Die unheilige Allianz von Marx und Cappuccino

Man muss sich das einmal vorstellen: Karl Marx, der glühende Prophet der proletarischen Emanzipation, liefert 1843 in seiner „Zur Judenfrage“ eine Abhandlung, die, entkleidet von ihrem philosophischen Mäntelchen, schlichtweg wie ein Lehrbuch des antisemitischen Ressentiments wirkt. „Welches ist der weltliche Grund des Judenthums? Der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“ Ein derartiges rhetorisches Feuerwerk der Dämonisierung – bei aller intellektuellen Hochglanzverpackung – liest sich wie ein literarischer Vorgriff auf die spätere nationalsozialistische Agitation. Hier liegt nicht nur eine sachliche Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse vor, sondern eine geradezu theatralische Inszenierung des Juden als Inbegriff des Bösen, des Profanen, des wirtschaftlich-pragmatischen Menschen überhaupt. Und dennoch: Wer in dieser Linken nach moralischer Selbstkritik sucht, findet höchstens eine verschämte Fußnote. Man könnte lachen, wäre die Tragweite dieser Worte nicht so verheerend, hätten sie nicht den Nährboden für Jahrhunderte latenten Antisemitismus gelegt.

Latte, Palituch und moralische Hochstapelei

Heute, so scheint es, ist Marx’ giftige Vorlage nicht mehr nötig – sie hat einen schickeren, hipperen Anstrich erhalten. Der Antisemitismus der Linken trägt keinen braunen Anzug mehr; er sitzt auf Designerstühlen in Cafés, nippt an Soja-Latte und trägt Palituch wie eine moralische Uniform. Die alten Kategorien von Eigennutz und Geldgier haben sich gewandelt: Nun heißt der Feind „Zionismus“, und das Schachern ist ersetzt durch imaginäre koloniale Unterdrückungsstrukturen. Hier versammelt sich die neue Avantgarde: Bobo-Schmuddelkinder, ausgestattet mit Judith-Butler-Zitaten wie Talismanen, bewaffnet mit postkolonialer Theorie, die jedem realen politischen Diskurs die Luft abdreht. Queere Gazapahtasien tanzen auf dem Podium, während im Hintergrund die Handschläge mit Islamisten schon fast zum festen Bestandteil der Choreographie gehören. Man könnte es grotesk nennen, könnte die Fassung verlieren, würde man nicht erkennen, dass genau diese groteske Selbstverliebtheit das Kapital der neuen linken Moral-Elite ist.

Die Perfektionierung des ideologischen Hokuspokus

Es ist geradezu atemberaubend zu beobachten, wie die Enkel jener, die einst unter der Ideologie des Klassenkampfes litten und doch Menschlichkeit predigten, heute die alte Ressentimentsammlung im roten Mäntelchen gesellschaftsfähig machen. Marx’ antisemitische Fingerzeige werden durch postmoderne Philosophie poliert, verpackt in gutklingende Schlagworte und moralische Heiligenscheine. Der historische Antisemitismus wird nun getarnt als „kritische Solidarität mit unterdrückten Völkern“, als „Antizionismus“, als „emanzipatorische Ethik“ – und die Öffentlichkeit nickt höflich, während die alten Feindbilder ungestört weiterleben. Es ist die Vollendung eines ideologischen Hokuspokus, der aus Ressentiment, Selbstgerechtigkeit und intellektuellem Exhibitionismus eine kaum zu durchschauende Symphonie der Selbsttäuschung komponiert.

Eine linke Tragikomödie in mehreren Akten

Am Ende bleibt ein bitter-komischer Eindruck: Die Linke, die einst die Fesseln der Ungleichheit sprengen wollte, hat eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, antisemitische Strömungen zu veredeln, zu verhüllen und ihnen gleichzeitig einen intellektuellen Glanz zu verleihen. Was Marx als Feindbild in seine Feder schrieb, wird heute in Form von Kaffeekultur, Gender-Debatten und geopolitischer Moralanalyse fortgeführt. Die groteske Ironie: Aus historischen Opfern werden rhetorische Projektionsflächen, aus moralischer Empörung wird ideologische Selbstverliebtheit, und aus Kritik an Machtstrukturen ein veritabler Ersatzkrieg gegen Juden, nur diesmal in Designerklamotten. Man kann sich dieser grotesken Tragikomödie nicht entziehen; man kann sie nur, mit schmerzlichem Schmunzeln, als Spiegel unserer kollektiven intellektuellen Eitelkeit erkennen – und sich fragen, wie aus der Prophetenstimme des Klassenkampfes ein Cappuccino-Antisemitismus entstehen konnte, der so perfekt getarnt ist, dass man ihm fast applaudieren möchte.

Die große linke Selbstverzwergung: Ein Requiem in Rot

Über die Infantilität einer Partei

Es gehört zu den zuverlässigsten Naturgesetzen der österreichischen Politik, dass eine Partei, sobald sie sich ernsthaft anschickt, über Außenpolitik zu sprechen, sich in jenem intellektuellen Raum wiederfindet, der irgendwo zwischen Parteitagsfolklore und sozialromantischem Rollenspiel schimmert. Doch die SPÖ hat es geschafft, diese Disziplin zu perfektionieren und zugleich zu pervertieren – eine Quadratur des Kreises, die fast schon bewundernswert wäre, würde sie nicht im Ergebnis aussehen wie ein schlecht gelaunter Sketch aus einer politischen Kabarettsendung, die seit Jahren keine neuen Autoren mehr findet.
Der jüngste Geniestreich: Die völkerrechtliche Anerkennung eines Palästinenserstaates – ganz ohne zu bestimmen, welche politische Entität man da eigentlich hofiert. Ein Akt symbolischer Außenpolitik, dessen intellektueller Tiefgang ungefähr jenem entspricht, den man beim Spontankauf eines roten Nelken-Broschürleins am Infostand erreicht. Und selbst das nur, wenn die Verkäuferin zufällig Politikwissenschaft studiert hat.

Der Staat als Fantasieprodukt der Parteistrategen

Es ist ein bemerkenswerter Mut zur Leere, mit dem der Parteivorstand sich darüber hinwegsetzt, dass Staatlichkeit – Überraschung! – nach wie vor aus Bevölkerung, Staatsgebiet und effektiver Herrschaft besteht. Die Drei-Elemente-Lehre, eine Art „Staatsrecht für Anfänger“, wird dabei offensichtlich als optionaler Lesestoff betrachtet, so wie der Waschzettel einer neuen Winterjacke oder die Packungsbeilage von Aspirin: Kann man lesen, muss man aber nicht, es funktioniert auch so.
Bloß tut es das eben nicht.
Denn ein Gebilde, dessen letzter allgemein anerkannter demokratischer Urnengang im Jahr 2006 stattfand und das seither von einer Miliz kontrolliert wird, deren politisches Programm aus einer Mischung aus Totalitarismus, Misogynie und prämodernen Blut-und-Boden-Phantasien besteht, ist nicht einfach ein Staat, nur weil sich europäische Linke dabei besonders moralisch fühlen.
Ein Staat ist nicht die Summe seiner Pressekonferenzen, und Legitimität entsteht nicht dadurch, dass man sie in einem düsteren Sitzungszimmer der Löwelstraße beschließt.

Von Realpolitik und anderen ausgestorbenen Spezies

Wer internationale Anerkennung verteilt wie Gratis-Kugelschreiber am Erstwählerstand, verwechselt Realpolitik mit Wünsch-dir-was. Die Welt ist jedoch kein Safe Space für moralpädagogische Signalpolitik, und Außenpolitik besteht leider aus etwas mehr als einer Mischung aus Betroffenheitsmimik und korrekt gewickeltem Palästinenser-Tuch.
Realpolitik bedeutet Zwänge. Komplexität. Konsequenzen!
Und genau diese drei Dinge stehen traditionell nicht im Verdacht, im innersten Herzen sozialdemokratischer Beschlusslogik beheimatet zu sein.
Vielleicht wäre es auch deshalb an der Zeit, die romantisierende Projektion durch eine nüchterne Betrachtung zu ersetzen. Oder, böser gesagt: erst denken – dann Papier.

Das alte Gift im neuen Gewand

Doch über all diesem außenpolitischen Dilettantismus lauert etwas Tieferes, Düsteres, Unangenehmes. Ein intellektuelles Erbe, das man in den progressiven Kreisen so gerne übersieht wie den Schimmel hinter einer Wand, die man ohnehin bald neu streichen wollte.
Der Antisemitismus der Linken.

Nicht jener dumpf martialische, der in der Imagination immer noch Springerstiefel trägt und das HJ-Liederbuch unterm Bett versteckt, sondern jener salonfähige, akademisch veredelte, mit moralischem Zeigefinger präsentierte Antisemitismus, der sich selbst für das Gegenteil hält.
Ein Antisemitismus, der sich heute „Antizionismus“ nennt – und damit glaubt, automatisch entlastet zu sein, wie ein Kettenraucher, der erklärt, seine Schachtel täglich sei bloß „Atemtraining“.
Und es lohnt sich tatsächlich, an die Wurzeln zu erinnern.
Marx’ Schrift Zur Judenfrage ist ein Dokument, das man schwerlich anders lesen kann als mit Schaudern. Der angebliche Prophet der Befreiung zeigt sich dort als Autor, der Formulierungen gebraucht, die man – ohne Quellenangabe – mühelos in Pamphleten des 20. Jahrhunderts verorten könnte, deren Autoren man heute in jeder historischen Rückschau mit Gummihandschuhen anfasst.
Die Reduktion des Judentums auf Geld, Schacher, Eigennutz ¹. Die Behauptung eines „antisocialen Elements“. Die Entmenschlichung.
Hannah Arendt bezeichnete diese Schrift als ein „klassisches Werk“ des linken Antisemitismus – und es ist bemerkenswert, wie wenig sich dieser Grundton in manchen linken Milieus verändert hat, auch wenn die Sprache nun in Gendersternchen und Empowerment-Vokabular gehüllt daherkommt.

Palituch, Latte und der moralische Abgrund

Heute sitzen sie also da – die moralisch überhöhten Antizionisten, die sich selbst für die letzten Aufrechten halten. Mit dem Palästinensertuch schwingt man die historische Verantwortung, mit dem Bio-Latte die intellektuelle Überlegenheit, und irgendwo dazwischen schwillt eine moralische Grandezza an, die jede nüchterne Analyse sofort erstickt.
Man sieht förmlich die Verachtung im Blick, wenn man es wagt, ihnen zu erklären, dass Israel vielleicht doch ein wenig komplexer ist als das Klischee eines kolonialen Unholds, der aus purer Laune das Weltgeschehen traktiert.
Und während die wahren Neonazis heute irgendwo in trostlosen Kellern vegetieren, haben sich die neuen Mainstream-Antisemiten längst in den Kulturzentren und Parteigliederungen eingerichtet.
Sie nennen sich Antirassisten – und finden ausgerechnet am jüdischen Staat einen Gegenstand moralischer Obsession, der seltsam exakt die jahrhundertealten Projektionen wiederholt, die man eigentlich überwunden glaubte.

Epilog eines politischen Abschieds

Vielleicht ist es diese Mischung aus außenpolitischer Infantilität und ideologischer Blindheit, die das Fass zum Überlaufen bringt.
Vielleicht ist es die Unfähigkeit der Partei, zwischen moralischer Pose und analytischer Vernunft zu unterscheiden.
Vielleicht ist es aber auch einfach die Erkenntnis, dass man eine Partei nicht retten kann, die sich selbst bereits als moralisches Kunstprojekt versteht, statt als politische Kraft.
Wie auch immer – es ist der Sargnagel. Der letzte. Der endgültige.
Ruhe sanft, alte Sozialdemokratie.
Es hätte so schön sein können.

¹ „Welches ist der weltliche Grund des Judenthums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“ Die Passagen von Marx über Juden lesen sich zuweilen wie Originaltexte von Nazis. Das Judentum sei „ein allgemeines gegenwärtiges antisociales Element“. In der jüdischen Religion liege „die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbstzweck„. Selbst „das Weib wird verschachert„.

Eine historische Einordnung

Der Heilige Nikolaus von Myra war kein Türke

„Lernen Sie Geschichte!“ Ein Satz, der wie ein höflicher Vorschlag klingt, aber oft eher wie eine schallende Ohrfeige gemeint ist. Auch dann, wenn man die Diskussion um den Heiligen Nikolaus verfolgt, jenen berühmten Bischof aus Myra, der seit Jahrhunderten in der christlichen Tradition als mildtätiger, großherziger Schutzpatron der Kinder, Seefahrer und Händler verehrt wird. Doch in der Ära der postmodernen Wokeness scheint selbst der Heilige seiner Identität beraubt zu werden: „Nikolaus war ein Türke!“ wird uns plötzlich in den sozialen Medien und selbst in vermeintlich seriösen Diskursen entgegengeworfen – als wäre das eine historische Tatsache.

