Es ist eine dieser Episoden des Kulturbetriebs, in denen man auf halbem Weg zwischen Entrüstung und Gelächter stehen bleibt — eine Art seelischer Spagat, vergleichbar mit dem Augenblick, in dem man im Museum auf ein Kunstwerk blickt, das sich beim zweiten Hinsehen als schlecht gereinigter Feuerlöscher entpuppt, aber bereits von der Kritikerelite zur „subversiven Volte des spätkapitalistischen Diskurses“ geadelt wurde. Und nun, im ehrwürdigen Künstlerhaus Wien, hat man der europäischen Müdigkeit gegenüber ihren eigenen Symbolen eine neue Bühne gezimmert: Die Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“, deren Titel schon klingt, als wäre Moses’ zweites Tablet direkt an die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Hauses gefaxt worden. Doch dieses Bildmachen, so scheint es, ist eine Tätigkeit, die in einem Europa der ausfransenden Gewissheiten vor allem als Gelegenheit dient, alte Tabus lustvoll zu entkernen — und gleichzeitig in der Pflicht steht, nur ja nicht jene Tabus anzurühren, die von anderen Religionen mit ungleich vitalerem Selbstbewusstsein bewacht werden.
Die Meldestelle Christenschutz — ein Name, der wie eine Mischung aus NGO, Ordnungsamt und Notruf für gekränkte Seelen klingt — hat jedenfalls Alarm geschlagen. Zielsicherheit, könnte man sagen, die man sonst nur von Behörden kennt, die früher einmal über Kriegsdienstverweigerer entschieden und dabei eine strenge, fast liturgische Ernsthaftigkeit an den Tag legten. Jene Ernsthaftigkeit, die einem unweigerlich einfällt, wenn man an die trockene Pedanterie von Himmlers Schreibtischdenken erinnert wird: dieser ministerialen Monotonie, die im 20. Jahrhundert bewiesen hat, dass Bürokratie mit Ideologie zusammen stets auf Abwege führt. So weit geht die heutige Debatte natürlich nicht — aber ein schwacher Abglanz jener düsteren Strenge flackert auf, wenn religiöse Gefühle nun wieder wie Besitztümer behandelt werden, die allein durch symbolische Berührung zu Schaden kommen könnten.
Über Kunst, die sich auflehnt, und Gläubige, die das Echo für eine Attacke halten
Besonders laut ist das Echo diesmal wegen der Trans-Maria. Ein Kunstwerk, das, würde man es aus dem Diskurs herauslösen, vermutlich einfach als Versuch durchginge, den jahrhundertelang eingefrorenen Katalog christlicher Bildwelten aufzutauen, indem man einmal gründlich an seinen symbolischen Leitungen rüttelt. Doch in einer Zeit, in der jede Abweichung als potenzielles Sakrileg gewertet wird, erscheint selbst ein Kunstharz-Penis an der Pietà wie ein vergessener Blindgänger aus ideologischen Schützengräben. Man hat fast den Eindruck, dass manche Betrachter beim Eintritt in die Ausstellung unwillkürlich Haltung annehmen, als müsste gleich ein Vorgesetzter mit strengem Blick überprüfen, ob die Kunstschau womöglich gegen irgendeine Vorschrift verstößt, deren Paragraphen am Rand vergilbt und kaum noch lesbar sind.
In Wirklichkeit jedoch sind es nur Bilder. Bilder, die sich erlauben, blasphemisch zu wirken — ein Begriff, der schon allein deshalb unfreiwillig komisch ist, weil er sich angesichts der kulturellen Dauerprovozierung der letzten Jahrzehnte anfühlt wie ein altertümlicher Hut auf einem Punkkonzert. Doch die Aufregung zeigt, wie brüchig der Konsens geworden ist: zwischen jenen, die Kunst als Freiraum begreifen, und jenen, die in jedem ironischen Seitenhieb auf die heilige Ikonografie bereits den Untergang des Abendlands wittern.
