oder, wie man aus Papier eine Armada faltet
Ursula von der Leyen wünscht sich also eine Eisbrecher-Flotte der EU. Eine Flotte! Ein Wort wie ein Fanfarenstoß – geschniegelt, gebügelt, mit ordentlich Messing im Klang, selbst wenn es heute statt Messing eher um Förderlinien, Ausschreibungsvolumina und „strategische Autonomie“ geht. Flotte, das ist nicht einfach ein Sammelbegriff für Schiffe, sondern ein mentaler Zustand: der Moment, in dem ein politischer Körper sich für einen historischen Akteur hält und sich plötzlich fragt, ob er nicht auch mehr Meer könne. Denn wenn Europa eines immer wieder zuverlässig beweist, dann dies: Es kann alles sein – Menschenrechtsleuchtturm, Friedensprojekt, Binnenmarktmaschine, Bürokratie-Epos – aber selten einfach nur zufrieden. Und wenn irgendwo im Norden Eis liegt, das die Schifffahrt behindert, dann ist das natürlich kein geographisches Faktum, sondern eine persönliche Provokation der Geschichte. Das Eis muss weg, das Eis ist gegen uns, das Eis ist – in Brüsseler Diktion – ein „Herausforderungsraum“. Und was macht man mit Herausforderungen? Man baut Strukturen. Und was sind Strukturen, wenn man sich einmal warmgeredet hat? Richtig: Flotten.
Es gibt Nachrichten, die tragen eine Pointe schon im Bauch, noch bevor der Satiriker überhaupt sein Notizbuch zückt. Die EU und eine Flotte – das ist wie ein Koalitionsvertrag mit Kanonen. Es klingt nach einem Kind, das im Sandkasten plötzlich merkt, dass es nicht nur Förmchen, sondern auch Bagger gibt. Natürlich, der Eisbrecher ist ein besonderes Schiff: kein Schlachtschiff, kein Zerstörer, kein U-Boot im James-Bond-Sinne – sondern ein bulliges, pragmatisches Tier, gebaut, um Widerstand zu knacken. Man könnte ihn beinahe als Sozialdemokraten unter den Schiffen bezeichnen: Er schafft Wege, er räumt auf, er macht die Arbeit, die keiner sieht, und am Ende fahren andere elegant darüber hinweg. Aber das macht ihn politisch nicht weniger gefährlich. Denn das erste Schiff, das man baut, ist selten das letzte. Wer eine Eisbrecher-Flotte beschließt, beschließt in Wahrheit zuerst ein Weltbild: dass Europa wieder eine Entität ist, die nicht nur reagiert, sondern in Stahl denkt.
Die Arktis als Bühne: Wo das Eis schmilzt, schmilzt auch die Unschuld
Es ist ja nicht so, dass diese Flottensehnsucht aus heiterem Himmel käme. Die Arktis wird zur neuen Schaubühne der Geopolitik: Rohstoffe, Routen, Einfluss, Flaggenfantasien. Und wie immer, wenn sich irgendwo ein „neuer Raum“ öffnet, erwachen in den Bürokraten, Strategen und Sonntagsrednern die alten Reflexe: Präsenz zeigen! Souveränität sichern! Interessen wahren! Es sind Formeln, die sich anhören wie Zähneputzen für Staaten – notwendig, gesundheitsförderlich, aber mit einer gewissen mechanischen Monotonie. Die Arktis ist inzwischen das, was man früher „Kolonialwarenladen“ nannte, nur dass man heute „kritische Rohstoffe“ sagt und dabei so ernst schaut, als hätte man gerade Kant gelesen. Und während das Eis sich zurückzieht wie ein alter Kaiser aus dem öffentlichen Leben, tritt Europa nach vorn und sagt sinngemäß: Dann nehmen wir eben die Abkürzung.
Eine Eisbrecher-Flotte ist in dieser Logik keine maritime Spielerei, sondern Infrastruktur mit geopolitischem Muskel. Wer Wege durchs Eis schlagen kann, kontrolliert faktisch Korridore. Und wer Korridore kontrolliert, kontrolliert letztlich Zeit und Geld – die zwei heiligen Sakramente moderner Macht. Man muss gar nicht „Militarisierung“ rufen wie ein politischer Rauchmelder bei der kleinsten Küchenpfanne: Es reicht zu begreifen, dass jedes Schiff ein Statement ist. Selbst der Eisbrecher, dieses vermeintlich unschuldige Arbeitstier, ist ein Bekenntnis zur Härte. Er ist die elegante Art, „Wir wollen da auch hin“ zu sagen, ohne gleich „Wir sind wieder wer“ brüllen zu müssen.
