Es gibt historische Momente, in denen eine Gesellschaft kollektiv den Atem anhält, nicht weil sie ihn verlieren könnte, sondern weil sie spürt, dass im Hintergrund jemand prüfend mit dem Metronom klickt. Corona, jenes globale Bühnenstück unfreiwilliger Ensemblearbeit, wirkte in dieser rückblickenden Perspektive wie ein dramaturgisch perfekt gesetztes Probenwochenende: das Licht flackerte, die Souffleusen husteten, der Regisseur war irgendwo zwischen Balkon und Elmau-Gipfel verschollen, und doch wusste jeder intuitiv, dass hier gerade etwas ausprobiert wurde, dessen Bedeutung erst viel später vollständig sichtbar werden würde. Nicht, weil „die Mächtigen“ eine sinistre Agenda gehabt hätten – so simpel wäre es ja fast schon beruhigend – sondern weil Bürokratie und Machtapparat stets dann ihre wahre Kunst entfalten, wenn ein Notstand die Chance verspricht, lang gehegte Regelungsphantasien endlich aus dem Giftschrank der Entwürfe zu befreien. Die Pandemie war der perfekte Testlauf für die Frage: Wie viel Unübersichtlichkeit hält die Bevölkerung aus, bevor sie ihre Geduld, ihren Humor und schließlich ihr Rechtsverständnis verliert? Und die Antwort lautete: erstaunlich viel, solange die täglichen Inzidenzzahlen als das seismographische Orakel der Zumutbarkeit in den Abendnachrichten flimmerten, wie einst das Wetter oder andere mittelwichtige Folklore.
Die Inzidenz als sakrale Zahl
Die Inzidenz, dieses digitale Totem, erfüllte damals einen Zweck, den man nur mit religiöser Sprache hinreichend beschreiben kann. Die Zahl gab, die Zahl nahm, und über allem schwebte ein Chor epidemiologischer Schriftgelehrter, die in Tonlagen von mildem Bedauern bis sanfter Strenge erklärten, weshalb die Zahl uns jetzt zwinge, etwas hinzunehmen, das gestern noch unvorstellbar war. Die Welt war eine riesige PowerPoint-Präfektur geworden, eine Art globales Compliance-Training mit moralischem Mehrwert. Und weil der Mensch sich nach Orientierung sehnt, wurde die Inzidenz zum kollektiven Kompass, der zwar keine Richtung wies, aber immerhin den Eindruck vermittelte, dass es irgendwo da draußen eine gäbe.
Es war, in seiner bizarren Art, fast poetisch: Die Menschheit klammerte sich an eine Zahl, die in einem Labor aus Speichel, Statistik und politischem Kalkül fermentiert wurde, und tat dies mit der stoischen Hingabe eines Pilgers, der die Pilgerstätte zwar nicht ganz versteht, aber der Hoffnung vertraut, dass sie schon irgendeine Bedeutung habe.
Der Übergang von Inzidenz zu Drohne: Evolution der Alarmzeichen
Nun sind wir Jahre später wieder in einer Phase, in der neue Zahlen durch die Medien geistern — keine Infektionen, sondern Drohnen, jene brummenden Boten technologischer Nervosität. Die Drohnensichtungen, wahlweise über militärischen Einrichtungen, Energieanlagen oder über den Köpfen von Spaziergängern mit Hund, erfüllen heute fast exakt den gleichen dramaturgischen Zweck wie damals die Inzidenzwerte: Sie erzeugen eine Atmosphäre der latenten, nie ganz zu überprüfenden Bedrohung. Sie sind das perfekte politische Allzweckinstrument, weil sie sowohl harmlos sein können („nur Hobbyflieger“) als auch latent apokalyptisch („hybride Operationen eines ungenannten Akteurs“) — und niemand kann den Unterschied erkennen, bis irgendeine Behörde mit ernster Stirn verkündet, dass nun „weitere Maßnahmen“ ergriffen werden müssten.
Natürlich ist auch das wieder eine Übertreibung, doch Satire lebt gerade von der Frage: Wenn die Realität schon so klingt, wozu braucht es noch Erfindungen? Die Drohne ist das neue pandemische Diagramm, der neue Altar der Verunsicherung, ein digitales Vögelchen mit dem politischen Gewicht eines Zwischenfalls, der sich beliebig dehnen, interpretieren oder in Ausschüssen verwalten lässt. Während früher die Inzidenz erklärte, weshalb ein Weihnachtsmarkt geschlossen und ein Biergarten geöffnet werden durfte, erklärt heute die Drohnensichtung, weshalb ein „Spannungsfall“ vorbereitet werden müsse — ein Begriff, der klingt wie ein missglücktes Theaterstück über Elektrizität, tatsächlich aber die nächste Eskalationsstufe bürokratischen Realismus’ markiert.
Der Spannungsfall als dramaturgische Vollendung
„Spannungsfall“ — selten klang ein Ausdruck gleichzeitig so technisch, so bedeutungsschwanger und so absichtlich unverständlich. Es ist ein Wort, das man sich gut auf einem weißen Flipchart vorstellen kann, umrahmt von Pfeildiagrammen und farblich optimierten Kästchen. Während der Pandemienotstand noch irgendwie nach medizinischer Notlage klang, wirkt der Spannungsfall wie die verbeamtete Version eines Hitchcock-Filmtitels: Man weiß nicht genau, was passiert, aber man soll spüren, dass bald etwas passiert. Und wenn nichts passiert, bedeutet das nur, dass das vorhergesagte Etwas glücklicherweise verhindert wurde — eine kommunikative Win-Win-Situation, die keinerlei empirische Überprüfung benötigt.
In dieser Kombination aus vager Bedrohung und präziser Verwaltung entfaltet sich die eigentliche Satire unserer Gegenwart: Ein Staat, der seine Bürger gleichzeitig beruhigt und verunsichert, betreibt eine Art emotionalen Doppelsalto, der nur dann gelingt, wenn alle Beteiligten höflich so tun, als sei das völlig normal. Der Spannungsfall wird so zur nächsten Evolutionsstufe einer Gesellschaft, die gelernt hat, Notstände wie Betriebssystem-Updates zu akzeptieren: „Verbessert die Sicherheit“, „kann zu Einschränkungen führen“, „bitte Gerät nicht ausschalten“.
Die Kunst des verordneten Pragmatismus
Wenn die Pandemie die Generalprobe war und die Drohnensichtungen die neuen Inzidenzen, dann ist der Spannungsfall der dramaturgische Rahmen, in dem sich moderne Politik als Mischung aus Fürsorge, Fortschritt und Furchtmanagement inszeniert. Und vielleicht liegt genau darin die ironische Pointe unserer Zeit: Wir erleben keine Verschwörung, sondern die unaufhaltsame Logik eines Apparats, der sich selbst als Maschine zur Herstellung von Ordnung versteht, auch wenn er dafür gelegentlich Chaos erzeugen muss.
Vielleicht wäre es am klügsten, all dies mit der Haltung eines Zuschauers zu betrachten, der weiß, dass das Theaterstück überlang ist, der Regisseur überfordert, die Schauspieler müde — aber die Vorstellung trotzdem sehenswert bleibt, weil sie uns etwas über uns selbst erzählt. Und weil man immer darauf hoffen darf, dass im nächsten Akt jemand die Bühne betritt, der das ganze Spektakel mit einem guten, alten, entwaffnenden Satz unterläuft:
„Beruhigt euch. Es ist nur ein Stück.“