Von Blut, Bann und Branding

Erik der Rote als unfreiwilliger Standortberater

Es begann, wie große geopolitische Entwicklungen gern beginnen: mit einem Totschlag, einem Exil und einer PR-Idee. Erik der Rote, dieser frühmittelalterliche Problembär mit Axt und Marketinginstinkt, wurde aus Island verbannt und landete dort, wo selbst das Schicksal lieber mit Handschuhen anfasst. Dass er das neu entdeckte Land „Grönland“ nannte, war weniger geografische Beschreibung als erste bekannte Immobilienanzeige der Weltgeschichte. Grün klang nach Hoffnung, nach Weide, nach Zukunft – und nicht nach Eis, Tod und existenzieller Kälte. Der Name war eine Lüge, aber eine erfolgreiche. Vier Jahrhunderte hielten sich die nordischen Siedler an der arktischen Peripherie Europas, dann verschwanden sie lautlos aus den Chroniken, als hätte jemand den Stecker gezogen. Übrig blieb ein Gerücht: Tief in den Fjorden, so munkelte man, lebten sie weiter, reich, abgeschieden, fast mythisch. Grönland war von nun an weniger ein Ort als eine Projektionsfläche – für Sehnsüchte, Spekulationen und koloniale Fantasien.

Mission, Moral und Meeressäuger: Die Erfindung der nützlichen Seele

Jahrhunderte später betrat Hans Egede die Bühne, ein Pastor mit festem Glauben und erstaunlicher Flexibilität im liturgischen Detail. Er kam nicht wegen Bodenschätzen oder Militärbasen, sondern wegen verlorener Seelen – einer der wenigen Rohstoffe, die sich vermehren, je mehr man davon nimmt. Egede suchte Wikinger und fand Inuit, was ihn nicht davon abhielt, sein Ziel beizubehalten. Wenn schon keine verschollenen Europäer, dann eben neue Christen. Die Mission brachte Kirche, Handel und Kolonialverwaltung in einem Paket, das man heute „integriertes Geschäftsmodell“ nennen würde. Besonders aufschlussreich war die Umarbeitung des Vaterunsers: Brot wurde durch Seehund ersetzt. Theologie als Lokalisierungsstrategie, Inkulturation mit Fell und Flossen. So begann die dänische Geschichte Grönlands: mit frommer Fürsorge, die stets wusste, was gut für die anderen war, und mit einer Verwaltung, die das Land als Außenstelle der eigenen Moral verstand. Nuuk wuchs aus dieser Mischung aus Heilsversprechen und Handelsinteresse, und Grönland wurde endgültig von einem Mythos zu einem Besitz.

Kaufen, tauschen, sichern: Die amerikanische Liebe zum leeren Raum

Die USA traten auf den Plan, wie sie es immer tun, wenn irgendwo viel Platz und wenig Wähler sind. Seit dem 19. Jahrhundert kultivierte Washington eine besondere Form der Romantik: die Liebe zum strategischen Landkauf. Territorien waren für die junge Republik weniger Heimat als Option, weniger Kulturraum als Investment. Louisiana, Florida, Texas, Alaska – alles Schnäppchen im Rückspiegel der Geschichte. Grönland passte perfekt in dieses Beuteschema: groß, dünn besiedelt, schwer zugänglich und deshalb ideal, um darauf alles zu projizieren, was man gerade brauchte. Sicherheit, Einfluss, Rohstoffe, Zukunft. Dass Andrew Jackson schon früh mit dem Gedanken spielte, die Insel zu erwerben, überrascht kaum. Überraschender ist eher, dass es nicht früher geschah. In amerikanischer Logik war Grönland ein klassisches Problem: zu viel Eis für Dänemark, zu viel Potenzial, um es einfach liegen zu lassen. Ein riesiger weißer Fleck auf der strategischen Landkarte, der förmlich danach schrie, sinnvoll genutzt zu werden – vorzugsweise von jemand anderem.

Eisige Deals und warme Kriege: Grönland als Militärmöbelstück

Der Zweite Weltkrieg brachte die Amerikaner nicht offiziell, aber effektiv nach Grönland. Man kam, um zu schützen, blieb, um zu sichern, und baute aus Provisorien dauerhafte Installationen. Flughäfen und Basen wuchsen aus dem Eis wie metallene Moose, stets mit Blick auf den nächsten Feind im Osten. Nach dem Krieg war Grönland plötzlich nicht mehr nur Missionsland oder Kolonie, sondern ein Möbelstück im globalen Sicherheitshaushalt. Die Truman-Regierung dachte pragmatisch: Wenn man schon da ist, könnte man es auch kaufen. 100 Millionen Dollar waren das Angebot – eine Summe, die Grönland auf den Status einer überdimensionierten Tiefkühltruhe reduzierte, die man entweder teuer unterhält oder gewinnbringend abstößt. Dänemark lehnte ab, gekränkt und trotzig, als hätte man versucht, ihm die eigene Identität abzukaufen. Doch die Idee verschwand nie. Sie wurde nur eingefroren, um später wieder aufgetaut zu werden, wenn die geopolitische Mikrowelle heiß genug lief.

Trump taut auf: Klima, Kapital und kalkulierte Ignoranz

Als Donald Trump die Idee öffentlich wiederbelebte, war das Entsetzen groß und das Gelächter laut. Einen Kontinent kaufen? Das klang nach Monopoly mit Weltkarten. Doch hinter der Groteske steckte Logik – eine kalte, zynische Logik, die perfekt ins 21. Jahrhundert passt. Der Mann, der den Klimawandel leugnet, setzt offenbar darauf, dass er trotzdem eintritt. Schmelzendes Eis macht aus Grönland kein Paradies, aber eine Rohstoffquelle mit besserer Zugänglichkeit. Seltene Erden, Öl, neue Schifffahrtsrouten: Das Eisland wird zum Ei des Kolumbus, wenn man nur lange genug wartet, bis es taut. Trump formulierte nur aus, was andere höflicher dachten: dass Territorien handelbar sind, wenn sie strategisch nützlich werden. Seine Offenheit war der Skandal, nicht die Idee selbst. Grönland als Ware – das ist kein Trumpismus, das ist Tradition.

Das begehrte Ei(s)land: Projektionen statt Perspektiven

Was in all dem auffallend fehlt, ist Grönland selbst. Die Inuit tauchen in der Geschichte meist als Kulisse auf, als Hintergrundrauschen der großen Mächte, die sich am Eis versuchen. Missioniert, verwaltet, geschützt, gekauft werden soll immer das Land – selten die Menschen gefragt. Grönland ist begehrt, weil es leer erscheint, obwohl es bewohnt ist; weil es kalt wirkt, obwohl dort Geschichte, Kultur und Gegenwart existieren. Vom Wikingerexil über die fromme Kolonisierung bis zur militärischen Nutzung und rohstoffgetriebenen Begehrlichkeit bleibt das Muster gleich: Grönland ist das Versprechen, dass irgendwo da draußen noch Raum ist für große Pläne, fernab von störender Demokratie. Ein Ort, an dem man glaubt, neu anfangen zu können, ohne alte Fragen zu stellen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie dieses Ei(s)lands: Es ist weniger Objekt der Geschichte als Spiegel ihrer Obsessionen. Wer Grönland begehrt, verrät mehr über sich selbst als über die Insel. Erik der Rote suchte Zuflucht und fand einen Mythos. Egede suchte Seelen und gründete eine Kolonie. Die USA suchten Sicherheit und Rohstoffe und fanden eine ewige Versuchung. Und Trump suchte einen Deal – und lieferte unbeabsichtigt eine Pointe. Grönland bleibt, was es immer war: kalt, widerspenstig und erstaunlich resistent gegen all jene, die glauben, man müsse es nur besitzen, um es zu verstehen.

An alle, die im Westen die Kufiya tragen

Wenn du in Deutschland, Schweiz oder anderen westlichen Ländern eine Kufiya trägst, dann ist das keine harmlose Mode und auch kein neutraler Solidaritätsgruß.

Für viele Juden ist dieses Symbol heute ein Warnsignal.

Ein Signal für Angst.

Für Ausgrenzung.

Für Gewaltfantasien gegen Israel – und am Ende gegen jüdisches Leben.

„Widerstand“ klingt romantisch.

Aber wir wissen alle, was hier gemeint ist: Raketen, Massaker, Terror, das Feiern von toten Juden.

Das ist kein Freiheitskampf. Das ist Hass.

Du magst sagen: „Ich bin nicht antisemitisch.“

Aber wenn du ein Symbol trägst, das weltweit mit der Ablehnung der Existenz Israels verbunden ist, dann trägst du auch diese Botschaft weiter – ob du willst oder nicht.

Israel ist nicht irgendein Staat.

Es ist der einzige Schutzraum für Juden nach der Shoah.

Und genau dieser Schutzraum wird mit diesen Symbolen infrage gestellt.

Kritisiere Regierungen.

Diskutiere Politik.

Demonstriere für Frieden.

Aber wenn dein Protest jüdisches Leben bedroht, relativiert oder einschüchtert, dann ist das kein Aktivismus mehr – dann ist es Antisemitismus.

Gerade hier.

Gerade jetzt.

Gerade in Mitteleuropa.

Symbole töten nicht –

aber sie sagen laut, wessen Leid dir egal ist.

Die Sicherheitslücke als Einstellungskriterium

London, diese Stadt, die sich seit Jahrhunderten darin übt, das Chaos mit Höflichkeit zu tarnen und den Abgrund mit einer Tasse Tee zu überbrücken, hat wieder einmal geliefert. Nicht etwa mit Shakespeare, nicht mit Punk, nicht einmal mit einem neuen absurden Brexit-Nachhall, sondern mit einer Leistung, die in ihrer administrativen Schlichtheit fast schon genial ist: Man stellte Tausende Polizistinnen und Polizisten ein – und verzichtete dabei großzügig auf Sicherheitsüberprüfungen. Mehr als 5.000 Menschen mit Uniform, Machtbefugnissen und Gewaltmonopol, aber ohne gründliche Prüfung ihrer Vergangenheit. Effizienz, so scheint es, ist der neue moralische Wert. Oder genauer: Effizienz ersetzt Moral.

Der interne Bericht der Metropolitan Police liest sich wie ein Verwaltungsdrama, dessen Bösewicht kein Einzelner ist, sondern ein Zielwert. Einstellungszahlen, diese scheinbar neutralen, technokratischen Götzen der modernen Bürokratie, wurden zur höheren Wahrheit erklärt. Wer braucht schon Integrität, wenn man Tabellen füllen kann? Wer braucht Vertrauen, wenn man Fortschrittsbalken grün einfärbt? Die Sicherheitsüberprüfung, einst das moralische Rückgrat des Polizeidienstes, wurde zum lästigen Anhang degradiert – eine Fußnote, die man aus Zeitgründen überspringt.

Wenn Zahlen wichtiger sind als Menschen

Zwischen 2019 und 2023 – eine Zeit, in der die Welt Pandemie, soziale Spannungen und institutionelle Vertrauenskrisen durchlebte – entschied sich Londons Polizei offenbar für eine mutige Strategie: Masse statt Klasse, Geschwindigkeit statt Gewissen. Der Druck, Einstellungsziele zu erreichen, wurde zur universellen Entschuldigung. Druck ist schließlich ein wunderbares Wort. Es entlastet, anonymisiert, entschuldigt. Niemand ist schuld, der Druck war es. Der Druck hat entschieden, dass man lieber nicht so genau hinschaut. Der Druck hat gesagt: Wird schon gut gehen.

Es ging nicht gut. Dutzende Beamte begingen dienstliche Verstöße und Straftaten, zwei davon sogar so gravierend, dass sie als Serienvergewaltiger verurteilt wurden. Serienvergewaltiger. In Uniform. In einer Institution, deren Existenzgrundlage der Schutz der Bevölkerung ist. Satire? Leider nein. Realität, nackt und unerquicklich. Die Pointe schreibt sich selbst, aber sie lacht nicht, sie beißt.

Das Gewaltmonopol als Lotteriespiel

Man könnte versucht sein, dies als tragisches Versagen einzelner Personen abzutun, als unglückliche Ausnahme, als statistischen Ausrutscher. Doch genau diese Ausflucht ist Teil des Problems. Denn hier wurde nicht ein Fehler gemacht, hier wurde ein Prinzip aufgegeben. Die Sicherheitsüberprüfung ist kein bürokratisches Ritual, sie ist das Mindestmaß an Selbstkontrolle einer Institution, die Gewalt ausüben darf. Wer darauf verzichtet, verwandelt das Gewaltmonopol in ein Lotteriespiel: Ziehen wir einen Beschützer oder einen Täter?

Die Met begründet ihr Vorgehen mit Notwendigkeit, mit Personalmangel, mit politischem Druck. All das mag zutreffen. Aber Notwendigkeit war schon immer das Lieblingsargument jener, die Verantwortung scheuen. Notwendigkeit rechtfertigt alles – wenn man sie lässt. Heute sind es Sicherheitsüberprüfungen, morgen vielleicht Ausbildung, übermorgen Rechtskenntnisse. Hauptsache, die Uniform sitzt und die Quote stimmt.

Die empörte Reaktion als Ritual

Natürlich folgte die empörte Reaktion prompt. Das Innenministerium kündigte eine „dringende, unabhängige Untersuchung“ an – ein Satz, der so vertraut klingt, dass man ihn fast mitsummen kann. Dringend, unabhängig, Untersuchung: die drei magischen Worte der politischen Beruhigung. Innenministerin Shabana Mahmood sprach von einer Verletzung der Pflicht der Met, für die Sicherheit Londons zu sorgen. Das ist korrekt, präzise und vollkommen folgenlos formuliert. Pflichtverletzung klingt nach Aktenvermerk, nicht nach moralischem Erdbeben.

