Vier Quellen und ein Mysterium

Warum Moral nie vom Himmel fällt, sondern immer irgendwo runtertritt

Moral entsteht aus Empathie, Kooperation, Vernunft und Institutionen – das klingt zunächst wie der freundliche Beipackzettel einer aufgeklärten Zivilisation, ein bisschen Biologie fürs Herz, Evolution fürs Teamgefühl, Philosophie fürs Hirn und Soziologie fürs staatliche Siegel. Eine hübsche Rezeptur: Man nehme zwei Teile Mitgefühl, rühre eine Prise Vernunft unter, lasse das Ganze in der Gemeinschaft aufgehen und backe es bei 180 Grad Gesetzgebung goldbraun. Fertig ist der Mensch: moralisch, zivilisiert, mehr oder weniger stubenrein. Nur leider funktioniert Moral in der Realität weniger wie ein Kuchenrezept und mehr wie ein Machtgerät, das je nach Handhabung entweder eine Gesellschaft trägt – oder sie wie ein Hammer in Form bringt. Denn Moral ist nicht einfach „da“, sie ist kein Naturgesetz wie Gravitation und auch kein inneres Leuchten, das im Brustkorb aller Menschen gleichzeitig aufflammt, sobald jemand „Nächstenliebe“ ruft. Moral ist ein System – und Systeme haben Eigentümer, Bedienungsanleitungen und eine unangenehme Tendenz, sich an die Bedürfnisse derjenigen anzupassen, die gerade den Schlüssel besitzen.

Empathie, ja: Sie ist biologisch angelegt, irgendwo zwischen Spiegelneuronen und der uralten Fähigkeit, im Gesicht des anderen Gefahr, Schmerz oder Zuneigung zu erkennen. Der Mensch spürt mit, wenn er nicht völlig abgestumpft oder ideologisch vernarbt ist. Aber Empathie ist eine launische Ressource, ein Scheinwerfer, kein Flutlicht. Sie leuchtet dorthin, wo Nähe ist, wo Ähnlichkeit vermutet wird, wo das „Wir“ beginnt – und sie wird schlagartig dunkel, sobald das „Die“ auftaucht. Kooperation, ja: Sie ist evolutionär klug, weil sie das Überleben erleichtert. Aber Kooperation meint nicht automatisch Fairness, sondern Effizienz. Wölfe kooperieren, wenn sie jagen – und niemand käme auf die Idee, das „moralisch“ zu nennen. Vernunft, ja: Sie liefert Argumente, Prinzipien, Kant, Menschenwürde und diese edel klingende Idee, dass der Mensch Zweck an sich sei. Aber Vernunft ist auch ein Skalpell: Sie kann heilen, sie kann sezieren, und sie kann – in den Händen der Richtigen – die perfekte Begründung liefern, warum Grausamkeit leider gerade notwendig sei. Und Institutionen, ja: Sie sind das Gerüst, das Moral stabilisiert, indem es sie erzwingt. Doch Institutionen sind wiederum nichts anderes als Macht, die sich einen Anzug angezogen hat und so tut, als sei sie neutral.

Die Pointe ist unerquicklich und zugleich befreiend: Moral ist nicht angeboren wie ein Reflex, sondern entstanden wie ein Vertrag – nur dass nicht alle am Verhandlungstisch sitzen. Moral ist das Ergebnis sozialer Kräfte, historischer Erfahrungen und politischer Arrangements. Sie ist ein Werkstattprodukt. Und wie jedes Werkstattprodukt trägt sie Fingerabdrücke: die derer, die daran gebaut haben, und die derer, die dabei unter die Räder geraten sind.

