Atmen darf man aber noch

Es beginnt, wie große gesellschaftliche Entwürfe so oft beginnen: mit einer Mischung aus moralischer Gewissheit, ökonomischer Kühnheit und einem beneidenswerten Vertrauen darauf, dass sich die Realität schon irgendwie den guten Absichten beugen werde. Die Vision, die hier umrissen wird, trägt den Charme eines durchkomponierten Plans – einer Welt, in der das Chaos der Märkte, die Zumutungen des Konsums und die Ungerechtigkeiten des Eigentums endlich einer wohlgeordneten Knappheit weichen. Eine Welt, die, folgt man den Ausführungen von Ulrike Herrmann, nicht weniger als die Rettung des Planeten verspricht – und nebenbei die vollständige Umgestaltung dessen, was einst als Wirtschaft bekannt war.

Es ist eine eigentümliche Dialektik: Wohlstand wird zum Problem erklärt, Wachstum zur Krankheit, Freiheit zur gefährlichen Versuchung. Die Lösung? Reduktion. Verzicht. Zuteilung. Ein geregeltes Maß für alles – Wohnraum, Nahrung, Mobilität. „50 Quadratmeter pro Kopf“, heißt es, als sei damit eine anthropologische Konstante gefunden, eine Art universelle Wohnformel, die gleichermaßen für den Wiener Altbau, das ländliche Einfamilienhaus und die studentische WG taugt. Der Mensch, so scheint es, ist endlich vermessen worden. Und siehe da: Er passt in ein Raster.

Die Ästhetik der Knappheit

Der neue Mensch lebt nicht mehr verschwenderisch, sondern effizient. Fleisch? Rationiert. Reisen? Ebenfalls. Züge fahren, aber bitte nicht zu schnell – 100 km/h genügen schließlich für eine entschleunigte Gesellschaft, die sich von der Tyrannei der Geschwindigkeit befreit hat. Wer braucht schon Hochgeschwindigkeit, wenn die Zukunft ohnehin langsamer gedacht wird?

Es ist eine fast poetische Vorstellung: Der Zug als Symbol der gezähmten Moderne, der Fortschritt im Schritttempo, die Gesellschaft im Gleichklang. Dass dabei nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch Produktivität, Innovation und letztlich Lebensstandard gebremst werden, wird nicht geleugnet – sondern als notwendiges Opfer verklärt. Schrumpfung ist kein Kollateralschaden, sondern Ziel. Eine Wirtschaft, die kleiner wird, ist eine moralisch bessere Wirtschaft. So zumindest die These.

Und doch drängt sich eine Frage auf, die sich nicht so leicht in Bezugsscheine übersetzen lässt: Wenn alles weniger wird – wer entscheidet, wie viel genug ist?

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Die stille Rückkehr der Zuteilung

Denn was hier skizziert wird, ist nichts weniger als die Renaissance eines alten Prinzips: der Zuteilung. Geld verliert seine Bedeutung, Banken verschwinden, Märkte lösen sich auf. An ihre Stelle treten Bezugsscheine – jene diskreten kleinen Dokumente, die einst in Zeiten der Not den Zugang zu knappen Gütern regelten und nun offenbar zum dauerhaften Instrument erhoben werden sollen.

„Was nützt mir Geld, wenn ich Wasser nur über Bezugsscheine bekomme?“ – diese Frage ist nicht nur rhetorisch, sie ist subversiv. Sie legt den Finger auf den wunden Punkt einer Ordnung, die Gleichheit durch Knappheit erzwingen will: Wenn alles rationiert ist, wird Geld tatsächlich zweitrangig. Doch was tritt an seine Stelle? Vertrauen? Bürokratie? Oder schlicht die Macht jener, die die Scheine verteilen?

Die Geschichte kennt diese Modelle. Sie waren selten elegant, oft ineffizient und fast immer begleitet von einem florierenden Schattenmarkt, der sich um die offiziellen Strukturen legte wie ein zweites, inoffizielles System. Denn wo Knappheit administriert wird, entsteht Begehrlichkeit. Und wo Begehrlichkeit entsteht, findet sich meist ein Weg, sie zu bedienen – legal oder eben nicht.

Die Ironie der Gleichheit

Besonders pikant wird es, wenn man die soziale Dimension dieses Entwurfs betrachtet. Offiziell gilt das Prinzip der Gleichheit: Alle sollen weniger haben, damit alle genug haben. Eine noble Idee, zweifellos. Doch wie so oft stellt sich die Frage, ob Gleichheit tatsächlich Gleichheit bedeutet – oder lediglich eine neue Form der Ungleichheit hervorbringt.

Denn während der Durchschnittsbürger seine 50 Quadratmeter bewohnt und seine Fleischration sorgfältig einteilt, stellt sich leise die Frage, wie es um jene bestellt ist, die die Regeln formulieren. Leben sie ebenfalls im standardisierten Raummaß? Reisen sie mit dem gedrosselten Zug? Oder gibt es, sagen wir, diskrete Ausnahmen?

Die Vorstellung, dass die Architekten der Knappheit selbst im Überfluss leben könnten, hat etwas zutiefst Ironisches. Sie erinnert an jene historischen Momente, in denen Gleichheit gepredigt und Privilegien praktiziert wurden – ein Widerspruch, der selten lange unbemerkt blieb. „Alle sind gleich, aber manche sind gleicher“, schrieb einst ein gewisser Literat mit bemerkenswerter Klarheit.

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Die Moral als Maß aller Dinge

Was diesen Entwurf so faszinierend macht, ist weniger seine ökonomische Plausibilität als seine moralische Wucht. Es geht nicht nur um Ressourcen, sondern um Haltung. Konsum wird zur moralischen Kategorie, Verzicht zur Tugend, Wachstum zur Sünde. In dieser Logik ist die Reduktion nicht Verlust, sondern Läuterung.

Doch Moral hat die unangenehme Eigenschaft, sich nicht gleichmäßig verteilen zu lassen. Was für den einen als notwendiger Verzicht erscheint, wirkt für den anderen wie eine Einschränkung der Freiheit. Und was als kollektive Rettung gedacht ist, kann individuell als Zumutung empfunden werden.

Die große Frage bleibt daher: Lässt sich eine Gesellschaft dauerhaft auf Knappheit gründen, ohne dass sie innerlich erodiert? Kann Verzicht institutionalisiert werden, ohne dass er zur Quelle von Frustration und Widerstand wird?

Das leise Lachen im Hintergrund

Und so endet dieses Gedankenspiel nicht mit einem lauten Knall, sondern mit einem leisen, kaum hörbaren Lachen. Ein Lachen, das vielleicht gar nicht existiert, vielleicht aber doch – irgendwo in den oberen Etagen, fernab der standardisierten 50 Quadratmeter.

Es ist das Lachen derjenigen, die wissen, dass Systeme, so gut sie gemeint sein mögen, selten so funktionieren, wie sie entworfen wurden. Dass Menschen keine Variablen sind, die sich beliebig in Modelle einfügen lassen. Und dass jede Ordnung, die zu sehr auf Kontrolle setzt, irgendwann an ihrer eigenen Starrheit scheitert.

„Atmen darf man aber noch?“ – die Frage bleibt im Raum stehen. Vielleicht, weil sie mehr ist als eine ironische Spitze. Vielleicht, weil sie den Kern trifft: die Sorge, dass in einer Welt, die alles regelt, am Ende selbst das Selbstverständlichste zur Genehmigungssache wird.

Und vielleicht, ganz vielleicht, liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Entwurfs.

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