Die UNO als moralisches Thermometer mit Wackelkontakt
„Warum haben Sie Angst?“ – diese Frage ist keine rhetorische Zierde, kein elegantes Parfüm für eine ohnehin schon stickige Debatte, sondern ein Faustschlag in die Vitrine der internationalen Selbstinszenierung. Masih Alinejad hat im UN-Sicherheitsrat nicht einfach eine diplomatische Unhöflichkeit begangen, sondern etwas viel Unverzeihlicheres: Sie hat die Bühne entzaubert. Sie hat den großen Tempel der Menschheit, dieses marmorne Auditorium der Weltvernunft, kurz in das verwandelt, was es oft ist: eine Hallenbadkantine der Zuständigkeitsvermeidung, in der jeder seine moralischen Pommes bekommt, solange er sie nicht zu heiß isst. Und weil die Frage so unerquicklich einfach ist – Warum haben Sie Angst? –, trifft sie den UN-Generalsekretär dort, wo er als professioneller Sprecher des Weltgewissens am empfindlichsten sein müsste: in der Zone zwischen Selbstbild und Wirklichkeit, zwischen „Wir stehen für Werte“ und „Wir stehen vor allem für uns selbst“. Man kann den Iran nicht hören, wenn man die Ohren schon damit beschäftigt, das eigene Prestige zu polieren. Und man kann nicht glaubwürdig von Menschenrechten sprechen, wenn man bei autoritären Regimen nur dann laut wird, wenn es ungefährlich ist – oder wenn es sich PR-technisch lohnt, weil irgendwo ein Demokrat steht, den man gefahrlos maßregeln kann.
Schweigen als Luxusgut: Der Generalsekretär, die Kunst des Nichtanwesens
Es ist ja nicht so, dass man von António Guterres erwartet hätte, mit Helm und Schutzweste durch Teheran zu laufen und sich mit einem Megafon zwischen die Revolutionsgarden zu stellen. So naiv ist nicht einmal die UNO, und das will etwas heißen. Aber in jenen Wochen, in denen Menschenrechtsorganisationen von Toten, Massenverhaftungen, Schnellverfahren und einer teppichartigen Dunkelheit der Kommunikationsabschaltungen berichten – also von jener klassischen autoritären Praktik, bei der man das Licht ausknipst, damit die Schläge leiser klingen –, hätte man zumindest eine symbolische Geste erwarten dürfen. Eine persönliche Stellungnahme. Ein Auftritt. Eine klare Sprache. Das mindeste theatrale Signal, dass da oben jemand sitzt, der die Welt nicht nur verwaltet, sondern sie auch gelegentlich noch sieht. Stattdessen: nichts. Kein persönlicher Auftritt. Keine Reise. Keine erkennbare Dringlichkeit. Erst nach mehr als zwei Wochen ein Sprecherstatement, so vorsichtig, so wattiert, so neutral, dass selbst die Neutralität beleidigt sein müsste, weil man sie auf das Niveau eines Beipackzettels heruntergekocht hat: „Zurückhaltung“, „Dialog“, „allgemeine Appelle“. Diese Worte sind die Luftpolsterfolie der Diplomatie: Sie verhindern keine Katastrophe, aber sie dämpfen das Geräusch, mit dem das Gewissen herunterfällt. Und während im Iran Menschen in realer Gefahr sind, leistet sich die UNO jene Form von Schweigen, die nur Institutionen können: das Schweigen, das nicht aus Unwissen kommt, sondern aus Kalkül.