Das Reich der Muskeln: Wenn Stärke Gesetz wird und Moral zur Dienstmagd der Gewalt

Stell dir, ohne allzu viel Fantasie, eine Gesellschaft vor, in der körperliche Stärke alles entscheidet: Ansehen, Sicherheit, Zugang zu Ressourcen, sogar das Recht, gehört zu werden. Nicht das klügste Argument gewinnt, sondern die härteste Faust. Nicht die beste Idee setzt sich durch, sondern die Person, die am überzeugendsten drohen kann. In dieser Gesellschaft ist „Respekt“ kein Gefühl, sondern eine Überlebensstrategie. Und „Ordnung“ bedeutet: Die Starken ordnen, die Schwachen fügen sich. Frauen gelten als schwächer – also gelten sie als weniger. Unterordnung wird nicht als Unrecht wahrgenommen, sondern als „Natur“. Gewalt ist nicht der Ausnahmezustand, sondern die Umgangsform. Und wer in einem solchen System „Gerechtigkeit“ fordert, fordert im Grunde nur eine hübschere Form der Unterwerfung.

In so einem Setting verschiebt sich Moral zwangsläufig, nicht weil Menschen plötzlich ohne Herz geboren werden, sondern weil Herz allein nichts schützt, wenn die Welt nach Oberarmen organisiert ist. Was als „gut“ gilt, ist dann nicht das, was Leid vermeidet, sondern das, was Ordnung erhält. Zwang und Dominanz werden nicht als falsch empfunden, sondern als legitim – ja sogar als notwendig, weil das System sonst zusammenbricht. Der Starke, der nimmt, ist nicht „böse“, sondern „durchsetzungsfähig“. Die Schwache, die sich wehrt, ist nicht „mutig“, sondern „aufsässig“. Die moralische Kategorie wird zur Funktionskategorie. Und das ist der Moment, in dem man begreift, wie entlarvend flexibel Moral ist: Sie folgt nicht automatisch dem Leid, sie folgt dem Gesetz – und das Gesetz folgt der Macht.

Es ist ein bitteres Missverständnis moderner Selbstzufriedenheit, Moral für etwas zu halten, das „wir“ einfach haben, weil wir halt weiter sind. In Wahrheit sind wir nicht weiter, wir sind nur anders organisiert. Wir haben Gewalt nicht abgeschafft, wir haben sie monopolisiert. Wir haben Dominanz nicht beendet, wir haben sie bürokratisiert. Wir haben Unterwerfung nicht verboten, wir haben sie in Verträge, Abhängigkeiten, Arbeitsmärkte und subtile kulturelle Codes verlagert. Die alte Moral der Faust lebt fort – sie trägt nur jetzt Anzug, spricht von „Verantwortung“ und verprügelt nicht mehr mit Knüppeln, sondern mit Konsequenzen.

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In einer reinen Muskelgesellschaft wäre Vergewaltigung vermutlich keine moralische Kategorie, sondern ein Ausdruck von Besitz. Nicht weil alle Männer „von Natur aus“ Täter wären, sondern weil das System das Tätersein belohnt, normalisiert, entschuldigt, ritualisiert. Und weil das Opfersein entwertet wird: Wer schwach ist, gilt als verfügbar. Wer verfügbar ist, gilt als rechtlos. Wer rechtlos ist, gilt als Ding. Und Dinge werden nicht verletzt – sie werden benutzt. Das ist nicht „böse“, das ist „logisch“ innerhalb des Systems. Genau deshalb ist es so unerquicklich: Weil es nicht auf Monstrosität angewiesen ist, sondern auf Normalität.

Und diese Normalität wäre Moral. Moral als Betriebsanleitung der Gewalt. Moral als Ideologie der Stärke. Moral als das, was man Kindern beibringt, damit sie nicht rebellieren, sondern sich „richtig“ in die Hackordnung einsortieren. Wer da noch glaubt, Moral sei eine fest montierte Eigenschaft des Menschen, glaubt auch, dass Wölfe Vegetarier werden, wenn man ihnen genug Gedichte vorliest.