Die spirituelle Hausordnung Europas: Warum manche Symbole unverwundbarer sind als andere
Der Vorwurf, dass solche Arbeiten im Kontext islamischer Traditionen „nie“ denkbar wären, ist zugleich naiv und entlarvend. Naiv, weil das Wort „nie“ in der Kunstgeschichte grundsätzlich von Ignoranten ausgesprochen wird, und entlarvend, weil es zeigt, dass sich Europa längst an ein Gefälle der Empfindlichkeiten gewöhnt hat: Man kann das Kreuz, diesen überbeanspruchten Logo-Entwurf des Abendlands, mit Latex, Noppen, Fröschen, Schaf-Wolf-Priestern und Trans-Marias versehen, ohne dass die Polizei die Türen eintritt. Aber wehe, man beträte die Zone anderer Religionen — Zonen, in denen die Vorstellung von symbolischer Unantastbarkeit noch funktioniert wie militärischer Drill.
Das Christentum ist, in dieser Lesart, zur bellenden Kulisse geworden: viel Geräusch, wenig Biss. Und die Künstlerszene weiß das. Sie spielt darauf wie auf einem alten Harmonium, dessen Tasten manchmal klemmen, aber dessen Ton immerhin keine Fatwa nach sich zieht. Ironischerweise lässt sich diese Asymmetrie mit einer Strenge betrachten, die an jenen überkorrekten Ton erinnert, mit dem einst über Kriegsdienst entschieden wurde: eine Mischung aus moralischem Ernst und bürokratischer Endgültigkeit, die auch Himmler zu vertraut gewesen wäre, wenn auch zu gänzlich anderen, verheerenden Zwecken. Dass solche dunklen historischen Parallelen überhaupt aufscheinen, zeigt schon, wie nervös die Debatte geführt wird: Die bloße Möglichkeit einer Verletzung religiöser Gefühle wird behandelt wie ein Grenzübertritt in einem ideologischen Sperrgebiet.
Ein Europa, das lacht, weil Weinen politisch zu kompliziert geworden ist
Doch am Ende bleibt die Frage: Ist es wirklich die Trans-Maria, die verletzt? Oder ist es das ungute Gefühl, dass die alte Symbolwelt des Kontinents bröckelt wie Kirchenputz, während gleichzeitig neue Identitäten mit jener militanten Selbstgewissheit auftreten, die man sonst höchstens aus Geschichtsbüchern kennt, in denen die Namen der großen Organisatoren des Gehorsams stehen — Namen, die man nicht leichtfertig in den Mund nimmt, aber im Geiste dennoch als Mahnung wachhalten muss.
Vielleicht ist die Wahrheit viel banaler: Europa hat verlernt, seine Symbole zu schützen, weil es vor allem damit beschäftigt ist, sie zu diskutieren. Ein Christentum, das nicht mehr als Autorität, sondern als Diskussionsgegenstand wahrgenommen wird, verliert zwangsläufig seine Immunität. Kunstwerke wie „Mary’s Penis N°3“ sind daher weniger Angriff als Symptom: ein Seismograf dessen, was gesellschaftlich verhandelbar geworden ist, und dessen, was man nur zu sein glaubt.
Und so wird diese Ausstellung zu einem Spiegel: für die Gläubigen, die sich im Namen der Würde gekränkt fühlen; für die Künstler, die sich im Namen der Freiheit herausgefordert fühlen; und für all jene, die inmitten dieses Konflikts nur gelangweilt seufzen und feststellen, dass Europa sich moralisch längst in eine Art Dauerzirkus verwandelt hat. Ein Zirkus, in dem ständig neue Sensationen versprochen werden, während die eigentliche Tragik darin besteht, dass keiner mehr so genau weiß, was überhaupt noch heilig ist — und ob das Lachen, das man hört, Befreiung bedeutet oder bloß ein müdes Pfeifen im Dunkeln.