Nun, meine Damen und Herren, es wird Zeit für einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit. Der Heilige Nikolaus von Myra war kein Türke. Und nein, er wurde auch nicht in der Türkei geboren. Die Türkei existierte im 3. und 4. Jahrhundert schlicht und ergreifend nicht. Genauso wenig wie die Turk Völker, die erst Jahrhunderte später von den zentralasiatischen Steppen in Richtung Anatolien zogen. Die Region, in der Myra (das heutige Demre) lag, gehörte damals zur römischen Provinz Lykien – einem stark hellenisierten, christlich geprägten Gebiet. Kurz gesagt: Die Turk-Völker hatten in der Gegend so viel verloren wie ein Veganer in einer Grillparty-Schlange.

Ein Bischof in ohne türkischen Reisepass

Nikolaus wurde etwa im Jahr 270 nach Christus geboren, vermutlich in der Stadt Patara, einer antiken Metropole in Lykien, das heute Teil der Türkei ist. Aber ein Mensch aus Lykien als „Türke“ zu bezeichnen, ist in etwa so akkurat wie die Behauptung, Julius Cäsar sei Italiener gewesen, weil Rom heute in Italien liegt. Das ist nicht nur historisch falsch, sondern auch intellektuell faul.

Die Welt, in der Nikolaus lebte, war Teil des römischen Imperiums. Griechen und Römer dominierten die Kultur, die Sprache und die Religion. Nikolaus selbst war ein Christ, und zwar in einer Zeit, in der das Christentum noch keine Staatsreligion war, sondern oft von römischen Kaisern verfolgt wurde. Man könnte also argumentieren, dass Nikolaus’ Leben selbst ein Zeugnis des Widerstands gegen die staatliche Unterdrückung war – lange bevor moderne Staaten oder Religionen wie der Islam in der Region Fuß fassten.

Die Idee, Nikolaus als „Türken“ zu deklarieren, basiert auf der simplen Tatsache, dass sein Geburts- und Wirkungsort in der heutigen Türkei liegt. Doch diese geografische Verortung sagt nichts über die Identität oder die Kultur des Heiligen aus. Es ist, als würde man behaupten, ein Wikinger, der einst in Schweden lebte, sei ein „EU-Bürger“, weil Schweden heute in Europa liegt.

Wokeness und die Neuverpackung der Geschichte

Die Behauptung, Nikolaus sei „türkisch“, ist daher mehr als nur eine historische Ungenauigkeit. Sie ist ein Paradebeispiel für die intellektuelle bequeme Unredlichkeit, die sich aus der Angst speist, kulturelle Unterschiede offen anzusprechen. In der Ära der Wokeness, in der alles relativiert und entmythologisiert werden soll, wird die Vergangenheit immer häufiger instrumentalisiert, um moderne politische Narrative zu stützen.

Warum wird also so viel Energie darauf verwendet, Nikolaus mit der Türkei zu assoziieren? Vielleicht, weil es einigen Ideologen ein warmes, wohliges Gefühl gibt, wenn sie zeigen können, wie „offen“ und „tolerant“ die Welt schon immer gewesen sei. Die Tatsache, dass diese Toleranz im Falle von Nikolaus eine historische Fantasie ist, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

Es ist natürlich nichts gegen interkulturellen Dialog einzuwenden. Im Gegenteil: Der Austausch zwischen Kulturen hat die Menschheitsgeschichte immer bereichert. Aber der Versuch, Nikolaus’ Geschichte umzudeuten, ist kein Dialog. Es ist ein Übergriff auf die Wahrheit, eine Verfälschung, die darauf abzielt, Traditionen zu entkernen und kulturelle Identitäten zu nivellieren.

Der Islam und der Heilige Nikolaus

Ein besonders faszinierender Aspekt dieser Narrative ist der Versuch, eine Verbindung zwischen Nikolaus und dem Islam herzustellen. Das Problem? Der Islam entstand erst mehrere Jahrhunderte nach Nikolaus’ Tod. Wie also hätte der Islam tolerant gegenüber einem christlichen Bischof sein können, der lebte, als die arabische Halbinsel noch von polytheistischen Stämmen geprägt war?

Hier wird nicht nur Geschichte verbogen, sondern geradezu ins Lächerliche gezogen. Es ist, als würde man behaupten, Newton habe seine Gravitationstheorie entwickelt, um der Raumfahrt der NASA den Weg zu ebnen. Oder dass Mozart seine Symphonien komponierte, um später TikTok-Remixes zu inspirieren.

Die Verteidigung der eigenen Kultur

Die eigentliche Tragik dieser Diskussion liegt jedoch nicht nur in der historischen Verfälschung, sondern in der dahinterliegenden Absicht. Der Versuch, Nikolaus als „türkisch“ zu vereinnahmen, ist Teil eines größeren Trends, der darauf abzielt, westliche Traditionen und kulturelle Identitäten zu relativieren.

Natürlich sollte man die Geschichte kritisch betrachten, auch die der eigenen Kultur. Aber es ist etwas völlig anderes, wenn man Traditionen ohne Rücksicht auf historische Fakten umdeutet, nur um einer modernen Ideologie zu dienen.

Nikolaus ist ein Symbol der christlichen Nächstenliebe, der Großzügigkeit und des Glaubens. Seine Geschichte gehört zur europäischen Kulturgeschichte, genauso wie seine Verehrung als Schutzpatron . Die Relativierung dieser Traditionen – ob aus politischer Korrektheit oder ideologischem Eifer – ist nicht nur respektlos gegenüber der Geschichte, sondern auch gegenüber den Menschen, die diese Werte bis heute leben.

Lernen Sie Geschichte

Der Heilige Nikolaus von Myra war kein Türke, genauso wenig wie er ein Produkt der Wokeness ist. Er war ein Bischof der christlichen Kirche, der in einer hellenistischen, römischen Welt lebte, lange bevor die Türkei, der Islam oder die moderne politische Korrektheit existierten.

Geschichte ist kein Spielplatz für Ideologen. Sie ist eine Wissenschaft, die Fakten und Kontexte erfordert. Und wenn wir eines aus der Geschichte lernen sollten, dann dies: Respekt vor der Wahrheit ist der erste Schritt, um die Zukunft zu verstehen – und Traditionen zu bewahren.

Ein Triumph der Bürokratie im Gewand der Moderne

Man stelle sich vor: In den glitzernden Hallen des europäischen Molochs namens Brüssel, wo Teppiche dicker sind als die Logik so mancher Gesetzestexte und Kaffeemaschinen an strategisch sensiblen Punkten installiert werden, um den politischen Puls zu überwachen, haben sich zwei Titanen der Gesetzgebung – das EU-Parlament und der Rat – endlich auf einen Kompromiss geeinigt. Ein Wunder, könnte man denken, angesichts der zahllosen Stunden, in denen Politiker auf engsten Raum konferierten, gestikulierten und sich in rhetorischen Turnübungen maßen, als stünde die Rettung der Welt auf dem Spiel. Doch was der mühsam errungene Konsens nun verkündet, ist nichts anderes als die feinsinnige Anerkennung von Genom-Editierung auf Pflanzenbasis. Ein bisschen revolutionär, ein bisschen konventionell, und vor allem ein triumphaler Sieg der Bürokratie, die es versteht, wissenschaftliche Innovation in eine Formalität zu verwandeln, die sich so anfühlt, als hätte man den Mars kolonisiert, während man nur die Tomatenbeete optimiert hat.

NGT1: Die neue Unschuld der Agrarwelt

NGT1, das neue Kürzel für „einfache genom-editierte Pflanzen“, klingt wie ein Passwort aus einem dystopischen Roman, könnte aber auch als Bezeichnung für ein futuristisches Getränk durchgehen. Doch nein, es handelt sich um Pflanzen, die Wissenschaftlern schon seit geraumer Zeit das Herz höher schlagen lassen – und Bauern ebenso. Denn das, was nun beschlossen wurde, ist nichts weniger als die weitgehende Gleichstellung mit herkömmlichen Pflanzen: keine Kennzeichnungspflicht, keine speziellen Anbauregeln, keine leidigen Kontrollmechanismen, die den Landwirt in endlose Formulare verstricken, während die EU-Aktenberge leise lachen. Man könnte fast glauben, man hätte einen geheiligten Vertrag zwischen Innovation und Bürokratie geschlossen – ein Pakt, in dem Wissenschaft und Gesetzgebung sich zähneknirschend die Hände reichen, während sie heimlich darüber witzeln, dass niemand wirklich versteht, was diese Pflanzen jetzt genau können oder dürfen.

Von der Etikettenschwindelei zur bürokratischen Selbstironie

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr die EU darin brilliert, aus der Freiheit der Wahl eine akademische Herausforderung zu machen. Einst waren Kennzeichnungen eine heilige Pflicht, ein Bollwerk gegen den freien Willen des Verbrauchers, der nun vor lauter Informationen nicht mehr weiß, ob er Salat kauft oder ein biologisches Mini-Experiment. Heute, da NGT1 die Hallen der regulatorischen Gnade betreten, scheint alles einfacher. Fast schon zu einfach, als hätte man vergessen, die endlosen Tabellen auszufüllen, die sonst jede Innovation begleiten. Die Ironie liegt auf der Hand: Ausgerechnet eine Technologie, die potenziell alles verändert, wird in den Schoß der Normalität gelegt, während gleichzeitig das Bürokratietheater in allen anderen Bereichen in gewohnter Pracht weitergeht. Es ist, als ob man einen Feuerlöscher aus Gold goss, nur um ihn dann in einem staubigen Regal verschwinden zu lassen.

Die humoristische Tragik der europäischen Entscheidungsfindung

Natürlich wäre es zu einfach, diesen Triumph der administrativen Evolution nur als pragmatischen Schritt zu feiern. Vielmehr offenbart er die zutiefst humoristische Tragik der europäischen Entscheidungsfindung: Jahrzehnte der Debatten, der Studien, der endlosen Ausschüsse, die am Ende nur bestätigen, dass ein Stück Gemüse fast genauso sein darf wie das andere, solange es nicht zu rebellisch ist. Die Politik applaudiert sich selbst für das, was die Natur längst kannte, und der Bürger steht staunend vor den Regalen, als hätte er gerade Zeuge eines diplomatischen Kabaretts geworden. Es ist Satire, die sich selbst schreibt, ein Theaterstück ohne Vorhang, in dem jeder Akteur glaubt, er sei der Protagonist, während die eigentliche Handlung – die stille, unspektakuläre Gleichstellung der Pflanzen – unbeachtet zwischen den Aktendecks der EU-Gesetzgebung dahinschleicht.

Fazit: Bürokratie, die leise die Welt verändert

So stehen wir also da: Ein Kompromiss, der eher wie ein stilles Nicken zwischen zwei alten Rivalen wirkt, hat den Weg geebnet für eine kleine Revolution im Gemüsebeet. NGT1-Pflanzen dürfen nun wachsen, ohne dass sie die kostbaren Flure der Bürokratie unnötig strapazieren. Es ist ein triumphaler Moment des administrativen Humors, ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Wissenschaft: Macht ruhig, was ihr könnt, wir schauen nur zu – und unterschreiben am Ende den Keks des Fortschritts, während wir heimlich noch die Protokolle zählen. Europa zeigt einmal mehr, dass es nicht nur Regeln schreiben, sondern auch Geschichten erzählen kann – Geschichten, die zynisch, augenzwinkernd und herrlich absurd zugleich sind.

Sepp und der Passierschein A38

Es war einmal ein Mann namens Sepp, der, wie viele andere brave Bürger in diesem Land, ein Ziel hatte: er wollte einfach nur etwas erledigen. Vielleicht war es der Erwerb eines kleinen, harmlosen Dokuments, vielleicht auch nur der behördliche Nachweis, dass er existierte – wer kann das schon so genau sagen? Wie auch immer, er stand nun vor der unüberwindbaren Festung aus Schaltern, Formularen und Formularnummern, die man landläufig als „Verwaltung“ bezeichnet. Und hier kommt der berühmt-berüchtigte Passierschein A38 ins Spiel, jenes mythische Artefakt, das in der kollektiven Erinnerung der Bürger etwa denselben Stellenwert innehat wie der Heilige Gral oder die verschwundene Socke im Wäschetrockner.

Sepp, ein Mann von mittlerer Intelligenz, aber erstaunlicher Ausdauer, erkannte bald die tiefe Logik dieses bürokratischen Labyrinths: Je mehr Stempel, je mehr Unterschriften und je mehr Formulare man aufeinanderhäufte, desto klarer offenbarte sich die Staatsraison in ihrer reinsten Form. Jede Abteilung, jeder Beamte, jeder misstrauisch blickende Sachbearbeiter war ein Wächter über die Ordnung, die das Land so dringend benötigte. Und dennoch, trotz der äußeren Härte und inneren Kälte dieses Systems, schimmerte ein kaum merklicher Humor durch die Ritzen der Verwaltungsmauern: Man konnte sich schon vorstellen, dass irgendwo, tief in einem Amtszimmer, ein Beamter saß, der über die zahllosen absurden Regeln kicherte, während er Sepp einen weiteren Aufkleber auf sein Dokument klebte.