Und dennoch: Europa, das sich eine Flotte wünscht, ist ein bisschen wie ein Pazifist, der plötzlich Freude am Waffenkatalog findet, „nur aus Interesse, rein technisch, ich will ja niemanden erschießen“. In den europäischen Erzählungen schwingt immer ein moralischer Bass mit, eine Art Gewissens-Subwoofer, der jede Machtbewegung begleitet: Wir tun das nicht für uns, nein, wir tun das für Werte, Stabilität, Ordnung, Klima, Zukunft, Frieden. Sogar das Eisbrechen klingt dann wie ein humanitärer Akt. Man klopft dem arktischen Ozean auf die Schulter und sagt: Keine Sorge, wir brechen dich nur aus Verantwortung.
Von Wilhelm bis Von der Leyen: Das Meer als Spiegel der Hybris
„Auch bei Kaiser Wilhelm fing es mit Flottenplänen an.“ Ach, dieses „auch“ – dieses kleine Wort, das sich anfühlt wie ein höfliches Räuspern vor dem Watschen. Denn ja: Wer sich an die deutsche Geschichte erinnert, dem klingt „Flottenpläne“ nicht nach technischer Notwendigkeit, sondern nach imperialer Selbsthypnose. Wilhelm II., der Mann, der die Weltpolitik wie eine Oper aufführte und dabei stets glaubte, er sei der Tenor, begann tatsächlich nicht mit Kanonendonner, sondern mit dem Wunsch, auf den Weltmeeren ernst genommen zu werden. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“, sagte man damals, und die Zukunft antwortete mit Rüstungswettlauf, Misstrauen und jener berühmten Mischung aus Selbstüberschätzung und strategischer Kurzsichtigkeit, die am Ende nicht selten als „Tragödie“ etikettiert wird, damit es weniger nach „Dummheit“ klingt.
Nun ist Ursula von der Leyen nicht Wilhelm II. – Gott bewahre, schon der Bart wäre ein Problem – und die EU ist kein Kaiserreich, sondern ein Verwaltungsgebilde mit 27 Kapitänen, die sich auf ein Steuerrad einigen müssen, das oft genug nicht einmal rund ist. Aber die Mechanik der Symbolik bleibt unheimlich ähnlich: Flotten sind nie nur Transportmittel. Flotten sind Prestige in Metallform. Sie sind eine schwimmende Visitenkarte, die man der Welt ins Gesicht hält. Sie sind das maritime Äquivalent zum teuren Anzug: Man trägt ihn nicht nur, um warm zu bleiben, sondern um gesehen zu werden, um Wirkung zu entfalten, um Raum einzunehmen. Und sobald man Raum einnimmt, entstehen Gegenräume. Der Rest ist Eskalationsliteratur.
Die Ironie ist dabei besonders europäisch: Die EU, die sich so gern als Gegenentwurf zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts darstellt, entdeckt nun das alte Spiel der Machtprojektion – nur eben in „zivil“ und mit hübschen PowerPoint-Folien. Man lässt das Wort „Flotte“ so klingen, als sei es ein Projekt zur Förderung der Biodiversität. Und natürlich wird es im passenden Tonfall serviert: nicht größenwahnsinnig, sondern sachlich; nicht aggressiv, sondern defensiv; nicht imperiumslüstern, sondern klimabewusst. Die EU ist ja Meisterin dieser Disziplin: Sie kann fast jede Form von Ambition so verpacken, dass sie wie eine Verwaltungsreform wirkt. Eine Eisbrecher-Flotte ist dann keine Flotte, sondern ein „Kapazitätsaufbau“. Kein strategischer Fußabdruck, sondern „Resilienz“. Kein Machtinstrument, sondern „Sicherstellung von Handlungsfähigkeit“. Worte wie Watte – und darunter Stahl.
Der Eisbrecher als Metapher: Wenn Bürokratie endlich krachen darf
Man muss es der Sache lassen: Ein Eisbrecher ist ein ehrliches Objekt. Er tut nicht so, als sei er etwas anderes. Er ist nicht geschniegelt, nicht elegant, nicht glamourös. Er sieht aus wie ein Stahlschwein auf Diät, das sich mit brutaler Konsequenz durch Hindernisse frisst. Und in diesem Bild liegt vielleicht die heimliche Sehnsucht europäischer Politik: endlich einmal etwas, das nicht im Konsens schmilzt, sondern im Konflikt funktioniert. Denn die EU ist berühmt für ihre Prozesse, ihre Runden, ihre Gremien, ihre Gipfel, ihre Gipfel der Gipfel, bis selbst der Berg müde wird. Ein Eisbrecher dagegen kennt keine Ausschüsse. Er kennt nur Vorwärts. Das ist in Zeiten globaler Konkurrenz natürlich verführerisch. Wenn alle anderen Weltakteure mit Ellbogen fahren, möchte man nicht ewig mit dem Regelbuch winken wie ein Schiedsrichter, der im Sturm versucht, eine rote Karte zu zeigen.
