Mir kommen die Tränen!

Oder: Wenn Betroffenheit zur Berufskleidung wird

Mir kommen die Tränen. Wirklich. Ich habe sie schon fast in kleinen Fläschchen abgefüllt, etikettiert und an das große Lager der moralisch Hochsensiblen geliefert, wo sie dann zwischen Fair-Trade-Schuldgefühlen und veganer Empörung in schicken Regalen stehen dürfen. „Tränen der Anteilnahme – Jahrgang 2026, handgepresst, ohne Zusatzstoffe.“ Denn wie könnte man auch anders reagieren, wenn Ronen Steinke, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und damit qua Berufsbezeichnung eine Art ausgebildeter Seismograf für gesellschaftliche Erschütterungen, feststellt: „Muslimische Jugendliche leiden in Deutschland oft darunter, dass sie im Geschichtsunterricht über den Holocaust seltsam unberührt am Rand stehen.“ Man sieht die Szene sofort vor sich, nicht wahr? Da sitzt er, der muslimische Jugendliche, im Klassenzimmer, eine tragische Figur im Gegenlicht, innerlich verwundet von der distanzierten Unbeteiligtheit, die ihm die deutsche Erinnerungskultur aufnötigt. Er möchte so gerne mitleiden, sich einfühlen, aufgehen in der großen liturgischen Choreografie des „Nie wieder“, aber darf nicht, kann nicht, wird nicht gelassen—weil irgendetwas ihn immer wieder „am Rand“ hält. Und die Lehrer, diese bleichen Priester des Schulbuchwissens, merken es nicht. Ach, dieses Leid! Dieses unerhörte, vernachlässigte Leid!

Nur: Im Gegenteil. Da geht kein Randstehen, da geht kein stilles Leiden, da geht auch nicht dieses feine, melancholische „seltsam unberührt“ ab, das so angenehm nach Soziologieseminar und Feuilleton riecht. Da geht eher ein innerer Reichsparteitag ab. Nicht bei allen, versteht sich. Aber bei erstaunlich vielen. Und das ist der Punkt, der in dieser ganzen tränensatten Inszenierung zuverlässig unter den Teppich gekehrt wird – jenen Teppich, unter dem man inzwischen problemlos ganze Schulhöfe, Polizeiberichte, jüdische Sicherheitskonzepte und einen beträchtlichen Teil der Wirklichkeit falten könnte. Denn was Steinke da als Leidensgeschichte verkauft, ist in einer nicht zu kleinen Zahl schlicht ein Triumph der Enthemmung: Das Gefühl, dass diese ganze Holocaust-Nummer ein deutsches Ding ist, eine Art nationaler Bußsport, den man höchstens mitleidig belächelt oder, wenn man sich schon etwas besser eingewöhnt hat, aktiv sabotiert. Und dass man selbst dabei nicht nur Zuschauer ist, sondern – wenn es läuft – sogar moralischer Gewinner: Man ist nicht Täterkind, nicht Erbe der Schuld, sondern – und jetzt wird es besonders elegant – Opfer eines Geschichtsunterrichts, der einen „am Rand“ stehen lässt. Ein Rand, der in der Realität oft eher eine komfortable Aussichtsplattform ist, von der aus man den anderen beim schuldbewussten Knien zusieht und sich denkt: Die machen das ja richtig gründlich.

Das große Missverständnis: Randfigur oder Regisseur?

Das Problem ist nicht, dass „muslimische Jugendliche“ den Holocaust nicht fühlen, weil sie nicht dürfen. Das Problem ist, dass ein Teil von ihnen ihn nicht fühlen will, weil er sich innerlich längst entschieden hat, worum es geht: um Juden. Und Juden sind – je nach Milieu, Prediger, Algorithmus, Vaterstammtisch oder importierter Familienlegende – nicht Opfer, sondern Täter; nicht Verfolgte, sondern Strippenzieher; nicht Mahnung, sondern Provokation; nicht historische Realität, sondern Verhandlungsmasse. Der Holocaust ist in dieser Perspektive nicht der zivilisatorische Abgrund, den man anerkennen muss, sondern ein Thema, das man relativiert, umdeutet oder wegspöttelt, weil es einem nicht ins Weltbild passt. Und während der deutsche Schüler im besten Fall lernt, dass Antisemitismus eine moralische Katastrophe ist, lernt der andere im schlechtesten Fall: Antisemitismus ist ein Identitätsangebot, ein Zugehörigkeitscode, ein Stück Stammeslogik mit eingebautem Überlegenheitsgefühl.

