Die große Illusion der mittleren Größe

Paul-Henri Spaak, dieser höflich wirkende belgische Realist aus einer Epoche, als Diplomatie noch nicht vollständig zur Kunstform der pressetauglichen Selbstbespiegelung degeneriert war, hat einen Satz hinterlassen, der so knapp wie gnadenlos ist: „Es gibt nur zwei Typen von Ländern in Europa: kleine Länder und Länder, die klein sind, aber das noch nicht wissen.“ Man könnte sagen: Das ist keine Warnung, das ist ein Spiegel. Und wie jeder Spiegel, der ehrlich ist, wird er zuerst gehasst, dann weggehängt und schließlich aus Versehen doch wieder angesehen, wenn man alleine ist und die Schminke der nationalen Selbstüberschätzung langsam Risse bekommt. Spaaks Diktum ist im Grunde eine Diagnose über eine ganze Kontinentseigenart: Europa ist ein Museum der Eitelkeiten, in dem jedes Exponat behauptet, es sei ein Weltreich – und jeder Besucher nickt, obwohl er weiß, dass die Vitrinen längst Staub ansetzen. Die Länder Europas, stolz wie Pfauen und empfindlich wie Primadonnen, tragen ihre Geschichte wie eine schwere Robe: majestätisch drapiert, aber unerquicklich beim Gehen. Dass Spaak ausgerechnet Belgier war, ist dabei fast zu schön, um wahr zu sein: ein Mann aus einem Land, das man international oft erst dann erkennt, wenn man den Satz „Brüssel“ sagt, und das doch den europäischen Gedanken wie ein unauffälliger Architekt mitgezeichnet hat – nicht als Imperium, sondern als Lösung. Belgien, diese tragikomische Meisterleistung des Kompromisses, hatte früh gelernt, was die anderen erst später merken sollten: Große Posen sind teuer, und wer sie sich leisten will, muss entweder sehr reich sein oder sehr fantasiebegabt. Fantasie aber ersetzt keine Geographie, keine Demographie, keine Rohstoffe und – besonders unerquicklich – keine Abhängigkeiten.

Spaaks Satz trifft deshalb so scharf, weil er die europäische Grundkrankheit entlarvt: die Sehnsucht nach Bedeutung jenseits der realen Möglichkeiten. Europa ist eine Bühne voller Staaten, die alle Hauptrollen spielen wollen, obwohl das Stück längst ein Ensemble-Drama ist. Frankreich will universal sein, Deutschland will moralisch groß sein, Italien will kulturell unsterblich sein, Spanien will historisch unterschätzt sein, Polen will endlich ernst genommen werden, und irgendein Land zwischen Nordsee und Balkangebirge will zumindest nicht übersehen werden, was im europäischen Kontext schon als Erfolg gilt. Nur: Während alle sich in die Brust werfen, klopft die Wirklichkeit höflich, aber unüberhörbar an die Tür. Sie heißt: Weltmärkte. Sie heißt: Energieabhängigkeit. Sie heißt: Sicherheitsarchitektur. Sie heißt: Technologiekonzerne, die größer sind als manche Staatshaushalte. Und sie sagt leise, aber bestimmt: Ihr seid nicht mehr die Mitte der Welt. Ihr seid eine Region, die sich erst wieder daran erinnern muss, wie Kooperation funktioniert, ohne dabei in Panik nationalromantisch zu hyperventilieren. Wer das als Beleidigung versteht, hat Spaaks Pointe bereits verinnerlicht: Kleinsein ist nicht das Problem. Kleinsein und es nicht zu wissen – das ist die Komödie mit tragischem Kern.