So wird das Schiff zum Traum: Ein Europa, das nicht nur kommentiert, sondern handelt. Ein Europa, das nicht nur mahnt, sondern schiebt. Ein Europa, das nicht nur „Bedenken“ hat, sondern Bugwellen. Und weil man Macht ungern „Macht“ nennt, nennt man sie „Fähigkeit“. Und weil man Ambition ungern „Ambition“ nennt, nennt man sie „Notwendigkeit“. Das ist der Trick, mit dem moderne Politik sich selbst moralisch sauber hält: Sie behauptet nicht, sie wolle, sondern sie müsse. Und im Müssen steckt immer schon das Alibi.
Doch gerade deshalb ist die Eisbrecher-Idee so köstlich verdächtig. Denn wenn Europa erst einmal beginnt, seine geopolitische Präsenz nicht nur mit Sanktionen und Standards, sondern mit Schiffen zu markieren, dann verändert sich auch sein Selbstbild. Der Kontinent, der jahrzehntelang glaubte, Normsetzung sei die höchste Form von Weltgestaltung, entdeckt plötzlich die elementare Wahrheit der Geopolitik: Dass Regeln erst dann wirklich Regeln sind, wenn irgendwer sie durchsetzen kann. Und Durchsetzung ist leider selten ein Seminarraum. Sie ist manchmal ein Hafen, manchmal ein Radar, manchmal eine Kante aus Stahl.
Die große europäische Selbsttäuschung: Frieden durch Sichtbarkeit
Europa hat sich über Jahrzehnte eine Erzählung zurechtgelegt, die fast schon poetisch ist: Wir sind zivilisiert, weil wir nicht mehr rüsten wie früher. Wir sind überlegen, weil wir verhandeln. Wir sind moralisch, weil wir uns zurückhalten. Das alles hatte seinen historischen Sinn, und man sollte es nicht zynisch kleinreden. Aber es hatte auch eine Nebenwirkung: Europa gewöhnte sich an die Illusion, dass die Welt irgendwann so wird wie Europa – reguliert, verwaltet, versichert. Ein Planet als Binnenmarkt. Konflikte als Schlichtungsfälle. Aggression als Abweichung von Leitlinien. Und weil diese Illusion so angenehm war, hielt man sie für realistisch.
Jetzt aber steht Europa vor einer Welt, die sich aufführt wie ein ungepflegter Realist: Russland spielt Machtpolitik, China plant in Dekaden, die USA wechseln zwischen Schutzmacht und „macht euren Kram doch selbst“, und überall sind Handelsrouten, Rohstoffe und Einflusszonen wieder das, was sie immer waren: Gründe, einander auf die Füße zu treten. In so einer Welt wirkt Europas moralischer Ton manchmal wie ein höflicher Brief an einen Einbrecher. Und daher die neue Sehnsucht nach Materialität. Die EU möchte nicht mehr nur sprechen, sondern auch schwimmen.
Doch genau hier beginnt die Wilhelm’sche Parallele zu stechen: Auch Wilhelm II. wollte gesehen werden. Auch er wollte, dass man Deutschland ernst nimmt. Und auch er hielt eine Flotte für das Ticket in den Klub der großen Spieler. Das Ergebnis war nicht der Respekt der anderen, sondern ihr Argwohn. Eine Flotte ist nun einmal nicht nur ein Transportmittel, sondern ein Signal: „Ich kann.“ Und jedes „Ich kann“ wird von jemandem anders als „Dann musst du wohl auch wollen“ verstanden.
Natürlich wird man einwenden: Eisbrecher sind doch keine Dreadnoughts. Aber Macht ist in der internationalen Politik selten eine Frage der Gattung, sondern der Richtung. Es ist die Bewegung, die zählt. Und eine Flotte – selbst eine vermeintlich utilitaristische – ist Bewegung in Richtung Selbstbehauptung. Und Selbstbehauptung ist, je nach Perspektive, entweder die Tugend der Schwachen oder die Drohung der Starken.
