Ein Expräsident im Knast

oder wie man drei Wochen in der Postmoderne überlebt

Dass ein ehemaliger Staatspräsident sich einmal in die Rolle des Gefangenen begibt, ist, wie man so schön sagt, an sich schon ein Schauspiel der Sonderklasse. Aber Nicolas Sarkozy – nennen wir ihn der Einfachheit halber „Monsieur der Kurzzeit-Inkarnation des Monte Christo“ – übersteigt sogar die schamlose Erwartungshaltung, die man sonst an Expolitiker richtet. Drei Wochen Gefängnis, und schon ist die literarische Produktion im Gange, wie ein Start-up in der Hochgeschwindigkeitswelt der sozialen Medien. Dass er ausgerechnet den Grafen von Monte Christo liest, lässt tief blicken: nicht etwa in die Weltliteratur als ästhetisches Abenteuer, sondern als eine Art strategisches Inspirationshandbuch für die posthume Selbstinszenierung. Man stelle sich vor, der große Dantès der Gegenwart schreitet durch die Flure eines modernen Justizpalastes, den Blick fest auf den imaginären Schatz gerichtet, während die Kameras gierig jeden Blick, jede Regung aufzeichnen. Die Ironie ist nahezu greifbar: ein Mann, der Macht und Freiheit jahrzehntelang als Grundrecht verstand, bekennt sich für wenige Wochen zu derselben Beschränkung, die Millionen gewöhnlicher Bürger täglich ertragen müssen – und verwandelt sie blitzschnell in literarische Leistung.

Die Kunst der Unverfrorenheit

„Gefängnisheft“ heißt das Werk, das nun, kaum mehr als einen Wimpernschlag nach der Freilassung, der Öffentlichkeit präsentiert wird. Der Titel allein wirkt wie ein trotziges Statement gegen alles, was wir unter Scham verstehen. Es ist nicht einmal der Versuch einer Schamhaftigkeit; vielmehr ist es die Demonstration, wie man völlig ohne Scham existieren kann – fast wie ein philosophisches Experiment in Echtzeit. Die mediale Rezeption ist dabei nur ein Nebenschauplatz. Denn der wahre Triumph liegt nicht darin, dass wir über das Buch sprechen, sondern dass es überhaupt existiert. Drei Wochen Knast, drei Wochen Isolation, und schon materialisiert sich ein literarisches Produkt. Man könnte sagen, die Geschwindigkeit des Schaffens konkurriert mit der Geschwindigkeit der Selbstvermarktung. So wird das Gefängnis nicht zum Ort der Reflexion, sondern zum Schauplatz einer neuen, postheroischen Form von Heldenmut: wer sich in wenigen Wochen von der Gefängniszelle in die Bestsellerliste katapultiert, hat offensichtlich die Gesetze der Logik und der Zeit erfolgreich hinterfragt.

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Zeitgenössische Helden und ihre groteske Eleganz

Jede Zeit hat ihre Helden, sagen die Historiker, und diese Definition erweist sich heute als bemerkenswert elastisch. Helden sind nicht mehr allein die unerschütterlichen Kämpfer für Freiheit, Wahrheit oder Gerechtigkeit – sie sind diejenigen, die in der Lage sind, die Mechanismen der Aufmerksamkeit mit einer Mischung aus Arroganz und Charme zu navigieren. In diesem Licht betrachtet, wirkt Sarkozys kleines literarisches Intermezzo wie die Blaupause für ein neues Genre: das postmoderne Heldendrama, in dem Gefängnisaufenthalte, mediale Inszenierungen und literarische Ambitionen harmonisch verschmelzen. Der Zynismus liegt auf der Hand, aber auch der Humor – ein Augenzwinkern, das man nur schwer übersehen kann, wenn man sich vorstellt, wie ein Mann, der einst die politische Bühne dominierte, nun Seite für Seite darüber sinniert, wie es ist, hinter Gittern zu sitzen, während draußen die Kameras die Szene ablichten.

Fazit im Spiegel der Selbstverliebtheit

Man könnte lange über den moralischen Gehalt dieses Unterfangens diskutieren, über die Frage, ob Literatur aus drei Wochen Haft wirklich eine Bereicherung für die Kultur darstellt oder ob sie lediglich die egozentrische Selbstbespiegelung eines ehemaligen Machthabers illustriert. Aber das wäre zu ernsthaft. Vielmehr muss man staunen – über die Frechheit, über die Effizienz und über die absurde Eleganz, mit der hier Schamlosigkeit als literarisches Stilmittel zelebriert wird. In einer Welt, in der das Spektakel die Inhalte ersetzt, ist „Gefängnisheft“ vielleicht weniger ein Buch als eine Meisterklasse in postmoderner Selbstinszenierung. Und wir – kleine Zuschauer in diesem Theater – dürfen uns zurücklehnen, schmunzeln, kritisieren und gleichzeitig anerkennen: Die Kunst, völlig frei von Scham zu sein, ist eine, der man kaum entrinnen kann.

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