Der Passierschein A38 war aber mehr als nur ein Stück Papier. Er war ein Prüfstein für die Geduld, ein Spiegel der Seele des Bürgers, ein soziales Experiment in Sachen stoischer Resilienz. Wer ihn erlangte, konnte sich für eine kurze, glänzende Stunde als Sieger fühlen, nur um im nächsten Moment festzustellen, dass der nächste Schritt der Bürokratie noch verschachtelter, noch absurder und noch kleinkarierter war. Sepp lernte, dass Geduld nicht nur eine Tugend, sondern ein staatlich zertifizierter Lebensstil war, der in stundenlangen Warteschlangen, in einer Aktenvernichtungsanlage von Papierbergen und in der subtilen Gewalt des „Bitte setzen Sie sich wieder“ gemessen wurde.

Die Schellhornsche Jahrhundert Verwaltungsreform

Doch die Geschichte endet nicht mit Sepps triumphalem Scheitern oder sporadischem Erfolg. Nein, das Universum der Verwaltung ist stets in Bewegung, immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, Effizienz und Sinnlosigkeit zu vereinen. Hier tritt die Schellhornsche Jahrhundertreform auf die Bühne – ein Ereignis, das in seiner ambitionierten Arroganz und administrativen Selbstverliebtheit so unvergleichlich ist, dass man es nur noch mit historischer Ironie betrachten kann.

Schellhorn, ein Mann mit beeindruckender Fähigkeit, Komplexität zu schaffen, wo einfache Lösungen ausreichen würden, präsentierte ein Konzept, das sowohl visionär als auch bürokratisch tödlich war. Ziel war es, die Verwaltung „moderner, digitaler und bürgerfreundlicher“ zu gestalten. Das Resultat war eine Verschachtelung aus neuen Formularen, zusätzlichen Genehmigungsschritten und einer Software, die man nur noch mit streng geheimer Liturgie bedienen konnte. Es war eine Revolution der Papierberge, eine Renaissance der Schreibtischstapel, ein Triumph der Komplexität über den Menschen.

Ironischerweise versprach die Reform Transparenz, doch ihre Umsetzung erinnerte eher an das Lesen eines mittelalterlichen Manuskripts ohne jegliche Vokale: Man verstand nichts, fühlte sich aber erhaben über die intellektuelle Herausforderung. Die Bürger, Sepp inklusive, wurden in eine Art kafkaesken Theaterproduktion geworfen, in der jeder Akt mit einem Formular begann und mit einer Verzweiflungstat endete. Und doch – welch feiner, subtiler Humor – das Ganze war so absurd, dass man beinahe applaudieren musste.

Die Schellhornsche Reform zeigte eindrucksvoll, dass bürokratische Kunst nicht nur in Effizienz oder Ordnung liegt, sondern in der Fähigkeit, den Menschen in den Wahnsinn zu treiben, während man ihn gleichzeitig glauben lässt, alles sei zu seinem Besten. Man könnte sagen, dass sie das Äquivalent einer Oper war, komponiert in Paragraphen und Stempeln, aufgeführt auf der Bühne der öffentlichen Verwaltung. Sepp, unser Held und Antiheld zugleich, war sowohl Zuschauer als auch Opfer, und seine Geschichte ist ein Lehrstück in Sachen Geduld, Komik und resignativer Bewunderung für die abstrusen Schönheiten des bürokratischen Universums.

In diesem Sinne lebt Sepp weiter – zwischen Aktenbergen und Formularen, stets auf der Suche nach dem legendären Passierschein A38, der vielleicht nie existiert hat, aber für immer in den Herzen der Bürger als Sinnbild des absurden Triumphs staatlicher Ordnung weiterlebt. Und die Schellhornsche Reform? Sie bleibt ein Mahnmal, dass der Mensch zwar Herr der Verwaltung sein könnte, doch in Wahrheit oft nur ihr humorvoller Statist ist.

Singt nicht mit Juden

Es ist immer wieder erstaunlich, wie ein Festival von glitzernden Kostümen, falschen Pailletten und kunstvoll geschminkten Lippenstiftflächen plötzlich zu einem geopolitischen Zirkus werden kann. Der Eurovision Song Contest, dieses versponnene, alljährliche Spektakel, das eigentlich von quäkenden Popstimmen, unkoordinierten Tanzchoreografien und dem subtilen Schmerz eines Live-Publikums lebt, ist nun offiziell ein Ort, an dem Staatenpolitik lautstark und mit hoher Oktanzahl durch die Lautsprecherboxen brüllt. Israel darf also teilnehmen – und Österreich darf die Bühne stellen – während die Welt zusieht und einige Länder empört den Kopf schütteln, als hätte jemand im Pausenraum des Multikulturalismus aus Versehen das Licht des rationalen Denkens ausgeschaltet.

Was für ein glorreicher Augenblick, wenn Musik plötzlich nicht mehr nach Harmonien, Tonarten oder gar nach dem intimen Flattern eines Herzschlags beurteilt wird, sondern nach der Frage, ob die politische Landkarte gerade ein bisschen zu sehr nach Konflikt aussieht. Der irische Sender RTÉ findet die Teilnahme „unzumutbar“ – angesichts des „entsetzlichen Verlusts von Menschenleben“. Unzumutbar also. Nicht moralisch problematisch, nicht politisch heikel, nein, schlicht unzumutbar. Welch ein Ausdruck für die elegante Grazie moderner Sprache! Man fragt sich, ob RTÉ auch den morgendlichen Toast ablehnt, weil in der Welt Menschen hungrig sind, oder ob nur dann Unzumutbarkeit greift, wenn sie nach Fernsehquoten schmeckt.

Musik, die von Geopolitik singt

Spanien, so meldet es José Pablo López, Präsident von RTVE, besteht auf der Maxime: ESC ist kein reiner Musikwettbewerb, sondern ein „Festival, das von geopolitischen Interessen dominiert wird“. Welch scharfsinnige Beobachtung! Ein Wettbewerb, der seit 1956 dazu diente, ein wenig Europa zusammenzuschweißen, Musik zu feiern und vor allem die kindliche Freude am Verstimmen in Mikrofonen zu ermöglichen, wird nun auf einmal zum Schachbrett internationaler Diplomatie. Man könnte fast applaudieren, wäre da nicht die schale Ironie: Länder, die mit dem ESC jährlich Millionen in die Finanzierung stecken, treten nun auf moralische Barrikaden, während der ORF, offenbar der unerschütterliche Don Quijote der musikalischen Neutralität, die Bühne aufbaut, als sei sie ein Friedenspalast.

Dass Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien zu den Hauptgeldgebern zählen, verleiht dem Boykottgedanken einen geradezu kafkaesken Charme. Es ist, als würde man einen Bankier bitten, die Zinsen zu boykottieren, weil ihm die Farbe des Geldes nicht gefällt. Und dennoch: Niederlande, Slowenien und andere Länder erwägen den Rückzug, als hätten sie den unheilvollen Traum eines ESC ohne diplomatische Verwicklungen durchlitten und wären nun zu politisch korrekt, um weiterzusingen. Man hört die imaginären Dirigenten schon stöhnen: „Mehr Geopolitik im Takt, bitte!“

Glitzernde Heuchelei

Und so sitzt man nun da, zwischen dem Schimmer von Sequins und dem dunklen Schatten der Realität, und fragt sich: Wie viele Lieder können noch von Liebe, Frieden und Einhörnern singen, bevor die politische Landkarte jede Note vergiftet? Der Eurovision Song Contest – einst ein frivoles Stelldichein der europäischen Selbstüberhöhung, heute ein Spiegelkabinett der moralischen Ambivalenz. Die Zuschauer starren gebannt auf den Bildschirm, während Journalisten die emotionale Unverträglichkeit von „Singen mit Juden“ analysieren, als handele es sich um ein metaphysisches Problem, das nur durch strikte Nicht-Teilnahme gelöst werden kann.

Inmitten all dieser absurden Schattierungen des Ernstes bleibt eine Wahrheit: Musik kennt keine Grenzen. Sie schert sich nicht um Embargos, Boykotte oder moralische Gutachten von der Sorte, die sich in Vorstandsetagen und Medienhäusern heimlich über Tee und Kekse austauschen. Musik ist subversiv, anarchisch, gelegentlich unerträglich, und vor allem: unberechenbar. Genau darin liegt die Ironie. Während Nationen sich in glänzender, diplomatischer Heuchelei sonnen, läuft im Hintergrund ein schief gesungenes Duett, das alles übertönt. Das Publikum jubelt, weint oder lacht, und für einen kurzen Moment ist die Welt wieder genau so absurd wie sie sein sollte.

Man kann also nur eins raten: Singt. Singt laut. Singt schlecht. Singt mit oder ohne Zustimmung der geopolitischen Eliten. Denn am Ende ist es die Musik, die bleibt – glitzernd, schrill, widersprüchlich, und vor allem unbestechlich.

So viele Mistkerle

Wie Frankreichs alte Linke sich in eine neue Sackgasse manövriert

Man sagt ja gern, die Geschichte wiederhole sich – mal als Tragödie, mal als Farce, gelegentlich auch als kafkaesker Verwaltungsvorgang mit dreifacher Durchschrift und Stempel «Dringend». Frankreich, dieses Land, das seit gut 250 Jahren an der Idee feilt, man könne Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter einen Hut bringen, erlebt eine neue Variation dieses uralten Refrains. Und diesmal, so scheint es, ist es eine tragikomische Operette, in der die Sänger die falsche Partitur studiert haben und das Orchester trotzig beschliesst, gleichzeitig Wagner, Debussy und die Titelmelodie von Mission Impossible zu spielen.

Denn plötzlich, inmitten des Rauschens der grossen politischen Selbstversicherungen, ist da dieser hässliche, alte Bekannte, der sich in französische Debatten zurückschleicht wie ein ungebetener Gast mit schlechtem Atem: der Antisemitismus. Und zwar nicht die blasse, konspirativ flackernde Version der Kellerphilosophen, sondern die breite, selbstbewusste, lautstark marschierende Form, die in Frankreichs Strassen wieder erschreckend salonfähig wird.

Während viele entsetzt die Hände ringen, zeigen zwei prominente Autoren – der frühere Charlie Hebdo-Chefredaktor Philippe Val und der Philosoph Michel Onfray – auf ein politisches Lager, das sich traditionell als moralischer Hochsitz verstand: die Linke, genauer gesagt der Teil, der heute unter dem Etikett «islamo-gauchisme» firmiert und unter der Fuchtel von Jean-Luc Mélenchon stolz behauptet, er sei die letzte Bastion der Unterdrückten.

Die neue Linke, die alte Blindheit

Man muss Mélenchon eines lassen: Er hat eine bemerkenswerte Begabung, sich stets in Richtung des lautesten Applauses zu drehen – solange der Applaus nicht aus bürgerlicher Mitte, jüdischen Gemeinden oder sozialdemokratischen Reihen kommt. Seine Partei La France insoumise präsentiert sich gern als rebellische Samaritertruppe, die gegen Imperien, Kapital, Patriarchat und alles kämpft, was unmodern, ungerecht oder unpraktisch erklärt werden kann.

Doch sobald es um Antisemitismus geht, erhebt sich in diesem Lager jene alte, unkaputtbare Verwechslung: die Idee, dass jede Gruppe, die sich als Opfer präsentiert, automatisch moralisch unfehlbar sei. Diese gedankenlose Hierarchie des Leidens – nach dem Motto: Wer als Unterdrückter gilt, darf jede Abscheulichkeit sagen, ohne dass man ihm deswegen die Schärpe der progressiven Unschuld abnimmt – ist der psychologische Kern ihres Problems.

Es ist ein wenig, als würde man einem Vegetarier zugestehen, dass er zwar keine Tiere isst, aber gern Katzen anzündet – weil er ja «eigentlich» zu den Guten gehört. Und so landet die extreme Linke in der grotesken Situation, mit islamistischen Hardlinern und Antisemiten zu kollaborieren, solange diese sich mit genügend dramatischer Stimme als Opfer westlicher Strukturen inszenieren.

Islamogauchismus – das Kind, das niemand erziehen wollte

Val und Onfray sind alles andere als höfliche Chirurgen. Sie operieren nicht mit feinen Instrumenten, sondern mit dem rhetorischen Flammenwerfer. Doch ihr Argument ist so unangenehm wie schwer zu widerlegen:

Der zeitgenössische französische Antisemitismus kommt nicht nur – und nicht einmal hauptsächlich – aus den bekannten rechtsextremen Abgründen, sondern aus der Fusion von radikalem Islamismus und postkolonial aufgeladenem Linksdiskurs.

Onfray beschreibt das Phänomen als eine Art moralische Verfahrensverirrung, bei der progressive Intellektuelle mit verzücktem Idealismus gegen alles Westliche wettern – und dabei blind werden für die autoritären, frauenfeindlichen, homophoben und nun einmal antisemitischen Ideologien, die sie in Schutz nehmen.

Val wiederum, selbst gezeichnet von dem, was der islamistische Terror seinen Kollegen bei Charlie Hebdo angetan hat, verweist darauf, wie grotesk die Linke sich selbst verrät: ausgerechnet jene politische Tradition, die einst gegen religiösen Fanatismus kämpfte, klatscht heute jenen Beifall, die im Namen einer vermeintlich antirassistischen Moral den Judenhass wieder salonfähig machen.