Von Imperien, die im Museum wohnen, und Nationen, die sich verkleiden

Europa besteht aus Ländern, die sich seit Jahrhunderten gegenseitig beweisen, wer am besten „groß“ sein kann. Das ist ungefähr so, als würden mehrere Erwachsene auf einem Kindergeburtstag um die größte Luftballonkrone kämpfen, während draußen das Haus brennt. Die Größe Europas war einmal eine blutige Angelegenheit, eine Mischung aus Kanonen, Kolonien und kultureller Hybris, und sie hat immerhin den Vorteil gehabt, dass sie ehrlich war: Man wollte Macht. Heute will man oft nur noch den Anschein davon. Das ist raffinierter, aber nicht weniger unerquicklich. Der moderne europäische Nationalstaat ist ein Schauspieler, der in historischen Kostümen vor einem Publikum auftritt, das längst Netflix schaut. Dennoch wird mit einer Inbrunst an Souveränitätsmythen geklebt, als könnte man mit den richtigen Parolen wieder die Weltordnung zurück in eine Zeit zwingen, in der man sie wenigstens verstand – oder zumindest glaubte zu verstehen. Die politischen Eliten mancher Länder sprechen von „Unabhängigkeit“ wie von einem magischen Amulett, das man aus der Tasche ziehen kann, wenn die Realität unangenehm wird. Und die Öffentlichkeit nickt oft mit jener rührenden Entschlossenheit, mit der man auch Globuli schluckt: Man weiß nicht genau, wie es wirkt, aber man möchte sich nicht damit abfinden, dass die moderne Welt ein unübersichtlicher Ort ist.

Spaaks Satz zielt mitten hinein in diese Theatermaschinerie. Er sagt: Ihr seid alle klein. Das ist keine moralische Bewertung, sondern eine nüchterne Beschreibung. Klein im Sinne von: begrenzte Bevölkerung, begrenzte Ressourcen, begrenzte strategische Autonomie. Klein im Sinne von: abhängig von Handelsrouten, von Bündnissen, von Standards, die anderswo gesetzt werden. Klein im Sinne von: Wer nicht kooperiert, wird nicht souverän, sondern hilflos. Und hier kommt die europäische Ironie: Gerade die Länder, die am lautesten „Souveränität“ rufen, demonstrieren oft am eindrucksvollsten, wie sehr sie ohne Verflechtung nicht auskommen. Man sieht es an Energie, an Digitalisierung, an Verteidigung, an Lieferketten, an Währungen, an Migration, an Klimapolitik – und natürlich an allem, was man früher gerne als „Innenpolitik“ bezeichnete, als sei das eine abgeschlossene Wohnung, in der die Welt draußen bleibt, wenn man nur die Tür fest genug zuschlägt.

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Die Verkleidung der Größe geschieht dabei in verschiedenen Stilen. Es gibt die nostalgische Variante: das Land als Vergangenheit, die nie vergeht, der Nationalstaat als Denkmal, in dem man wohnt, obwohl es zieht. Es gibt die empörte Variante: das Land als Opfer fremder Mächte, obwohl es sich meistens um die schlichte Tatsache handelt, dass Verträge gelten. Es gibt die romantische Variante: das Land als unersetzliche Seele Europas, die leider permanent missverstanden wird. Und es gibt die technokratische Variante: das Land als „Player“, ein Wort, das so unangenehm anglophil ist, dass es schon fast wieder komisch wirkt, weil es suggeriert, man spiele in einer Liga, in der andere längst die Regeln schreiben. Spaak würde wahrscheinlich freundlich lächeln, sich eine Zigarette anzünden und sagen: Genau das meinte ich.

Die Geopolitik als peinlicher Verwandter, der immer wieder auftaucht

Europa hatte eine Zeit lang gehofft, es könne die Geschichte austricksen: Man gründet eine Union, man baut einen Binnenmarkt, man pflegt den Frieden, und die Geopolitik bleibt draußen wie ein ungebetener Gast, der nur Streit mitbringt und auf der Couch einschläft. Das war eine wunderschöne Illusion, gerade weil sie für eine Weile funktionierte. Doch die Geopolitik ist kein Verwandter, den man aussperren kann, sie ist eher die Schwerkraft: Man kann sie ignorieren, aber nicht abschaffen. Und plötzlich steht sie wieder im Wohnzimmer, zieht die Schuhe nicht aus und redet laut über Rohstoffe, Einflusszonen, militärische Fähigkeiten und strategische Interessen. Europa reagiert darauf häufig wie jemand, der seit Jahren Yoga macht und nun feststellt, dass es auch Messer gibt. Empörung, moralische Appelle, Gesprächsangebote, „deutliche Worte“ – diese europäische Liturgie der diplomatischen Selbstberuhigung – sind dann die ersten Reflexe. Alles gut und schön, aber die Welt ist nicht verpflichtet, Europas bevorzugte Erzählung zu teilen.