Die selektive Sirene: Wenn Empörung ein Uhrwerk hat
Man muss sich dieses groteske Detail auf der Zunge zergehen lassen: Von 87 UN-Sonderberichterstattern beteiligten sich offiziell nur fünf an einem gemeinsamen Statement. Fünf. Das ist nicht einmal eine symbolische Minderheit, das ist eine Art moralische Resteverwertung. Es ist, als hätte ein großes Krankenhaus bei einer Massenkarambolage beschlossen, dass heute nur die Praktikanten Dienst haben, weil die Chefärzte leider einen wichtigen Workshop zum Thema „Empathie in herausfordernden Zeiten“ besuchen müssen. Natürlich kann man das erklären: Arbeitsbelastung, bürokratische Abläufe, interne Abstimmung, diplomatische Rücksichtnahmen, die üblichen liturgischen Floskeln der Institutionenreligion. Aber genau hier beginnt der Verdacht, der nicht mehr wegzuwischen ist: dass die UNO nicht langsam ist, weil sie schwerfällig ist, sondern weil sie wählt, wann sie schwerfällig sein möchte. Dass der Apparat nicht neutral ist, sondern gezielt neutralisiert. Dass das Schweigen nicht einfach Abwesenheit ist, sondern eine Handlung – ein Signal, ein Code, ein leiser Handschlag ins Dunkel: Wir sehen euch, aber wir sagen nichts. Macht weiter, solange ihr uns nicht in Verlegenheit bringt.
Israel als bequemes Ziel: Der Mut zur Lautstärke, wo er nichts kostet
Und dann kommt dieser Kontrast, der nicht einmal ein Kontrast mehr ist, sondern eine Karikatur. Der 7. Oktober 2023: ein Massaker von historischer Dimension, ein Blutbad, ein Zivilisationsbruch, der selbst in einer Welt, die an Grauen nicht arm ist, eine neue, graue Farbe erfunden hat. Der UN-Generalsekretär verurteilt den Angriff formal – ja, das stimmt –, fordert Geiselbefreiung – ebenfalls –, und doch verschiebt sich die öffentliche Kommunikation rasch. Bereits am zweiten Tag wirkt es, als würde die internationale Organisation sich innerlich räuspern, um zu sagen: „Natürlich ist das schrecklich, aber…“ Dieses „aber“ ist das diplomatische Schweizer Taschenmesser: Es kann alles schneiden, auch die Wahrheit. Und dann der 9. Oktober – zwei Tage nach dem Massaker – tritt Guterres persönlich vor die Presse und kritisiert Israel wegen der angekündigten vollständigen Belagerung Gazas, noch bevor eine Bodenoffensive begonnen hat. Man kann diese Kritik inhaltlich diskutieren, man kann sie humanitär begründen, man kann sie politisch erklären – aber man kann nicht leugnen, wie schnell, sichtbar und persönlich sie kam. Da war plötzlich Energie. Da war plötzlich Präsenz. Da war plötzlich Stimme. Es ist dieses Wunder der UN-Rhetorik: Wenn es um Israel geht, findet man nicht nur Worte, sondern auch Mikrofone. Wenn es um den Iran geht, findet man höchstens einen Pressesprecher mit einem Text, der klingt, als hätte ihn ein Juristenteam nach einem Autounfall geschrieben.
Die UNO als Chor der Vorsichtigen: Moral nach Risikoprofil
Man muss sich das vorstellen wie einen Chor, in dem alle Sänger eine perfekte Stimme hätten – aber nur dann singen, wenn im Publikum keine gefährlichen Leute sitzen. Bei Israel ist das Publikum überschaubar: ein demokratischer Staat, ein verlässliches Ziel für moralische Belehrung, ein Adressat, der nicht mit Geiselnahme, Gaspreisen oder Atomphantasien droht, wenn man ihn tadelt. Das ist die angenehme Form des internationalen Mutes: Man ist streng dort, wo Strenge keine persönliche Konsequenz hat. Man kann sich aufspielen als Mahner, ohne selbst etwas zu riskieren. Beim Iran hingegen ist das Publikum unangenehm: ein Regime, das sich nicht für moralische Appelle interessiert, sondern für Machterhalt; ein Staat, der nicht beleidigt ist, wenn man ihn kritisiert, sondern gefährlich. Und plötzlich wird aus der UNO eine Einrichtung für „kommunikative Deeskalation“, also für das, was im Alltag eines autoritären Systems schlicht „Feigheit“ heißt. Genau da setzt Alinejads Frage an. Denn „Angst“ ist kein diplomatischer Begriff. Er ist zu menschlich. Zu entlarvend. Zu ehrlich. Er ist der Moment, in dem man merkt, dass die UNO nicht nur ein Haus der Weltgemeinschaft ist, sondern auch ein Haus voller Türen, hinter denen sich Menschen verstecken können.