Man fragt sich unweigerlich, warum diese Erkenntnis erst nach Veröffentlichung eines internen Berichts kommt. War die Abschaffung der Sicherheitsüberprüfung vorher eine Art experimenteller Avantgarde? Ein mutiger Feldversuch im Bereich der institutionellen Selbstentkernung? Oder hat man einfach gehofft, dass schon nichts passiert – und wenn doch, dann bitte leise?

Vertrauen als Kollateralschaden

Der eigentliche Schaden ist nicht nur das Leid der Opfer, so ungeheuerlich dieses ist. Es ist auch das Vertrauen, dieses fragile, unsichtbare Band zwischen Staat und Bürgern, das hier wieder einmal achtlos zerschnitten wurde. Polizei funktioniert nicht allein durch Gesetze und Waffen, sondern durch Legitimität. Wer Uniformen verteilt wie Werbegeschenke, darf sich nicht wundern, wenn diese Legitimität erodiert.

Die Ironie ist bitter: Um die Polizei zu stärken, hat man sie geschwächt. Um Sicherheit zu gewährleisten, hat man Unsicherheit institutionalisiert. Um schnell zu handeln, hat man langfristig zerstört. Das ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom einer Zeit, in der Prozesse wichtiger sind als Prinzipien und Kennzahlen mehr zählen als Charakter.

Ein augenzwinkerndes Fazit ohne Lachen

Man könnte lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Man könnte zynisch applaudieren für eine Verwaltung, die das Risiko gleich mit einstellt. Doch das Lachen bleibt im Hals stecken. Was bleibt, ist eine Satire, die sich weigert, erfunden zu sein. London steht damit nicht allein, aber exemplarisch. Die Stadt zeigt, was passiert, wenn Institutionen glauben, sie könnten ihre eigene moralische Statik ignorieren, solange der Betrieb weiterläuft.

Die Sicherheitsüberprüfung abzuschaffen war kein technischer Fehler, sondern eine ideologische Entscheidung: die Entscheidung, dass Vertrauen verzichtbar ist. Dass man Sicherheit produzieren kann wie eine Ware. Dass Menschen austauschbar sind, solange sie eine Funktion erfüllen. Diese Entscheidung rächt sich nun – leise, bürokratisch, aber mit zerstörerischer Wirkung.

Und so bleibt nur der bittere Trost, dass diese Geschichte zumindest eines lehrt: Der Staat kann vieles delegieren, optimieren und beschleunigen. Seine Verantwortung nicht. Selbst wenn der Druck groß ist. Gerade dann nicht.

Drei Männer, ein Spiegel

Man könnte sie für Brüder halten, wenn man den Spiegel nicht zu genau poliert: Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping, drei Herren im reifen Alter, geschniegelt oder geschniegelt wirkend, geschniegelt jedenfalls im Selbstbild, und alle drei überzeugt davon, dass Geschichte vor allem eines ist – eine Bühne mit sehr begrenzter Besetzung, auf der sie selbst die Hauptrolle spielen. Der Rest der Welt? Statisten, Requisiten, manchmal störende Geräusche aus dem Off. Es ist jene Art von Brüderschaft, die nicht auf Liebe gründet, sondern auf Wiedererkennung: Ich erkenne mich im anderen, weil auch er tut, was er kann, und nicht, was er sollte. Eine Geistesverwandtschaft, die weniger von Ideologie als von Instinkt lebt – vom Instinkt des Raubtiers, das nicht fragt, ob es darf, sondern nur, ob es kann, und ob jemand stark genug ist, ihm in den Arm zu fallen.

Donald und die Geografie des Begehrens

Donald Trump, dieser Immobilienentwickler der Weltpolitik, denkt in Grundstücken, in Lagen, in Quadratmetern und Aussichtslinien. Venezuela? Klingt nach Öl, nach Rohstoffen, nach einem Grundstück mit schlechtem Management, das man übernehmen müsste, um es „endlich richtig zu führen“. Grönland? Ein riesiges, weißes Leerfeld auf der mentalen Landkarte eines Mannes, der Leere nicht erträgt, weil sie nicht ihm gehört. Dass dort Menschen leben, Geschichte gewachsen ist, internationale Verträge existieren – all das sind für Donald nur Fußnoten, Kleingedrucktes, das man im Zweifel überliest. Die Welt ist für ihn ein Monopoly-Brett, und wenn er genug Geld und Lautstärke auf den Tisch knallt, muss der Banker irgendwann einknicken. Satirisch betrachtet ist Trump weniger Eroberer als Schnäppchenjäger, der glaubt, Staaten ließen sich wie marode Hotels übernehmen: ein bisschen Personal entlassen, den Namen größer an die Fassade schreiben, fertig ist die neue Weltordnung.

Wladimir und der Panzer der Geschichte

Wladimir Putin hingegen ist kein Immobilienhai, sondern ein Archivar mit Raketen. Er blättert in der Geschichte wie in einem alten Familienalbum, zeigt auf vergilbte Fotos und sagt: „Das war einmal meins, also gehört es mir eigentlich immer noch.“ Die Ukraine ist in dieser Logik kein souveräner Staat, sondern ein fehlendes Puzzleteil, ein verlorener Arm des russischen Körpers, den man notfalls mit Gewalt wieder annähen muss. Dass dabei Menschen sterben, Städte brennen und Zukunft zermahlen wird, ist für Putin kein Skandal, sondern Kollateralschaden einer historischen Korrektur. Zynisch gesprochen ist er der einzige der drei, der noch an Geschichte glaubt – allerdings an eine, die ausschließlich ihm recht gibt. Seine Panzer rollen nicht nur über Felder, sondern über Begriffe wie Völkerrecht, Selbstbestimmung und moralische Verantwortung, die unter ihren Ketten erstaunlich schnell zerbröseln.

Xi und der lange Atem der Geduld

Xi Jinping schließlich wirkt im Vergleich fast asketisch, beinahe buddhistisch, wäre da nicht der eiserne Griff um Partei und Staat. Er schielt nicht gierig, er wartet. Taiwan ist für ihn kein spontanes Begehren, sondern eine jahrzehntelang gereifte Vorstellung, ein Versprechen, das sich selbst erfüllt, wenn man nur lange genug daran glaubt. Xi muss nicht twittern, er muss nicht marschieren – noch nicht. Er baut, rechnet, plant, und sein Lächeln ist das eines Mannes, der weiß, dass Zeit eine Waffe ist. Satirisch betrachtet ist Xi der Schachspieler unter den drei Brüdern, der dem Gegner zulächelt, während er bereits fünf Züge voraus ist. Dass dabei Freiheit, Meinungsvielfalt und individuelle Rechte unter die Räder kommen, ist für ihn kein Drama, sondern ein notwendiger Preis für Harmonie, wie er sie versteht: still, kontrolliert und widerspruchslos.

Weil sie es können

Warum also Venezuela, Grönland, Ukraine, Taiwan? Die einfache, brutale Antwort lautet: weil sie es können. Oder zumindest, weil sie glauben, es zu können. Macht ist für diese drei keine Verantwortung, sondern eine Gelegenheit, ein Muskel, den man zeigen muss, damit er nicht verkümmert. In einer Welt, die lange an Regeln geglaubt hat, treten sie auf wie schlecht erzogene Kinder auf einem Spielplatz ohne Aufsicht: Sie nehmen sich die Schaufel, stoßen die anderen um und erklären anschließend, das sei nun einmal Natur. Polemisch zugespitzt könnte man sagen: Trump, Putin und Xi sind weniger Politiker als Naturereignisse – Stürme, Erdbeben, Tsunamis –, die allerdings sehr wohl wissen, was sie anrichten, und sich trotzdem darüber freuen, weil Zerstörung Aufmerksamkeit bringt.

Wo ist da noch ein Unterschied

Und der Unterschied? Er liegt weniger im Tun als im Tonfall. Trump grölt, Putin schweigt bedrohlich, Xi lächelt milde. Der eine twittert, der andere marschiert, der dritte wartet. Doch am Ende eint sie der gleiche Glaube: dass Stärke Recht ersetzt, dass Macht sich selbst legitimiert und dass Moral ein Luxus für Schwächere ist. Der zynische Witz der Geschichte besteht darin, dass sie sich gegenseitig als abschreckende Beispiele brauchen, um das eigene Handeln zu rechtfertigen: Wenn der eine es tut, warum sollte ich es nicht auch tun dürfen? So werden drei Männer zu Brüdern im Geiste, verbunden durch eine Weltsicht, die Grenzen nicht als Linien des Respekts begreift, sondern als Einladung zum Überschreiten. Man lacht darüber, augenzwinkernd vielleicht, weil Satire manchmal die letzte Waffe der Ohnmacht ist. Doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken, denn hinter der Farce steht eine ernste, bittere Erkenntnis: Der Unterschied schwindet dort, wo Macht sich selbst genügt – und genau darin liegt ihre größte Gefahr.

Das Gewaltverbot als Wunschkonzert

Die Charta der Vereinten Nationen, jenes ehrwürdige Dokument, das man gern wie eine Bibel zitiert, wenn es gerade passt, und wie einen Beipackzettel liest, wenn es unbequem wird, formuliert in Artikel 2 Nr. 4 ein allgemeines Gewaltverbot. Allgemein, wohlgemerkt, nicht individuell. Doch wie jede gute Norm von Weltgeltung leidet auch diese unter einer erstaunlichen Nebenwirkung: Sie wirkt vor allem auf andere. Für einen selbst gilt sie eher als moralische Empfehlung, als freundlicher Hinweis am Rande der Geschichte, ungefähr so verbindlich wie die Bitte, im Zug nicht zu telefonieren. Die Idee dahinter ist simpel und grandios zugleich: Staaten sollen keine Gewalt anwenden oder androhen, Punkt. Dass dieser Punkt in der politischen Praxis regelmäßig zum Doppelpunkt mutiert, gefolgt von einem halbstündigen Rechtfertigungsmonolog, ist der eigentliche Triumph der Diplomatie über den gesunden Menschenverstand.

Die UNO als moralisches Fitnessstudio

Die Vereinte Nationen sind dabei weniger Weltregierung als moralisches Fitnessstudio: Alle haben eine Mitgliedskarte, viele bezahlen Beiträge, manche posieren gern vor dem Spiegel, aber trainieren will kaum jemand ernsthaft. Das Gewaltverbot ist das Laufband in der Ecke – theoretisch für alle da, praktisch staubig, außer wenn gerade Pressefotos gemacht werden. Und so entsteht jene eigentümliche Grauzone, in der sich jeder Akteur mit staatsmännischem Ernst einredet, sein eigener Regelbruch sei in Wahrheit die höchste Form der Regelbefolgung. Gewalt? Ja, schon. Aber nur, um Schlimmeres zu verhindern, Werte zu schützen, Geschichte zu korrigieren oder wenigstens die eigene Umfragekurve.

Putin, die Ukraine und die semantische Akrobatik

Betritt man diese Grauzone, stolpert man unweigerlich über Wladimir Putin und die Ukraine. Der Angriffskrieg wird sprachlich so lange durch den Fleischwolf gedreht, bis er als „militärische Spezialoperation“ wieder herauskommt – eine Wortschöpfung, die klingt, als ginge es um eine kosmetische Korrektur und nicht um Raketen, Tote und zerstörte Städte. Hier wird das Gewaltverbot nicht gebrochen, nein, es wird kreativ interpretiert, wie moderne Kunst: Wer nichts versteht, gilt als banausisch. Die Charta wird dabei nicht ignoriert, sondern umarmt – so fest, dass sie kaum noch atmen kann. Man beruft sich auf Sicherheitsinteressen, historische Ansprüche und den Schutz angeblich Bedrohter, bis aus dem klaren Nein zur Gewalt ein philosophisches Vielleicht wird.

Trump, Grönland und die neoliberale Märchenstunde

Auf der anderen Seite des politischen Theaters steht Donald Trump und blickt auf Grönland wie ein Immobilienmakler auf ein besonders großes, etwas kaltes, aber strategisch hervorragend gelegenes Grundstück. Kaufen statt bomben – das klingt zunächst wie die zivilisierte Variante imperialer Fantasien. Kein Schuss, kein Panzer, nur ein Scheckbuch und ein breites Grinsen. Doch auch hier schleicht sich dieselbe Denkfigur ein: Mächte dürfen sich nehmen, was sie für notwendig halten, solange sie es in eine Form gießen, die nicht sofort nach Kanonenbootpolitik riecht. Gewalt? Nein, natürlich nicht. Es ist ja nur ein Deal. Dass hinter dem Deal die implizite Drohung der Übermacht steht, gilt als unschöne, aber selbstverständliche Fußnote.

Wo bitte ist der Unterschied?

Und hier stehen wir nun, mit erhobenem Zeigefinger und zusammengekniffenen Augen, und fragen: Wo bitte ist der Unterschied? Ist es die Methode, die entscheidet – Panzer versus Kaufvertrag? Oder die Rhetorik – Sicherheitsinteressen versus Business Case? Moralisch betrachtet ist beides Ausdruck derselben Hybris: der Überzeugung, dass Macht automatisch Recht erzeugt, solange man sie nur elegant genug verpackt. Der eine marschiert ein und nennt es Schutz, der andere bietet Geld und nennt es Pragmatismus. Der Zyniker könnte sagen: Der Unterschied liegt allein im Unterhaltungswert für die Abendnachrichten.

