals endet, während die Welt nur die Reprise hört, applaudiert, nickt, die Ursachen ignoriert.

Nebenbemerkung: Wer glaubt, dass Politik hier eine rationale Wissenschaft sei, hat die Poesie der Zerstörung nicht verstanden.

VI. 2008–2014: Gaza – die antike Tragödie der Moderne

Raketen, Operationen, Gegenmaßnahmen: jede Eskalation wiederholt die vorherige, jede Reaktion Israels wird kritisiert, Ursachen ignoriert, Opfermythos gefeiert. Tragödie ritualisiert, moralische Verantwortung verdreht, Täter als Opfer, Verteidigte als Aggressoren. Die Realität wird zu einer Geschichte, die das Bewusstsein überlistet, den Zyklus wie ein Naturgesetz erscheinen lässt.

Mini-Anekdote: Ein Soldat erinnert sich Jahre später: „Manchmal fragte ich mich, ob wir nicht einfach nur Teil eines Theaterstücks sind, dessen Autoren lange tot sind, und wir spielen die Szenen nach, weil niemand die Regie übernommen hat.“

VII. 7. Oktober 2023: Das dunkle Finale

Am 7. Oktober 2023 geschah der bislang brutalste Angriff: Hamas-Angriffe auf israelische Zivilisten, hunderte Tote, Entführungen, Schrecken, methodisch geplant, präzise durchgeführt. Die Region geriet erneut in Brand – von Gaza über Libanon bis Syrien, Irak, Jemen. Israel reagierte militärisch, nicht aus Rache, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. Zwei Jahre harter Kampf führten zur Zerschlagung der Angreifer.

Poetischer Einschub: Der Zyklus der Gewalt, der sich über ein Jahrhundert erstreckt, kulminierte an diesem Tag in einer grotesken Symphonie aus Tod, Schrecken und Überlebenswillen, die jeden Betrachter zwingt, die Lektion zu verstehen: Wer Vernichtung plant, verliert, und wer überlebt, verteidigt nicht nur Land, sondern Moral, Existenz und Zukunft.

VIII. Täter als Opfer: Die moralische Verdrehung als Ideologie

Dürrenmatt: „Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen.“ Heute heißt das: Antizionist statt Antisemit, Aggression als Verständnis, Täter als Opfer, Verteidigung als Aggression. Hundert Jahre derselbe Zyklus, moralisch verdreht, historisch verschoben, Selbstzerstörung als Ideologie, Niederlagen als Pathos, Opfermythos als Rechtfertigung für weitere Gewalt.

Rhetorische Schleife: Und die Welt schaut zu, nickt, applaudiert, weil Pathos befriedigt, während Geschichte, Moral und Realität durch den Strudel von Lügen, Illusionen und Wiederholungen gezogen werden – ein Strudel, aus dem nur Überleben herausführt.

IX. Epilog: Überleben ist Pflicht, Verteidigung ist Recht

Hundert Jahre Krieg, hundert Jahre Niederlagen, hundert Jahre Eskalation – und Israel existiert. Nicht weil es Machtspiele gewann, sondern weil Überleben zur moralischen Pflicht wurde; wer hundert Jahre Vernichtung beginnt und immer verliert, ist Täter; wer verteidigt und überlebt, ist moralischer Zeuge. Das 7. Oktober 2023 erinnert an die Schmalheit des Gratwegs zwischen Zivilisation und Anarchie, an die Brutalität ideologischer Wiederholung, die Notwendigkeit von Selbstverteidigung. Hundert Jahre Lehren, ein neues Trauma, und doch: Wer Frieden will, muss ihn verteidigen, wer Krieg beginnt, wird ihn verlieren. Geschichte, Moral, Strategie, menschliche Tragik – ein dichter Strudel, in dem Verteidigung kein Verbrechen, Überleben kein Zufall, Frieden aber nur möglich ist, wenn man bereit ist, ihn zu verteidigen.