Neutralität als Kostüm: Wenn Schweigen nicht Frieden, sondern Freibrief bedeutet
UN Watch nennt es „selektive Empörung“, und dieser Begriff ist eigentlich noch zu höflich. Selektive Empörung klingt nach einem unglücklichen Charakterzug, nach einer Art emotionalem Astigmatismus: Man sieht scharf nur, was einem ohnehin ins Weltbild passt. In Wahrheit ist es eine Struktur. Eine Methode. Eine Kultur. Schweigen in solchen Fällen ist nicht Neutralität, sondern Parteinahme durch Unterlassung. Denn autoritäre Regime verstehen diese Sprache. Sie lesen zwischen den Zeilen besser als westliche Talkshowrunden. Sie hören nicht nur, was gesagt wird, sondern vor allem, was nicht gesagt wird. Und sie reagieren darauf wie auf eine Erlaubnis. „Zurückhaltung“ ist in Teheran kein Aufruf zur Mäßigung, sondern ein Signal: Ihr könnt weitermachen, ohne dass euch jemand ernsthaft stört. Das ist die perfide Umkehr der Menschenrechtsrhetorik: Dort, wo sie gebraucht würde, ist sie flüsternd. Dort, wo sie kaum etwas kostet, ist sie brüllend. Das nennt man dann „Balance“. Und diese Balance ist so ausgewogen wie ein Boxkampf zwischen einem Schwergewicht und einer Institution, die sich schon beim Aufwärmen einen Muskelfaserriss holt.
Der Sicherheitsrat als Theater der Beschwichtigungen: Sitzungen statt Substanz
Dann schließlich der Sicherheitsrat: Erst nach rund drei Wochen befasst er sich mit der Lage im Iran – ohne Resolution, ohne großen Auftritt des Generalsekretärs, ohne jenen symbolischen Furor, der ansonsten so gern beschworen wird, wenn ein Konflikt medienwirksam genug ist. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die UNO ihren eigenen Ernstfall nach einem Kalender plant, den niemand kennt. Als wäre die Unterdrückung einer Bevölkerung nicht dringend genug, um „Termine freizuschaufeln“. Als bräuchte es erst eine gewisse Mindestzahl an Toten, damit das Weltgewissen in den Sitzungssaal rollt. Und doch ist das Muster vertraut: Wenn es um Israel geht, gibt es rasch Sitzungen, Forderungen, Notfall-Resolutionen, moralische Dringlichkeit im großen Stil. Wenn es um den Iran geht, gibt es vor allem Abwarten, als wäre es ein Wetterphänomen: „Wir beobachten die Lage.“ Dieser Satz ist der diplomatische Regenschirm, den man aufspannt, um nicht nass zu werden – während andere ertrinken.
Die große Umkehrung: Die Demokratie als Schuldiger und die Diktatur als heikler Gesprächspartner
Hier liegt der Kern der Empörung: Nicht nur die Unterschiede im Ton, sondern die Unterschiede in Geschwindigkeit, Sichtbarkeit und Intensität. Israel wird im Zweifel sofort adressiert, öffentlich, direkt, mit moralischer Strenge. Iran wird vorsichtig angefasst wie ein Sprengkörper, den man lieber nicht berührt, weil man sich sonst die Finger verbrennt. Und während man dem demokratischen Staat sagt, er müsse „zurückhaltend“ sein, sagt man dem autoritären Staat… nichts. Man könnte fast meinen, die UNO habe eine heimliche Hierarchie der Verantwortlichkeit: Je demokratischer ein Land ist, desto stärker muss es moralisch beaufsichtigt werden – weil man davon ausgeht, dass es sich beeindrucken lässt. Je brutaler ein Regime ist, desto weniger sagt man – weil man befürchtet, es könnte sich nicht beeindrucken lassen. Das ist eine Logik, die aussieht wie Moral, aber funktioniert wie Opportunismus. Und Opportunismus, wenn er sich als moralische Autorität verkleidet, ist nicht nur lächerlich, sondern gefährlich. Denn er produziert Zynismus. Er lehrt die Unterdrückten, dass sie von der Welt nichts zu erwarten haben, außer wohlformulierte Abwesenheit. Und er lehrt die Unterdrücker, dass internationale Institutionen zwar viele Logos haben, aber wenig Zähne.