Genau hier wird Spaaks Zynismus – oder besser: sein Realismus – zur bitteren Pointe. Denn „klein“ bedeutet nicht nur: man ist nicht mächtig. Es bedeutet auch: man kann es sich nicht leisten, so zu tun, als wäre man es. Ein großes Land kann sich Fehler leisten. Ein kleines Land muss klug sein. Ein großes Land kann sich Autarkiephantasien leisten, auch wenn sie scheitern; ein kleines Land scheitert dabei schneller und leiser. Und Europa? Europa ist eine Ansammlung kleiner Länder, die manchmal gemeinsam groß sein können – und manchmal getrennt nur ein Chor sehr selbstbewusster Stimmen, der gegen einen Orkan ansingt. Die Vorstellung, man könne in der Weltordnung des 21. Jahrhunderts als einzelner europäischer Staat „allein“ bestehen, ist ungefähr so plausibel wie ein Einzelkämpfer, der sich in einem Kampf gegen ein Datenzentrum mit einem Degen bewaffnet, weil das historisch so schön aussieht. Der Degen glänzt, zweifellos. Aber das Datenzentrum gewinnt.

Spaak hätte vermutlich nicht einmal triumphiert, wenn er heute sähe, wie recht er behält. Er hätte eher diesen müden Blick eines Mannes, der weiß, dass Menschen die Wahrheit nicht deshalb ablehnen, weil sie falsch ist, sondern weil sie ungemütlich ist. Kleinsein ist unbequem für das Ego. Großsein ist ein angenehmer Mythos, selbst wenn er teuer erkauft wird. Und wenn es etwas gibt, das europäische Nationen lieben, dann sind es Mythen, in denen sie sich selbst in Großaufnahme betrachten können. Dass die Welt sie längst in der Totale sieht, ist ein ästhetischer Schock, den man kulturell erst verarbeiten muss.

Der Nationalstolz als Droge mit Nebenwirkungen

Nationalstolz ist in Europa eine Substanz, die man gern in kleinen Dosen konsumiert: als Hymne beim Sport, als Gedenktag, als lokale Küche, als kollektives Schulterklopfen im Museum. In dieser Form ist er harmlos, manchmal sogar rührend. Problematisch wird er erst, wenn man ihn als Ersatz für Politik verwendet. Dann wird aus Stolz eine Droge: Er macht warm, er macht mutig, er macht blind. Und wie bei jeder Droge muss man die Dosis steigern, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Das ist der Moment, in dem man beginnt, sich einzureden, man sei nicht nur ein Land unter vielen, sondern eine Ausnahme, eine Mission, ein „Sonderfall“. Man beginnt zu reden, als sei man größer, als man ist. Man beginnt zu handeln, als könne man es sich leisten. Und dann kommt die Rechnung, wie sie immer kommt: nicht als moralische Lektion, sondern als banale Konsequenz.

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Spaaks Satz ist darum so elegant, weil er die Mechanik dieser Droge bloßlegt. Wer nicht weiß, dass er klein ist, wird größenwahnsinnig in der Praxis, obwohl er vielleicht in der Rhetorik nur „Selbstbewusstsein“ meint. Das ist der Trick: Man nennt Hybris einfach anders, und schon fühlt sie sich besser an. Europa hat viele talentierte Umbenennungen dieser Art hervorgebracht. Das Imperium hieß einmal „Zivilisationsmission“. Die Kolonie hieß „Protektorat“. Die Einflusssphäre hieß „natürliches Interesse“. Und heute heißt die schlichte Angst vor Bedeutungsverlust gern „Rückgewinnung von Souveränität“. Es ist ein wunderschönes Vokabular, ein literarischer Nebel, in dem man sich selbst als Held sehen kann, auch wenn man gerade nur versucht, das eigene Spiegelbild zu retten.

Und natürlich gibt es in Europa diese besonders delikate Form des Stolzes: die Vorstellung, man sei moralisch groß. Man mag klein sein in Zahlen, in Militär, in Ressourcen – aber man ist groß in Werten, groß in Kultur, groß in Geschichte, groß in Vernunft. Das ist eine tröstliche Erzählung, und sie ist nicht einmal völlig falsch. Europa hat tatsächlich politische und philosophische Errungenschaften hervorgebracht, die bewundernswert sind. Doch moralische Größe ersetzt keine Handlungsfähigkeit. Werte ohne Macht sind wie ein wunderschönes Gedicht, das man einem Panzer vorliest: Es ist erquicklich für die Seele, aber unerquicklich in der Wirkung. Das Zynische ist nicht, dass Werte wertlos wären, sondern dass man sich an ihnen berauschen kann, um die eigenen strategischen Defizite nicht sehen zu müssen. Spaaks Satz wäre dann die kalte Dusche: Ihr seid klein. Also handelt entsprechend. Oder seid wenigstens ehrlich genug, eure Träume nicht für Politik zu halten.