Das Gewaltverbot als literarische Gattung

Am Ende ist das allgemeine Gewaltverbot der UNO weniger juristische Norm als literarische Gattung: eine idealistische Utopie mit starkem Appellcharakter und schwacher Durchsetzung. Jeder liest hinein, was er braucht, streicht heraus, was stört, und zitiert selektiv, was Applaus verspricht. Die Satire schreibt sich dabei von selbst, denn sie besteht nicht im Überzeichnen, sondern im bloßen Zusammenstellen der Originalaussagen. Man lacht, weil es wehtut, und zwinkert, weil man ahnt, dass das nächste Beispiel bereits in Vorbereitung ist. Das Gewaltverbot bleibt bestehen – als feierlicher Text, an den man glaubt wie an das Gute im Menschen: unbeirrbar, obwohl alle Erfahrung dagegen spricht.

Aufschlag ins Aus!

Oder die Kunst, sich aus der Verantwortung zu spielen

Es gibt Momente, in denen sich politische Realität und literarische Groteske so innig umarmen, dass selbst der erfahrenste Satiriker neidvoll den Notizblock zuklappt. Der 4. Januar gehört zweifellos dazu. Während Anwohner nach einem linken Terroranschlag frierend auf der Straße ausharrten – Familien mit Kindern, Alte, Kranke, Menschen, deren Begriff von „Kopf freikriegen“ sich auf heißen Tee und die Hoffnung auf staatliche Fürsorge beschränkte –, zog sich der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, nach eigenem Bekunden in sein „Homeoffice“ zurück. Eingeschlossen. Felsenfest. Ein Bild wie aus der Hagiografie moderner Führung: der Landesvater allein mit Akten, Gewissen und Verantwortung. Nur dass drei Tage später aus dem stillen Kämmerlein ein Tennisplatz wurde, aus der asketischen Pflichterfüllung ein lockerer Satzgewinn, und aus der behaupteten Ernsthaftigkeit ein Bekenntnis, das weniger entkräftete als entlarvte. Satire, so lehrte einst Karl Kraus, ist das, was passiert, wenn die Wirklichkeit den Humoristen überholt. Berlin, Januar, Matchball.

Spiel, Satz und Moral

„Ja, dann habe ich von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt.“ Dieser Satz ist von einer lakonischen Schönheit, die man sonst nur aus der Literatur des Absurden kennt. Ein einziger Nebensatz, geschniegelt wie ein frisch bespannter Schläger, und doch schwerer als jedes politische Dementi. Man müsse ja auch mal den Kopf freikriegen, hieß es entschuldigend, nach wenigen Stunden der Belastung. Der Kopf, dieses empfindsame Organ christdemokratischer Verantwortung, scheint inzwischen ähnlich pflegeintensiv zu sein wie ein Hochleistungsknie auf rotem Sand. Dass ausgerechnet der Regierende Bürgermeister Berlins, dessen Stadt regelmäßig beweist, dass Chaos kein Ausnahmezustand, sondern ein Geschäftsmodell ist, bereits nach einem halben Tag politischer Zumutung in die Regeneration musste, ist mehr als eine Anekdote. Es ist ein Symbol. Während unten die Realität friert, schwitzt oben die Selbstfürsorge. Und irgendwo zwischen Grundlinie und Netz lauert die Frage, ob politische Führung heute vor allem bedeutet, die richtige Balance zwischen Krisenmanagement und Freizeitdress zu finden.

Doppelfehler im Amt

Besonders delikat wird die Angelegenheit durch die personelle Doppelbesetzung auf der Tribüne: Wegners Lebensgefährtin, zugleich Berliner Familiensenatorin. Man stelle sich die Szene vor: zwei Spitzenrepräsentanten des Landes, vereint im sportlichen Gleichklang, während draußen Familien auf Unterstützung warten. Das hat etwas von einer neoliberalen Performancekunst, bei der der Staat demonstrativ zeigt, dass er zwar nicht immer da ist, aber immerhin fit bleibt. Die eigentliche Pointe liegt jedoch weniger im Tennisschläger als im vorherigen Narrativ. Wer öffentlich erklärt, er habe sich eingeschlossen, um der Lage Herr zu werden, und später beiläufig einräumt, man habe zwischendurch Aufschlag trainiert, darf sich nicht wundern, wenn das Vertrauen einen leichten Knacks bekommt. Lüge ist ein großes Wort, ein schweres, juristisch und moralisch. Doch politisch genügt oft schon der Eindruck von Beliebigkeit, von Wahrheit als flexibler Spielvariante. Und der Eindruck ist hier so präsent wie der weiße Ball auf grünem Filz.

Platzverweis für die Glaubwürdigkeit

Natürlich kann man argumentieren, eine Stunde Tennis rette keine Welt und zerstöre sie auch nicht. Doch Politik besteht nicht aus Stunden, sondern aus Symbolen. Wer in der Krise Entspannung sucht, während andere um Schutz und Wärme bitten, sendet eine Botschaft – ob beabsichtigt oder nicht. Sie lautet: Meine Erholung ist dringlicher als eure Unsicherheit. Dass diese Botschaft ausgerechnet von einem CDU-Politiker kommt, dessen Partei sich gern als Hort von Ordnung, Pflichtbewusstsein und staatstragender Nüchternheit inszeniert, verleiht dem Ganzen eine ironische Tiefe, die selbst eingefleischte Zyniker kurz innehalten lässt. Vielleicht ist es das wahre Drama unserer Zeit, dass politische Verantwortung zunehmend wie ein Hobby behandelt wird: anspruchsvoll, ja, aber bitte mit Pausen, Trainingszeiten und möglichst ohne schlechtes Wetter. Der Platzverweis, den diese Episode nahelegt, richtet sich weniger gegen eine Person als gegen ein Amtsverständnis. Eines, das glaubt, man könne die Wahrheit wie einen Ball übers Netz spielen – und hoffe, dass ihn niemand retourniert.

Ein Brand, ein Zaun und die große Berliner Dunkelheit

Es ging durch alle Medien, als hätte man kollektiv beschlossen, sich endlich wieder einmal zu gruseln: Terroristen legten am Morgen des 3. Januar 2026 einen Brand unter einer Kabelbrücke über den Teltowkanal am Heizkraftwerk Lichterfelde. Mehrere Hochspannungsleitungen, oberirdisch geführt wie in einer musealen Ausstellung zur Frühgeschichte der Elektrifizierung, brannten fröhlich vor sich hin, und mit ihnen die Illusion, eine moderne Metropole sei gegen derart triviale Angriffe gefeit. Das Resultat war ebenso banal wie unerquicklich: rund 35.000 Haushalte ohne Strom, über mehrere Tage, bei klirrender Kälte – just jener Kälte, die bereits vor dem 27.12.25 korrekt vorhergesagt worden war, ohne dass irgendjemand daraus die Konsequenz gezogen hätte, vielleicht doch einmal ein wenig genauer hinzusehen. Berlin fror, und es fror nicht nur in den Wohnungen, sondern auch im politischen und administrativen Denken.

Die Achillesferse aus Stahl und Beton

Schon bald stellte sich heraus, dass es sich keineswegs um einen isolierten Akt handelte. Dieselbe Terrorgruppe hatte bereits im September 2025 einen Strommast attackiert, ebenfalls mit jener eigentümlichen Schwäche, die man sonst nur aus antiken Tragödien kennt: oberirdische Hochspannungsleitungen. Man erfuhr beruhigend, dass ganze ein Prozent des Berliner Stromnetzes davon betroffen sei – was offenbar als Argument dafür dienen sollte, die Sache als statistische Randnotiz abzutun. Neunundneunzig Prozent verlaufen unterirdisch, hieß es, und man hörte förmlich das erleichterte Aufatmen der Verantwortlichen, die damit glaubten, die Diskussion erledigt zu haben. Doch selbst dieses eine Prozent ist nicht völlig schutzlos, wie ein Google-Earth-Foto zeigt: Ein solider Zaun umgibt die neuralgische Stelle, ein Zaun von jener Art, die in Deutschland gern als symbolische Handlung verstanden wird. Er steht da, tut so, als würde er schützen, und erfüllt damit exakt die gleiche Funktion wie ein „Bitte nicht betreten“-Schild im Wald.

Datenschutz als Staatsreligion

Der Zaun ist unbeaufsichtigt, unbewacht, ungeliebt. Keine Echtzeit-Videoüberwachung, keine Sensorik, nichts, was den Namen Prävention verdienen würde. Die Täter konnten offenbar in aller Ruhe vorbereiten, zündeln und verschwinden, bevor irgendjemand auf die Idee kam, dass hier etwas nicht stimmt. Bereits nach dem Anschlag im September 2025 stellte sich diese Frage, sogar die zuständige Senatorin Giffey wagte es, sie in einem taz-Artikel laut auszusprechen. Die Antwort jedoch war von jener berlin-typischen Tragikomik, die man nur noch bewundern kann: „Gegenwärtig würden datenschutzrechtliche Überlegungen entgegen stehen.“ Man muss diesen Satz mehrmals lesen, um seine ganze Schönheit zu erfassen. Datenschutz – jenes heilige Kalb, das selbst dann noch beschworen wird, wenn jemand gerade dabei ist, kritische Infrastruktur anzuzünden. Welcher Datenschutz gilt für Personen, die Zäune überwinden, um Straftaten zu begehen? Offenbar ein sehr persönlicher, sehr empfindsamer. Das „Datenschutz-Gezerre“ ging weiter, und das neue Ereignis blieb unbemerkt, bis der Feueralarm anschlug. Ein Versagen mit Ansage, geadelt durch moralische Selbstzufriedenheit.

Das Bekenntnis und die Sprache der Apokalypse

Wenige Stunden nach der Tat stellte die Terrorgruppe „Vulkan“ ein Bekennerschreiben zu, das sorgfältig auf Echtheit geprüft und anschließend von Medien wie der Berliner Zeitung nahezu ehrfürchtig eins zu eins veröffentlicht wurde. Was darin zu lesen war, ließ einen erschaudern – weniger wegen seiner Originalität als wegen seiner erschreckenden Vertrautheit. Alles geschah, wie so oft in diesen Jahren, im Namen des Klimas. Die Erde werde „ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, vergewaltigt, zerstört“, ganze Regionen würden „unbewohnbar gemacht“. Als Rechtfertigung für Sabotage und Terror ist das selbstverständlich indiskutabel. Doch man stolpert über die Formulierungen wie über alte Bekannte. Haben wir das nicht alles schon gelesen, gehört, kommentarlos geschluckt? In der Klimaberichterstattung, in Leitartikeln, in wohlmeinenden Warnungen?

Wenn Alarmismus zum Echo wird

In einer taz-Ausgabe vom September 2025 wurde unter Berufung auf eine „Vorhersage“ der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft vor einer Erderhitzung um drei Grad bis 2050 gewarnt, mit katastrophalen Auswirkungen, unerträglichen Sommern und unbewohnbaren Regionen. Fast wörtlich fand sich diese Rhetorik im Bekennerschreiben der Terroristen wieder. Dabei war jedem Verantwortungsbewussten in der soliden Klimaforschung klar, dass hier maßlos übertrieben wurde – was freilich weniger Aufmerksamkeit erhielt als die große Schlagzeile. Offenbar wollte auch die DMG einmal „einen raushauen“, und wie schnell so etwas nach hinten losgehen kann, zeigte nun der reale Brand unter der Kabelbrücke. Hat sich die Fachwelt bemüht, diese Übertreibungen geradezurücken? Das Herumreden von Stefan Rahmstorf in seinem ZDF-Interview war jedenfalls ein untauglicher Versuch, mehr Beschwichtigung als Aufklärung.

Der Wettbewerb der Weltuntergänge

Es scheint, als befände sich die öffentliche Debatte in einem Wettbewerb um die gruseligsten Klimaaussichten. „Wer will nochmal, wer hat noch nicht?“ – jede Prognose muss noch dunkler, noch endgültiger sein als die vorige. Dass damit gewisse verlorene Seelen überfordert werden könnten, davor wurde mehrfach gewarnt, auch hier, zuletzt vor über einem Jahr, als bereits von einem möglichen Terrorismus-Entgleiten der „Letzten Generation“ die Rede war. Damals wurde auch ein literarisches Vorbild erwähnt: Mark Elsbergs Roman „Blackout – morgen ist es zu spät“, der schon 2014 das Unheil und die Motivation der Handelnden vorwegnahm. Die Fiktion hat inzwischen Mühe, mit der Realität Schritt zu halten.

Gute Absichten auf dem Weg zur Hölle

Gegen die Folgen jahrelangen Eintrommelns mit Klima-Zerrbildern ist nun nicht mehr viel zu machen. Die Wirkung hat sich bei einigen entfaltet, wie der jüngste Anschlag zeigt. Ein Teil des Problems sind dabei auch die medialen Outlets, die sich als Sprachrohr hergeben und intern mit Sicherheit glauben, etwas Gutes zu tun. Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert, und man möchte ihnen zurufen: Ihr seid es, die auf dem „Highway to Hell“ unterwegs seid, nicht der Rest der Völker, wie es der Generalsekretär der Vereinten Nationen so gern formuliert. Zwischen moralischem Furor und politischer Verantwortung klafft eine Lücke, durch die inzwischen Brandsätze passen.