Sharanskys Warnung: Wenn Menschenrechte zur Waffe gegen Freiheit werden
Natan Sharanskys Satz wirkt wie ein leiser Fluch über dieser ganzen Farce: Wenn Diktaturen die Sprache der Menschenrechte benutzen, um Demokratien anzugreifen, stimmt etwas grundlegend nicht. Genau das ist es, was sich wie ein Schatten über die UNO legt. Denn die UNO hat nicht nur die Aufgabe, Menschenrechte zu verwalten, sondern sie zu verkörpern. Sie soll der Ort sein, an dem nicht Macht zählt, sondern Prinzip. Und wenn Prinzip plötzlich nach Risikoabwägung riecht, wenn es nach Opportunität schmeckt, wenn es nach Angst klingt – dann ist nicht die Welt gescheitert, sondern ihre moralische Bühne. Denn dann wird die Sprache der Menschenrechte nicht mehr zum Schutzschild der Schwachen, sondern zur Munition im Arsenal der politisch Lautesten. Und die Lautesten sind selten die Gerechtesten. In einer solchen Welt wird die UNO zur Instanz, die zwar ständig moralisch spricht, aber nicht moralisch handelt, wenn es unbequem wird. Und das ist der Punkt, an dem selbst die Satire kaum noch mithalten kann, weil die Realität bereits die besseren Pointen liefert.
Schluss: Das Schweigen der Spitze und das Geräusch, das es macht
Die Empörung richtet sich nicht nur gegen António Guterres, sondern gegen eine Institution, die ihre Glaubwürdigkeit wie eine fragile Porzellantasse durch einen Sturm trägt und sich dann wundert, warum sie Risse bekommt. Denn wenn Freiheit unterdrückt wird und die Symbolspitze schweigt, dann spricht nicht nur der Generalsekretär nicht – dann spricht die UNO als Ganzes nicht. Und dieses Schweigen ist nicht leer. Es ist gefüllt mit Konsequenzen. Es sagt den Demonstranten im Iran: Ihr seid nicht wichtig genug für unsere Stimme. Es sagt den Revolutionsgarden: Ihr könnt weitermachen, unsere Empörung ist gerade auswärts. Und es sagt der Welt: Menschenrechte sind kein Prinzip, sondern eine Variable. Mal laut, mal leise. Mal scharf, mal weich. Mal persönlich, mal delegiert an einen Sprecher mit einem Textbaustein, der so klingt, als sei er aus der Schublade „Konflikte, die uns nicht in Schwierigkeiten bringen sollen“ gezogen worden.
Und deshalb ist die Frage „Warum haben Sie Angst?“ so brutal, weil sie alles zusammenfasst, was die UNO am meisten fürchtet: dass jemand den Mut hat, auszusprechen, was längst sichtbar ist. Dass ihre Moral nicht universell ist, sondern selektiv. Dass ihre Empörung nicht gerecht ist, sondern kalkuliert. Dass sie im Zweifel lieber ein demokratisches Land beschimpft, als ein autoritäres Regime zu verärgern. Und dass sie damit nicht Frieden schafft, sondern nur die Illusion, noch relevant zu sein.
Vielleicht ist die UNO nicht nur das Gewissen der Welt. Vielleicht ist sie auch ihre Ausrede. Und Ausreden – das wissen wir alle – sind selten mutig.