Der Elefant in der Backstube

Man soll ja, so sagt es der große Katechismus der politischen Kommunikation, die Dinge beim Namen nennen. Doch manchmal, wenn ein Bundeskanzler in eine Bäckerei tritt, wird aus dem Ding ein Tier, und aus dem Tier ein Eelefant – mit doppeltem „e“, weil er größer ist als jeder buchstabenkonforme Elefant es je sein könnte. Und so stand er dort, der Eelefant, in der Hamburger Backstube, schnaubte mehlige Luft, trompetete deutsche Teigkultur herbei und ließ die armen Azubis rätseln, ob sie nicht doch lieber Steuerrecht hätten lernen sollen. Mittendrin: Friedrich Merz, der erste Kanzler der Republik, der eine politische Debatte über Brotkrusten durch bloßes Erzählen eines Frühstückserlebnisses in Angola entfachen kann. Wer anderes schafft das schon?

Man müsse erst im Ausland lernen, was man an deutschem Brot habe, verkündete er, und schon in diesem Satz steckte so viel gewollte Weltläufigkeit und ungewollte Provinz, dass man sie wie zwei schlecht verknetete Teigsorten kaum mehr trennen konnte. Denn der Mann, der auch in Interviews gern den Eindruck erweckt, er habe den Globus schon so oft umrundet, dass er ihm eigentlich gehören müsste, stand nun mit leicht geröteten Wangen in der Bäckerei und seufzte über das Schicksal, im fernen Luanda kein „ordentliches Stück Brot“ gefunden zu haben. Man spürt förmlich, wie sein Herz – vermutlich schwarz wie die Kruste eines Roggenbrots – einen Moment lang schmerzte. Ein Kanzler, allein in der Wildnis eines Frühstücksbuffets, umzingelt von afrikanischen Brötchen, weich wie die Demokratie im Sommerloch.

Die Geopolitik des Frühstücksbuffets

Nun ist das deutsche Frühstücksbuffet bekanntlich nicht nur ein Ort der Nahrungsaufnahme, sondern ein heiliger Raum kultureller Selbstvergewisserung. Nirgendwo sonst verteidigt der Deutsche seine Identität eiserner als am Brotschneidebrett. Wenn man dort statt einer vollkornigen Stulle etwas findet, das eher an schwammige Wolken erinnert, die der Konditorgott am falschen Tag gebacken hat – dann gerät das Weltbild ins Wanken. Und genau hier nahm die Tragödie ihren Lauf: Der Kanzler, gewohnt an industriell perfektionierte Teigprodukte, traf auf ein Buffet, das offenbar keine Ahnung von der emotionalen Fragilität deutscher Staatsoberhäupter hatte.

TIP:  Vom segensreichen Mangel

Man hätte fast Mitleid, wäre die Anekdote nicht mit der unerschütterlichen Selbstverständlichkeit erzählt worden, die sonst nur Kinder aufbringen, wenn sie entrüstet feststellen, dass der Spielplatz im Urlaub nicht dieselbe Rutsche hat wie zu Hause. Der Subtext dagegen wirkte wie ein versehentlicher Seitenhieb: Angola – eines der ärmsten Länder Afrikas – und der Kanzler der führenden Industrienation Europas klagt über das Brot im Hotel. Nicht den Hunger, nicht die Infrastruktur, nicht die Armut: das Brot. Ein kleiner Brotkommentar mit großer geopolitischer Fallhöhe.

Der digitale Pranger und seine Sauerteige

Die sozialen Netzwerke, sonst nur zu gern in sommerlicher Müdigkeit, fingen an zu blubbern wie ein schlecht überwacht gegangener Sauerteig. Kaum ein Profil, das nicht mit spitzer Feder, scharfer Tastatur oder mildem Zynismus nachlegte. „Koloniale Arroganz!“, riefen die einen. „Hochmut in Hefeform!“, die anderen. Und mittendrin trudelten Meme ein, die Merz mit Brotlaibkrone zeigten oder ihn zum inoffiziellen „Verteidigungsminister der Deutschen Backkultur“ erklärten. Das Internet ist eben wie ein wütender Bäckermeister: Wenn es loslegt, fliegen die Mehlwolken tief.

