Bemerkungen über ein schillerndes Wort

„Islamophilie“ – schon das Wort klingt wie ein medizinischer Befund zwischen Allergie und Tropenkrankheit, als handele es sich um eine auffällige Neigung, die man wahlweise therapieren oder stolz vor sich hertragen könnte. Und doch bezeichnet es weniger eine Liebe zum Islam als vielmehr ein spezifisches westliches Bedürfnis: das Bedürfnis, im Spiegel des Anderen moralisch besser auszusehen. Die postreligiöse Gesellschaft, die ihre Kathedralen in Museen verwandelt und ihre Dogmen in TED-Talks sublimiert hat, entdeckt plötzlich eine Leidenschaft für religiöse Inbrunst – sofern sie nicht die eigene ist. Das ist kein Kompliment an den Islam, sondern eine aufschlussreiche Selbstdiagnose des Westens.

Man könnte sagen: Je leerer die Kirchenbänke, desto voller die Seminarräume für „interkulturelle Sensibilität“. Je weniger metaphysischer Ernst im eigenen Leben, desto größer die Ehrfurcht vor dem metaphysischen Ernst der anderen. Das wirkt bisweilen wie eine Mischung aus schlechtem Gewissen, exotischer Faszination und moralischer Selbstoptimierung. Der postreligiöse Mensch, der an nichts mehr so recht glaubt, glaubt zumindest noch an seine eigene Toleranz – und diese Toleranz braucht Objekte, an denen sie sich demonstrieren kann.

Die Sehnsucht nach dem Ernst des Glaubens

Es gehört zu den paradoxesten Zügen der spätmodernen Gesellschaft, dass sie Religion zugleich für überholt erklärt und doch unablässig über sie spricht. Man hat den eigenen Glauben in die Privatsphäre verbannt, ihn psychologisiert, relativiert und historisiert – nur um dann mit einer Mischung aus Staunen und Beklommenheit auf jene zu blicken, die Religion noch existenziell meinen. Diese Faszination ist nicht unbedingt Zustimmung; sie ist eher die ehrfürchtige Verlegenheit des Ironikers gegenüber dem Ernsthaften.

In einer Welt, in der alles diskursiv verhandelbar scheint, übt ein Glaube, der nicht ständig um seine Legitimität bittet, eine eigentümliche Anziehung aus. Der Islam – als lebendige, global sichtbare Religion – erscheint dabei manchen als Inbegriff eines solchen Ernstes: mit festen Gebetszeiten, klaren Normen, gemeinschaftlicher Praxis. Für eine Gesellschaft, die zwischen Achtsamkeits-App und Sinnsuche im Biomarkt pendelt, wirkt das beinahe wie ein anthropologischer Fremdkörper – und gerade deshalb faszinierend.

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Doch diese Faszination ist selten theologisch informiert. Sie ist eher eine Projektionsfläche. Der Islam wird zur Chiffre für Authentizität, Gemeinschaft, Transzendenz – kurz: für all das, was man selbst verloren zu haben glaubt. Dass die Realität muslimischer Lebenswelten so vielfältig ist wie die christlicher oder säkularer, wird dabei gern übersehen. Die „Islamophilie“ liebt oft ein Idealbild, nicht die komplexe Wirklichkeit.

Moralische Selbstvergewisserung als Lebensform

Die postreligiöse Gesellschaft ist nicht religionslos, sondern sie hat ihre Religion gewechselt. Ihre Dogmen heißen Diversität, Inklusion, Sensibilität. Ihre Liturgie besteht aus Leitfäden, Hashtags und öffentlichen Bekenntnissen zur richtigen Haltung. Und wie jede Religion braucht auch diese eine Figur des potenziell Verletzten, dessen Schutz moralische Verdienste verspricht.

In diesem Kontext erscheint die demonstrative Wertschätzung des Islams mitunter weniger als Ausdruck theologischer Neugier denn als rituelle Selbstvergewisserung. Wer sich lautstark gegen „Islamophobie“ positioniert – ein real existierendes Problem, das ernst genommen werden muss – demonstriert zugleich seine Zugehörigkeit zum Kreis der moralisch Aufgeklärten. Das Problem beginnt dort, wo aus berechtigter Kritik an Diskriminierung eine Immunisierung gegen jede inhaltliche Auseinandersetzung wird.

Denn es ist ein Unterschied, ob man Menschen vor Vorurteilen schützt – was selbstverständlich geboten ist – oder ob man religiöse Lehren von jeder kritischen Analyse ausnimmt. Eine Gesellschaft, die ihre eigene Tradition unermüdlich dekonstruiert, aber bei anderen Traditionen plötzlich in ehrfürchtiges Schweigen verfällt, verrät weniger Respekt als Unsicherheit. Sie traut sich selbst keine Maßstäbe mehr zu und tarnt diese Maßstabslosigkeit als Toleranz.

