Die Doppelte Skala der Empathie

Es gibt Momente, in denen man den Eindruck gewinnt, dass die Europäische Union ein Wesen ist, das nicht nur aus Bürokraten, Kommissaren und halbbewussten Kaffeepausen besteht, sondern aus einem höchst selektiven Moralphilosophen, der seine Aufmerksamkeit nach dem komplexen Algorithmus von Sichtbarkeit, politischer Signalwirkung und medialer Inszenierung verteilt. So wie eine Katze, die sich nur auf die Teile des Raumes konzentriert, in denen Sonnenlicht fällt, so richtet sich die EU offenbar auf Konflikte, die groß genug sind, um auf allen Kanälen als humanitärer Triumph inszeniert zu werden. Die Ukraine – eine Nation, deren Leiden in High Definition und endlosen Fernsehbildern gezeigt wird – bekommt die volle Bandbreite europäischer Solidarität: Geld, Waffen, diplomatische Applausbekundungen, strategische Gipfel, Tweets, offizielle Ansprachen, Gedenkveranstaltungen und wahrscheinlich demnächst auch EU-Style-Merchandise. Zypern hingegen – ein Land, das seit 1974 faktisch geteilt ist, von der Türkei militärisch besetzt, wirtschaftlich eingeschränkt und politisch marginalisiert – wird in der europäischen Öffentlichkeit fast so behandelt, als sei es ein verschwommenes Ölgemälde im Hintergrund eines Ministeriumsflurs: man weiß, dass es existiert, man nickt höflich, wenn es erwähnt wird, aber konkrete Taten? Ach, dafür reicht die Energie nicht.

Die Logik des Sichtbaren Leidens

Warum also dieser frappierende Unterschied? Man könnte es als eine Art journalistische Präferenz interpretieren: Konflikte, die „sexy“ sind, bekommen Aufmerksamkeit. Die Ukraine hat das volle mediale Paket: eskalierende Gewalt, geopolitische Spannung, historische Narrative, die bis in den Kalten Krieg zurückreichen. Zypern? Nun, Zypern hat eine längere Geschichte der Ohnmacht, aber keine wöchentlichen Live-Berichte von zerstörten Städten. Die Blockade des Nordens, die Flüchtlingspolitik, die dauerhaft unbewältigte militärische Präsenz – alles abstrakt, diffuse Narrative, schwer zu inszenieren, schwer zu dramatisieren, schwer zu verkaufen. Wer möchte schon eine subtile politische Tragödie, wenn man einen klaren Helden und einen klaren Bösewicht im 24-Stunden-News-Loop haben kann?

Die Diplomatie der Unangenehmen Wahrheiten

Dann ist da noch die politische Dimension: die Türkei ist ein NATO-Mitglied, ein strategischer Partner in einer Region, die Europa seit Jahrhunderten mehr Sorgen als Freude bereitet. Man könnte fast meinen, dass die EU in ihrer stillen Weisheit beschlossen hat, Konflikte lieber dort zu eskalieren, wo sie moralisch bequem inszeniert werden können, ohne die eigenen geopolitischen Muskeln zu überdehnen. Die Ukraine ist ein Außenposten, den man ohne zu viel Rücksichtnahme unterstützen kann, während Zypern, mit seiner Lage mitten im komplizierten Netz türkischer Interessen, ein Terrain ist, auf dem man leicht auf Zehenspitzen durch diplomatische Minenfelder stolpern kann. Es ist die Logik des angenehmen Engagements: Man hilft dort, wo man glänzen kann, und schweigt dort, wo man stolpern könnte.

TIP:  Der grüne Kreislauf des Zynismus

Das Pathos der selektiven Solidarität

Hier offenbart sich die tiefere Tragik einer Institution, die sich selbst als Hort europäischer Werte sieht: die moralische Skala ist selektiv kalibriert, die Empathie politisch gewichtet. Die EU liebt es, ihre Hilfsbereitschaft zu inszenieren, solange diese Inszenierung ein mediales und diplomatisches Echo erzeugt. Zypern – Opfer seit Jahrzehnten, Bürger eines geteilten Landes, blockiert in seiner politischen Selbstbestimmung – bleibt das stille Beispiel einer Solidarität, die nicht weh tut, die keinen Skandal verursacht, die nicht die strategische Balance stört. Die Tragik der „vergessenen Konflikte“ ist dabei nur das Sahnehäubchen: sie erlaubt es der EU, sich als moralisch überlegen zu fühlen, ohne wirklich handeln zu müssen.

Ironie als letzte Verteidigungslinie

Ironischerweise wirkt diese selektive Solidarität fast schon wie eine Tragikomödie. Die EU, die sich selbst als „Wertegemeinschaft“ feiert, jongliert mit Moral und Medienwirksamkeit, als sei sie ein Zirkusakrobat auf dem Drahtseil zwischen Ethik und Pragmatismus. Und während die Kameras in Kiew stehen, während Gipfeltreffen und Förderprogramme ausgerollt werden, sitzt Zypern im Schatten, ein stiller Mahner dafür, dass Gerechtigkeit nicht automatisch durch Mitgliedschaft garantiert wird, sondern durch die Launen medialer Aufmerksamkeit und geopolitischer Opportunität. Es ist fast poetisch: die Union der Werte, die manchmal nur dann Werte zeigt, wenn sie ins Rampenlicht passt.

Please follow and like us:
Pin Share