Die eigentliche Botschaft der Dunkelheit

Wenn terroristische Verblendung auf einen Staat trifft, der Persönlichkeitsrechte und Datenschutz selbst für Personen innerhalb gut eingezäunter, kritischster Infrastruktur über den Schutz der Gemeinschaft stellt, dann ist für nichts mehr garantiert. Dann friert man im Dunkeln und diskutiert über Kameras, die man nicht installieren darf, weil sie vielleicht jemanden filmen könnten, der gerade dabei ist, die Lichter auszuknipsen. Das ist die eigentliche, bittere Botschaft des Stromausfalls in Berlin im Januar 2026: Nicht der Brand allein war das Problem, sondern das gedankliche Vakuum, in dem er möglich wurde. Und dieses Vakuum ist weit gefährlicher als jede oberirdische Leitung.

Eine grundsätzliche Lehre

Es gibt Ereignisse, die wie ein schlecht platzierter Spiegel wirken: Man schaut hinein, erkennt sich selbst – und erschrickt. Die Stilllegung der Stromversorgung im Süden Berlins war ein solches Ereignis. Nicht nur, weil plötzlich Lichter ausgingen und Heizungen verstummten, sondern weil sich in diesem Blackout ein ganzer politischer Entwurf spiegelte, der bislang mit der Selbstgewissheit eines moralisch geprüften Heilsplans vorgetragen wurde. Die Energiewende, so wurde sie uns erklärt, sei mehr als ein technisches Projekt; sie sei ein zivilisatorischer Fortschritt, ein ethisches Upgrade der Moderne. Alles auf Strom, alles sauber, alles gut. Wärme, Verkehr, Industrie – drei Säulen, ein Träger, eine Steckdose. Wer Zweifel anmeldete, galt wahlweise als von gestern, von gestern finanziert oder gleich als Feind des Planeten. Nun aber zeigt ein regional begrenzter Stromausfall, was man sonst nur in Fußnoten technischer Gutachten findet: dass Konzentration nicht nur Effizienz, sondern auch Verwundbarkeit erzeugt. Und Verwundbarkeit ist kein abstrakter Begriff, sondern fühlt sich bei Minusgraden sehr konkret an.

Die sogenannte Sektorkopplung war ursprünglich eine elegante Idee für ein sehr spezielles Problem: Was tun mit dem überschüssigen Strom, der anfällt, wenn Wind und Sonne gerade übermotiviert sind, während niemand ihn braucht? Die Antwort lautete: Umlenken, speichern, weiterverwenden – in Wärmepumpen, in Batterien, in synthetische Kraftstoffe. Ein energetisches Perpetuum mobile, angetrieben von Optimismus und Fördermitteln. Dass diese Umlenkung nicht nur Leitungen, Speicher und Steuerungssysteme benötigt, sondern auch gigantische Investitionen, war bekannt. „Frontier Economics“ beziffert die Gesamtkosten der Energiewende bis 2045 auf 4.800 bis 5.400 Milliarden Euro – Summen, bei denen selbst der Staat kurz innehält, um dann doch weiterzugehen, als habe man gerade einen besonders teuren Cappuccino bestellt. Kosten, so hieß es, seien relativ; die Zukunft sei unbezahlbar. Dass Verwundbarkeit ebenfalls eine Kostenkategorie ist, wurde dagegen selten thematisiert. Der Berliner Stromausfall erledigte das in wenigen Stunden.

Wenn der Stecker zum Schicksal wird

Was passiert, wenn der Strom weg ist, lernt man im Alltag nur noch selten. Die Berliner Erfahrung hat es nachgeholt: Wärmepumpen stehen still, Heizungen schweigen, und bei anhaltender Kälte droht nicht nur das Frieren, sondern der materielle Schaden. Platzende Rohre sind keine Metapher, sondern das akustische Begleitprogramm einer allzu stromzentrierten Wärmeversorgung. Dieser Beipackzettel lag dem Heizungsgesetz bislang nicht bei. Vielleicht, weil er das schöne Bild der elektrischen Zukunft mit einer unangenehmen Textur versehen hätte. Stattdessen will man das Gesetz nun umbenennen – ein klassischer politischer Kunstgriff: Wenn der Inhalt irritiert, ändert man das Etikett. Der Kühlschrank bleibt leer, aber die Tür glänzt neu.

Auch die Mobilität, diese zweite große Versprechung der elektrischen Erlösung, zeigt im Blackout ihr Janusgesicht. E-Fahrzeuge sind nur dann Ausdruck moderner Resilienz, wenn sie zufällig rechtzeitig geladen wurden. Ansonsten stehen sie da wie museale Exponate einer Zukunft, die sich kurz verabschiedet hat. Das ist kein Argument gegen Elektromobilität an sich, wohl aber gegen die Vorstellung, man könne ein komplexes Energiesystem auf einen einzigen, wetterabhängigen Träger verengen, ohne dafür einen Preis in Form von Robustheit zu zahlen. Früher verfügte die Gesellschaft über zwei große, speicherfähige Systeme für rund 75 Prozent ihrer Energieversorgung: Gas für die Wärme, flüssige Kraftstoffe für die Mobilität. Strom war wichtig, aber nicht allzuständig. Ihn nun ebenfalls wetterabhängig zu machen und gleichzeitig zur tragenden Säule aller Sektoren zu erklären, wirkt im Rückblick weniger wie Fortschritt als wie ein ideologischer Wunschtraum, der den Realitätstest nur unter Laborbedingungen besteht.

Zukunft ungewiss

Resilienz ist ein altmodisches Wort, das nicht gut in Hochglanzbroschüren passt. Es riecht nach Redundanz, nach doppelten Systemen, nach Sicherheitsmargen – also nach all dem, was Effizienzrechnern und Klimazielen im Weg zu stehen scheint. Doch gerade diese Redundanzen waren es, die eine Gesellschaft widerstandsfähig machten. Gasleitungen im Boden, Kraftstofflager, dezentrale Heizsysteme – sie bildeten ein energetisches Sicherheitsnetz, das Störungen abfing. Die neue Architektur dagegen gleicht eher einem filigranen Mobile: wunderschön ausbalanciert, solange niemand hustet. Der Berliner Stromausfall war kein Weltuntergang, aber er war ein Nieser im falschen Moment. Und plötzlich wurde sichtbar, wie viel Vertrauen man in die permanente Verfügbarkeit von Elektronen gelegt hatte, die bekanntlich wenig Sinn für politische Zielvorgaben haben.

Man kann all das als Übergangsproblem abtun, als Kinderkrankheiten einer großen Transformation. Doch Übergänge dauern in diesem Fall Jahrzehnte, und Kinderkrankheiten können tödlich sein, wenn sie die falschen Organe befallen. Dass die dritte Säule der Energieversorgung – der Strom – bislang nur etwa ein Viertel des Endenergieverbrauchs ausmachte, war kein historischer Zufall, sondern Ausdruck funktionaler Differenzierung. Diese Differenzierung nun zugunsten einer monolithischen Lösung aufzugeben, mag moralisch befriedigend sein, technisch ist es riskant. Ideologie liebt Einfachheit, Realität liebt Vielfalt.

Alarmismus und seine dunklen Spiegel

Besonders unerquicklich wird die Debatte dort, wo sich politische Rhetorik und extremistischer Sprachgebrauch berühren. Das erste Bekennerschreiben zu dem Anschlag, der den Berliner Stromausfall verursachte, bedient sich einer Bildsprache, die aus dem Arsenal des Klimaalarmismus vertraut ist: Die Erde wird „ausgelaugt, verbrannt, vergewaltigt“, ganze Regionen würden „unter der Hitze unbewohnbar“. Bis auf den letzten Satz – „Fossile Kraftwerke abschalten ist Handarbeit“ – ließen sich solche Formulierungen ohne großen Aufwand in Parteitagsbeschlüssen oder NGO-Papieren wiederfinden. Der zitierte Gedanke der unbewohnbar werdenden Regionen stammt aus einem UN-Bericht von 2022. Hier liegt keine Schuldzuweisung, sondern eine unbequeme Beobachtung: Wer apokalyptische Narrative pflegt, sollte sich nicht wundern, wenn andere sie radikalisieren.

Das rechtfertigt keinerlei Gewalt, keinen Anschlag, kein Verbrechen. Aber es zwingt zur intellektuellen Selbstprüfung. Wenn politische Ziele ausschließlich in moralischen Absolutheiten formuliert werden, wenn Zweifel als Sünde gelten und Abwägung als Verrat, dann entsteht ein Klima, in dem sich Extremisten rhetorisch andocken können. Die Energiewende ist kein heiliger Krieg, sondern ein technisches, ökonomisches und gesellschaftliches Großprojekt mit Zielkonflikten. Sie verträgt Kritik, ja sie braucht sie, um nicht zur Karikatur ihrer selbst zu werden. Der Berliner Stromausfall war kein Beweis gegen erneuerbare Energien, aber er war eine Warnung vor ihrer ideologischen Überhöhung. Vielleicht ist die grundsätzliche Lehre dieses Ereignisses schlicht diese: Eine nachhaltige Zukunft braucht nicht nur saubere Energie, sondern auch sauberes Denken – weniger Pathos, mehr Pragmatismus, weniger Heilsversprechen, mehr Resilienz. Und ein wenig Humor, um den eigenen Gewissheiten beim Wackeln zuzusehen, ohne gleich den Stecker ziehen zu wollen.

Der Deal Maker entdeckt das ewige Eis

Man muss sich das vorstellen wie eine Szene aus einem Reality-TV-Spin-off: Donald Trump, der selbsternannte Großmeister des Deals, steht vor einer Weltkarte, die verdächtig nach einer Immobilienanzeige aussieht. Viel Weiß, viel Platz, kaum Nachbarn – ein Traum für jeden Entwickler mit Gottkomplex. Grönland, dieses eisige Missverständnis am Rand der bewohnten Welt, erscheint plötzlich nicht mehr als kulturell gewachsene Gesellschaft oder geopolitisch sensibles Gebiet, sondern als das, was Trump instinktiv erkennt: ein Schnäppchen mit Zukunft. „Cold, but tremendous potential“, möchte man ihn sagen hören. Und während der Rest der Welt noch überlegt, ob das nun Satire oder politische Realität ist, wird im Kopf des Deal Makers bereits der Kaufvertrag aufgesetzt – mit goldener Signatur, versteht sich.

Vom Kaufangebot zur freundlichen Einladung mit Flugzeugträger

Der Übergang vom Wunsch zum Anspruch ist in dieser Logik fließend. Erst fragt man höflich, dann nennt man einen Preis, und wenn das nicht funktioniert, erinnert man an die Vorteile einer engeren militärischen Zusammenarbeit. Denn was ist ein Kaufangebot anderes als die zivile Vorstufe zur Kanonenbootdiplomatie? Wenn schon der Geldbeutel nicht überzeugt, dann vielleicht der sanfte Schatten eines Flugzeugträgers am Horizont. Militärische Optionen auszuschließen, wäre in dieser Denkweise geradezu unamerikanisch. Schließlich hat man Basen, Soldaten und ein Arsenal, das förmlich danach schreit, auch im arktischen Klima einmal richtig durchzulüften. Frieden durch Überlegenheit – notfalls auch über Eis.

America First trifft Eisberglogik

Der Zynismus dieser Vorstellung liegt in ihrer inneren Konsequenz. Wenn „America First“ mehr ist als ein Slogan, dann endet es zwangsläufig bei der Frage, warum Amerika nicht auch dort sein sollte, wo morgen die Ressourcen liegen. Grönland wird zur Versicherungspolice gegen eine Zukunft, in der andere Mächte schneller sind. Dass dort Menschen leben, mit eigenen politischen Vorstellungen und einer Geschichte, die nicht bei der Landung amerikanischer Bomber beginnt, ist ein störendes Detail. In der Logik des starken Mannes gilt: Wer zahlt oder marschiert, bestimmt. Und wer nicht will, hat vermutlich etwas zu verbergen – oder zu verlieren.

Der Kolonialismus trägt jetzt Krawatte

Was hier so modern daherkommt, ist nichts anderes als Kolonialismus mit aktualisierter Benutzeroberfläche. Statt Entdeckerschiffen gibt es Drohnen, statt Gouverneuren Unternehmensberater, statt Missionaren Thinktanks. Die Drohung eines Militäreinsatzes muss dabei gar nicht explizit ausgesprochen werden; sie schwingt mit wie das leise Klicken einer entsicherten Waffe. Man spricht von Sicherheit, von Stabilität, von globaler Verantwortung – und meint Kontrolle. Trump ist dabei weniger Ursache als Symptom: der lautstarke Verkäufer einer Idee, die längst in vielen Köpfen wohnt, aber selten so ungeniert formuliert wird.

Lachen am Abgrund

Natürlich lacht man. Man lacht über den Mann, der die Welt wie ein Brettspiel betrachtet, über die Vorstellung amerikanischer Soldaten in Schneetarn, die Demokratie mit Schneeschaufeln verteilen. Doch das Lachen bleibt im Hals stecken. Denn zwischen Kaufangebot und militärischer „Option“ liegt nur ein schmaler Grat, gepflastert mit nationalem Stolz und strategischer Paranoia. Die eigentliche Satire ist nicht die Idee, Grönland zu kaufen oder notfalls zu besetzen. Die Satire ist, dass wir gelernt haben, solche Gedanken nicht mehr sofort als das zu verwerfen, was sie sind: imperialer Größenwahn im Gewand eines Deals. Und während das Eis weiter schmilzt, friert der moralische Kompass ein – zuverlässig, dauerhaft, amerikanisch effizient.