Der Witz an der Sache: Europa als Seemacht, aber bitte mit Formular A38
Und doch ist das ganze Projekt so wunderbar europäisch, dass man fast wieder Hoffnung bekommt – nicht weil es so souverän wäre, sondern weil es wahrscheinlich schon an sich selbst scheitert. Man stelle sich die EU-Eisbrecher-Flotte praktisch vor: 27 Mitgliedsstaaten, jeder mit eigener Werftromantik, eigenen Industrieinteressen, eigenen Bedenken, eigenen Wahlkämpfen. Frankreich möchte selbstverständlich, dass die Schiffe französisch sind, weil alles, was schwimmt, im Grunde ein kleines Stück Grande Nation sein sollte. Deutschland möchte, dass alles korrekt ausgeschrieben wird, am besten mit einem Vergabeverfahren, das so wasserdicht ist, dass man damit tatsächlich ein Schiff abdichten könnte. Polen möchte Sicherheitsgarantien, Italien möchte noch schnell eine maritime Sonderregelung, Spanien fragt, ob man das nicht auch für den Mittelmeerraum adaptieren kann, und die nordischen Länder schauen milde lächelnd zu, weil sie seit Jahrhunderten wissen, dass Eis nicht durch politische Willensbekundungen schmilzt.
Am Ende hat man dann eine Flotte, die aus einem Prototyp besteht, der erst 2037 geliefert wird, nachdem die Kosten sich verdreifacht haben und ein Untersuchungsausschuss festgestellt hat, dass die Lackierung nicht den Nachhaltigkeitskriterien entspricht. Der Eisbrecher steht dann im Hafen und wartet auf sein Einsatzkonzept, das in drei Sprachen vorliegt, aber leider noch nicht final abgestimmt wurde, weil die Frage offen ist, ob man im arktischen Raum gendergerechte Schiffsnamen verwendet. Und währenddessen fahren andere längst durch die Route und lachen leise in ihre Navigationssysteme.
Das ist der eigentliche, bittersüße Humor dieser Idee: Europa will Macht – aber in seiner eigenen Ästhetik. Macht als Verwaltungsvorgang. Härte als Prozess. Geopolitik als Arbeitsgruppe. Die EU ist der einzige Akteur der Welt, der vermutlich selbst einen Krieg erst nach einer Folgenabschätzung beginnen würde. Und genau darin liegt ihre Tragikomik: Sie möchte sich härten, ohne hart zu werden. Sie möchte durch Eis brechen, aber niemanden verletzen. Sie möchte gesehen werden, aber bitte nicht missverstanden.
Schlussbemerkung: Wenn Geschichte sich reimt, klingt das manchmal wie ein Schiffshorn
Von der Leyens Wunsch nach einer Eisbrecher-Flotte ist also mehr als eine technische Idee. Er ist ein Symptom. Europa tritt in ein neues Kapitel ein, in dem es merkt, dass Frieden nicht nur aus Verträgen besteht, sondern auch aus Fähigkeiten. Dass Werte nicht nur proklamiert, sondern geschützt werden müssen. Und dass der Planet sich nicht in ein Regelwerk hineinverhandeln lässt, wenn andere längst dabei sind, ihn aufzuteilen wie ein Buffet kurz vor Schluss.
Und dennoch: Der Vergleich mit Kaiser Wilhelm ist nicht nur ein billiger historischer Seitenhieb, sondern eine nötige Warnsirene. Denn Flottenpläne sind nie harmlos, weil sie im Kopf beginnen, nicht im Dock. Sie sind das Geräusch eines politischen Körpers, der sich wieder groß fühlen will. Und sobald man sich groß fühlt, beginnt man leicht, andere klein zu denken. Das ist der erste Schritt in jene berühmten, gepflasterten Straßen der Geschichte, die so oft mit guten Absichten begonnen haben und mit schlechten Denkmälern endeten.
Vielleicht braucht Europa Eisbrecher. Vielleicht ist es sogar klug. Vielleicht ist es schlicht überfällig. Aber man sollte bei all dem nicht vergessen: Das Eis, das man da brechen will, ist nicht nur arktisch. Es ist auch das Eis der eigenen Selbstwahrnehmung. Das knirscht am lautesten, wenn es bricht. Und manchmal – das ist die zynische Pointe – ist der schönste Moment eines Flottenplans nicht seine Umsetzung, sondern die kurze, berauschende Sekunde, in der man sich einbildet, Geschichte ließe sich steuern wie ein Schiff: mit festem Kurs, stolzer Brust und einem Horizont, der freundlich lächelt. Der Horizont lächelt nie. Er wartet nur, bis man näherkommt.