Das große Missverständnis: Moral als Instinkt und die hübsche Legende von der inneren Güte

Natürlich gibt es in uns Empathie. Natürlich gibt es so etwas wie Gewissensbisse, Scham, die Fähigkeit, Schmerz zu erkennen. Aber daraus entsteht noch lange keine stabile Ethik. Empathie allein ist ein Strohfeuer: Sie reicht für das nahestehende Kind, vielleicht noch für den verletzten Hund – und spätestens beim Fremden in der anderen Straße oder beim Unbekannten aus der anderen Kultur wird sie zu einem politischen Luxus. Empathie wird selektiv verteilt wie Sympathie, und Sympathie ist bekanntlich ein schlechter Gesetzgeber. Man kann sehr empathisch sein und trotzdem grausam – wenn man sein Mitgefühl ausschließlich dem eigenen Clan spendet. Man kann Tränen vergießen über das Leid „unserer Leute“ und gleichzeitig ohne Zögern „die anderen“ entmenschlichen. Empathie ist nicht automatisch Humanismus, sie ist auch Tribalismus in warm.

Kooperation funktioniert ähnlich: Sie ist ein evolutionärer Trick, um gemeinsam zu überleben. Aber Kooperation erzeugt nicht zwingend Gleichwertigkeit, sondern oft nur Rollenteilung. Wer kooperiert, muss nicht gleichberechtigt sein. Die Ameisen kooperieren hervorragend. Moralisch ist das System trotzdem nicht, sondern effizient. Menschen kooperieren ebenfalls – und zwar nicht selten, um andere Menschen besser zu unterdrücken. Die Geschichte ist voll von hervorragend kooperierenden Unterdrückungsapparaten: Verwaltung, Militär, Polizei, Propaganda – Teamwork makes the dream work, nur dass der Traum manchmal ein Albtraum ist.

Vernunft wiederum: Sie ist das große Stolzobjekt des Menschen, dieser glänzende Spiegel, in dem er sich als „vernünftiges Wesen“ bewundert. Aber Vernunft ist kein Garant für Güte. Sie ist ein Werkzeug, das sowohl moralische Prinzipien als auch moralische Ausreden produziert. Wer vernünftig ist, kann eine Ethik begründen – aber auch eine Hierarchie. Vernunft kann sagen: „Alle Menschen sind gleich.“ Sie kann aber ebenso sagen: „Nicht alle Menschen sind gleich – und das ist sogar rational.“ Sie kann Folter verdammen oder sie als „notwendiges Übel“ in ein Memorandum gießen. Die Vernunft ist oft weniger das Licht der Moral als das Neonröhrenflackern ihrer Rechtfertigung.

Und dann sind da die Institutionen: die Gerichte, die Gesetze, die Polizei, die Schulen, die Medien, die soziale Ächtung, das ganze Arsenal der Zivilisation. Institutionen sind das, was Moral in die Welt drückt, wenn Empathie und Vernunft gerade Urlaub machen. Sie sind das Sicherheitsnetz für jene, die sonst durchs Raster fallen würden – und zugleich sind sie das Raster. Institutionen sind der Beweis, dass Moral eben nicht einfach aus dem Herzen kommt, sonst bräuchte man keine Paragraphen. Wer wirklich glaubt, Menschen würden aus reinem Mitgefühl keine Gewalt anwenden, sollte einmal beobachten, wie sie sich in Kommentarspalten verhalten, sobald sie anonym sind und der soziale Preis der Grausamkeit gegen Null geht.