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Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der Holocaust als Zumutung für muslimische Jugendliche – nicht, weil er zu grausam wäre, sondern weil er sie „unberührt“ lässt? Das ist ungefähr so, als würde man sagen, ein Feuer sei tragisch, weil der Brandstifter beim Löschen friert. Und ja, ich weiß, jetzt wird gleich wieder das große Feuerwerk der Differenzierungen gezündet: „Nicht alle“, „Pauschalisierung“, „komplexe Lebensrealitäten“, „soziale Benachteiligung“, „Rassismuserfahrungen“. Natürlich. Und dennoch: Wer sich wirklich für das Thema interessiert, kann sich die Welt nicht auf Dauer mit Watte aus Begriffen auspolstern. Es gibt Realitäten, die sich nicht wegtherapieren lassen. Und eine dieser Realitäten lautet: Antisemitismus ist in bestimmten migrantischen Milieus keine Randerscheinung, sondern kulturell anschlussfähig, teilweise sogar stolz tradiert, oft religiös oder politisch unterfüttert – und in seiner emotionalen Intensität nicht selten brutaler und unverblümter als das, was im deutschen Mehrheitsantisemitismus heute noch offen gesagt wird.

Zahlen sind gemein, weil sie keine Gefühle haben

Nehmen wir zum Beispiel die Antisemitismus-Studie des österreichischen Parlaments aus dem Jahr 2022. Sie ist so unerquicklich, weil sie etwas tut, was im moralischen Wellnessbereich verpönt ist: Sie misst. Und Messungen sind gefährlich, weil sie die schöne Erzählung stören, in der die Welt aus sensiblen Opfergruppen und groben Täterkollektiven besteht, fein säuberlich nach westlichem Erziehungskanon sortiert. In dieser Studie zeigt sich: 40 % der Migranten aus der Türkei und aus arabischen Ländern halten Berichte über Konzentrationslager und Judenverfolgung für übertrieben (bei Österreichern 10 %). 41 % finden, Österreich tue zu viel für gute Beziehungen zu Israel (Österreicher: 14 %). Fast 50 % meinen, Frieden im Nahen Osten käme, wenn Israel verschwände. Und spätestens hier, bei diesem letzten Satz, fällt das ganze fragile Gebäude aus „am Rand stehen“ wie ein schlecht verschraubtes IKEA-Regal in sich zusammen. Denn wer glaubt, Frieden entstehe durch das Verschwinden Israels, glaubt nicht an Frieden – er glaubt an Säuberung. Wer das „Verschwinden“ eines Staates mit Millionen Menschen als harmonisierende Maßnahme betrachtet, hat nicht ein Beziehungsproblem zur deutschen Erinnerungskultur, sondern ein Problem mit dem Begriff Mensch.

Aber natürlich wird man das nicht so nennen. Man wird es einbetten, erklären, therapieren, einordnen: „historische Perspektive“, „koloniale Prägung“, „Konflikterfahrung“, „Narrative aus Herkunftsländern“. Man wird irgendeinen soziologischen Baldrian darüber träufeln, bis es nicht mehr nach Judenhass riecht, sondern nach verletzter Identität. Und dann wird man, wenn man ganz mutig ist, hinzufügen: „Wir müssen muslimische Jugendliche stärker einbinden.“ Als wären sie ein schüchterner Chor, der einfach nicht richtig mitsingt. Dabei singen einige längst – nur eben ein anderes Lied. Und das ist kein Missverständnis, sondern eine Haltung.

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Der Woke Blick: Wenn Realismus als Unhöflichkeit gilt

Woke Menschen sehen leidende Muslime. Realisten sehen eine Bevölkerungsgruppe, in der Antisemitismus signifikant stärker verankert ist als in der Mehrheitsgesellschaft – und in deren Umfeld es Juden zunehmend schwerer haben, unbehelligt die Schule zu besuchen oder im öffentlichen Raum eine Kippa zu tragen. Das ist nicht „Islamophobie“, das ist Alltag. Und der Alltag ist meistens unerquicklich, weil er keine Rücksicht auf Redaktionskonferenzen nimmt.

Die woken Deuter lieben den Gestus der Empathie, aber Empathie ist hier oft nichts anderes als ein moralischer Fluchtwagen: Man fährt weg von der unbequemen Frage, wer eigentlich Täter ist, indem man sich vorstellt, jeder Täter sei im Kern Opfer. Es ist eine sentimentale Umkehrung der Verantwortung: Wer antisemitisch ist, ist nicht schuld, sondern verletzt. Wer Juden beschimpft, ist nicht Aggressor, sondern missverstanden. Wer Israel weghaben will, leidet nur unter mangelnder Einbindung. Das ist die Art von Denken, die in pädagogischen Fortbildungen Applaus bekommt und auf Schulhöfen Zähne kostet.

