Barbarossa ?

Man muss der europäischen Außenpolitik zugutehalten, dass sie stets bemüht ist, moralische Leuchttürme in eine Welt zu rammen, die ihrem eigenen Licht kaum mehr traut. Doch manchmal blitzt zwischen all den diplomatischen Wendungen, zwischen den endlosen Abkürzungen und hochdotierten Apparatschiks ein Moment auf, der von so majestätischer Absurdität ist, dass die Geschichte selbst innehält, den Federkiel kurz beiseitelegt und raunt: „Wirklich jetzt?“ Ein solcher Moment ereignete sich, als die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in einer Pressekonferenz erklärte, in den vergangenen hundert Jahren habe kein Land Russland angegriffen, Russland hingegen 19 Länder.

Ein Satz, der mit der Selbstgewissheit eines lateinischen Leitspruchs vorgetragen wurde und doch die logische Eleganz eines auf halber Strecke abgebrochenen Sudoku aufweist. Ein Satz, der nicht nur Historikerinnen in Schockstarre versetzte, sondern auch die Kolumnisten, die nun vor der Aufgabe stehen, die Wirklichkeit irgendwie mit diesem politischen Haiku in Einklang zu bringen. Denn nimmt man ihn ernst – und Satire beginnt bekanntlich dort, wo der Ernst aufhört – dann stellt sich die Frage: Wurde Nazi-Deutschland etwa von Russland überfallen?
Das wäre, vorsichtig formuliert, eine überraschende Neubewertung der historischen Landschaft.

Das Gedächtnis als Gefahrenzone

Man könnte nun argumentieren, Kallas habe sich schlicht missverständlich ausgedrückt. Vielleicht hat sie die Zeitachse verwechselt, vielleicht die Geografie, vielleicht die Weltgeschichte. Vielleicht wollte sie auch nur die zarten, filigranen Porzellanseelen der europäischen Öffentlichkeit vor der Tatsache bewahren, dass auch westliche Großmächte gelegentlich mit der Neigung zu geopolitischer Muskulatur ausgestattet sind. Doch wer solche Erklärungsversuche wagt, macht sich zum Kurator eines historischen Wachsfigurenkabinetts, in dem die Figuren schmelzen, sobald man die Klimaanlage abschaltet.

Die Geschichtsschreibung ist schließlich kein Wunschkonzert, bei dem man sich das Unangenehme einfach wegdezimiert. Es ist vielmehr eine komplexe, manchmal verstörende, immer wieder widersprüchliche Sammlung menschlichen Handelns – inklusive der dunklen Abgründe, der strategischen Wahnsinnsakte und der banalen Fehlkalkulationen. Wer also behauptet, niemand habe Russland in den letzten hundert Jahren angegriffen, legt nicht nur die Axt an den Stamm historischer Redlichkeit, sondern ersetzt sie gleich mit einem aufblasbaren Kunststoffbaum aus dem Gartencenter der politischen Narrativpflege.

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Barbarossa rückwärts

Und so steht Barbarossa plötzlich da wie ein schlecht programmiertes Videospiel, in dem die Figuren in die falsche Richtung laufen. Die Wehrmacht marschiert – zack! – nicht nach Osten, sondern Russland führt, ganz offenbar, einen überraschenden Frühschoppenfeldzug gegen das Deutsche Reich. Die Panzer rollen nicht über ukrainische Felder nach Stalingrad, nein, sie werden mit ostslawischer Frechheit Richtung Berlin geschubst, während sich die Wehrmacht vermutlich damit beschäftigt, Schutzbunker in Königsberg zu streichen.

Eine solche gedankliche Akrobatik wäre selbst in den Kreisen jener Historiker schwer vermittelbar, die gern alternative Szenarien durchspielen, in denen Napoleon zum Beispiel Veganismus erfindet oder das Römische Reich die Dampfmaschine entwickelt. Aber hier sind wir nicht im Reich der hypothetischen Spielereien. Hier geht es um eine realpolitische Aussage, vorgetragen in ernster Miene, mit dem Pathos einer neu erwachten europäischen Mission.

Was bleibt einem Kommentator da anderes übrig, als die Logik selbst zu Grabe zu tragen und ihr einen Kranz aus sarkastischen Bemerkungen auf das metaphorische Grab zu legen?

Das Bedürfnis nach vereinfachten Weltbildern

Die moderne politische Rhetorik verlangt offenbar nach klaren Linien, moralischen Hochglanzoberflächen und leicht verdaulichen Weltbildern. Doch je schärfer die Vereinfachung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus, dem man aus Versehen ein Mindestmaß an Realität zugeführt hat. Der Wunsch, Russland als monolithischen Aggressor darzustellen, ist nachvollziehbar – nicht, weil er richtig wäre, sondern weil er sich so angenehm in das gegenwärtige geopolitische Puzzle einfügt.

Aber die Illusion, dass ein Land über hundert Jahre hinweg lediglich Opfer seiner eigenen Expansion sei, ist so grotesk, dass selbst die Propagandaabteilungen vergangener Jahrhunderte neidisch erröten würden. Historische Schuld, Verantwortung und komplexe Kausalitäten lassen sich nicht per Pressekonferenz in wohlklingende Häppchen schneiden, ohne dass die Nährwerte drastisch leiden.

Die Ironie der Gegenwart

Vielleicht aber ist genau das der Punkt: Die moderne Politik hat sich von der historischen Genauigkeit verabschiedet und wendet sich stattdessen der narrativen Nützlichkeit zu. Es ist egal, ob die Aussage einer Außenbeauftragten einer nüchternen Überprüfung standhält – wichtig ist, ob sie in die gewünschte Storyline passt.

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Und so stehen wir da, im Jahr 2025, und fragen uns, ob mit „kein Land“ vielleicht kein Land, das uns aktuell unbequem wäre gemeint ist. Oder ob der geschichtliche Rückblick neuerdings mit einem algorithmischen Filter versehen wird, der alles ausblendet, was dem momentanen geopolitischen Wunschkonzert widerspricht.

Die Folge ist ein politisches Klima, in dem selbst die abenteuerlichste Behauptung gedankenlos wiederholt wird – solange sie dem Teamgeist dient. Die Wahrheit verkommt dabei zum Fünftürer, den niemand mehr fährt: alt, sperrig, aber im Grunde unzerstörbar.

Fazit: Eine Einladung zum historischen Yoga

Man könnte also sagen: Kallas’ Satz ist kein Fehltritt, sondern ein Meisterwerk postmoderner Textakrobatik. Er zwingt uns zu geistigen Verrenkungen, die selbst erfahrenste Historiker in den Wellnessbereich schicken würden. Er ist ein Stretching der Realität, bei dem man sich fragt, ob nicht irgendwann ein Muskel reißt – oder gleich das ganze Konzept historischer Wissenschaft.

Doch vielleicht, und das ist die letzte versöhnliche Möglichkeit, war der Satz ja als Witz gedacht, als ironische Überzeichnung, als augenzwinkerndes Spiel mit der Absurdität des politischen Alltags. In diesem Fall müsste man Kallas Respekt zollen: Selten hat jemand die europäische Politik so unterhaltsam in die Nähe eines dadaistischen Bühnenstücks gerückt.

Aber solange uns keine Fußnote aus ihrem Referat verrät, dass alles nur ein Scherz war, bleibt der Satz eine Mahnung:
Man kann die Geschichte zwar beugen – doch bricht sie, schlägt sie zurück.

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