Vom Bibelgott zum Grundgesetz: Die seltsame Karriere eines Verbots

Die Moral, die viele westliche Gesellschaften heute als selbstverständlich empfinden – etwa das klare Verbot von Gewalt, Vergewaltigung, willkürlicher Unterdrückung – ist historisch nicht vom Himmel gefallen, auch wenn sie jahrhundertelang genau so verkauft wurde. Sie ist vielmehr in langen, blutigen, widersprüchlichen Prozessen entstanden. In Europa spielte dabei die biblisch-christliche Tradition tatsächlich eine zentrale Rolle: nicht als durchgängig sanfter Kuschelhumanismus, sondern als moralisches Reservoir, das einerseits Gewalt legitimieren konnte und andererseits Grenzen setzte. Der christliche Gedanke, dass Menschen eine Seele haben, dass sie vor Gott gleich seien, dass Schwache geschützt werden sollen – das sind Bausteine, die, säkularisiert und politisch umgebaut, zu modernen Menschenrechten beitragen konnten. Die Pointe ist nur: Diese Werte waren nie einfach „da“. Sie mussten gegen Machtinteressen durchgesetzt werden, oft sogar gegen die Institution Kirche selbst, die nicht selten mit genau den Mächtigen kooperierte, die sie moralisch hätte begrenzen sollen.

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Die Bibel ist dabei ein bemerkenswert ambivalentes Dokument: ein Textkorpus, in dem sich Nächstenliebe und Gewaltfantasie, Barmherzigkeit und Patriarchat, Schutzgebote und Vernichtungsbefehle gegenseitig die Tür einrennen. Wer daraus eine geradlinige Moral ableitet, betreibt literarische Rosinenpickerei mit sakralem Etikett. Trotzdem: Das Christentum hat in Europa über Jahrhunderte einen Deutungsrahmen geliefert, der überhaupt erst die Idee stabilisierte, dass bestimmte Handlungen nicht nur unpraktisch oder unklug, sondern „Sünde“ seien – also grundsätzlich falsch. Dieser Absolutheitsanspruch war moralisch gefährlich, weil er gern auch gegen Minderheiten eingesetzt wurde. Aber er war zugleich ein Schutzmechanismus: Wenn Gewalt nicht nur „erlaubt“ oder „nützlich“, sondern „böse“ ist, entsteht eine Grenze, die nicht einfach durch Muskelkraft verschoben werden kann.

Später kam die Aufklärung und tat, was sie immer tat: Sie nahm religiöse Ideen, zog ihnen den göttlichen Mantel aus und nannte das Ganze dann „Vernunft“. Man könnte sagen: Die Moderne hat die christliche Moral nicht abgeschafft, sondern laizistisch umetikettiert. Aus „Du sollst nicht töten“ wurde nicht selten „Der Staat schützt das Leben“. Aus „Die Frau ist nicht dein Besitz“ wurde irgendwann „sexuelle Selbstbestimmung“. Und aus „Liebe deinen Nächsten“ wurde, in seiner besten Version, „Menschenrechte gelten universal“. Der Weg dahin war keineswegs sauber oder konsequent – Frauenrechte, Minderheitenrechte, sexuelle Autonomie: all das musste oft gegen tief religiöse Milieus erkämpft werden. Aber ohne den historischen Nährboden einer moralischen Traditionsbildung wäre die säkulare Kodifizierung vermutlich anders verlaufen.

Mit anderen Worten: Ja, biblisch-christliche Prägung hat zur westlichen Moral beigetragen. Aber nicht, weil die Bibel ein lupenreines Ethikhandbuch wäre, sondern weil sie als kulturelle Matrix wirkte – ein Speicher von Geboten, Erzählungen, Schuld- und Schammechanismen, die später in säkulare Normen gegossen wurden. Die moderne Moral ist nicht „die Bibel“, sondern eine historische Transformation von Teilen daraus, plus Philosophie, plus Politik, plus der schlichte Zwang, nicht ewig im Blut zu ertrinken.