Die Quadratur des Halbmonds

Ein polygamer Pilger im Tempel der europäischen Werte

Man stelle sich den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vor wie eine Kathedrale aus Glas und Paragrafen, in der die Gläubigen der Moderne täglich das Evangelium der universalen Gleichheit rezitieren. In dieser ehrwürdigen Hallenkonstruktion tritt nun Khaled Saleh Mohammed Al-Anesi auf, ein Mann, dessen Familienstruktur an genealogische Gesamtkunstwerke aus 1001 Nacht erinnert – und der nichts Geringeres verlangt, als dass Europa, dieses alte und nervöse Gebilde aus Prinzipien, Bürokratien und schlechten Gewissen, sich in den Spiegel seiner eigenen Menschenrechte blickt und dabei nicht vor Schreck in die eigene Toga beißt.

Al-Anesi, der jemenitische Flüchtling mit einer ersten, zweiten und dritten Ehefrau, brachte zunächst Frau Nummer Eins und die dazugehörige Kinderschar – immerhin acht Seelen – in die Niederlande. Man kann es den Behörden kaum verdenken, dass sie beim Anblick dieser Familienbilanz tief durchatmeten und still den Etat für Integrationskurse überprüften. Doch Al-Anesi zeigte sich als Mann von Prinzipien: Die anderen beiden Ehefrauen ließ er im Exil, schließlich ist Polygamie im Königreich der Käsebauern und Calvinisten ein moralisches Sakrileg. Er wollte kein Gesetz brechen, nur ein wenig Gerechtigkeit.

Und so beantragte er – fast naiv in seiner Logik – den Nachzug der fünf Kinder aus Ehe zwei und drei. Kinder, wohlgemerkt, keine neuen Gattinnen, kein Haremszug, kein Umzug der orientalischen Hofhaltung. Nur Kinder, die – wie er argumentiert – schließlich auch Teil seines Familienlebens seien. Die niederländische Behörde aber, ungerührt vom Pathos der Vaterliebe, winkte ab: Die Kinder lebten sicher in der Türkei, bei ihren Müttern, geschützt und wohlgenährt unter dem Schirm des Flüchtlingsstatus. Es bestehe keine „Notwendigkeit“, sie ins Land zu holen.

In den dürren Sätzen der Verwaltungslogik klingt das wie: „Sie haben schon genug Familie hier. Machen Sie mal halblang.“

Die Moral als Verwaltungsakt

Doch damit war die Sache natürlich nicht erledigt. Kein moderner Konflikt endet heute in einer Akte, sondern vor einem Gerichtshof. Der Fall wanderte – wie alle Dinge, die zu kompliziert, zu heikel oder zu menschlich sind – nach Straßburg, wo der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sich nun an der Gretchenfrage der Multikulturalität abarbeitet:

Muss ein Staat, der Polygamie verbietet, dennoch das Resultat einer polygamen Verbindung anerkennen, wenn es in Gestalt unschuldiger Kinder anklopft?

Die juristische Eleganz dieses Dilemmas ist beispiellos. Denn streng genommen geht es gar nicht um Polygamie – oh nein, das wäre zu einfach! –, sondern um die „Achtung des Familienlebens“ nach Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Kinder, so der Antragsteller, haben ein Recht auf Zusammenleben mit ihrem Vater. Und wer könnte da widersprechen, ohne sofort als herzloser Bürokrat mit Betonherz gebrandmarkt zu werden?

Doch gleichzeitig sitzt im Gerichtssaal das Prinzip der westlichen Monogamie wie ein nervöser Zeuge der Zivilisation auf der Anklagebank. Denn wenn die Kinder kommen dürfen, dann ist das Eheverbot nur noch ein Buchstabengebilde – ein moralischer Zaun mit offenem Tor. Heute die Kinder, morgen die Mütter, übermorgen die kulturelle Relativierung des gesamten Familienrechts.

Man kann die Sorge der Niederländer also verstehen: Das Recht auf Familienleben ist ein Menschenrecht, aber auch ein Minenfeld.