Die europäische Einigung als Therapie, die keiner zu Ende machen will

Die europäische Integration war – und ist – ein Versuch, aus Kleinstaatlichkeit Stärke zu machen. Sie ist eine Therapie gegen die Illusion der nationalen Größe, ein Entzug von der Droge der Selbstüberschätzung. Und wie jede Therapie ist sie unerquicklich, weil sie den Patienten zwingt, Verantwortung zu übernehmen: für Kompromisse, für Regeln, für Selbstbegrenzung. Man darf nicht mehr immer „Ich zuerst“ rufen, man muss „Wir“ sagen, ohne gleich in Pathos zu ertrinken. Das ist schwer, besonders in Gesellschaften, die gelernt haben, Nation als Gefühl zu betrachten und nicht als Organisationsform. Die EU zwingt ihre Mitglieder dazu, den romantischen Kern des Nationalismus zu entzaubern, indem sie ihn in Verwaltungsakte übersetzt. Wer jemals gesehen hat, wie patriotische Leidenschaft an der Frage scheitert, welche Norm eine Schraube haben darf, versteht die Komik der europäischen Idee: Sie macht aus Mythos Alltag. Aus Pathos wird Papier. Aus Geschichte wird Haushaltsrahmen.

Kein Wunder also, dass viele diese Therapie nicht zu Ende machen wollen. Man will die Vorteile der Integration – Markt, Währung, Frieden, Einfluss – aber man will nicht die Nebenwirkungen: Verantwortung, Solidarität, Regelbindung. Man möchte europäisch sein, solange es bequem ist, und national, sobald es schwierig wird. Europa ist dann wie eine Ehe, in der beide Partner jederzeit das Recht beanspruchen, Single zu sein, aber trotzdem erwarten, dass jemand die Miete teilt. Und die EU, dieses komplizierte Konstrukt aus Verträgen, Institutionen und gegenseitigen Verletzlichkeiten, wird zur perfekten Projektionsfläche: Wenn etwas gelingt, war es „wir als Nation“. Wenn etwas schiefgeht, war es „Brüssel“. Spaak, der Pragmatiker, hätte vermutlich trocken festgestellt, dass dies ein typisches Verhalten kleiner Länder ist, die sich groß fühlen wollen: Man nimmt die Dividenden der Gemeinschaft, aber man will sich nicht an die Buchhaltung erinnern lassen.

Der polemische Witz daran ist, dass gerade die EU die europäische Kleinheit nicht beschämt, sondern produktiv macht. Sie ist der Versuch, aus vielen kleinen Stimmen eine Melodie zu formen, die global hörbar ist. Und ja, sie klingt manchmal wie ein Orchester, das gleichzeitig probt und auftritt. Sie hat zu viele Dirigenten, zu viele Partituren, zu viele Solisten, die mitten im Stück eine Rede halten wollen. Sie ist nicht elegant. Aber sie ist auch kein Luxus. Sie ist die Antwort auf Spaaks Diagnose: Wenn ihr klein seid, dann seid es gemeinsam – und hört auf, euch allein wie Imperien aufzuführen. Das wäre nicht nur effizienter, es wäre auch stilvoller. Europa hat schließlich Sinn für Ästhetik. Warum also nicht auch für politische?