Importierte Moralpanik: Wenn Kulturvergleich zur Selbstbeweihräucherung wird

Und dann kommt die Gegenwart mit ihrem Lieblingssport: moralische Selbstüberhöhung im Kulturvergleich. Der Satz „Siehe z. B., wie viele Flüchtlinge aus muslimischen Ländern Frauen hier behandeln…“ hat diese bittere Mischung aus berechtigter Sorge, empirischer Beobachtung, kultureller Angst und politischer Instrumentalisierung, die in Europa inzwischen eine Art Grundrauschen bildet. Er ist zugleich verständlich und gefährlich. Verständlich, weil es tatsächlich kulturelle Unterschiede in Geschlechterbildern gibt, und weil es reale Fälle von Gewalt, Übergriffen und frauenverachtenden Haltungen gibt – auch unter Menschen, die aus muslimisch geprägten Ländern kommen. Gefährlich, weil aus einem Teil sehr schnell ein Ganzes gemacht wird: aus „manche“ wird „die“, aus „Problem“ wird „Wesen“, und aus Kritik wird eine bequeme Entlastungserzählung, in der plötzlich alle Probleme von außen kommen.

Man sollte hier zwei Gedanken gleichzeitig aushalten können – eine Fähigkeit, die im öffentlichen Diskurs leider als Dekadenz gilt: Erstens: Es gibt Milieus, Prägungen und religiös-kulturelle Deutungsmuster, in denen Frauenrechte und sexuelle Selbstbestimmung nicht denselben Stellenwert haben wie in westlich-liberalen Normsystemen. Das ist nicht nur „anders“, das kann konkret gefährlich sein, und es darf nicht relativiert werden. Zweitens: Es ist intellektuell billig und moralisch feige, so zu tun, als sei Frauenverachtung ein exklusiver Importartikel, der erst mit dem Flüchtlingsboot ankam und vorher in Europa nie existierte. Europa hat seine eigene Misogynie jahrhundertelang wie ein Familienerbstück gepflegt, mit Kirche, Staat und Tradition als treue Verwalter. Wer heute überrascht tut, dass patriarchale Gewalt existiert, ist entweder sehr jung, sehr naiv oder sehr strategisch.

Wenn also Menschen aus anderen moralischen Systemen in ein westliches Rechts- und Normgefüge migrieren, passiert etwas, das man nicht romantisieren sollte: Moral kollidiert. Nicht weil „sie böse“ sind und „wir gut“, sondern weil Moral eben sozial entsteht: durch Normen, Machtverhältnisse und Rechtssysteme. Wer in einem System aufwächst, in dem Ehre, Geschlechterhierarchie und männliche Kontrolle hoch bewertet sind, trägt diese Skripte zunächst mit sich herum – manchmal als Identität, manchmal als Reflex, manchmal als Überlebensstrategie. Und wenn er dann in ein Land kommt, in dem Frauen öffentlich widersprechen, selbst entscheiden, sich kleiden, wie sie wollen, und der Staat im Zweifel eher die Frau schützt als den „Ehrenkodex“, dann wirkt das auf manche wie eine Provokation. Auf manche! Nicht auf alle. Und hier liegt die entscheidende intellektuelle Hygiene: Man muss Muster benennen können, ohne Menschen zu verdammen. Man muss Risiken ernst nehmen können, ohne kollektiv zu entmenschlichen. Man muss Rechtsstaatlichkeit verteidigen, ohne in Stammeslogik zurückzufallen.

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Denn das ist die eigentliche Ironie: Wer glaubt, westliche Moral sei ein angeborener Besitzstand, der in „unserem Blut“ liegt, verfällt genau jener Logik, die er angeblich kritisiert: Wir hier, die Guten, dort die Anderen, die Schlechten. Das ist nicht Aufklärung, das ist identitäres Denken mit besserer PR.

Der Rechtsstaat als moralische Prothese: Warum wir nicht gut sind, sondern gebremst

Wenn Moral sozial entsteht, dann ist die wichtigste moralische Errungenschaft nicht das gute Herz, sondern die gute Bremse. Der Rechtsstaat ist keine Feier menschlicher Güte, sondern ein technisches Gerät zur Begrenzung menschlicher Gemeinheit. Er ist moralische Prothese: Weil wir wissen, dass Empathie schwankt, Kooperation missbrauchbar ist und Vernunft korrumpierbar, bauen wir Institutionen, die das Schlimmste verhindern sollen. Nicht aus Vertrauen in den Menschen, sondern aus Misstrauen in seine Machtgelüste.