2026 – Das Jahr der Kognitiven Dissonanz

Es gibt Jahre, die kommen leise daher, schleichen sich an wie ein Nebel am Morgen, und es gibt Jahre, die treten die Tür ein, werfen den Tisch um und verlangen lautstark Aufmerksamkeit. 2026 gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist kein Jahr, das fragt, ob wir bereit sind. Es ist ein Jahr, das Antworten erzwingt, und zwar auf Fragen, die wir uns seit Jahrzehnten erfolgreich abgewöhnt haben. Fragen nach Macht und Moral, nach Recht und Wirklichkeit, nach Prinzipien, die wir wie Monstranzen vor uns hertragen, solange sie uns nicht wehtun. Kognitive Dissonanz ist dabei kein Betriebsunfall, sondern das eigentliche Betriebssystem unserer politischen Debatten. Sie ist der Soundtrack einer Welt, die gleichzeitig an universelle Werte glaubt und an selektive Anwendung, an Völkerrecht und an Ausnahmen, an Empörung als Ersatzhandlung und an Bequemlichkeit als Lebensentwurf.

Die Rechte und der Applaus von der falschen Seite

Liebe Rechte, fangen wir bei Euch an, weil Ihr derzeit so angenehm ehrlich seid. Ihr habt ein Problem, und es ist nicht einmal besonders gut versteckt. Wenn Ihr Trumps soziopathischen Alleingang in Venezuela bejubelt, wenn Ihr klatscht, weil „endlich mal einer durchgreift“, dann hallt dieser Applaus weiter, als Euch lieb sein kann. Er wird gehört in Moskau, in Teheran, in Peking. Und dort wird man sehr aufmerksam zuhören, ob der Beifall wirklich den Prinzipien gilt oder nur dem Akteur, solange er zufällig auf der eigenen ideologischen Seite steht. Was passiert, wenn China Taiwan „heimholt“? Wenn Russland beschließt, dass Litauen historisch missverstanden wurde? Wenn die USA plötzlich feststellen, dass Grönland strategisch doch zu wichtig ist, um es den Dänen zu überlassen? Wird dann weiter applaudiert, mit der gleichen Inbrunst, mit der gleichen Rhetorik vom Recht des Stärkeren, vom Ende der Naivität? Oder wird plötzlich entdeckt, dass es da doch so etwas wie Regeln geben sollte? Denn wenn nicht, wenn hier selektiv gezuckt und dort empört geschrien wird, dann ist das kein Realismus, sondern bloß Stammtisch mit Atomwaffen. Bereitet Euch auf Fragen vor. Sie werden kommen. Und sie werden unangenehm präzise sein.

Die Linke und der große Traum vom letzten Gefecht

Liebe Linke, Euer Problem ist größer, tiefer und historisch deutlich schwerer belastet. Ihr singt noch immer Lieder aus einem Jahrhundert, in dem man glaubte, die Welt ließe sich mit Pathos und Transparenten neu sortieren. „Völker, hört die Signale“ klingt gut, fühlt sich warm an, gibt ein wohliges Gefühl moralischer Überlegenheit. Was Ihr dabei konsequent ausblendet, ist die triviale, aber brutale Tatsache, dass Menschenrechte heute vor allem dort existieren, wo Ihr ideologisch die Nase rümpft. Ein Bürger in den USA lebt freier als einer in Venezuela, ein Israeli freier als ein Palästinenser unter Hamas-Herrschaft, ein Ukrainer freier als ein Russe im eigenen Land. In Deutschland genießt ein Hund mehr rechtlichen Schutz als eine Frau im Iran. Das ist keine Polemik, das ist eine Bestandsaufnahme. Ihr lebt in einem geschichtsrevisionistischen Fiebertraum, in dem Ihr Euch selbst zu Erben einer revolutionären Tradition erklärt, die mit der heutigen Realität nur noch lose verwandt ist. Die historischen Linken waren nicht pazifistisch, sie waren nicht naiv, und sie hätten Euch für Eure selektive Blindheit vermutlich ausgelacht oder verachtet. Die Rechte, die Ihr heute verteidigt, wurden nicht durch die große reinigende Revolution erkämpft, sondern durch jahrzehntelanges, mühsames, oft langweiliges demokratisches Ringen. Und ja, ironischerweise auch dadurch, dass selbst Konservative irgendwann akzeptiert haben, dass Gleichheit vor dem Gesetz keine bolschewistische Verschwörung ist.

Selektive Empörung als moralische Disziplin

Damit Euer Narrativ nicht in sich zusammenfällt, müsst Ihr wegsehen. Ihr müsst die Augen verschließen vor den zu Tode Gefolterten in syrischen Kellern, vor iranischen Frauen, die für ein Stück Stoff erschlagen werden, vor Menschen, die von der Hamas auf offener Straße hingerichtet wurden, vor Jahrzehnten palästinensischen Terrors und vor Venezolanern, die nun jubeln, weil sie hoffen, dass das Martyrium ein Ende hat. Ihr schweigt, wenn sich autoritäre Regime gegenseitig abschlachten, wenn Millionen vertrieben werden, wenn Massengräber entstehen. Kulturelle Eigenheiten, sagt Ihr dann, und meint damit: nicht unser Problem. Eure Empörung entzündet sich nicht daran, dass das Völkerrecht verletzt wird, sondern daran, dass jemand anders die Drecksarbeit übernimmt, die Ihr rhetorisch immer eingefordert habt, ohne jemals bereit zu sein, den Preis dafür zu zahlen. Hauptsache gegen den Westen, denn bei Euch ist eine Himmelsrichtung längst zur moralischen Kategorie verkommen und Demokratie zum Synonym für Kolonialismus. Das wirkt nicht mehr tragisch, sondern nur noch peinlich. Die Rechten sind da wenigstens ehrlich in ihrem Zynismus.

Vom Leviathan und dem zahnlosen Tiger

Thomas Hobbes schrieb 1651, Verträge ohne das Schwert seien nur Worte. Ein Gesetz ohne Gewalt ist bloß ein Ratschlag. Diese Einsicht ist alt, unkomfortabel und erstaunlich aktuell. Jedes Mal, wenn man es wagt, das Völkerrecht als zahnlosen Tiger zu bezeichnen, geht ein kollektives Empörungskonzert los. Dabei ist die Idee schön, fast rührend. Die Umsetzung hingegen ist katastrophal. Es gibt keine echte Durchsetzung, keine neutrale Instanz mit Macht, sondern nur Interessen, Vetos und Deals. In der realen Welt gilt nach wie vor das Recht des Stärkeren, auch wenn wir uns im wohltemperierten Elfenbeinturm gern einreden, dass Appelle und Resolutionen Panzer aufhalten. Während wir uns mit immer feineren Identitätskategorien beschäftigen, neue Minderheiten erfinden, um noch irgendetwas bekämpfen zu können, wird draußen Politik mit Gewalt gemacht. Nicht, weil das gut ist, sondern weil es funktioniert. Das ist der Skandal, nicht seine Benennung.

Die UN, das Öl und der Mittelfinger

Über die Hälfte der UN-Mitglieder sind keine Demokratien. 1991 verabschiedeten zahlreiche muslimische Staaten in Kairo eine eigene Menschenrechtscharta, die den universellen Anspruch kurzerhand relativierte. Und dennoch sitzen sie bis heute brav in der Generalversammlung, weil unter ihrem Sand das Öl liegt, das unseren Lebensstil schmiert. Sie zeigen uns den Mittelfinger, und wir servieren Kaffee und Kuchen, lassen sie auf unseren Straßen demonstrieren und wundern uns, dass sie unsere Werte nicht teilen. Wir haben unsere Rechte exportieren wollen wie ein Produkt, ohne zu akzeptieren, dass es Abnehmer gibt, die daran schlicht kein Interesse haben. Sie nutzen unsere Offenheit, um ihre Verachtung zu artikulieren, und wir nennen das dann Dialog.

Der Schock der Wirklichkeit

Was Figuren wie Trump oder Netanjahu tun, ist weniger die Welt zu verändern, als uns brutal aus unserem Zuckerwattentraum zu reißen. Plötzlich wackeln Grundannahmen, die wir für selbstverständlich hielten. Und statt erwachsen damit umzugehen, rennen wir aufgeregt durcheinander, schreiben Posts, klicken Empörung, fühlen uns moralisch überlegen – schaffen es aber nicht, uns ernsthaft mit Wehrdienst, Verteidigungsfähigkeit oder auch nur einem vegetarischen Tag in der Kantine anzufreunden. 2026 wird das Jahr, in dem diese Widersprüche nicht mehr zu übersehen sind. Kognitive Dissonanz überall, wohin man schaut.

Nach dem Ende der Illusionen

Vielleicht wäre jetzt, wo ohnehin schon so vieles zerbricht, der richtige Moment, sich ehrlich zu fragen, ob wir unsere Werte wirklich weiterhin auf jene projizieren sollten, die sie weder wollen noch achten. Diese Idee ist gescheitert, nicht aus Bosheit, sondern aus Realitätsverweigerung. Das hat nichts mit dem kindischen Links-Rechts-Schema zu tun, das heute jede Debatte vernebelt, sondern mit dem Kern dessen, was nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht werden sollte: Nie wieder blind, nie wieder naiv. Mir persönlich ist es egal, ob ein Terrorführer durch eine Panzergranate stirbt, ein Autokrat im Gefängnis endet oder ein General sein Auto unfreiwillig umbaut. Ja, das ist völkerrechtswidrig. Aber das, was diese Figuren zuvor getan haben, ist moralisch ungleich verwerflicher. Werte stehen für mich über Formalien. Und genau diese Ehrlichkeit wird 2026 schmerzhaft einfordern. Die Weltbilder mancher werden danach aussehen wie eine zerbombte Stadt: unbewohnbar, aber vielleicht endlich real.

Die Stadt der vielen Sprachen und der einen Verlegenheit

Wien, diese alte Dame mit Jugendstilfalte und Weltschmerzlächeln, rühmt sich gern ihrer historischen Mehrsprachigkeit: Hier klangen einst Tschechisch, Ungarisch, Jiddisch, Italienisch und das unverwüstliche Wienerische durcheinander wie Besteck in einer Kaffeehauslade. Heute klingt es anders, moderner, globalisierter, und doch steht über allem eine merkwürdige Stille, sobald die Statistik spricht: Wenn in manchen Wiener Bezirken sechzig bis siebzig Prozent der Kinder beim Schuleintritt kein Deutsch sprechen, dann ist das kein folkloristisches Detail, sondern ein gesellschaftlicher Trommelwirbel, der paradoxerweise kaum jemanden aus dem Mittagsschlaf reißt. Die Frage, die sich stellt, ist unerquicklich und daher ungeliebt: Wie wichtig ist Deutschlernen für manche Eltern eigentlich noch? Und gleich dahinter lauert die zweite, noch unangenehmere: Wie bequem haben wir es uns in der Annahme gemacht, dass es schon irgendwie gehen wird, selbst wenn es das offenkundig nicht tut?

Die sanfte Tyrannei der funktionierenden Parallelwelten

Parallelmilieus sind die moderne Form des urbanen Komforts. Sie bieten alles, was das Herz begehrt: Einkaufsmöglichkeiten in der vertrauten Sprache, soziale Anerkennung ohne mühsame Übersetzungsarbeit, Informationskanäle, die den Rest der Stadt wie eine entfernte Fernsehserie erscheinen lassen. In solchen funktionierenden Mikrokosmen wird Deutsch zu einer optionalen App, die man vielleicht irgendwann herunterlädt, wenn Speicherplatz übrig ist. Warum auch nicht, möchte man zynisch fragen, denn der Alltag funktioniert ja: Arzttermine werden über Cousins organisiert, Behördengänge über spezialisierte Dienstleister, die mehrsprachig den bürokratischen Dschungel roden, und die Schule? Nun, die Schule wird zu einem Ort, an dem man seine Kinder abliefert wie Pakete, in der Hoffnung, dass sie irgendwann lesbar zurückkommen. Das Problem dabei ist weniger böser Wille als eine stille Logik des Auskommens ohne Anschluss, die Integration zur lästigen Zusatzqualifikation degradiert.

Bildung als pädagogische Zaubershow

Die Schule wiederum steht da wie ein Zauberer ohne Hut, aus dem trotzdem Kaninchen springen sollen. Sie soll aus Kindern ohne ausreichende Deutschkenntnisse binnen weniger Jahre leistungsfähige, selbstbewusste Bildungsbürger machen, während sie gleichzeitig den Lehrplan einhält, soziale Konflikte moderiert und nebenbei das Versprechen der Chancengleichheit erneuert. Wer darauf hinweist, dass Sprache kein Beiwerk, sondern das tragende Gerüst von Bildung ist, gilt schnell als kulturpessimistisch oder schlimmer: als jemand, der den falschen Ton trifft. Dabei ist es eine simple, fast banale Wahrheit, dass ohne gemeinsame Sprache weder Mathematik noch Geschichte noch das berühmte kritische Denken wirklich Fuß fassen. Die Polemik liegt nicht darin, dies auszusprechen, sondern darin, so zu tun, als sei es eine Zumutung.

Die Elternfrage, die keiner stellen will

Eltern lieben ihre Kinder, daran besteht kein Zweifel. Aber Liebe allein ersetzt keine Vokabeln. Wenn Deutschlernen in manchen Familien zur nachrangigen Option wird, dann nicht, weil Eltern ihre Kinder scheitern sehen wollen, sondern weil der unmittelbare Nutzen unsichtbar bleibt. In Milieus, in denen ökonomische und soziale Netzwerke auch ohne Deutsch funktionieren, erscheint die Sprache des Landes wie ein fernes Hobby, etwas für später, vielleicht für die zweite Generation, die dann wiederum vor denselben Klassenzimmern sitzt. Hier wird es satirisch bitter: Man investiert Zeit und Energie in alles Mögliche, von religiösen Ritualen bis zu digitalen Parallelöffentlichkeiten, aber die Sprache, die Bildung und Aufstieg erst ermöglicht, wird delegiert – an den Staat, an die Schule, an das diffuse „System“, das schon liefern möge.