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Das komische Ende der Großmannssucht: Wenn die Realität zurückschlägt

Die beste Satire schreibt immer noch die Wirklichkeit, weil sie keine Rücksicht auf nationale Gefühle nimmt. Sie ist ein erbarmungsloser Autor, der seine Figuren in Situationen zwingt, in denen ihre Selbstbilder kollabieren. Wenn ein europäisches Land heute versucht, „allein“ geopolitisch zu handeln, wirkt das oft wie ein historischer Kostümfilm, der plötzlich von Drohnen gefilmt wird. Die Kamera ist nicht mehr schmeichelhaft. Die Musik passt nicht. Und das Publikum merkt, dass die Kulissen aus Pappe sind. Man kann versuchen, sich durch Lautstärke Bedeutung zu verschaffen – aber Lautstärke ersetzt keine Relevanz. Man kann versuchen, sich durch Symbolpolitik Respekt zu erzwingen – aber Symbole ohne Substanz sind nur Dekoration. Und man kann versuchen, sich in eine Opferrolle zu flüchten – aber die Weltordnung ist kein Therapeut, der tröstend nickt, wenn man sich missverstanden fühlt.

Spaaks Satz ist deshalb so zeitlos, weil er nicht an eine bestimmte Krise gebunden ist. Er ist ein Grundgesetz europäischen Daseins. Er gilt für Staaten, die sich überschätzen, und ebenso für jene, die sich unterschätzen. Denn auch die „kleinen Länder“, die ihre Kleinheit kennen, können daraus eine Stärke machen: Sie können flexibel sein, klug, diplomatisch, kooperativ. Sie können die Kunst beherrschen, Einfluss nicht durch Größe, sondern durch Vernetzung zu erzeugen. In gewisser Weise ist das die europäische Spezialität: nicht der Hammer, sondern das Netzwerk; nicht die Faust, sondern die Hand, die verbindet. Nur muss man dafür akzeptieren, dass Größe im 21. Jahrhundert anders aussieht. Sie ist weniger die Größe eines Reiches als die Größe einer Struktur. Weniger die Größe eines Königs als die Größe eines Systems. Weniger die Größe der Pose als die Größe der Fähigkeit, andere zu organisieren.

Und hier liegt die zynische Pointe, die zugleich augenzwinkernd tröstlich ist: Vielleicht ist Europas Kleinheit nicht seine Schwäche, sondern seine Rettung – wenn Europa es endlich akzeptiert. Klein sein zwingt zur Vernunft. Klein sein zwingt zum Denken. Klein sein zwingt dazu, die Welt nicht als Bühne für nationale Eitelkeiten zu benutzen, sondern als Realität, die man gemeinsam gestalten muss. Das ist unerquicklich für diejenigen, die gern auf Podesten stehen. Aber es ist erquicklich für diejenigen, die lieber in Ergebnissen leben als in Legenden.

Schluss: Die elegante Demut als letzte Form der Größe

Spaaks Warnung ist letztlich ein Angebot: Er lädt Europa dazu ein, die peinliche Pubertät der nationalen Großmannssucht hinter sich zu lassen. Er sagt nicht: Gebt eure Identität auf. Er sagt: Hört auf, euch selbst zu belügen. Es ist eine Form von Respekt, den er Europa damit erweist: Er behandelt es nicht wie ein Kind, das man mit Märchen beruhigt, sondern wie einen Erwachsenen, der sich der Wahrheit stellen kann. Und die Wahrheit lautet: Europa ist ein Kontinent kleiner Länder. Manche sind klein und wissen es. Andere sind klein und spielen Weltmacht. Das ist menschlich, aber unerquicklich. Man kann darüber lachen – und man sollte, denn Humor ist die letzte Waffe gegen Hybris. Aber man sollte auch begreifen, dass die Welt nicht darauf wartet, dass Europa seine Selbstinszenierung perfektioniert.

Die höchste Form der europäischen Größe wäre deshalb vielleicht nicht, wieder groß sein zu wollen, sondern klug klein zu sein: bewusst, kooperativ, strategisch, nüchtern. Eine Demut, die nicht kriecht, sondern plant. Ein Realismus, der nicht resigniert, sondern handelt. Eine Satire, die nicht nur verspottet, sondern heilt. Und wenn man ganz böse sein will, könnte man hinzufügen: Die europäische Einigung ist die einzige Möglichkeit, Spaaks Satz zu widerlegen – nicht indem man beweist, dass man groß ist, sondern indem man beweist, dass Kleinheit, richtig organisiert, größer sein kann als jedes nationale Märchen. Das wäre dann wirklich eine Pointe, die Europa verdient: ein Kontinent, der seine Eitelkeit überwunden hat, nicht durch Askese, sondern durch Intelligenz. Und das wäre in der Tat eine historische Sensation – so unwahrscheinlich, dass sie fast schon wieder Hoffnung macht.

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