Der Exotismus der Entzauberten

Es gibt eine subtile Form des Exotismus, die nicht mehr mit Tropenhelm und Kolonialromantik auftritt, sondern mit Diversity-Workshop und Feuilleton-Feinsinn. Der Andere wird nicht mehr herablassend betrachtet, sondern ehrfürchtig überhöht. Doch auch Überhöhung ist eine Form der Entwirklichung. Wer den Islam – oder irgendeine Religion – ausschließlich als Opfer westlicher Ignoranz oder als Hort spiritueller Authentizität betrachtet, verweigert ihm die Normalität.

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Normalität hieße: Widersprüche, Debatten, Reformbewegungen, konservative und liberale Strömungen, Machtfragen, soziale Konflikte. Kurz: alles, was man auch in der eigenen Geschichte kennt. Die Islamophilie mancher westlicher Milieus jedoch tendiert dazu, den Islam entweder zu idealisieren oder zu sakralisieren – und ihn damit aus dem Bereich des Diskutierbaren herauszuheben. Das ist, bei aller guten Absicht, eine subtile Form der Infantilisierung: Man traut dem Anderen keine eigenständige Auseinandersetzung auf Augenhöhe zu.

Ironischerweise ähnelt diese Haltung strukturell jener, die sie zu bekämpfen vorgibt. Wo früher pauschal verurteilt wurde, wird nun pauschal verteidigt. Beide Haltungen eint die Bequemlichkeit des Schwarz-Weiß-Denkens. Nur die Vorzeichen haben sich geändert.

Die Angst vor der eigenen Leere

Vielleicht liegt dem Phänomen eine tiefere Angst zugrunde: die Angst vor der eigenen kulturellen Leere. Eine Gesellschaft, die ihre religiösen Narrative dekonstruiert, ihre Traditionen relativiert und ihre Symbole ironisiert hat, steht irgendwann vor der Frage, was sie eigentlich noch verbindlich zusammenhält. In diesem Moment wirkt jede stabile religiöse Praxis wie ein Kontrastmittel, das die eigene Konturlosigkeit sichtbar macht.

Statt diese Leere produktiv zu reflektieren, flüchtet man sich mitunter in eine Art moralischen Stellvertreterglauben. Man verteidigt die Religiosität der anderen mit einer Inbrunst, die man für die eigene nie aufgebracht hätte. Man kämpft für das Recht auf religiöse Identität, während man die eigene Identität am liebsten als fluide und unverbindlich beschreibt. Das ist kein Zeichen von Großzügigkeit, sondern von Unentschlossenheit.

Der Zyniker könnte sagen: Der postreligiöse Westen liebt den Islam, solange er ihn nicht ernst nehmen muss – nicht als theologische Herausforderung, nicht als ethischen Gesprächspartner, nicht als politisch wirksame Kraft. Solange er als Symbol taugt, als moralische Projektionsfläche, ist er willkommen. Wird er konkret, komplex, widersprüchlich, wird es ungemütlich.

Plädoyer für eine nüchterne Augenhöhe

Eine reife Gesellschaft sollte weder in Phobie noch in Philie verfallen. Sie sollte in der Lage sein, Menschen unabhängig von ihrer Religion mit Respekt zu behandeln und zugleich religiöse Ideen kritisch zu diskutieren. Das gilt für das Christentum, das Judentum, den Islam und jede andere Weltanschauung. Kritik an Lehren ist nicht gleichbedeutend mit Feindseligkeit gegenüber Gläubigen; umgekehrt ist Solidarität mit Gläubigen kein Freibrief zur intellektuellen Schonung ihrer Traditionen.

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Die wahre Herausforderung besteht darin, den Islam – wie jede Religion – weder zu dämonisieren noch zu romantisieren. Beides ist Ausdruck eines Mangels an Selbstbewusstsein. Eine selbstbewusste, postreligiöse Gesellschaft könnte sagen: Wir haben unsere Gründe für unsere Säkularität, und wir respektieren eure Gründe für eure Religiosität. Lasst uns streiten, argumentieren, voneinander lernen – ohne moralische Panik und ohne sentimentale Verklärung.

Vielleicht wäre das die eigentliche Pointe: Nicht die „Islamophilie“ ist interessant, sondern das, was sie über den Westen verrät. Sie ist weniger ein Liebesbekenntnis zum Islam als ein Symptom westlicher Selbstsuche. Und wie bei allen Symptomen lohnt es sich, nicht nur das Fieber zu messen, sondern die Ursache zu verstehen – mit Ernst, mit Ironie und, wenn möglich, mit einem Lächeln über die eigenen Widersprüche.

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