Das Pariser Theater des Absurden

Wer die französische Linke verstehen will, muss begreifen, dass sie Empörung für eine heilige Disziplin hält. Empörung ist ihre tägliche Gymnastik, ihr ideologisches Stretching, ihr Sonntagsspaziergang. Doch diese Empörung ist selektiv – wie ein Raucher, der sich über Autoabgase beschwert.

Wenn ein jüdisches Schulkind in einem Vorort bedroht wird – Stille.

Wenn Judenfeindlichkeit aus dem islamistischen Milieu kommt – Abwiegeln.

Wenn hingegen eine israelische Regierung etwas tut, das man kritisieren kann – und man kann eine Menge kritisieren –, dann rollt sofort der ganze moralische Tross heran, mit Fanfaren, Transparenten und vielen wohlfeilen Parolen.

Der Antisemitismus wird dabei selten als solcher benannt. Stattdessen wird er camoufliert, wie ein schlecht überspieltes Schmuggelpaket, versehen mit Etiketten wie «Systemkritik», «Anti-Imperialismus» oder «Solidarität mit den Unterdrückten». Es ist jene semantische Nebelmaschine, die Val und Onfray so vehement attackieren: die intellektuelle Feigheit, die sich hinter Betroffenheitslyrik versteckt.

Ein Land am Rand einer moralischen Nebelwand

Frankreich ist müde geworden, sagen viele. Müde der ewigen Debatten, müde der ständigen Krisen, müde jener moralischen Verrenkungen, die nötig sind, um gleichzeitig universalistisch und partikularistisch sein zu wollen. Und doch, so zynisch das klingt: Frankreich ist nie müder, als wenn es gerade besonders wach sein müsste.

Heute müsste es hinschauen:

auf die Explosion antisemitischer Übergriffe,

auf die schwindende Sicherheit jüdischer Gemeinden,

auf die groteske Verzahnung zwischen progressiven Wortführern und fundamentalistischen Milieus.

Doch stattdessen diskutiert man darüber, ob der Begriff Islamogauchisme vielleicht beleidigend sei für die sensiblen Seelen der politischen Avantgarde. Man führt ein akademisches Minenfeld über Gender, Klassenkampf und Identitätspolitik, während im Hintergrund Menschen davonlaufen, weil ihr Nachbar sie plötzlich für einen kolonialistischen Agenten des Weltzionismus hält.

Schluss: Die Mistkerle sind nicht unsichtbar – man will nur nicht genau hinsehen

Und wer zu lange wegschaut, wird irgendwann Teil des Problems

Die Wahrheit ist bitter wie ein schlecht gezapfter Pastis: Der Antisemitismus in Frankreich steigt dramatisch – und zwar genau dort, wo man ihn am wenigsten zugeben will.

Val und Onfray provozieren, überzeichnen, polemisieren – gewiss. Aber sie tun es aus einer intellektuellen Verantwortung heraus, die der heutigen Linken zu entgleiten droht. Nicht weil sie konservativ wären, nicht weil sie reaktionär geworden wären, sondern weil sie einsehen: Wer im Namen des Guten das Böse ignoriert, ist nicht progressiv, sondern verantwortungslos.

Und vielleicht liegt darin die letzte Pointe dieses tragikomischen Dramas:

Die Linke wollte immer die Welt verändern.

Heute schafft sie es nur noch, sich selbst zu karikieren.

Wer jedoch Mistkerle nicht Mistkerle nennt, darf sich nicht wundern, wenn plötzlich so viele davon herumlaufen.

Big Sister Ursula

Man muss Ursula von der Leyen fast bewundern. Nicht für die elegante Kontrolle über Haushaltszahlen, Impfstoffverträge oder Transparenz – das wäre ja zu gewöhnlich –, sondern für ihr makelloses politisches Fingerspitzengefühl, immer genau dort nachzulegen, wo Europas Demokratie ein klein wenig zu entspannt wirkt. Während die Bürger gemütlich in ihre Smartphones tippen, als sei die digitale Welt ein gutmütiges Tamagotchi, schiebt Ursula, große Schwester im Brüsseler Wohnzimmer, leise und doch unerbittlich die Möbel um. Denn Sicherheit braucht Platz, und Privatsphäre nimmt bekanntlich viel zu viel davon ein. Da überrascht es nicht, dass plötzlich eine ganze Architektur aus Überwachungsgerüsten emporragt: Chat-Scans, Altersüberprüfung, Client-Side-Scanning – so viele hochmoderne Sorglosigkeitsversprechen, dass man sich fragt, warum Europa nicht schon längst ein paradiesischer Ort der Unschuld ist. Vermutlich weil der Bürger, dieses störrische Wesen, immer noch so lästig selbstbestimmt sein will. Sehr unzeitgemäß.

Der neue Hofstaat in Brüssel: Wo die Privatsphäre höflich den Raum verlässt

Man stelle sich den EU-Rat vor wie eine Art modernisierten Absolutismus: ein höfischer Tanz, bei dem jede Nation ihre Zustimmung mit der Grazie eines gut geölten Automaten serviert. Österreich hebt die Hand, nicht weil es muss, sondern weil es irgendwie dazugehört. Die höfische Etikette ist streng: Wer gegen Überwachung votiert, steht schnell als Exot da, als jemand, der noch an eigenständiges Denken glaubt – und das kann im 21. Jahrhundert niemand ernsthaft wollen. Also nickt man in Wien fröhlich mit, während man gleichzeitig beteuert, völlig gegen Überwachungsmaßnahmen zu sein, was ungefähr so glaubwürdig wirkt, wie wenn ein Dieb schwört, er sei nur zufällig mit dem Brecheisen im Schlafzimmer fremder Leute eingeschlafen.

Was dabei erstaunlich unterhaltsam ist: Alle reden von freiwilligen Scans. Freiwillig! Ein Wort, das in Brüssel bedeutet: Ihr dürft es freiwillig tun, aber wehe, ihr tut es nicht, dann fragen wir in drei Jahren noch einmal und machen es zur Pflicht. Frei wie ein Vogel, der entscheiden darf, ob er in den Käfig fliegt – oder hineingeschoben wird. Ein Meisterwerk politischer Semantik, subtil wie ein Presslufthammer.

Big Brother is watching you? Pah. Big Sister liest vorher schon mit.

Der Witz an der Sache: Während Orwell 1984 schrieb, wusste er nicht, wie niedlich Big Brother einmal aussehen würde – oder dass Big Sister Ursula den Kaffee serviert, während sie uns in einer Art fürsorglicher Paranoia alles aus dem Smartphone puhlt, was irgendwie nach Unsauberkeit riecht. Der große Bruder war ein martialischer Autokrat. Die große Schwester ist eine Art digitaler Hygienebeauftragter: Sie desinfiziert private Nachrichten präventiv, bevor sie überhaupt verschlüsselt sind. Client-Side-Scanning nennt sich das. Ein bisschen wie wenn die Polizei dein Auto durchsucht, bevor du überhaupt losfährst, und dir dann sehr freundlich dafür dankt, dass du deine Grundrechte zur Verfügung stellst. Bürgernähe à la Bruxelles.

Natürlich alles nur, damit keine abgründigen Verbrechen geschehen – und wer könnte schon etwas dagegen haben? Das ist der geniale, fast schon poetische Dreh: Der Bürger wird eingeladen, sein Misstrauen gegenüber flächendeckender Überwachung einzustellen, weil alles unter dem Banner des Kinderschutzes geschieht. Ein mächtiges moralisches Schutzschild, das jede kritische Frage automatisch in den Verdacht der Unmenschlichkeit versetzt. Ein psychologisches Kunststück – und die EU beherrscht es virtuos.

Altersverifikation: Die neue Eintrittskarte ins digitale Leben

Wie gemütlich doch die Zukunft wird: Man will nur kurz seine Nachrichten checken, und schon hält der Algorithmus höflich die Hand auf: „Ausweis, bitte.“ Ein Gesichtsscan hier, ein Bankdatenabgleich da – und schon ist man bereit für die freie Meinungsäußerung 2.0. Das digitale Ich wird dadurch so eindeutig wie die Steuer-ID, die wir ohnehin alle im Schlaf aufsagen können. Wer bisher dachte, das Internet sei ein Ort voller kreativer Identitäten, voller Pseudonyme, Avatare und künstlicher Charaktere, wird feststellen, dass die EU-Regulatorik diesen Wildwuchs sehr unästhetisch findet. Ordnung muss sein. Und Ordnung beginnt dort, wo niemand mehr anonym ist.

Die Ironie ist herrlich: Gerade jene Generation, die sich ohnehin nicht davor scheut, ihre halbe Existenz auf Instagram zu dokumentieren, wird nun durch technische Zwangsverifikationen endgültig in die nackte Wahrheit gezerrt. Teenager, die sich seit jeher erfinderische Ausreden ausdenken, um Elternkontrollen zu umgehen, werden sich künftig mit biometrischer Perfektion authentifizieren müssen, bevor sie jemandem ein Meme schicken. Wie praktisch, dass die Geräte alles speichern. Was könnte da schiefgehen?

Der gläserne Bürger: Von der Transparenz zur Transzendenz

Die EU nennt es Risikominimierung, Datenschützer nennen es Albtraum. Und irgendwo zwischen diesen Polen steht der Bürger, der inzwischen gelernt hat, dass „vorübergehend“ in Brüssel eine zeitliche Kategorie ist, die ungefähr so verlässlich ist wie die Haltbarkeit von Quark im Sonnenschein. Die zunächst befristete Sonderregelung wird deshalb – welch Zufall – dauerhaft. Damit freiwillige Scans auch weiterhin freiwillig bleiben können, ohne je wirklich aus der Welt zu verschwinden. Ein eleganter Schritt, der jeden Skeptiker beruhigen soll: Die EU würde nie und nimmer eine freiheitliche Grundordnung unterlaufen. Sie würde sie höchstens modernisieren – und modern heißt im europäischen Verwaltungsdeutsch: effizient durchleuchten.

Dass der Bürger in diesem Prozess zum Datenspender wird, ist lediglich die systemische Zusatzfunktion. Denn Daten sind das neue Öl, und wer wäre die EU, wenn sie nicht zumindest probieren würde, ihr eigenes digitales Bohrloch in unser Kommunikationsverhalten zu setzen? Ein Schatz, so sagt man, wartet unter der Erde. Und ein noch größerer in unseren Smartphones.

Die Demokratie im Fitnessstudio der Überwachung

Skeptiker behaupten ja gerne, Überwachung führe zur Erosion demokratischer Strukturen. Brüssel hingegen sieht das sportlicher: Demokratie muss flexibel bleiben, elastisch, belastbar. Ein wenig Überwachungsstretching schadet da nicht. Wenn man Journalisten, Anwälten oder Ärzten zuhört, klingt das allerdings weniger nach Fitnessstudio und mehr nach einer schleichenden systemischen Muskelzerrung. Pressefreiheit, Berufsgeheimnis, Whistleblower-Schutz – alles hübsche Accessoires einer alten Ordnung, die jetzt für die neue Ära der Sicherheit auf Figur gebracht werden müssen.

Wie beruhigend, dass ein eigens errichtetes EU-Zentrum bis 2030 mehr als hundert Millionen Euro verschlingen wird, um all die Meldungen aus den Messengern zu sortieren. Das klingt fast wie ein Jobprogramm für Datenarchäologen, die in den Sedimentschichten unserer digitalen Intimitäten nach verwertbaren Fragmenten graben. Jede Gesellschaft braucht schließlich ihre Priesterschaft – und warum nicht eine, die sich in der digitalen Beichte auskennt?

Wenn Konzerne anfangen zu drohen, wird’s spaßig

Signal, Threema und andere Messenger-Unternehmen erklärten bereits, sie würden sich eher aus der EU zurückziehen, als ihre Verschlüsselung auszuhebeln. Das hat fast etwas Romantisches: ein zartrosa Hauch digitaler Rebellion. Schwer bewaffnete Datenschützer in Kapuzenpullovern, die sich weigern, die Kryptografie zu verraten. Und die EU steht daneben und fragt sich verwirrt, warum private Firmen plötzlich moralische Rückgrate entwickeln. Man war aus Brüssel gewohnt, dass die Wirtschaft niederkniet, wenn nur ausreichend Formularwesen versprochen wird.

Dass das jetzt anders ist, könnte man als Warnsignal verstehen. Oder – wie Ursula es vermutlich formulieren würde – als Anlass, die Regulierung noch ein klein wenig besser zu machen. Schließlich darf kein Anbieter glauben, er könne sich der wohlmeinenden Umarmung europäischer Gesetzgebung entziehen. Freiheit ist schließlich dort am schönsten, wo sie geregelt ist.

Der politische Widerstand: Ein Chor seltsamer Einigkeit

In einer beeindruckenden Wendung zeigt sich, dass sowohl rechte als auch linke Opposition mit der EU plötzlich einer Meinung sind – ein historisches Ereignis, das ungefähr so häufig vorkommt wie ein defizitfreier EU-Haushalt. Die FPÖ sieht die Grundrechte in Trümmern, die Grünen wittern Rechtsbruch und Überwachungsdammbruch. Wenn politische Gegner sich so leidenschaftlich einig sind, sollte das eigentlich Alarm auslösen. Doch in Brüssel interpretiert man solche Einigkeit traditionell als Bestätigung, dass der Kompromiss ausgewogen ist. Schließlich sind beide Seiten unzufrieden – die reine demokratische Harmonie!