Der Staat als höflicher Bittsteller

Und der Staat? Er tritt auf wie ein überfreundlicher Gastgeber, der seine Gäste nicht daran erinnern möchte, die Schuhe auszuziehen, um ja nicht unhöflich zu wirken. Sprachförderung wird angeboten, aber selten eingefordert, Verpflichtungen werden mit der Samthandschuh-Rhetorik der Freiwilligkeit umwickelt. Man könnte meinen, Deutsch sei ein Wellnessangebot: nett, wenn man es nutzt, aber niemand soll sich gezwungen fühlen. Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen: Gerade jene Kinder, die am dringendsten klare Erwartungen bräuchten, werden in einer Wolke aus gut gemeinter Unverbindlichkeit großgezogen. Integration wird so zur Option unter vielen, nicht zur gemeinsamen Basis.

Satirischer Blick nach vorn oder die Kunst des gemeinsamen Satzbaus

Vielleicht liegt die Lösung nicht im moralischen Zeigefinger, sondern in einer radikal nüchternen Einsicht: Eine Gesellschaft braucht eine gemeinsame Sprache, um mehr zu sein als eine Ansammlung höflich ignorierter Nachbarschaften. Deutschlernen ist keine kulturelle Unterwerfung, sondern ein Werkzeug, und Werkzeuge sind nur dann ideologisch aufgeladen, wenn man sie nicht benutzt. Der augenzwinkernde Zynismus dieser Debatte besteht darin, dass alle Beteiligten so tun, als wüssten sie das nicht. Man lacht verlegen, man formuliert um, man verschiebt die Verantwortung – und wundert sich später über Bildungsstatistiken, die klingen wie schlechte Satire, aber leider keine sind. Wien könnte wieder zur Stadt der vielen Sprachen werden, doch dafür braucht es zuerst den Mut zur einen gemeinsamen: nicht als Ausgrenzung, sondern als Einladung, die endlich ernst gemeint ist.

Die Gleichheitsmaschine und ihre Nebenwirkungen

Es beginnt stets mit einem Versprechen, das so weich klingt wie ein frisch gewaschener Pullover aus Bio-Baumwolle: Gleichheit für alle, Gerechtigkeit überall, Diskriminierung nirgendwo. Ein moralischer Wellnessbereich, in dem niemand friert, niemand schwitzt und niemand widerspricht, weil Widerspruch als Erkältung gilt. Doch wie bei jeder Maschine, die zu heiß läuft, beginnt es irgendwann zu riechen. Nicht nach verbranntem Gummi, sondern nach verbrannter Debatte. Die Gleichheitsmaschine, einmal auf maximale Drehzahl gebracht, fräst alles weg, was kantig, unpraktisch oder widerspenstig ist: Meinungen, Zweifel, Ironie. Übrig bleibt eine sterile Fläche, auf der alle gleich sind, weil sie gleich schweigen.

Man könnte einwenden, das sei übertrieben. Satire, Polemik, böser Wille. Und doch lohnt es sich, genauer hinzusehen, wie aus dem gutgemeinten Kampf gegen Ungerechtigkeit eine Praxis wird, die Ungleiches nicht mehr unterscheidet, sondern unterschiedslos verurteilt. Denn das Gift wirkt nicht durch offene Feindseligkeit, sondern durch moralische Süße. Wer widerspricht, wird nicht bekämpft, sondern therapiert. Nicht widerlegt, sondern etikettiert. Und wer etikettiert ist, darf sich glücklich schätzen: Er existiert wenigstens noch als abschreckendes Beispiel.

Die neue Zensur trägt Kapuzenpullover

Es gibt Zensur, die kommt mit Stempel und Amtsstube, und es gibt Zensur, die kommt mit Megafon, Maske und dem guten Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Letztere ist die modernere, agilere Variante. Sie arbeitet nicht mit Verboten, sondern mit Ausschluss. Nicht mit Paragraphen, sondern mit Parolen. Sie erklärt nicht, was gesagt werden darf, sondern wer es sagen darf. Das Ergebnis ist dasselbe, nur fühlt es sich wärmer an.

In dieser Logik wird die Debatte nicht mehr geführt, sondern entschieden. Richtig ist, was als richtig gilt; falsch ist, was als gefährlich markiert wird. Die Entscheidung fällt nicht in langen Argumentationsketten, sondern in kurzen, lauten Gesten. Wer fragt, wird verdächtigt. Wer zögert, wird verdoppelt verdächtigt. Wer lacht, endgültig enttarnt. Es ist eine Welt, in der die Meinungsfreiheit formal existiert, praktisch aber an Bedingungen geknüpft ist: an den richtigen Ton, die richtige Haltung, das richtige Milieu. Freiheit, so lernt man, ist etwas für Menschen mit geprüfter Gesinnung.

Wenn Moral zur Keule wird

Die große Pointe dieser Entwicklung liegt in ihrer Selbstwahrnehmung. Denn sie hält sich für das Gegenteil dessen, was sie ist. Wo sie Gleichheit ruft, schafft sie Hierarchien. Wo sie Befreiung verspricht, etabliert sie neue Formen der Kontrolle. Moral wird zur Keule, mit der nicht Argumente zerschlagen, sondern Personen markiert werden. Der Gegner ist nicht falsch, er ist schlecht. Und wer schlecht ist, dem muss man nicht zuhören.

So entsteht ein paradoxes Freiheitsverständnis: Freiheit für alle, die zustimmen; Freiheit von allen, die widersprechen. Eine Freiheit, die keinen Rechtsstaat braucht, weil sie sich selbst für Recht hält. Dass dabei das offene Gespräch auf der Strecke bleibt, wird nicht als Verlust empfunden, sondern als Fortschritt. Endlich Ruhe. Endlich Klarheit. Endlich keine Diskussionen mehr darüber, was Gleichheit eigentlich bedeuten könnte. Die Straße ersetzt das Seminar, der Sprechchor das Streitgespräch, das Etikett die Analyse.

Die Sehnsucht nach der eindeutigen Welt

Hinter all dem steht eine tiefe Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Nach einer Welt ohne Ambivalenzen, ohne Grautöne, ohne das lästige „Es kommt darauf an“. Gleichheit, absolut gedacht, ist verführerisch, weil sie Ordnung verspricht. Doch Ordnung ohne Freiheit ist Stillstand, und Stillstand ohne Debatte ist Verfall. Eine Gesellschaft lebt nicht davon, dass alle dasselbe denken, sondern davon, dass sie darüber streiten dürfen, was sie denken sollen. Das richtige Maß – zwischen Gleichheit und Ungleichheit, zwischen Freiheit und Ordnung – entsteht nicht durch Straßengeräusche, sondern durch Argumente, die man aushält, auch wenn sie schmerzen.

Der Zynismus der Geschichte besteht darin, dass Bewegungen, die einst angetreten sind, um Unterdrückung zu bekämpfen, beginnen, Unterdrückung neu zu buchstabieren. Nicht mehr von oben nach unten, sondern von innen nach außen. Nicht staatlich, sondern sozial. Nicht dauerhaft, sondern situativ – was es kaum besser macht. Denn wer heute ausgegrenzt wird, weil er die falsche Frage stellt, lernt schnell, morgen gar keine mehr zu stellen.

Schluss mit dem Augenzwinkern, fast

Man kann darüber lachen, man sollte es sogar. Humor ist eines der letzten Schutzmittel gegen ideologische Verkrampfung. Doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man merkt, wie dünn die Schicht ist, die das offene Wort noch schützt. Eine Gesellschaft, die Debatte durch Deutungshoheit ersetzt, tauscht Freiheit gegen Bequemlichkeit. Sie gewinnt Ruhe und verliert Geist. Und irgendwann stellt sie fest, dass Gleichheit ohne Freiheit nichts anderes ist als eine besonders gleichmäßig verteilte Unfreiheit.

Vielleicht ist das die eigentliche Satire unserer Zeit: dass ausgerechnet jene, die am lautesten von Befreiung sprechen, am empfindlichsten auf freie Rede reagieren. Ein Augenzwinkern bleibt, ja. Aber es ist das Zwinkern dessen, der weiß, dass Humor allein keine Debatte ersetzt – und dass ohne Debatte selbst die schönste Gleichheit nur noch eine Kulisse ist.

Die Behauptung als Beruhigungstablette

„Freie Gesellschaften verbieten falsche Meinungen nicht. Sie widerlegen sie.“ Ein Satz wie ein Baldriantee für das liberale Gewissen: mild, wohltuend, leicht einschläfernd. Man hört ihn gern auf Podien, liest ihn in Feuilletons, murmelt ihn sich selbst zu, wenn draußen wieder jemand laut und unerquicklich redet. Er klingt nach Aufklärung, nach Kant mit WLAN, nach der beruhigenden Vorstellung, dass Wahrheit sich schon irgendwie durchsetzt, wenn man sie nur artig argumentieren lässt. Die Pointe folgt im zweiten Satz wie der moralische Nachschlag: „Nur Diktaturen und autokratische Herrscher bestrafen unerwünschte Wortmeldungen.“ Das ist sauber, binär, moralisch aufgeräumt. Hier Licht, dort Finsternis. Hier Widerlegung, dort Repression. Und genau deshalb ist dieser Satz so gefährlich – nicht weil er völlig falsch wäre, sondern weil er sich so wunderbar eignet, halbe Wahrheiten als ganze auszugeben.

Die Theorie vom Marktplatz der Ideen

Das Bild, das diesem Glaubenssatz zugrunde liegt, ist alt und ehrwürdig: der „Marktplatz der Ideen“. Man stellt ihn sich gern wie einen Wochenmarkt vor, auf dem Argumente knackig und frisch ausliegen, während faule Thesen schon am Geruch scheitern. Wahrheit setzt sich durch, weil sie besser ist, rationaler, überzeugender. Ein hübsches Ideal – nur leider eines, das stillschweigend voraussetzt, dass alle Marktteilnehmer lesen können, dieselbe Sprache sprechen, ähnliche Bildung genießen und vor allem: dass sie überhaupt an Wahrheit interessiert sind. In der Realität gleicht dieser Marktplatz eher einem Jahrmarkt mit Megafonen, Nebelmaschinen und Zuckerwatte. Wer am lautesten schreit, gewinnt Aufmerksamkeit; wer am einfachsten erklärt, gewinnt Applaus; wer Angst verkauft, verkauft am besten. Widerlegung? Ja, sie findet statt. Aber sie findet oft in Fußnoten statt, während die falsche Behauptung längst auf TikTok tanzt.

Die subtile Kunst des Nicht-Verbietens

Freie Gesellschaften, so sagt man, verbieten keine Meinungen. Und tatsächlich: Sie sperren selten Journalisten ein, sie verurteilen selten Dichter zu Straflagern, sie verbannen selten Bücher öffentlich auf Scheiterhaufen. Stattdessen haben sie elegantere Instrumente entwickelt. Man lädt missliebige Stimmen einfach nicht mehr ein. Man versieht sie mit Etiketten – „umstritten“, „problematisch“, „nicht mehr zeitgemäß“. Man erklärt sie für widerlegt, ohne die Widerlegung zu liefern, oder liefert sie in einer Sprache, die nur Eingeweihte verstehen. Das ist kein Verbot, versteht sich. Das ist Kuratieren. Moderieren. Verantwortung übernehmen. Und doch entfaltet diese weiche Macht eine Wirkung, die der harten Zensur erstaunlich ähnlich sieht: Selbstzensur, Schweigen, Anpassung. Der Unterschied liegt weniger im Ergebnis als im Tonfall – statt Knüppel gibt es moralische Augenbrauen.

Widerlegung als Feigenblatt

Der Satz behauptet, freie Gesellschaften würden falsche Meinungen widerlegen. Aber was heißt das eigentlich? Eine Widerlegung setzt voraus, dass beide Seiten dieselben Regeln akzeptieren: Logik, Fakten, Evidenz. Doch was, wenn die „falsche“ Meinung diese Regeln gar nicht anerkennt? Wenn sie immun ist gegen Gegenargumente, weil sie sich aus Identität, Gefühl oder Verschwörung speist? Dann wird die Widerlegung zur symbolischen Handlung, zur rituellen Selbstvergewisserung der Vernünftigen. Man widerlegt nicht, um zu überzeugen, sondern um sich selbst zu bestätigen. Die falsche Meinung verschwindet dadurch nicht – sie radikalisiert sich, fühlt sich verfolgt und bestätigt. So wird Widerlegung zum paradoxen Motor dessen, was sie eigentlich stoppen wollte.

Diktaturen, diese bequemen Anderen

Der zweite Satzteil ist der bequemere: Nur Diktaturen und Autokratien bestrafen unerwünschte Wortmeldungen. Das ist historisch nicht falsch, aber politisch bequem. Er erlaubt es freien Gesellschaften, sich permanent im Spiegel der Schlimmeren zu betrachten und dabei blendend auszusehen. Natürlich ist es ein qualitativer Unterschied, ob jemand auf Twitter gesperrt wird oder im Gefängnis verschwindet. Aber der moralische Kurzschluss, jede Sanktion jenseits des Strafrechts aus der Kategorie „Bestrafung“ auszuklammern, ist intellektuell unerquicklich. Auch soziale Ächtung, berufliche Konsequenzen oder algorithmische Unsichtbarkeit sind Formen von Strafe – nur eben solche, die man sich selbst zuschreibt, um nachts besser schlafen zu können.