Doch hinter all dem Spott steckte eine tiefere Frage: Wie kann es sein, dass ein Regierungschef – ein Mann mit Zugriff auf mehr Informationen als alle Feuilletons zusammen – beim Thema Afrika zuerst an die Konsistenz von Frühstücksgebäck denkt? Und ist das eigentlich schon tragisch, komisch oder längst Teil einer neuen politischen Dialektik, die man „Kulinarpopulismus“ nennen könnte? Die Antwort liegt irgendwo zwischen „Ja“ und „Es ist zu spät, um noch nüchtern darüber zu diskutieren“.

Deutsche Leitkultur: Aus Weizen und Worten

Es mag übertrieben erscheinen, einem einzigen Brotsatz derart viel Bedeutung beizumessen. Doch Deutschland, das Land der Ernährungsphilosophen und Teigromantiker, hat sich selten gescheut, kulinarische Symbolik in politische Erdbeben zu verwandeln. Kartoffeln, Weißwurst, Schweinefleisch – alles schon Schlachtfelder kulturpolitischer Identitätskämpfe. Da überrascht es wenig, dass nun das Brot – jenes monumentale, körnige, moralisch überladene Grundnahrungsmittel – zum diplomatischen Stolperstein wird.

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Vielleicht ist Merz’ Bemerkung auch nur Ausdruck einer kulturellen Sehnsucht, einer Art nostalgischer Selbstvergewisserung, die Politiker gern aus dem Ärmel schütteln, wenn ihnen gerade nichts Weltbewegendes einfällt. Brot ist schließlich unverfänglich, außer man erwähnt es an der falschen Stelle. Und genau darin lag der eigentliche Eelefant: Nicht der Satz selbst war groß, plump und unübersehbar, sondern die nonchalante Blindheit, die ihn möglich machte.

Das Krümelmonster im Kanzleramt

Am Ende bleibt die Frage, ob wir hier nicht alle an einer Überempfindlichkeit leiden, die selbst ein Dinkelkorn zur politischen Granate macht. Vielleicht hat Merz wirklich nur über Brot reden wollen – ohne Hintergedanken, ohne koloniale Untertöne, einfach nur als Mann, der morgens hungrig war. Und vielleicht ist die Aufregung darüber das Spiegelbild unserer Zeit: einer Epoche, in der jeder Satz, jede Geste, jeder Brotkrümel sofort in moralische Säure eingelegt wird.

Doch selbst wenn es so wäre: Was für ein Bild! Ein Kanzler, der als Staatsmann die globalen Herausforderungen anpacken soll, erzählt stolz eine Anekdote über ein fehlendes Brötchen. Man wünscht sich fast, der Kommunikationsstab im Kanzleramt würde ihm beim nächsten Termin ein Survival-Paket reichen: Vollkornbrot vakuumverpackt, für jede Krise.

Schluss: Wenn der Eelefant wieder hinausgetrieben wird

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass politisches Feingefühl manchmal nicht dicker ist als die Krume eines schlecht gebackenen Baguettes. Merz wollte ein Heimatgefühl beschwören – heraus kam ein global missverstandener Frühstücksmonolog. Die Deutschen werden darüber lachen, sich aufregen, es wegscrollen, und morgen geht die Republik wieder ihren üblichen Streitigkeiten nach. Der Eelefant aber wird noch eine Weile in der Backstube stehen, sich ins Mehl setzen, tief atmen und hoffen, dass der nächste Kanzlerbesuch weniger poröse Spuren hinterlässt.

Bis dahin bleibt nur, mit einem leicht zynischen Lächeln zu konstatieren: Manchmal sind es nicht die großen Reden, die einen Politiker stolpern lassen – manchmal reicht schon ein Brötchen.

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