Der Bürger allerdings, diesem Konflikt ausgesetzt, fühlt sich wie ein Kind in einer Scheidung: Beide streiten, beide schreien, und er weiß nicht, ob er nun von der EU oder den Nationalstaaten erzogen – pardon: überwacht – wird.

Finale: Ein Monster entsteht – und alle hoffen, es sei vegan

Am Ende bleibt das Versprechen, dass alles nur zum Schutz der Kinder geschieht. Ein völlig valides Anliegen, das tragischerweise als moralischer Rammbock missbraucht wird, um eine Überwachungsarchitektur aufzubauen, die selbst ein autoritärer Staat nur mit leuchtenden Augen betrachten könnte. Brüssel baut ein Monster, so sagen Kritiker – aber eines, das hoffentlich harmlos bleibt, weil es freiwillig gefüttert wird. Man könnte sich fast entspannt zurücklehnen, wäre da nicht das dumpfe Gefühl, dass Monster selten bei der Diät bleiben, die man ihnen anfangs verordnet.

Europa will sicherer werden, sagen die Architekten des neuen Überwachungskontinents. Und vielleicht werden wir es sogar. Aber sicherer wovor? Vor Verbrechen – oder vor Freiheit?
Ein feiner Unterschied, den Big Sister Ursula vermutlich in einem ihrer vielen Ordner abgeheftet hat. Zwischen „Sicherheit“ und „Privatsphäre“, alphabetisch sortiert, liegt nur ein Blatt Papier. Und die Schere steht schon bereit.

Friedensangst – Die neue Panik der Prosperität

Es gibt Wörter, die sich heimlich in die Sprache schleichen, wie Katzen durch eine angelehnte Terrassentür: ungebeten, aber sofort Herr im Haus. „Friedensangst“ ist eines dieser Wörter. Ein hübsches Neologismus-Früchtchen, das gleichzeitig duftet und stinkt – süßlich in seiner Hoffnung, modrig in seiner Bedeutung. Man möchte es fast streicheln, dieses paradox aufpoppende Sprachwesen, bis man merkt, dass es mit leicht fettigen Fingern vom Parkett gekommen ist, aus einer jener Börsenhöhlen, in denen die Luft aus Angst, Kaffee und Krawattenstaub besteht. Ein Wort wie ein nachlässig verklebtes Pflaster: Man schaut hin, obwohl man es lieber lassen würde.

Wenn der Frieden zur Störung wird

Es sind sonderbare Zeiten, wie sie sonst nur Historiker erfinden, wenn sie mit ihren Studierenden Eindruck schinden wollen: Zeiten, in denen die Kanonen nicht mehr das Zittern verursachen – sondern ihr Verstummen. Es ist, als hätten wir kollektiv vergessen, dass Normalität eigentlich der Ausgangszustand der Welt sein sollte und nicht die Ausnahme. Dass Ruhe nicht verdächtig ist und Frieden keine geopolitische Unregelmäßigkeit, die auf ökonomische Gefahren hindeutet. Doch genau das scheint die Börsenlogik unserer Gegenwart zu fordern: Sie verlangt Unruhe wie andere Leute glutenfreie Snacks. Ein bisschen Knall, ein bisschen Knallgas, und schon fühlen sich die Kurse wohl. Das Schlachtfeld als Wärmflasche. Der Waffenstillstand als Kälteeinbruch.

Da steht also Rheinmetall, dieser neue Liebling der Investoren, plötzlich im Gegenwind – nicht, weil die Geschäfte schlecht laufen, sondern weil die Welt womöglich ein klein wenig weniger brennt. Die Aussicht auf Waffenruhe drückt die Kurse. Ein US-Friedensplan reicht aus, um ein milliardenschweres Beben auszulösen. Anleger kratzen sich nervös am Krawattenknoten und fragen sich: „Was, wenn die da draußen ernst machen mit der Deeskalation?“ Es ist beinahe rührend – wie ein Junkie, der erschrickt, weil jemand ihm versehentlich eine Woche Urlaub schenkt.

Das Börsenmonster erwacht: Ein Gefühl wie ein Börsen-Crash im Pyjama

So entsteht unser neues Lieblingsungeheuer: Friedensangst. Ein Begriff, der klingt, als sei er von einem hyperventilierenden Statistiker erfunden worden, der zu lange auf tickenden Charts gestarrt hat. Die Märkte reagieren inzwischen auf Frieden wie Vampire auf Vitamin D. Ein zaghafter Waffenstillstand – und schon schmilzt die Performance dahin, leise zischend, wie Butter auf einer heißen Rüstung.

Es ist die Antithese dessen, was in der Schule noch gelehrt wurde: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Heute müsste man hinzufügen: „… denn sonst bricht der DAX ein.“ Fortschritt bedeutet offenbar, dass moralische Paradoxien inzwischen als Kapitalmarktindikatoren herhalten. Eine Emotionslandschaft, die eher an eine neurotische Komödie erinnert als an globale Ökonomie.

Anlegerlogik: Das große Zucken der Zivilisation

Früher fragte man in finsteren Momenten: „Was, wenn sie schießen?“ Heute flüstert man nervös: „Was, wenn sie damit aufhören?“ Eine Frage, die den gesamten intellektuellen Spagat offenbart, den wir auf diesem wackeligen Zeitstrahl der Moderne vollführen. Wir haben uns so sehr an Dauerkrise gewöhnt, dass ihr Ausbleiben wie eine existenzielle Unannehmlichkeit wirkt.

Vielleicht ist die Friedensangst also nicht nur ein Wort, sondern ein Symptom. Ein leises Nagen an der globalen Psyche, die zu lange auf ständiges Donnergrollen konditioniert wurde. Die Börsen zittern beim Klang der Stille. Investoren bekommen Panikattacken, wenn irgendwo ein Verhandlungstisch aufgebaut wird. Und während die Analysten hektisch ihre Excel-Modelle massieren, versucht der Rest der Welt, sich daran zu erinnern, wie eigentlich Alltag ohne Alarmstufe Rot aussieht.

Und nun?

Vielleicht sollten wir Friedensangst nicht nur belächeln – obwohl sie geradezu darum bettelt –, sondern als unfreiwilligen Spiegel unserer Zeit betrachten. Ein groteskes Kaleidoskop der Prioritäten, das zeigt, wie tief die Märkte in die Seelenlandschaft eingewandert sind. Und vielleicht, nur vielleicht, ist dieses neue Wort ein Anfang: Ein schief grinsendes, zynisch funkelndes Signal dafür, dass wir dringend neu sortieren müssen, was wirklich als Katastrophe zu gelten hat.

Denn wenn der Frieden Angst macht und der Krieg Sicherheit verspricht, ist es nicht die Börse, die falsch tickt. Es ist die Welt. Oder besser: das, was wir aus ihr gemacht haben.

Die EU am Wochenmarkt

Es gibt Momente in der europäischen Politik, da weiß man nicht, ob man applaudieren, lachen oder panisch den letzten Rest an Menschenwürde aus dem brennenden Haus der geopolitischen Selbstüberschätzung retten soll. Die jüngste Verkündigung der EU-Kommission, Europa solle künftig „gemeinsam Rohstoffe einkaufen“, gehört zweifellos zu jenen exquisiten Episoden des politischen Theaters, in denen Idealismus und Realitätsferne eng miteinander tanzen – so eng, dass man sich fragt, wer von beiden wem auf die Füße tritt. Denn während die Kommission feierlich ihre geballte Einkaufskraft beschwört – man darf sich das gern als gigantischen Wocheneinkauf mit 27 Einkaufszetteln vorstellen – schwingt gleichzeitig ein kaum verhülltes „Isch ’abe auch eine Drohung“ im Raum, gerichtet an jene Länder, die es wagen könnten, Europa nicht prioritär zu beliefern. Es ist der klassische EU-Moment: moralisch erhaben auftreten, ökonomisch entschlossen wirken – und dabei unfreiwillig Komik erzeugen.

Der Kontinent als Schnäppchenjäger

Ein Kontinent, der gemeinsam Rohstoffe einkauft – die bloße Vorstellung hat etwas rührend Hausmütterliches. Man sieht förmlich die EU-Kommissarinnen und -Kommissare mit Trolley und Jutebeutel über den globalen Wochenmarkt schlendern, hier ein seltenes Metall beäugend, dort ein Gasvorkommen kritisch prüfend, und zwischendurch empört nachfragend, ob dieses Lithium denn nun wirklich nachhaltig sei oder bloß nachhaltig im Werbeprospekt. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn 27 Staaten zusammen auftreten, dann haben sie eine stärkere Verhandlungsposition. Und zweifellos stimmt das – zumindest in jener theoretischen Welt, in der alle 27 dieselben Interessen, dieselbe Geduld und dieselbe Vorstellung von Preis und Priorität haben. In der wirklichen Welt allerdings wird der gemeinsame Einkauf schnell zum geopolitischen Gruppentherapieexperiment, bei dem jeder Mitgliedstaat zwar gern Solidarität predigt, aber im entscheidenden Moment doch wieder fragt: „Und was genau bringt mir das?“

Immerhin lässt sich die EU dabei nicht lumpen. Denn wer könnte der Versuchung widerstehen, der Welt mit wohlig schwingender moralischer Überlegenheit zu erklären, dass Europa – dieses große, friedliebende, überall beliebte Europa – künftig seine Einkaufsliste diktieren will wie eine etwas zu selbstbewusste Kundin in einem Bioladen, die verlangt, dass der Kassierer weiß, was sie „sonst immer nimmt“.

Wenn die sanfte Drohung mit dem Zeigefinger winkt

Doch hinter der freundlich-technokratischen Formulierung, man wolle „mit geballter Einkaufskraft Lieferengpässe verhindern“, steckt ein Subtext, der sich nur mit einer fein abgeschmeckten Portion Zynismus voll entfaltet. Denn die Kommission erklärt implizit: „Wenn ihr nicht anständig liefert, werden wir … ja, was eigentlich? Sehr enttäuscht sein? Den Handelspartner streng anschauen? Oder – Gott bewahre – womöglich den diplomatischen Zeigefinger heben?“

Die Andeutung einer Drohung wirkt dabei wie jene sanfte pädagogische Warnung, mit der Eltern ihrem Kind nahelegen, dass es jetzt aber wirklich gleich ins Bett müsse, sonst passiere … ja, sonst passiere etwas, das man nie konkret ausbuchstabiert. Die EU erklärt also entschlossen, aber nicht zu detailliert, dass andere Länder gefälligst ihre Rohstoffe herausrücken sollen. Dass diese Länder sich denken könnten: „Europa, du produzierst selbst kaum was davon, kritisierst unsere Politik täglich – und jetzt möchtest du bitte bevorzugt beliefert werden?“ … darüber schweigt man höflich.

Doch man muss fair sein: Die Weltlage ist ernst genug. Wenn China den Export bestimmter Metalle einschränkt und die USA sich wieder einmal in protektionistische Selbstfindungsseminare begeben, dann bleibt Europa nur, irgendeine Art „strategischer Autonomie“ zu improvisieren. Und wenn man keine Minen hat, dann, nun ja, kauft man eben gemeinsam ein – und hofft, dass Moral, Kaufkraft und charmantes Lächeln ausreichen, um afrikanische, südamerikanische oder asiatische Rohstoffnationen zu überzeugen, sich den europäischen Bedürfnissen zu beugen.

Die große europäische Selbstbehauptungsoper

In Wahrheit ist die Ankündigung der EU-Kommission ein weiterer Akt in jenem langatmigen, doch stets dramatisch inszenierten Versuch, Europa als geopolitischen Akteur darzustellen, der mit den Supermächten mithalten kann. Man könnte meinen, der Kontinent stehe auf einer Theaterbühne mit USA und China, während diese beiden sich mit Laserkanonen duellieren – und Europa versucht, mit einer besonders eindrucksvollen PowerPoint-Präsentation Eindruck zu schinden.

Die Idee der gemeinsamen Rohstoffbeschaffung erinnert an jene legendären Momente der EU-Historie, in denen man glaubte, durch institutionelle Eleganz geopolitische Härte ersetzen zu können. Doch der globale Rohstoffmarkt ist kein Debattierclub, und auch kein Seminar für wertebasierte Außenpolitik, sondern ein knallhartes, oft schmutziges Geschäft, in dem Macht, Zugang und Infrastruktur zählen. Da hilft es wenig, wenn die EU ihre „strategischen Bedürfnisse“ in wohlklingenden Papieren formuliert. Ein Bergbaukonzern in Indonesien oder Chile mag höflich nicken – und trotzdem verkaufen, an wen er will.

Die Schönheit der Ironie liegt jedoch in der Tatsache, dass die EU politisch stets dorthin strebt, wo sie am wenigsten glaubwürdig ist. Ein kontinentales Einkaufszentrum? Großartig. Eine geopolitische Speerspitze? Nun ja. Ein Ressourcenimperium? Höchstens im PowerPoint-Format. Doch zumindest beweist Europa einmal mehr seinen unbeirrbaren Optimismus: Wenn schon nicht pragmatisch, dann wenigstens feierlich.