Und es ist vor allem jene Sorte Denken, die sich wie ein politisches Parfüm über alles sprüht, bis am Ende selbst offene Judenfeindlichkeit noch nach „Dialogbedarf“ duftet. Der Antisemit wird dann zum „jungen Menschen mit problematischen Haltungen“, der Jude zum „sensiblen Fall für Präventionsarbeit“ und der Staat zum Moderator eines Konflikts, den er gar nicht austrägt, weil er sich nicht traut, einen Täter Täter zu nennen.

Das deutsche Ritual und seine neuen Profiteure

Deutschland hat sich seine Erinnerungskultur gebaut wie eine Kathedrale: groß, ehrwürdig, teuer, mit langen Gängen, in denen man sich selbst beim Bedauern zuhören kann. Und diese Kathedrale hat etwas Anrührendes, ja. Sie hat auch etwas Selbstgefälliges. Aber sie hat immerhin eine Grundidee: Dass man sich der eigenen Geschichte stellt und die Opfer schützt. Nun kommt eine neue Gruppe in diese Kathedrale, und viele ihrer Vertreter haben nicht das Bedürfnis, sich in Demut einzureihen – sondern sie sehen eine Gelegenheit. Denn wer in Deutschland Opfer sein kann, gewinnt. Opfer sein ist hier nicht nur moralisch, sondern politisch eine Währung. Es verschafft Sendezeit, Fördermittel, Sympathie und einen Schutzschirm gegen Kritik.

Und so entsteht ein paradoxes Theater: Man importiert aus Regionen, in denen Antisemitismus oft sozial akzeptiert, religiös legitimiert oder politisch instrumentalisierbar ist, Menschen nach Deutschland – und verkauft sie hier als Opfer, sobald man darauf hinweist, dass sie manchmal exakt das mitbringen, was man eigentlich überwinden wollte. Der Jude wird in diesem Theater dann zur alten, irgendwie unmodernen Randfigur eines Dramas, das inzwischen um andere Hauptrollen kreist. Aus dem einstigen „Nie wieder“ wird ein „Bitte nicht so laut, das könnte missverstanden werden“.

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Und wenn dann ein Journalist schreibt, muslimische Jugendliche litten darunter, beim Holocaust „unberührt am Rand“ zu stehen, ist das nicht nur falsch – es ist eine Perversion des Blicks. Denn das eigentliche Leid in diesem Land ist nicht, dass jemand sich beim Holocaust nicht emotional abgeholt fühlt. Das eigentliche Leid ist, dass jüdische Kinder heute wieder Wege vermeiden, dass jüdische Eltern wieder überlegen, welche Schule „sicher“ ist, dass jüdische Menschen wieder Polizeischutz brauchen, um ihre Religion sichtbar zu tragen. Das ist das Leid, das man nicht mit einer empathischen Formulierung wegstreicheln kann.

Das letzte Augenzwinkern: Tränen, die nicht dort landen, wo sie sollen

Mir kommen die Tränen, ja. Aber nicht aus Rührung über die empfindsame Randexistenz im Geschichtsunterricht. Mir kommen die Tränen aus Zorn darüber, wie leicht man in diesem Land die Begriffe verdrehen kann, bis die Realität sich schämt, noch real zu sein. Aus Zorn darüber, dass man die Holocaust-Erinnerung nicht mehr als Verpflichtung versteht, Juden zu schützen – sondern als Bühne, auf der neue Gruppen ihren Status als Verletzte inszenieren können, selbst wenn Teile dieser Gruppen längst dabei sind, das alte Gift in neuen Flaschen zu servieren.

Das Augenzwinkern bleibt mir dabei nur, weil man sonst verrückt würde. Denn das Absurde ist: Wir tun so, als sei der Holocaust ein Integrationsproblem für Muslime, statt anzuerkennen, dass Antisemitismus ein Sicherheitsproblem für Juden ist. Wir therapieren die Gefühle derer, die „unberührt am Rand“ stehen, und übersehen dabei die, die längst mitten im Geschehen sind – als Antreiber, als Mitläufer, als Applaudierer. Wir verwechseln Distanz mit Trauma und Aggression mit Kränkung. Und während wir das tun, bauen wir eine Gesellschaft, in der man alles sagen darf, solange es nicht „pauschalisiert“ – außer natürlich, man ist Jude und sagt: „Ich habe Angst.“ Dann gilt das schnell als „übertrieben“.

Aber gut. Vielleicht ist es ja auch übertrieben. Vielleicht ist das alles nur ein Missverständnis. Vielleicht stehen sie wirklich nur unberührt am Rand. Und vielleicht ist das Geräusch, das wir da hören – dieses Johlen, dieses gröhlende Einverständnis, dieses süffisante Grinsen bei Israelhass und Holocaustrelativierung – nur das Knarzen eines Stuhls im Klassenzimmer.

Oder eben doch: ein innerer Reichsparteitag.

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