Der Zynismus der Selbstgewissheit

Das eigentlich Zynische an dem eingangs zitierten Satz ist seine Selbstzufriedenheit. Er sagt weniger über die Realität freier Gesellschaften aus als über ihr Selbstbild. Er ist ein Glaubensbekenntnis, kein Befund. Ein Mantra, das man wiederholt, um nicht genauer hinsehen zu müssen. Denn genaueres Hinsehen würde zeigen: Freiheit ist anstrengend. Sie produziert hässliche Meinungen, dumme Parolen, gefährliche Irrtümer. Sie verlangt, dass man Dinge aushält, die man verabscheut – und dass man argumentiert, obwohl man lieber verbieten würde. Wer all das durch den beruhigenden Satz ersetzt, dass „wir“ ja nur widerlegen und „die anderen“ bestrafen, betreibt keine Verteidigung der Freiheit, sondern ihre rhetorische Simulation.

Ein augenzwinkernder Schluss ohne Erlösung

Vielleicht liegt die Wahrheit – dieses scheue Wesen – irgendwo zwischen Widerlegung und Verbot. Freie Gesellschaften leben nicht davon, dass sie niemals bestrafen, sondern davon, dass sie ständig darüber streiten, wo Bestrafung beginnt und wo legitime Kritik endet. Das ist unerquicklich, unerquicklich genug, um keine hübschen Leitsätze zu dulden. Der zitierte Satz ist deshalb weniger falsch als zu glatt. Er ist die Sonntagsrede einer Freiheit, die montags gerne ausschläft. Man darf ihn sagen, ja. Aber man sollte ihn nicht glauben, ohne dabei leise zu lachen – über sich selbst, über die eigene moralische Bequemlichkeit und über die naive Hoffnung, dass Wahrheit immer gewinnt, nur weil sie recht hat.

Ein Geschenk, das sich selbst verwarf

Wahrscheinlich werden erst spätere Generationen – jene, die ihre Geschichtsbücher nicht mehr mit moralischen Filzstiften, sondern mit kaltem Blick und warmer Ironie lesen – begreifen, welch eigentümliches, vielleicht einmaliges Angebot Deutschland am Anfang des 21. Jahrhunderts ausgeschlagen hat. Nicht aus Zwang, nicht aus Unwissen, sondern aus einer Mischung aus Hybris, Bequemlichkeit und jener eigentümlichen politischen Korruption, die sich nicht in braunen Umschlägen, sondern in transatlantischen Einladungen, gut dotierten Anschlussverwendungen und einem Übermaß an „Haltung“ äußert. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ausgerechnet aus dem Osten kam, um dem Westen etwas anzubieten, das dieser Westen seit Jahrzehnten predigt, aber nur selten praktiziert: Partnerschaft auf Augenhöhe. Und ja, der Name dieses Mannes lautet Wladimir Putin – ein Name, bei dessen bloßer Erwähnung heute reflexartig Schaum vor den moralisch geimpften Mündern erscheint, als hätte jemand im Bundestag heimlich ein rotes Tuch geschwenkt.

Man stelle sich vor: Ein russischer Staatschef, der Deutschland nicht nur vom Hörensagen kennt, sondern von innen. Dresden, nicht als touristische Postkartenkulisse, sondern als Lebensort. Fließendes Deutsch, nicht aus dem Sprachlabor eines Dolmetschers, sondern mit jenem leicht harten, aber präzisen Klang, den nur jemand hat, der die Sprache ernst genommen hat. Eine Tochter, geboren in Sachsen – ein Detail, das in jedem anderen Kontext rührselig ausgeschlachtet würde, hier aber peinlich verschwiegen werden muss, weil es die Erzählung stört. Kurz: kein exotischer Autokrat aus einem fernen Reich, sondern ein Mann, der Deutschland kannte, vielleicht besser als viele seiner späteren deutschen Kritiker.

Die verpasste Stunde der Geschichte

Rund um die Jahrtausendwende lag etwas in der Luft, das man heute nur noch aus Geschichtsdokumentationen kennt: Möglichkeit. Die Möglichkeit, russische Rohstoffe – Gas, Öl, seltene Metalle, schier endlose Weiten – mit deutscher Ingenieurskunst zu verbinden, dieser eigentümlichen Mischung aus pedantischer Präzision und kreativer Sturheit, die weltweit beneidet und zugleich belächelt wird. Eine Allianz von Wladiwostok bis Lissabon, ein wirtschaftlicher, technologischer und politischer Raum, der nicht nur stark, sondern vor allem unangreifbar gewesen wäre. Nicht, weil er Waffen gehortet hätte, sondern weil er auf gegenseitiger Abhängigkeit beruhte – jener stillen Friedensgarantie, die keine Militärparade ersetzen kann.

Es wäre ein Europa gewesen, das seinen eigenen Weg geht, selbstbewusst, souverän, mit Russland nicht als ewigen Feind, sondern als schwierigen, aber berechenbaren Partner. Ein Europa, das nicht bei jedem geopolitischen Problem zuerst über den Atlantik schielt, um sich dort die nächste moralische Gebrauchsanweisung abzuholen. Doch genau das durfte nicht sein. Denn was wäre schlimmer für eine politische Klasse, die sich an fremde Schutzmächte gewöhnt hat, als echte Eigenständigkeit? Was wäre gefährlicher für Karrieren, als ein Frieden, der keine Feindbilder mehr braucht?

Bundestag, 25. September 2001: Ein Moment, den man heute verleugnet

Am 25. September 2001 betrat Wladimir Putin das Rednerpult des Deutschen Bundestages und sprach – man reibt sich heute verwundert die Augen – auf Deutsch. Nicht symbolisch, nicht mit ein paar einstudierten Höflichkeitsfloskeln, sondern ernsthaft, ausführlich, direkt. Er wandte sich an die Abgeordneten, aber vor allem an das deutsche Volk. Er sprach von gemeinsamer Geschichte, von Verantwortung, von der Chance, die Fehler des 20. Jahrhunderts nicht zu wiederholen. Er sprach von Europa als gemeinsames Haus, nicht als militärisch gesicherte Wohngemeinschaft mit US-amerikanischem Hausmeister.

Es war eine Rede, die heute entweder vergessen, verharmlost oder umgedeutet wird. Damals gab es stehende Ovationen. Heute würde man sie vermutlich mit empörten Zwischenrufen, Faktenchecks in Echtzeit und einer anschließenden Sondersendung zur „Einordnung problematischer Narrative“ begleiten. Der Zyniker könnte sagen: Selten hat ein Mann so offen die Hand gereicht – und selten wurde sie so elegant ignoriert. Man klatschte, lächelte, schrieb wohlwollende Kommentare. Und ging anschließend zur Tagesordnung über: zur schrittweisen Sabotage genau jener Partnerschaft, die man eben noch bejubelt hatte.

Die Kunst der politischen Selbstverzwergung

Stattdessen verbündete man sich mit jenen Kräften, die kein Interesse an einem starken, selbstständigen Europa haben. Mit Akteuren, deren Geschäftsmodell seit Jahrzehnten auf Spaltung, Eskalation und dem Export von Konflikten beruht. Deutsche Regierungspolitiker – man erspare sich hier die Namensliste, sie ist lang und unerquicklich – entschieden sich nicht für Frieden, sondern für die sichere Karriere. Nicht für Zusammenarbeit, sondern für die wohlige Wärme des moralischen Überlegenheitsgefühls. Korruption, wohlgemerkt, nicht im vulgären Sinne des Schmiergelds, sondern im feinen Sinne der geistigen Gefälligkeit.

Man erklärte Russland zum ewigen Gegner, obwohl es gerade dabei war, sich anzunähern. Man sprach von Werten, während man gleichzeitig bereit war, diese Werte an jeden zu verkaufen, der den richtigen Pass und die richtige Währung mitbrachte. Und man tat all das mit jener selbstgerechten Miene, die nur jemand aufsetzen kann, der fest davon überzeugt ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen – ein Glaube, der sich historisch betrachtet stets als besonders gefährlich erwiesen hat.

Nachwort für die Geschichtsbücher

Vielleicht, irgendwann, werden Historiker nüchtern feststellen, dass hier nicht einfach ein geopolitischer Fehler begangen wurde, sondern eine kulturelle Bankrotterklärung. Dass Deutschland eine historische Chance verspielt hat, nicht weil es musste, sondern weil es wollte. Dass man einen russischen Präsidenten, der Deutschland kannte, verstand und respektierte, lieber zum Dämon erklärte, als sich selbst zu hinterfragen. Und vielleicht wird man dann, mit jenem melancholischen Humor, den nur zeitlicher Abstand erlaubt, sagen: Es war alles da. Man hätte nur zugreifen müssen. Bis dahin bleibt uns die Satire, der Zynismus, das Augenzwinkern. Und die leise, unangenehme Frage, ob wir nicht gerade wieder dabei sind, eine Generation zu produzieren, die sich irgendwann entschuldigen muss – bei ihren Kindern, bei ihrer Geschichte, und vielleicht sogar bei jenem Mann aus Dresden, dessen Rede im Bundestag heute klingt wie ein Echo aus einer besseren, verpassten Möglichkeit.

Universität Birmingham: Prüfungen zu „weiß“?

Die feierliche Geburt einer Idee und ihr stilles Ableben

Die „University of Birmingham“ wurde im Jahre des Herrn 1900 von Königin Victoria gegründet, in einer Epoche also, in der man noch der irrigen Auffassung war, Universitäten dienten der Erkenntnis und Prüfungen der Überprüfung derselben, eine Zeit, in der man glaubte, Wahrheit ließe sich wenigstens annäherungsweise von Irrtum unterscheiden, und in der man die naive Hoffnung hegte, dass Leistungsnachweise etwas mit Leistung zu tun haben könnten; seither lehrt und forscht man dort munter vor sich hin, und wenn man dem Pathos der Gründungsurkunden Glauben schenken darf, tat man dies einst mit einem gewissen Ernst gegenüber dem Gegenstand, dem Studenten und – man verzeihe das archaische Wort – der Wahrheit, doch wie alles Irdische ist auch diese Idee dem Zahn der Zeit nicht gewachsen, und während die ehrwürdigen Backsteinfassaden der Universität noch stoisch dem Regen trotzen, hat sich im Inneren eine geistige Erosion vollzogen, die nunmehr dazu führt, dass man ausgerechnet dort, wo man einst die Grundlagen rationalen Denkens pflegte, das Denken selbst als verdächtiges Relikt kolonialer Gewalt identifiziert.

Prüfen als Akt struktureller Aggression

Da aber zum Lehren auch gelegentliches Prüfen gehört, muss man sich von Zeit zu Zeit darüber klar werden, in welcher Form Prüfungen stattfinden sollen – akademische Prüfungen, wohlgemerkt, von denen man zumindest theoretisch ein gewisses Niveau erwarten sollte –, doch in Birmingham scheint man mit diesem Prinzip leichte Schwierigkeiten zu haben, wie die britische Zeitung „Daily Mail“ berichtet, und man darf an dieser Stelle ruhig festhalten, dass es eine gewisse Ironie besitzt, wenn ausgerechnet ein Boulevardblatt zum Chronisten universitärer Selbstauflösung wird, während die akademische Welt selbst in betretenem Schweigen versinkt. Im Folgenden werde ich nichts anderes tun, als die deutsche Übersetzung dieses Artikels zu notieren, die ich nur manchmal unterbrechen muss, um einen Begriff zu erläutern, wobei bereits diese Notwendigkeit der Erläuterung ein Symptom ist: Man versteht die neue Universität nur noch, wenn man sie wie eine fremde Kultur ethnologisch kommentiert.

Intelligenz als weißes Missverständnis

Unter der Überschrift „Große britische Universität fordert Abschaffung von Prüfungen als Teil ihrer Pläne zur ‚Dekolonialisierung‘ ihrer Wirtschaftsfakultät – weil ‚sie weiße Studierende begünstigen‘“ wird dem Leser eröffnet, dass Prüfungen und das Verfassen von Aufsätzen abgeschafft werden sollten, da sie weiße Studenten unfair begünstigten, eine These von jener schlichten Radikalität, die jeden Widerspruch bereits als moralische Verfehlung disqualifiziert, denn wer wollte sich schon vorwerfen lassen, er verteidige Privilegien, wenn er in Wahrheit lediglich darauf besteht, dass zwei plus zwei auch weiterhin vier ergeben mögen. Die Universität Birmingham erklärt demnach, traditionelle Bewertungsmethoden würden „Intelligenz auf der Grundlage weißer Privilegien“ messen, ein Satz, der bei näherer Betrachtung weniger über Intelligenz als über das Weltbild seiner Urheber verrät, denn er setzt voraus, dass Denken selbst ein kulturell exklusives Produkt sei, gewissermaßen ein Accessoire der europäischen Hautfarbe, und dass das Lösen einer Aufgabe weniger mit Verstehen als mit Pigmentierung zu tun habe.