Die moralische Großmacht mit Einkaufswagen

Es wäre unfair, den europäischen Ansatz ausschließlich zu belächeln. Ein gemeinsamer Einkauf kann tatsächlich helfen, die Preise zu stabilisieren, Abhängigkeiten zu verringern und die Verhandlungsmacht zu erhöhen. Doch Europa wäre nicht Europa, wenn es nicht gleichzeitig glauben würde, dass man mit moralischem Anspruch geopolitische Physik überlisten könnte. Die EU sieht sich gern als Hort der Werte, der Transparenz, der fairen Partnerschaften. Doch der Rohstoffmarkt ist ein Tummelplatz jener Realität, die sich für Werte nur interessiert, wenn sie sich in Dollar, Yuan oder zumindest Kupferdraht umrechnen lassen.

So entsteht jene köstliche Diskrepanz, die dieses gesamte Projekt zur Satire macht: Ein Kontinent, der weder die Rohstoffe besitzt noch deren Abbau forcieren will und gleichzeitig gegenüber der Welt die moralische Messlatte hält, möchte nun „mit geballter Einkaufskraft“ auftreten – vermutlich mit demselben Ausdruck auf dem Gesicht, mit dem man einem überforderten Einzelhändler erklärt, das Haltbarkeitsdatum des Sojajoghurts entspreche nicht den EU-Anforderungen.

Und dennoch: Die EU meint es ernst. Sie will keine Bittstellerin mehr sein. Keine politische Vegetarierin in einer Welt der geopolitischen Fleischfresser. Keine moralische Kommentatorin, die am Rand steht, während andere handeln. Nein, Europa möchte endlich etwas tun, das nach Macht aussieht – selbst wenn es am Ende nur ein ziemlich großer, ziemlich komplizierter Einkauf wird.

Schlusswort eines wohlmeinenden Zynikers

Vielleicht ist das der wahre Kern des Ganzen: Europa versucht, die eigene Ohnmacht mit kollektiver Organisation zu übertönen. Und das ist – im besten Sinne – zutiefst menschlich. Denn wer kennt es nicht: Wenn man keine echte Kontrolle hat, beginnt man eben Listen zu schreiben, Einkaufsgruppen zu gründen und sich gegenseitig in der Illusion zu bestärken, dass gemeinsames Auftreten Stärke bedeutet.

Vielleicht funktioniert es. Vielleicht wird Europa tatsächlich unabhängiger. Vielleicht werden die Lieferketten stabiler. Oder vielleicht wird die Kommission in ein paar Jahren erklären, dass die Welt leider nicht angemessen kooperiert habe und man nun eine „gemeinsame strategische Reflexion“ anstrebe.

Aber bis es so weit ist, bleibt uns zumindest ein gewisses Maß an Unterhaltung: Ein Kontinent im kollektiven Einkaufsrausch, moralisch aufgeladen, politisch ambitioniert – und herrlich unfreiwillig komisch. Ein Europa, das versucht, mit einem Einkaufswagen die Weltpolitik neu zu ordnen. Ein Bild, das so absurd ist, dass es fast schon wieder poetisch wirkt.

Unser Sportminister Babler gibt sich die Kugel

Es gibt Momente in der politischen Sphäre, in denen man als Beobachter nicht weiß, ob man sich nun die Augen reiben, laut auflachen oder einfach seufzend kapitulieren soll. Jene Szene, in der Sportminister Vizekanzler Andreas Babler beim „Vienna is lit!“-Flipperturnier auftauchte, gehörte zweifellos in diese Kategorie der multipel ambivalenten Regungen. Ein Minister, der sich „die Kugel gibt“ – metaphorisch selbstverständlich, man ist ja humanistisch gebildet – und dabei lässig zwischen zwei Tilt-Warnungen über den gesellschaftlichen Zusammenhalt fabuliert, ist ein kulturpolitischer Moment, den man im Geschichtsbuch später vermutlich unter „symptomatische Randnotiz eines überbeschleunigten Jahrzehnts“ finden wird. Doch was wie eine ironische Fußnote beginnt, entfaltet sich in Wahrheit als seltenes Panorama unserer Zeit: Der Retro-Flipper als politisch-emotionaler Kraftort, die nostalgische Kugel als Modell moderner Politik – unberechenbar, bunt blinkend, laut scheppernd und immer kurz davor, in den Abgrund zu rauschen.

Der Minister als Kugel, der Flipper als Gesellschaft

Dass das Flipperturnier eine „Community“ beherbergte, die „diese Kultur lebt und weiterträgt“, wie der Minister ernsthaft verkündete, ist einer jener Sätze, die man sofort in einer Fußgängerzone als Straßenperformance aufführen könnte: Der Nostalgieenthusiast, der beleidige Kulturpessimist und der verwirrte Passant würden gleichermaßen stehen bleiben. Diese „Kultur“ – das rhythmische Klackern der Kontaktpunkte, ein 80er-Jahre-Maschinenbrummen, das nach ölverschmiertem Heldenmut riecht – wird in diesem Moment zu einem Quasi-Kulturdenkmal erhoben. Und während Babler versucht, sich selbst zwischen Bumpern und Blinklichtern zu positionieren, merkt man, wie sehr dieser Wettbewerb seine eigene ministerielle Psyche spiegelt. Wer Flipper spielt, weiß: Die Kontrolle ist immer nur Illusion. Man kann noch so entschlossen die metallene Kugel in Bewegung setzen, am Ende entscheidet ein chaotisches Set aus Schwerkraft, Mechanik und unberechenbarem Glück. Genau so fühlt sich politische Verantwortung dieser Tage an – nur dass im Gegensatz zum Flipper niemand am Ende „Replay“ drückt.

Man könnte sogar argumentieren, dass Babler in diesem Setting sein bislang ehrlichstes öffentliches Statement abgegeben hat, ohne ein einziges Wort zu sagen: Durch die schiere Anwesenheit an einem Gerät, das schillerndes Spektakel und durchschaubare Sinnlosigkeit in perfekter Synthese verbindet. Eine Kugel wird abgeschossen, kämpft sich durch labyrinthische Herausforderungen, prallt an glitzernden Oberflächen ab, entkommt knapp mehreren Katastrophen und landet – früher oder später – doch wieder unten im Loch. Wenn das nicht die Metapher für österreichische Innenpolitik ist, dann weiß ich auch nicht.

Wenn Nostalgie zur Staatsräson erklärt wird

Dass der Minister öffentlich verkündete, wie „großartig“ das sei, „wie stark der Flipper-Trend zurück ist“, wäre in einer Welt, die sich mit Klimakrisen, geopolitischen Friktionen und einer erstaunlich kreativen Inflation herumplagt, eigentlich eine Satire in sich. Doch vielleicht ist es ja genau die Pointe unserer Epoche: Der Rückzug in harmlose Retro-Trostwelten. Während draußen ein globales Durcheinander tobt, flüchtet man sich in das vertraute Klackern der 1980er. Alte Geräte, die früher im verrauchten Beisl standen, werden nun zu Leuchttürmen kultureller Relevanz erhoben. Der politische Souverän, der einst über Arbeitsmarkt, Migration oder soziale Gerechtigkeit parlierte, erklärt nun mit heiligem Ernst die Rückkehr der Flipperkultur zur gesellschaftlichen Aufgabe. Man wähnt sich in einem dystopischen Roman über eine Welt, die endgültig beschlossen hat, dass die großen Erzählungen viel zu kompliziert sind – also ersetzt man sie durch nostalgische Miniaturdramen aus Stahl und Plastik.

Natürlich könnte man zynisch behaupten, es handle sich hier um eine ideale politische Strategie: Beim Flipper kann man wenigstens noch behaupten, man habe den Kugelverlauf ansatzweise beeinflusst. In der echten Welt hingegen hat jeder Versuch der Einflussnahme die charmante Tendenz, von unvorhersehbaren Ereignissen pulverisiert zu werden. Vielleicht ist das die bittere Wahrheit: Manchmal ist der Flipperraum schlicht ein besserer Ort als der Ministerratssaal.

Ein Dank, der wie eine Prophezeiung klingt

Und dann steht er da, der Vizekanzler, flankiert von blinkenden Geräten, und jemand ruft ihm zu: „Danke für Ihren gesellschaftlichen Einsatz in diesen gesellschaftlich herausfordernden Zeiten!“ Ein Satz so repetitiv, dass man ihn am liebsten als Dauerschleife auf einem dieser digitalen Scoreboards einstellen möchte. Es ist die Art von politischem Dank, die gleichzeitig klingt wie eine Lobeshymne, eine Entschuldigung und eine Warnung. Man spürt förmlich, wie die Worte ins Leere driften, wie sie zwischen zwei Bumpern hängen bleiben, bevor sie leise abgleiten: Wir danken ihnen, weil wir sonst nicht wüssten, wofür wir ihnen eigentlich danken sollen. Wir danken ihnen, weil man hofft, dass der Dank selbst schon die schwierigen Zeiten entschärfen möge. Wir danken ihnen, weil es in Österreich eine jahrhundertealte Tradition ist, Funktionsträgern rituell Dankbarkeit entgegenzuschleudern – unabhängig davon, ob sie nun tatsächlich etwas getan haben oder nicht.

Doch im glitzernden Halbdunkel des Flipperraums hat dieser Satz etwas Ergreifendes. Vielleicht, weil er so absurd ist. Vielleicht, weil er so ernst gemeint klingt. Vielleicht, weil man versteht, dass zwischen den Kuchler Gassen und dem Kanzleramt letztlich alle dasselbe wollen: Dass die Kugel ein bisschen länger oben bleibt, bevor sie wieder unweigerlich verloren geht.

Epilog: Die Kugel rollt weiter

So verlässt der Sportminister schließlich das Turnier, wahrscheinlich halb euphorisiert, halb überfordert, aber um eine neue Erfahrung reicher. Und irgendwo in diesem absurden Bild – ein Minister, der die Kugel abfeuert und dabei Gesellschaftspolitik beschwört – liegt tatsächlich ein Kern Wahrheit: Vielleicht ist unsere Zeit nur noch durch Satire zu ertragen. Vielleicht sind Flipperautomaten die letzten Orte, an denen wir den Zufall als Freund akzeptieren. Vielleicht zeigt uns dieses Bild, worum es politisch längst geht: Nicht um perfekte Kontrolle, sondern darum, sich mit Stil durch Chaos zu manövrieren.

Und so bleibt uns am Ende nur ein Fazit: Wenn schon die Welt eine Maschine voller Bumper, Multiballs und blinkender Ablenkungen ist – dann sollten wir wenigstens die Fähigkeit kultivieren, darüber zu lachen. Oder, wie es der Minister getan hat: Uns hin und wieder einfach die Kugel geben.

Wir haben’s hinter uns

Postmigrantische Gesellschaft

In einer Ära, in der wir uns sprachlich offenbar nur noch rückwärts fortbewegen können, ist es kaum verwunderlich, dass sich die Vorsilbe post- als semantischer Zuchtmeister über die wackligen Konstruktionen öffentlicher Debatten erhebt. Kaum hat man sich an die Postmoderne gewöhnt, da sie schon in die Jahre kommt; kaum hat man die Postkolonialität korrekt buchstabiert, da wird sie in akademischen Mittelschichtrunden zu einem intellektuellen Haustier degradiert, das die Teilnehmer*innen bei Bedarf in den Schoß nehmen, um sich daran zu wärmen. Und nun also „postmigrantisch“, das neue Etikett, frisch gedruckt mit der Begeisterung eines sozialwissenschaftlichen Paketboten, der mal wieder vergessen hat, was eigentlich im Karton war.
Der Mensch von heute soll sich angeblich im postmigrantischen Zeitalter befinden, doch wer sich die Mühe macht, einen Blick in das gesellschaftliche Treppenhaus zu werfen, hört die Stimmen derjenigen, die diese Treppe überhaupt erst betreten wollten: Es knarzt, es ächzt, und manchmal bricht eine Stufe weg, wie ein pessimistischer Kommentar im Feuilleton. Postmigrantisch – als wäre Migration bereits erledigt, sauber archiviert, abgeheftet, und die Realität nickt höflich, obwohl sie nicht eingeladen war. Die Vorsilbe, die einst den Fortschritt signalisieren sollte, entlarvt sich selbst als Verlegenheitsgeste einer Gesellschaft, die ihre eigenen Begriffe nur noch ex post versteht.

Das Versprechen der Vorsilbe

Die Ironie besteht darin, dass dieses post- stets den Anspruch erhebt, etwas Überwundenes zu markieren, obwohl es ja gerade auf etwas verweist, das hartnäckiger ist als die Optimismusfloskeln politischer Sonntagsreden. Die Postmoderne war nie richtig modern, die Postkolonialität nie sauber entkolonialisiert, und nun behauptet das „postmigrantische“ Zeitalter standhaft, man hätte das Thema gesellschaftlich durchgespielt wie ein Strategiespiel auf leichtem Schwierigkeitsgrad.
In Wirklichkeit jedoch thront dieses post- wie eine schlecht gelaunte Grammatikgouvernante über einem Alltag, der sich um die Etiketten wenig schert. Menschen migrieren weiterhin, manche freiwillig, viele unfreiwillig, und selbst jene, die schon seit Generationen hier sind, gelten mancherorts – je nach Hautfarbe, Name oder Akzent – weiterhin als provisorische Gäste im eigenen Land. Wer hier also etwas „postuliert“, postuliert vor allem sich selbst, dekoriert mit einem Begriff, der eher ein intellektuelles Schulterklopfen für Eingeweihte ist als eine Diagnose gesellschaftlicher Realität.