Das ist auch der Grund, warum das Verbot von Gewalt und Vergewaltigung nicht „natürlich“ ist. Natürlich ist höchstens die Möglichkeit dazu. Das Verbot ist eine kulturelle Errungenschaft, ein teuer erkaufter Konsens, stabilisiert durch Strafe, Scham, Prävention und soziale Ächtung. Es ist nicht „selbstverständlich“, sondern ein zivilisatorischer Kraftakt. Und jeder, der glaubt, dieser Kraftakt sei irreversibel, sollte sich an die Geschwindigkeit erinnern, mit der Gesellschaften in Krisen wieder in Muskelmoral zurückkippen: Wenn Ressourcen knapp werden, wenn Angst regiert, wenn Feindbilder blühen, wenn Institutionen schwächeln – dann ist die alte Moral der Dominanz sofort wieder da, geschniegelt oder roh, ganz wie es die Lage erlaubt.

Gerade deshalb ist es so unerquicklich, wenn man über Moral so spricht, als sei sie eine ewige Wahrheit. Moral ist eher wie ein Garten: Er wächst nicht von allein, und wenn man nicht ständig jätet, kommt das Unkraut zurück. Und das Unkraut heißt nicht „das Fremde“. Es heißt Macht.

Schluss mit dem Märchen: Moral ist nicht was wir fühlen, sondern was wir durchsetzen

Also ja: Moral entsteht aus Empathie – aber Empathie ist begrenzt. Moral entsteht aus Kooperation – aber Kooperation kann auch Unterdrückung sein. Moral entsteht aus Vernunft – aber Vernunft kann alles begründen, sogar das Unmenschliche. Moral entsteht aus Institutionen – und dort wird es konkret: Moral wird rechtlich bindend gemacht, sozial sanktioniert, kulturell eingeübt. Genau deswegen verschiebt sich Moral in einer Gesellschaft der Stärke: Weil Institutionen die Stärke schützen, nicht die Schwäche. Weil Normen Dominanz rechtfertigen, nicht Autonomie. Weil Gewalt normal ist, also nicht verwerflich sein kann. Und weil Frauen als schwächer gelten, also als weniger schützenswert.

Die moderne westliche Moral, die Gewalt und sexuelle Gewalt so klar verurteilt, ist keine biologische Selbstverständlichkeit, sondern eine historische Konstruktion, an der biblisch-christliche Traditionen, aufklärerische Vernunft und staatliche Institutionen jeweils ihren Anteil hatten – oft in Spannung, oft in Widerspruch, oft mit Blut an den Händen. Dass Menschen aus anderen kulturellen Kontexten andere Moralvorstellungen mitbringen können, ist real. Dass man daraus eine schlichte Zivilisationshierarchie bastelt, ist bequem.

Und vielleicht ist genau das die ehrlichste, zynischste, aber auch hoffnungsvollste Pointe: Moral ist nicht das, was wir „sind“. Moral ist das, was wir tun, was wir schaffen, was wir erzwingen – gegen unsere Instinkte, gegen unsere Bequemlichkeit, gegen unsere alten Stammesreflexe. Moral ist ein Werk, kein Wesen. Wer sie als Besitzstand behandelt, wird sie verlieren. Wer sie als Arbeit begreift, kann sie verteidigen.

Und wenn man das alles akzeptiert, kann man sogar lachen – dieses kurze, trockene Lachen, das man sich erlaubt, wenn man merkt, wie absurd es ist, dass ausgerechnet die Spezies, die ohne Gesetz schon beim letzten Parkplatz ausrastet, sich selbst für moralisch erleuchtet hält.

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