Europa, das moralisch gespaltene Imperium

Europa ist, wenn man ehrlich ist, schon seit Jahren auf der Suche nach seiner eigenen Identität zwischen Aufklärung und schlechtem Gewissen. Auf der einen Seite steht die pathetische Rhetorik der universellen Rechte: Jeder Mensch ist gleich, jede Kultur verdient Respekt, jede Lebensform ihren Schutz. Auf der anderen Seite aber steht der neurotische Reflex, die eigenen Werte zu verteidigen – Demokratie, Säkularität, Frauenrechte – vor jenen, die sie mit einer anderen Weltsicht betrachten.

Der Fall Al-Anesi ist deshalb kein Rechtsstreit, sondern ein psychologischer Spiegel. Er zeigt das tiefe Unbehagen eines Kontinents, der gleichzeitig tolerant und moralisch überfordert ist. Der Westen will gerecht sein, aber bitte mit klaren Grenzen; er will humanistisch wirken, aber nicht zu sehr; er will Familien schützen, aber nur solche mit genealogisch überschaubarem Stammbaum.

Und so schraubt sich der Fall zu einer Groteske hoch: Die niederländische Behörde bot Al-Anesi sogar an, sich von seinen anderen beiden Frauen scheiden zu lassen – als bürokratische Erlösungstat, als sakramentales Ritual der Integration. Dann, so hieß es sinngemäß, könnten seine Kinder vielleicht kommen. Man kann sich die Szene vorstellen: Ein Mann zwischen drei Frauen, ein Richter mit Formular, ein Staat, der Eheberatung als Integrationsinstrument entdeckt.

Europa – das war einmal die Wiege des Humanismus. Heute ist es ein Beichtstuhl der Kompromisse.

Das Paradox der Prinzipien

Man muss kein Zyniker sein, um zu erkennen: Der EGMR steht hier vor einer Entscheidung, die weniger mit Juristerei als mit politischer Philosophie zu tun hat. Wenn er zugunsten Al-Anesis entscheidet, dann öffnet er eine Tür – vielleicht keine große, aber doch eine symbolische –, durch die andere treten werden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik. Denn das Recht, einmal gewährt, lässt sich nicht kulturell dosieren.

Doch wenn der Gerichtshof gegen ihn entscheidet, dann bleibt die Moralfrage im Raum: Kann Europa ernsthaft von universellen Menschenrechten sprechen, wenn es bestimmte Familienformen – wie fremd oder fremdelnd sie auch sein mögen – kategorisch ausschließt?

So oder so: Das Urteil wird als moralisches Bekenntnis gelesen werden, nicht als juristisches. Und Europa wird sich wieder in zwei Lager teilen – jene, die sagen, man müsse das Herz über das Gesetz stellen, und jene, die das Gesetz als Schutz vor der Auflösung des Herzens begreifen.

Schluss: Die Ironie der Aufklärung

Vielleicht liegt die tiefste Ironie des Falls darin, dass er überhaupt existiert. Denn er zeigt, wie weit die Idee der Menschenrechte gediehen ist – und wie dünn das Eis unter ihr geworden ist. Einst war das Recht auf Familienleben eine humane Reaktion auf Krieg und Trennung, auf Deportation und Unrecht. Heute ist es ein semantischer Kampfbegriff, der Staaten zu moralischen Selbstgesprächen zwingt.

Khaled Saleh Mohammed Al-Anesi, dieser moderne Hiob des Asylrechts, ist nicht der Bösewicht der Geschichte. Er ist ihr Symptom. Er stellt nur die Frage, die Europa nicht hören will: Wie universell sind eure universellen Werte wirklich?

Und so warten wir auf das Urteil von 2026. In der Zwischenzeit wird der EGMR seine Akten stapeln, die Kommentatoren werden sich in moralischer Dialektik üben, und irgendwo in Den Haag sitzt ein Beamter, der heimlich hofft, dass die Kinder in der Türkei bleiben – aus rein administrativen Gründen, versteht sich.

Am Ende aber wird Europa, wie immer, einen Kompromiss finden: einen juristisch präzisen, moralisch verwaschenen, menschlich halb befriedigenden Satz in der Sprache der Zivilisation.
Und dieser Satz wird, mit der sanften Eleganz des Bürokratendeutschs, in etwa lauten:
„Das Recht auf Familienleben gilt – sofern es nicht gegen das öffentliche Interesse verstößt.“