Der Etikettendruck als Ersatzhandlung

In einem bemerkenswerten Akt kollektiver Selbstüberschätzung glaubt man heutzutage, eine Gesellschaft ließe sich durch sprachliche Präfixe wie Möbelkataloge ordnen. Postmigrantisch – das klingt nach Fortschritt, nach einem Zustand, in dem alles Unangenehme längst überwunden wurde, ein Versuch, Komplexität mit der Präzision einer Büroklammer zu bändigen.
Doch der Etikettendruck dient letztlich als Ersatzhandlung: Man kann sich mit einem Wort schmücken, anstatt sich mit den darin enthaltenen Realitäten auseinanderzusetzen. So entsteht eine intellektuelle Selbstberuhigungspraxis, die zwar semantisch kunstvoll erscheint, aber praktisch ebenso leer ist wie die Motivationssprüche in Großraumbüros. Man druckt, deklariert, versieht mit Präfixen – und hofft, dass die Welt dem Beispiel folgt. Sie folgt nicht. Sie hat Besseres zu tun.

Die Polemik der Selbsttäuschung

Es wäre falsch zu behaupten, der Begriff sei völlig nutzlos. In akademischen Dialogen entfaltet er eine gewisse Eleganz, er schwingt mit jenem leichten Hauch des Fortschritts, den man gern im Seminarraum inhalieren möchte. Doch sobald man damit versucht, die Realität zu sortieren, verwandelt er sich in einen sprachlichen Taschenspielertrick: Man behauptet eine nachmigrantische Phase, während man gleichzeitig den Menschen, die angeblich „post“ sind, im Alltag immer wieder signalisiert, dass sie es nicht sind.
Hier offenbart sich die wahre Polemik: Nicht die Gesellschaft ist postmigrantisch, sondern die Geduld derjenigen, die das immer wieder hören müssen. Die Zynik liegt nicht im Begriff selbst, sondern in seinem Gebrauch, in der unbewussten Arroganz einer Gesellschaft, die Probleme für gelöst erklärt, sobald sie einen akademisch ausreichend klingenden Namen haben.

Ein augenzwinkerndes Resümee

Vielleicht sollten wir, statt ständig neue Prefixe zu erfinden, einmal innehalten und fragen, wozu wir diese Begriffe überhaupt benötigen. Sie geben uns das wohlige Gefühl, auf einem intellektuellen Hochplateau zu stehen, während wir in Wahrheit über einen semantischen Abgrund balancieren.
„Postmigrantisch“ ist im besten Fall eine Hoffnung, im schlechtesten eine Selbsttäuschung. Eine Gesellschaft, die glaubt, Migration ließe sich durch ein post- rückstandslos wegdefinieren, verhält sich wie jemand, der den Wecker früher stellt, um zu glauben, er habe mehr geschlafen.
Doch vielleicht liegt im Begriff wenigstens ein kleines Fünkchen Humor: In seinem unbeabsichtigten Geständnis, dass wir uns selbst oft nicht mehr ernst nehmen können. Und vielleicht liegt in diesem Lächeln die eigentliche Chance. Denn eine Gesellschaft, die über ihre eigenen Etiketten lachen kann, ist zumindest ein Stück weit auf dem Weg – vielleicht nicht post-irgendwas, aber immerhin: angekommen in der Realität.

Österreichs Winterschlaf

Schiefergas: Der Schatz, den wir nie wollten

Man stelle sich vor: Unter den sanften Hügeln des niederösterreichischen Weinviertels lagert ein Schatz, größer als so mancher Finanzplan der Republik, mächtiger als die Sommerhitze in Poysdorf, gefährlicher nur für die Faulheit der politischen Entscheidungsträger. Fast drei Jahrzehnte könnte dieses Schiefergas Österreich nahezu autark mit Energie versorgen – und dennoch starren wir mit zitternden Fingern auf die Heizkörper, während die EU-Gaspreise in schwindelerregende Höhen klettern. Es ist die Ironie par excellence: Ein Land, das so stolz auf seine Weine und seine „grüne Seele“ ist, könnte seine Bürger nun frierend durch den Winter schicken – und das alles, weil jemand vor zehn Jahren beschlossen hat, lieber auf dem moralischen Pedestal der Ökologie zu reiten, anstatt pragmatisch zu handeln.

Die Montanuniversität Leoben hatte damals bereits die Lösung parat: Wasser, Stärke, Sand – nichts, was die Umwelt ernsthaft bedroht – und das Gas fließt aus dem Gestein wie Wein aus einem frisch entkorkten Fass. Aber nein, die Bürgerinitiativen „Risiko Gas“ und „Schiefes Gas“ standen wie eine Horde mittelalterlicher Drachenritter vor dem Schatz und brüllten „Halt! Nicht mit uns!“ Landesrat Karl Wilfing, zufälligerweise langjähriger Bürgermeister von Poysdorf und zufälligerweise ein Mann, dessen politisches Karma sich wohl auf das Wohl seiner Gemeinde konzentrierte, nickte zustimmend. Das Resultat: Die OMV gab 2013 auf, die Gasgewinnung wurde eingestellt – und die Winterheizungen der Österreicher warten seither auf ein Wunder, das nie kam.

Fracking mit Zitronensaft? Österreichs alternative Realität

Natürlich, es geht hier nicht um eine simple Ölkatastrophe oder die traditionelle Fracking-Paranoia, die man gerne mit schaurigen Bildern von vergiftetem Trinkwasser und glühenden Kühen illustriert. Die Methode der Leobener Wissenschaftler war sauber, fast schon liebevoll zur Natur, ein Hightech-Ballett der Chemie, das Gas aus der Tiefe lockte, ohne sie zu zerstören. Man könnte fast meinen, die Wissenschaft habe die Politik überlistet, nur um dann selbst vor einer Wand aus bürokratischer Ignoranz zu stehen. Stattdessen importiert die EU heute Flüssiggas aus aller Welt, geliefert von  Tankschiffe voll von Schweröl, das die Atmosphäre wie einen undurchsichtigen Schleier überzieht. USA, Katar, Nigeria, Russland – wir begrüßen euch alle mit offenen Häfen und roten Rechnungen.

Wenn man es nüchtern betrachtet, wäre die Rechnung simpel: Hätte man die OMV arbeiten lassen, wäre Österreich seit 2020 unabhängig von russischem Gas gewesen. Seit 2020! Stattdessen fahren wir nun panisch in die Tankstellen der Welt, während die politischen Entscheidungsträger fröhlich diskutieren, ob ein Windrad vielleicht doch zu laut ist. Die Kluft zwischen rationaler Notwendigkeit und politischem Handeln könnte man kaum satirischer inszenieren – und genau das passiert, wenn man die Verantwortung mit einem Lächeln auf das nächste Jahrzehnt verschiebt.

Der Winter der zögerlichen Herzen

Jetzt stehen wir also da, zitternd vor Heizkörpern, während der Winter kommt. Es ist ein Winter der Absurditäten, der politischen Theaterkunst und der Verzögerungskunst. Österreich könnte seine Gasversorgung aus dem eigenen Boden sichern, aber nein – lieber lassen wir uns von fremden Staaten die Energiekosten diktieren, unterzeichnen Vertragswerke, die uns in endlosen Zahlungsstrudeln halten, und warten darauf, dass der nächste Sommer vielleicht die politische Courage zurückbringt. Die österreichische Energiepolitik ist ein Drama in drei Akten: Verleugnung, Verweigerung, Verzweiflung.

Und während wir frierend im Kerzenschein sitzen, könnte man beinahe den Humor in der Tragödie erkennen: Österreich, das Land der Präzision, der Ingenieure, der Forscher, lässt sich von Bürgerinitiativen, alten politischen Ambitionen und einem Übermaß an moralischer Empfindlichkeit in eine Lage manövrieren, die einem kafkaesken Wintermärchen würdig wäre. Vielleicht lachen wir später darüber, wenn wir nicht mehr zittern. Oder wir zittern weiter, während wir darüber lachen – eine wirklich heimische Mischung aus Schauer, Satire und Schiefergas, das wir nie hatten.

Vom ewigen Wahn der Russland-Besessenheit

Es gibt historische Konstanten, die sich so zuverlässig durch die Jahrhunderte ziehen wie das Unvermögen politischer Eliten, Landkarten korrekt zu interpretieren. Unter diesen Konstanten ragt eine besonders spektakuläre hervor: die Wahnidee, man könne Russland – dieses geographische Mammut, diese klimatische Trotzburg, dieses historische Sediment aus Völkern, Tragödien und Schneestürmen – mit militärischen Mitteln bezwingen. Napoleon, Kaiser Wilhelm und Hitler haben diese fixe Idee nicht nur kultiviert, sie haben sie regelrecht romantisiert, als gäbe es irgendwo im sibirischen Frost einen geheimen Level, dessen Abschluss man mit Ruhm, Ehre und einer lebenslangen Mitgliedschaft im Pantheon der Weltbeherrscher belohnt würde.
Dass am Ende statt Ruhm vor allem matschige Rückzugswege, erfrierende Truppen und chronische Realitätsverweigerung standen, wäre eine eher harmlose Pointe – wären da nicht die Millionen Toten, die aus dieser kollektiven Paranoia hervorgegangen sind. Es ist geradezu erschütternd-poetisch, wie dieselbe Geschichte immer wieder neu erzählt wird: erst der Größenwahn, dann der Winter, dann das Grauen. Ein Reigen destruktiver Selbstüberschätzung, choreografiert von Männern, die glaubten, historische Sondereditionen ihrer eigenen Person zu sein, während sie in Wahrheit nur den alten Fehlern eine neue Uniform überstreiften.

Die groteske Faszination des Größenwahns

Denn was treibt Menschen, die ohnehin schon bis obenhin mit Macht gefüttert sind, dazu, sich ein Territorium auszusuchen, das weder willig, noch warm, noch wirtschaftlich einladend ist, und es mit Inbrunst zur Arena ihrer Selbstverwirklichung zu erklären? War es der Glaube an eine „Mission“? Ein heroischer Drang? Oder schlicht der alte Irrtum, dass sich Landnahme genauso leicht ausbreiten lässt wie politisch aufblasbare Egos?
Napoleon marschierte mit jener eleganten Arroganz los, mit der man sonst nur Pasteten serviert und Hofdamen anlächelt. Wilhelm II. hingegen kombinierte seinen strategischen Eifer mit einer Schelmenhaftigkeit, die beinahe liebenswert wäre – hätte sie nicht den halben Kontinent ins Verderben gestoßen. Hitler schließlich, berauscht von rassistischer Mythenproduktion und kriegsfantastischen Visionen, glaubte, der russische Boden werde unter seiner Stiefelspitze gefügig wie ein dressierter Hund. Doch Russland ist kein Hund. Russland ist ein Bär, der im Winter schläft und im Sommer beißt, und wer ihn wecken will, sollte wenigstens Handschuhe tragen, keine Ideologien.

Die Rechenfehler der Selbstherrlichkeit

Alle drei waren vereint in einer einzigen grandiosen Fehleinschätzung: Sie verwechselten Landmasse mit Schwäche, Klima mit Kulisse, und einen vielschichtigen Staat mit einer Art Herausforderungeniveau für militärische Selbstdarsteller. Es ist verblüffend, wie konsequent sie ignorierten, dass Russland historisch immer am stärksten war, wenn es am verwundbarsten wirkte. Die Größe, die Kälte, die Unwegsamkeit—sie sind keine Hindernisse, sondern strategische Mitspieler.
Doch wie das so ist mit Männern, die von sich selbst beeindruckt sind: Die Realität hat gegen die eigene Legende kaum eine Chance. Also marschierten sie los, mit glänzenden Stiefeln, polierten Ambitionen und einer Naivität, die man fast rührend nennen könnte, wäre sie nicht tödlich gewesen. Und dann, als die Truppen erfroren, die Versorgung zusammenbrach, die Offiziere verzweifelten und die Karten nicht mehr weiterhelfen konnten, blieb nichts zurück außer Stille, Schnee und das Echo der eigenen Selbstüberschätzung.

Die ewige Wiederkehr der Torheit

Und nun stehen wir in der Gegenwart, beobachten neue Konflikte, neue politische Muskelspiele, neue „strategische Überlegungen“ und fragen uns, ob die Menschheit irgendwo zwischen den Seiten der Geschichte einen wesentlichen Absatz übersehen hat. Man möchte meinen, dass die monumentalen Niederlagen der Vergangenheit als eindringliche Warnung dienen, doch offenbar hat das Gedächtnis der politischen Klasse die Haltbarkeit von Joghurt außerhalb des Kühlschranks.
Es ist erschreckend, wie wenig aus der Geschichte gelernt wurde – oder wie gern man sie selektiv betrachtet, als wäre sie ein Buffet, bei dem man sich nur die moralisch angenehmsten Häppchen aussucht. Und so bleibt die wiederkehrende Versuchung bestehen, Konflikte nicht zu entschärfen, sondern zu entfachen, nicht zu verhandeln, sondern zu eskalieren. Die Namen ändern sich, die Muster kaum. Und hinter jedem neuen Schritt ins Verderben lauert die alte Erkenntnis: Nichts ist gefährlicher als Menschen, die glauben, ihr persönlicher Wille habe die Kraft, geostrategische Realitäten umzuschreiben.