Die Dekolonialisierung des Niveaus

Diese erstaunliche Behauptung wurde in einem neuen Papier darüber aufgestellt, wie die Wirtschaftsfakultät „dekolonialisiert“ werden könne, wobei der Begriff hier eine bemerkenswerte Bedeutungsverschiebung erfährt: Ging es bei der historischen Dekolonisation um politische Selbstbestimmung, so geht es nun offenbar um die Befreiung von Anforderungen, von Maßstäben und letztlich von Zumutungen, denn nichts scheint kolonialer zu sein als die Erwartung, dass Studierende unter Zeitdruck kohärente Gedanken zu Papier bringen. Wirtschaftsstudiengänge sollen ihre Systeme und Strukturen ändern, um Verbindungen zum „Kolonialismus und seinen Hinterlassenschaften“ zu kappen, und man fragt sich unwillkürlich, ob als Nächstes die Nachfragekurve als imperiales Konstrukt entlarvt oder die doppelte Buchführung als epistemische Gewalt gegen nicht-westliche Zahlensysteme denunziert wird.

Privilegien der Weißheit und andere metaphysische Substanzen

In einem begleitenden Kommentar schwärmt Professorin Sally Everett vom King’s College London von den „unverdienten Vorteilen, weiß zu sein“, und den „Privilegien der Weißheit“, Begriffe, die mit einer solchen metaphysischen Wucht auftreten, dass man beinahe erwartet, sie könnten in Reagenzgläsern abgefüllt und in Seminaren verteilt werden, und sie plädiert für eine „Dekolonisierung der Bewertung“, weil traditionelle Methoden angeblich „systemische Ungleichheiten aufrechterhalten“, was in der Praxis bedeutet, dass man sie durch „Bewertungen mit geringem Einsatz“ wie das Verfassen von reflektierenden Tagebüchern ersetzen solle. Hier muss man kurz innehalten und sich die Schönheit dieser Idee auf der Zunge zergehen lassen: Das Tagebuch, jenes intime Dokument jugendlicher Seelennöte, avanciert zur akademischen Währung, und wer früher noch irrigerweise glaubte, ein Studium solle Wissen und Fähigkeiten vermitteln, darf nun lernen, dass es vor allem um das korrekte Protokollieren eigener Befindlichkeiten geht.

Die Pädagogik der Schonung

Der Bericht kommt folgerichtig zu dem Schluss, dass persönliche, zeitlich begrenzte Prüfungen oder benotete Aufsätze abgeschafft werden sollten, da sie potenziell „Instrumente der Ausgrenzung“ seien, sie würden „Wissen marginalisieren“ und Fähigkeiten aus „nicht-westlichen Traditionen“ abwerten, eine Argumentation, die so tut, als stünde die Fähigkeit, einen klaren Gedanken zu formulieren, in einem unauflöslichen Gegensatz zu kultureller Vielfalt, als müsse man sich zwischen Logik und Gerechtigkeit entscheiden, und als sei das universelle Denken selbst eine Form westlicher Arroganz. All dies ist Teil einer Initiative für Gleichberechtigung, Vielfalt und Inklusion, die als Reaktion auf die Black-Lives-Matter-Proteste ins Leben gerufen wurde, was erklärt, warum man sich weniger mit ökonomischer Theorie als mit moralischer Selbstvergewisserung beschäftigt, denn nichts wirkt in Zeiten öffentlicher Erregung so beruhigend wie der symbolische Verzicht auf Standards.

Infantilisierung als Fürsorge

Chris McGovern von der Campaign for Real Education zeigt sich traurig darüber, dass die akademische Integrität auf diese Weise in Verruf gebracht wird, und weist darauf hin, dass traditionelle Formen der Leistungsbewertung aufgrund von Intelligenz diskriminieren, nicht aufgrund der Rasse, ein Gedanke, der in der neuen Logik bereits als Skandal gilt, weil er impliziert, dass Menschen unterschiedlich leistungsfähig sein könnten, ohne dass dafür ein politischer Schuldiger benannt werden muss. Besonders treffend ist seine Beobachtung, dass Studierende aus dem globalen Süden bevormundet, infantilisiert und herabgewürdigt werden, indem man sie als intellektuell minderwertig behandelt, denn hinter der wohlmeinenden Rhetorik der Schonung verbirgt sich eine Erwartungslosigkeit, die mit Respekt wenig zu tun hat: Wer jemandem keine Prüfung zutraut, traut ihm letztlich auch keine Leistung zu.

Kunstbetrachtung statt Erkenntnis

Der Bericht „Decolonising a business school in context: from theory to practice“ ist Teil eines dreijährigen Projekts, zu dessen weiteren Aktivitäten der Besuch einer Kunstgalerie mit Wirtschaftsstudenten gehörte, um Interpretationen von Gemälden und Skulpturen aus der Perspektive der Rassentheorie zu hören, eine Maßnahme, die man als intellektuelle Horizonterweiterung verkaufen kann, die aber auch den Verdacht nährt, dass hier Ablenkung von der eigenen Inhaltsleere betrieben wird. „Diese Arbeit mag unangenehm sein, aber sie gibt Anlass zur Hoffnung“, heißt es, wobei offenbleibt, wessen Hoffnung hier gemeint ist: die der Studierenden, die nun weniger rechnen müssen, oder die der Verwaltung, die glaubt, durch performative Bußübungen dem Zeitgeist entkommen zu können.

Die Quote als neuer Lehrplan

Die Maßnahme in Birmingham ist Teil einer größeren Initiative zur Abschaffung von Prüfungen im Hochschulbereich, da diese als voreingenommen gegenüber bestimmten Gruppen angesehen werden, und die Universitäten stehen unter Druck, die Kluft zwischen dem Anteil der erstklassigen und guten Absolventen unter weißen Studenten und dem ihrer Kommilitonen mit ethnischem Minderheitenhintergrund zu schließen, ein Ziel, das sich natürlich am einfachsten erreichen lässt, indem man die Kriterien so weit absenkt, bis sie niemanden mehr diskriminieren können – außer vielleicht jene, die noch immer glauben, dass ein Abschluss etwas bedeuten sollte. Es ist unklar, wie viele Wissenschaftler die Empfehlungen bisher umgesetzt haben, doch die Verteidigungsreden der Universität, wonach es sich um das Ergebnis „akademisch fundierter Forschung“ handle, klingen wie das letzte Aufbäumen einer Institution, die den Unterschied zwischen Forschung und Gesinnungsseminar verlernt hat.

Der Triumph der Perspektive über den Gegenstand

„Die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu verstehen, ist eine wichtige Fähigkeit“, heißt es abschließend, und niemand wird dem widersprechen wollen, doch Perspektiven ersetzen keinen Gegenstand, und Vielfalt des Blicks ist kein Ersatz für Klarheit des Denkens; eine Wirtschaftswissenschaft, die sich vor allem mit sich selbst und ihren moralischen Befindlichkeiten beschäftigt, wird weder die Welt erklären noch sie verbessern. So weit der Bericht der „Daily Mail“, der tatsächlich für sich spricht, weshalb ich mir jeden persönlichen Kommentar erspart habe – jedenfalls fast. Für manche mag es tröstlich sein, für andere eher niederdrückend, aber man kann es nicht leugnen: Nicht nur die Deutschen sind verrückt geworden, die Briten sind es auch, und sie haben es geschafft, diesen Zustand mit Zwischenberichten, Projektlaufzeiten und wohlklingenden Leitbildern auszustatten, sodass der Wahnsinn nunmehr als Reform daherkommt und der Verlust der Leistung als Fortschritt gefeiert wird, augenzwinkernd, versteht sich, und selbstverständlich inklusiv.

Ein rechtsstaatliches Perpetuum mobile

Es beginnt, wie alle großen Fortschrittserzählungen beginnen: mit dem festen Willen, die Demokratie zu schützen, notfalls vor sich selbst. Das Deutsche Justizministerium plant den Entzug des passiven Wahlrechts bei Volksverhetzung. Ein Satz, so unschuldig geschniegelt, dass er beinahe wie eine Pressemitteilung aus einem Paralleluniversum klingt, in dem Macht stets nur geliehen, niemals missbraucht wird, und staatliche Institutionen grundsätzlich die Weisheit eines platonischen Philosophenkönigs besitzen. Dass als Volksverhetzung gilt, was die dem Ministerium unterstellte Justiz definiert, ist dabei kein Schönheitsfehler, sondern der eigentliche Clou: Der Rechtsstaat beweist hier seine Fähigkeit zur Selbstbefruchtung. Er erzeugt das Vergehen, benennt es, verfolgt es und zieht daraus die Konsequenzen, alles aus einer Hand, effizient, nachhaltig, demokratiefördernd. Schachmatt, demokratiegläubiger Rechtsstaat Normie, möchte man sagen, während irgendwo im Hintergrund Montesquieu leise hustet und seine Gewaltenteilung noch einmal nachzählt.

Die Moral als Verwaltungsakt

Volksverhetzung ist ein faszinierender Begriff, weil er eine moralische Empörung in ein juristisch handhabbares Format presst. Was früher der wütende Dorfrichter mit hochrotem Kopf und erhobenem Zeigefinger erledigte, übernimmt heute die fein austarierte Maschinerie staatlicher Moralverwaltung. Der Clou besteht darin, dass Moral dabei nicht mehr verhandelt, sondern verordnet wird. Die Justiz, weisungsgebunden, neutral, selbstverständlich frei von politischen Strömungen, entscheidet, welche Worte, Gedanken oder Tonlagen das Volk gefährden. Und da das Volk bekanntermaßen ein empfindliches Wesen ist, stets kurz vor der Verhetzung, bedarf es einer schützenden Hand, die nicht nur sanktioniert, sondern vorsorglich aussortiert. Wer nicht kandidieren darf, kann auch nicht gewählt werden, und wer nicht gewählt werden kann, stellt keine Gefahr dar. Demokratie als Brandschutzordnung, mit klaren Fluchtwegen für genehme Meinungen und Feuerlöschern gegen alles, was zu sehr nach Rauch riecht.

Das passive Wahlrecht als Leihgabe auf Widerruf

Das passive Wahlrecht galt einmal als Ausdruck der Idee, dass politische Macht aus dem Volk kommt und sich dem Volk stellt, auch in Gestalt unbequemer, unsympathischer, polemischer Figuren. Heute wirkt diese Vorstellung fast naiv, wie ein Schwarz Weiß Foto aus der Frühzeit der Bundesrepublik, auf dem Männer mit Krawatten ernsthaft darüber diskutieren, ob der Staat dem Bürger misstrauen sollte. In der neuen Lesart ist das passive Wahlrecht keine Grundbedingung demokratischer Teilhabe mehr, sondern eine Art Führerschein. Wer sich nicht an die Verkehrsregeln des Sagbaren hält, wer zu schnell denkt, zu scharf formuliert oder in Kurven driftet, dem wird die Lizenz entzogen. Nicht als Strafe, versteht sich, sondern als pädagogische Maßnahme. Demokratie lernt man schließlich durch Ausschluss, so wie Schwimmen am besten funktioniert, wenn man die Nichtschwimmer vom Beckenrand fernhält.

Die Justiz als Erzähler der Wirklichkeit

Besonders elegant ist die Konstruktion, dass dieselbe Institution, die das Recht durchsetzt, auch bestimmt, was unter Volksverhetzung zu verstehen ist. Das spart Zeit und vermeidet lästige Debatten. Diskurse sind ohnehin überbewertet, sie produzieren Reibung, Missverständnisse und im schlimmsten Fall Meinungen. Viel besser ist es, die Wirklichkeit narrativ zu ordnen. Die Justiz erzählt, was gesagt werden darf, und versieht diese Erzählung mit dem Siegel der Rechtsstaatlichkeit. Kritik daran gilt dann nicht als Kritik an einer politischen Entscheidung, sondern als Angriff auf den Rechtsstaat selbst. Ein genialer rhetorischer Kurzschluss: Wer widerspricht, beweist damit nur, wie notwendig die Maßnahme war. Schachmatt, noch einmal, diesmal mit Nachdruck.

Die Satire des guten Gewissens

Natürlich geschieht all dies im Namen des Guten. Niemand will Meinungen unterdrücken, es geht lediglich darum, die falschen zu verhindern. Niemand will politische Konkurrenz ausschalten, es geht nur darum, demokratiefeindliche Kräfte fernzuhalten. Dass Demokratie dabei zunehmend aussieht wie ein exklusiver Club mit Türsteher, Dresscode und Hausrecht, ist ein bedauerliches, aber unvermeidbares Detail. Satirisch wird es dort, wo das gute Gewissen so laut klatscht, dass es den eigenen Widerspruch übertönt. Der Rechtsstaat, der sich selbst für unfehlbar erklärt, gleicht einem Spiegelkabinett, in dem jede Selbstkritik als Verzerrung erscheint. Und während man noch darüber lacht, wie elegant man die Demokratie gerettet hat, merkt man vielleicht zu spät, dass man sie dabei in Watte gepackt und in den Schrank gestellt hat, zu ihrem eigenen Schutz, versteht sich.

Epilog eines Normies

Am Ende bleibt die beruhigende Gewissheit, dass alles seine Ordnung hat. Das Justizministerium plant, die Justiz definiert, der Bürger nickt und der Normie glaubt fest daran, dass Macht immer nur dort problematisch ist, wo sie die Falschen haben. Dass Definitionen wandern, politische Mehrheiten wechseln und Gesetze ein langes Gedächtnis besitzen, ist eine Randnotiz, die man später lesen kann. Für den Moment gilt: Wer die Demokratie liebt, entzieht ihr vorsorglich die Wahlmöglichkeiten. Das ist keine Zynik, das ist Fürsorge. Und wer dabei ein leises Unbehagen verspürt, sollte sich keine Sorgen machen. Das wird die Justiz schon für ihn einordnen.