Kriegstreiber gehören ins Irrenhaus – ein satirischer Stoßseufzer

Wenn man also mit einem Anflug von zynischem Humor bilanziert, drängt sich die Feststellung auf, dass jene, die aus Machtgier, Hybris oder paranoiden Fantasien Kriege anzetteln, weniger politische Visionäre als vielmehr tragikomische Figuren sind. Figuren, die in jeder besser geführten Gesellschaft nicht an den Schalthebeln der Macht, sondern in sicherer Obhut psychologischer Fachkräfte landen würden.
Natürlich ist dies kein juristischer Vorschlag, keine realpolitische Forderung, sondern eine satirische Verdichtung dessen, was die Geschichte uns mit erschütternder Konsequenz zeigt: Kriegstreiberei ist kein Zeichen von Stärke, sondern von geistiger Verwahrlosung. Wer glaubt, Kriege lösten Probleme, gehört eher auf die Couch als an die Macht. Wer Menschenleben kalkuliert wie Schachfiguren, offenbart weniger strategisches Genie als eine moralische Deformation, die man nur noch mit Spott ertragen kann.
Und wenn wir—mit einem Augenzwinkern, versteht sich – rufen: „Kriegstreiber gehören ins Irrenhaus!“, dann ist das nicht die Forderung nach Internierung, sondern der müde, schwarze Humor einer Menschheit, die langsam begreift, dass der Wahnsinn nicht in denen liegt, die unter Kriegen leiden, sondern in denen, die sie beginnen.

Ein letzter Blick in die frostige Weite

Vielleicht ist es an der Zeit, die alten Muster endlich zu durchbrechen, bevor die Menschheit sich erneut in einen gigantischen geopolitischen Schneesturm verläuft. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass Größe nicht in Territorialfantasien liegt, sondern im Verzicht auf sie. Und vielleicht, nur vielleicht, wäre die Welt ein wenig vernünftiger, wenn wir nicht mehr jenen lauschten, die mit Sturm in der Stimme und Leere im Kopf auftreten.
Bis dahin bleibt uns nur der Trost der Satire, die bittere Wahrheit in scharfe Formulierungen zu gießen und zu hoffen, dass das Lachen über die Absurdität des Krieges irgendwann lauter ist als das Dröhnen der Waffen.

Der Flüchtlingsstatus, der nicht sterben wollte

Es gibt Tage, an denen man den Verdacht hegt, dass die Weltgeschichte von einem übernächtigten Büroangestellten geführt wird, der seine Akten im Halbdunkel eines Kellergeschosses sortiert, während er aus einem halbverstopften Thermobecher kalten Kaffee trinkt. Man hört förmlich, wie der Großarchivar des Universums durch vergilbte Register blättert und mit dem gelangweilten Seufzen eines Beamten nach Feierabend feststellt: „Ach herrje, diese Vertriebenen aus Schlesien, Ostpreußen, Sudetenland – die tun wir mal in den Ordner Erledigt. Die kriegen keinen Sonderstatus, die müssen sich irgendwie selbst regenerieren.“ Und dann, mit einer Mischung aus kosmischem Fatalismus und bürokratischer Kreativität, nimmt der Archivar eine andere Akte, klopft den Staub ab, betrachtet den Inhalt und entscheidet: „Hier machen wir mal eine Ausnahme. Eine einzige. Für immer. Ohne Ablaufdatum. Weil – warum nicht?“

Hier beginnt die Groteske.

In einer Welt, in der nichts Bestand hat – weder Ehen, noch Ideologien, schon gar nicht Druckerpatronen – existiert ein Status, der sturer ist als ein antiker Felsblock und langlebiger als das Durchschnittspolitiker-Versprechen vor der Wahl. Die deutschen Vertriebenen wurden nach 1945 behandelt wie Menschen, denen man einen Stempel aufdrückt und dann höflich bittet, doch bitte möglichst rasch im gesellschaftlichen Maschinenraum zu verschwinden, damit niemand länger darüber nachdenken muss. Integration nicht als humanes Ideal, sondern als eine Art absurdes Leistungspaket: Willkommen, bitte auspacken, neu anfangen, Klappe zu, Thema abgehakt.

Doch an anderer Stelle der Welt entschied die internationale Bürokratie – offenbar im Zustand einer metaphysischen Übermüdung –, dass ein Flüchtlingsstatus nicht etwa eine persönliche Katastrophe sei, sondern ein vererbbares Artefakt, ein genealogischer Ritus, ein bürokratischer Familienschmuck, der wie ein historisches Monstrum durch Generationen geistert. Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus jener eigentümlichen Mischung aus Moral, Diplomatie, politischer Starre und weltweiter Überforderung, die aussieht, als habe Kafka persönlich den Leitfaden formuliert und dann in die Hände der UNO gelegt.

Wie man ein Problem konserviert wie eingelegte Artischocken

Stellt euch einen Konferenzraum vor, in dem die internationale Gemeinschaft sitzt wie eine Herde übermüdeter Intellektueller, die sich in ihre eigenen Formulierungen verstricken. Man diskutiert, ringt, würgt sprachliche Strukturen hervor, die derart umständlich sind, dass sie nur entstehen können, wenn 20 Staaten sich gegenseitig höflich nicht widersprechen wollen. Und in diesem Moment der globalen Sprachverwurstelung entsteht eine Sonderregelung, die so einzigartig ist, dass sie eigentlich mit einem „Bitte nicht nachmachen“-Warnhinweis versehen werden müsste.

Die historischen deutschen Vertriebenen? Eingegliedert, statistisch erfasst, abgeheftet wie alte Meldekarten.
Die Palästinenser? Ein politisches Kontinuum, das langlebiger ist als manche Staatsform, das vom Völkerrecht wie ein kostbares, aber unhandliches Relikt unter Glas gehalten wird – nicht gelöst, sondern konserviert. Nicht vergessen, aber auch nicht befriedet. Ein Paradigma des Hängenlassens, das gleichermaßen Empathie, Tragik und politisches Versagen offenbart.

Die Komödie der internationalen Prinzipien

Man möchte fast lachen, wenn man nicht wüsste, wie wenig komisch das alles in der Realität ist: Die Welt erfindet für eine Gruppe eine Regelung, die in keinem anderen Fall jemals angewendet wurde und vermutlich nie wieder angewendet werden wird. Wie ein Theaterstück, in dem alle Beteiligten zwar wissen, dass der Vorhang längst hätte fallen sollen, aber der Inspizient schläft und niemand sich traut, die Szene zu beenden.

Die Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten wurden nach wenigen Jahren als „integriert“ deklariert – ein Wort, das in seiner nüchternen Brutalität eine ganze Epoche zusammenfasst. Die palästinensische Flüchtlingsfrage hingegen wurde ins Regal der dauerhaften globalen Probleme gestellt, gleich neben „Nahostkonflikt“, „Nordirland (alt)“, „Klimawandel“ und „Steuerreform“.

Und die Bürokratie? Sie schaut mit dem unbewegten Gesichtsausdruck einer Sphinx zu und sagt: „Tja. So ist das jetzt.“

Schlussbild eines absurden Welttheaters

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die so bitter wie ironisch ist: Die Menschheit behandelt ihre Katastrophen nicht nach Prinzipien, sondern nach historischen Zufällen, politischem Druck, internationalen Empfindlichkeiten und der konzilianten Ineffizienz riesiger Institutionen, die Probleme länger konservieren als Gurkengläser im Vorratsschrank einer schwäbischen Großmutter.

Dass die einen ihren Flüchtlingsstatus nicht weitergeben konnten, während andere ihn bis heute vererben – das ist kein moralisches Urteil über Menschen, sondern ein absurdes Monument der Weltpolitik, eine Skulptur aus Ambivalenz, Widerspruch und Weltüberforderung. Eine Tragödie mit komischen Einsprengseln. Ein groteskes Erbstück unserer kollektiven Unfähigkeit, Konflikte zu lösen, statt sie für kommende Generationen einzulagern wie besonders schwierige Winterreifen.

Die Ästhetik der Transparenz

Politiker im Sponsorengewand

Man stelle sich die Szene vor: Der Bundestag, sonst ein Hort feiner Rhetorik, endloser Debatten und der kunstvollen Demonstration von Kompetenz, verwandelt sich über Nacht in eine Art sportliche Arena. Nicht die Macht, nicht die Ideale, nicht das angebliche Streben nach Gemeinwohl stehen im Vordergrund – sondern die glänzenden Logos auf der Brust des Abgeordneten. Volkswagen neben der Lippe des Finanzministers, Bayer druckfrisch auf der Krawatte der Landwirtschaftsbeauftragten, die berühmte „Red Bull“-Farbpalette, die unverkennbar auf der Rückseite des SPD-Vorsitzenden leuchtet. Plötzlich ist alles viel einfacher zu verstehen: Wer gesponsert wird, für den spricht die Stimme des Geldes. Keine diffusen Andeutungen über „wirtschaftliche Vernunft“ mehr, keine abstrakten Begriffe wie „soziale Gerechtigkeit“, sondern nackte, klare Symbolik. Die politische Debatte würde so schrill und doch so erhellend sein wie ein Bundesliga-Spiel: rot für die Gegner, blau für die Verbündeten, grün für jene, die vermutlich auf den Lobbyisten-Parkplätzen parken.

Sponsoren als moralische Kompassnadel

Man könnte einwenden, dass die Politik so banalisiert würde, dass man nur noch auf die Logos starren müsse. Aber genau darin liegt die sublime Genialität des Gedankens: Die Gesellschaft wird zum Kommentar, die moralische Korruption zu einer Modefrage. Ein Politiker, der Nike trägt, kann gar nicht anders, als sich für Dynamik und Sieg zu entscheiden. Ein anderer, der Aldi auf der Brust trägt, ist automatisch ein Experte für Preisstrategie und Rabattpolitik. Die Bürger müssten nicht mehr auf wackelige Versprechen achten – sie würden den Sponsor lesen, wie ein aufklappbares Menü in einem Fast-Food-Restaurant. Jeder Wahlkampf wird damit zur kommerziellen Kunstinstallation, jeder Gesetzesentwurf zum Produktplacement. Schließlich ist es doch einfacher, die Politik zu verstehen, wenn man weiß, dass der Mann, der über unsere Steuern entscheidet, sich offensichtlich für Biermarken interessiert, die er später in seinem Kabinett diskutiert.

Die Tragik der fehlenden Logos

Natürlich gibt es Risiken. Politiker könnten, wie Fußballer auf dem Spielfeld, von Sponsoren gelenkt werden. Man stelle sich die Katastrophe vor: Ein Abgeordneter, der auf einmal aufhört, CDU zu tragen, weil er plötzlich auf Tesla umschwenkt. Skandale, Intrigen, Parteiaustritte – das volle politische Drama, nur diesmal in glitzernder Polyester-Uniform. Aber auch hier liegt die Chance: Endlich könnte man die Tragik und Komplexität der Demokratie mit einem einzigen Blick erfassen. Wer sein Geld von wem bekommt, der sagt automatisch alles über seine politischen Prioritäten aus. Die Transparenz würde triumphieren – und jeder wüsste, dass die Debatte um ökologische Nachhaltigkeit bei einem Bierbrauer eher spärlich ausfallen würde.

Humor als letzte Rettung

Und doch, bei aller Polemik, sollte man den Augenzwinkereffekt nicht vergessen. Politiker in Sponsorendressen sind nicht nur ein Lehrstück in Ironie, sondern eine Einladung, die Absurditäten des politischen Systems zu betrachten. Schließlich geht es nicht darum, das System endgültig zu zerstören, sondern es auf eine Art zu sezieren, die so offensichtlich ist, dass man fast lachen muss. Der Wähler, der sich plötzlich an den Logos orientiert, wird zum Beobachter eines Spiels, das grotesk, humorvoll und erschreckend zugleich ist. Und in diesem Spiel gilt die alte Regel: Wer lacht, versteht. Wer versteht, wählt vielleicht klüger – oder zumindest unterhaltsamer.

Epilog der Aufklärung

Am Ende bleibt die Frage: Warum sind Politiker eigentlich die einzigen, die immer noch glauben, dass Ideale ohne Logo funktionieren? Vielleicht, weil wir noch nicht mutig genug sind, die Welt in ihren wahren Farben zu sehen. Vielleicht, weil wir die Tragikomödie lieben, die Demokratie nun einmal ist. Aber eines ist sicher: Würden sie Sponsorendressen tragen, könnte niemand mehr behaupten, Politik sei schwer verständlich. Die Wahrheit, wie in der Werbung, läge offen vor uns, grell und unmissverständlich – und wir könnten endlich wieder lachen, während wir staunend die Logos zählen, die über das Schicksal unserer Nation entscheiden.