Man stelle sich vor, die Weltpolitik sei ein kleiner, leicht heruntergekommener Kellerclub in einem Berliner Hinterhof, in dem die Mikrofone knistern, der Moderator zu spät kommt und der Barkeeper heimlich das Wasser im Whisky verdünnt. In dieser muffigen Atmosphäre steht plötzlich ein Kontinent auf der Bühne, dessen Selbstbild irgendwo zwischen Aufklärungsheroismus, Exportweltmeisterpathos und moralischer Wellnessdroge pendelt.
Der Spot geht an, und Europa tritt auf – schweißnass, übernächtigt, mit einem Skript, das eigentlich als Tragödie gedacht war, aber vom Publikum seit Monaten als Slapstick interpretiert wird. Aus dem Off ruft jemand: „Mach’s kürzer!“ – aber Europa räuspert sich, zieht die gasbetriebene Nebelmaschine auf volle Leistung und beginnt ein Epos aus Selbstüberschätzung, geopolitischem Tourette und der schlichten Unfähigkeit, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Die globale Schicksalsoperette: Akteure im Rausch
Auf der anderen Seite des Bühnenraums sitzen jene Staaten, die immer so wirken, als wüssten sie ganz genau, was sie tun – einfach, weil sie nie jemand beim Denken beobachtet hat. Sie ziehen ihre Strippen wie alte Puppenspieler, deren Hände längst von jahrzehntelangen Routinen vernarbt sind. Manche von ihnen haben große Visionen, andere haben nur großen Zugriff auf Bodenschätze, wieder andere haben keinerlei Visionen, aber dafür sehr stabile Nervenkostüme.
Es ist ein munteres Durcheinander: Manche Regionen schwimmen plötzlich vor Selbstvertrauen, weil ihnen die geopolitischen Sternbilder günstig gewogen sind. Andere aber zittern, weil sie feststellen, dass moralische Empörung eine schlechte Energiewährung ist. Wieder andere reiben sich die Hände, weil sie ihre Rohstoffe plötzlich zu Preisen verkaufen können, für die sie sich vor ein paar Jahren nicht einmal getraut hätten, sie zu denken.
Dies alles wäre halb so schlimm, wenn nicht einer der Staaten beschlossen hätte, Weltgeschichte in Form eines militanten Theaterstücks zu schreiben, das niemand bestellt hat – außer vielleicht jene, die von der anschließenden Unordnung profitieren.
Der heroische Mythos vom unfehlbaren Westen
Während die Welt sich neu sortiert, sitzt der Westen an einem runden Tisch, der so aussieht, als sei er aus dem Ikea-Restpostenmarkt geopolitischer Ideale zusammengezimmert worden. Seine Vertreter beteuern unablässig, alles im Griff zu haben: Energieversorgung? Sicher! Volkswirtschaften? Solide! Öffentliche Zustimmung? Unerschütterlich!
Doch je lauter die Beteuerungen werden, desto häufiger fällt der Strom aus, desto teurer der Alltag, desto fragwürdiger die geopolitischen Allianzen. Und Europa lächelt gezwungen – wie jemand, der beim Zahnarzt behauptet, die Betäubung wirke hervorragend, obwohl der Bohrer gerade die Seele berührt.
Die westliche Selbstgewissheit, dass alles irgendwie schon funktioniere, wirkt immer häufiger wie ein religiöses Mantra für Leute, die heimlich wissen, dass ihr Auto längst ohne Motor rollt. Nur niemand möchte der Erste sein, der es ausspricht.
Europa im Panikmodus: Ein elegisches Wirtschaftsdiätprogramm
Es gibt Momente, in denen Europa wie ein überforderter Diätguru wirkt, der fest entschlossen ist, ohne Kalorien weiterzuleben – notfalls durch spirituelle Energie, die er aus dem Universum saugt.
Die Industrie stöhnt, die Löhne flackern wie Kerzen im Sturm, die Bevölkerung runzelt die Stirn, und die politischen Entscheidungsträger erklären mit fester Stimme, dass alles nur eine Übergangsphase sei. „Wir transformieren uns!“, ruft man – und hofft, dass niemand merkt, wie stark das eigene Transformationsmodell an eine überhastete Schrumpfkur erinnert: viel Moral, wenig Moleküle.
Und während in anderen Weltregionen die Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe zu neuen Marktchancen, geopolitischen Erfolgen und überbordender Exportfreude führt, beschäftigt sich Europa mit der Frage, ob es eigentlich würdevoll ist, wenn man sich gleichzeitig moralisch erhaben und ökonomisch entkernt fühlt. Spoiler: Es ist nicht.
Der Energiezirkus, in dem jeder lacht, außer denen, die zahlen
Global betrachtet, gleicht der Energiemarkt inzwischen einer Manege, in der Clowns, Löwen, Jongleure und Elefantendompteure gleichzeitig auftreten – ohne Probenplan, ohne Regie, ohne Sicherheitsnetz. Und trotzdem gelingt es manchen Akteuren, mit einem gewinnenden Lächeln aus dem Chaos Kapital zu schlagen.
Plötzlich sind jene Länder Hauptdarsteller, die zuvor als dekorativer Hintergrund dienten. Andere wiederum treten wie staubige Antihelden auf und erklären, dass sie schon immer vorhatten, mit Flüssiggas die Welt zu begeistern – nur dass ihnen früher niemand zugehört hat.
Europa wiederum tritt als tragikomischer Feuerschlucker auf, der versucht, die galoppierenden Preise wegzuatmen und gleichzeitig mit moralischem Pathos im Brustton der Überzeugung erklärt, er sei immun gegen ökonomische Brandwunden. Das Publikum klatscht höflich. Doch hinter der Bühne schreit jemand nach Verbandsmaterial.
Die menschliche Tragödie, die dem geopolitischen Lärm zum Opfer fällt
So viel geopolitische Brutalität, so viele strategische Spielereien, so viele wirtschaftliche Berechnungen – und doch verblasst all das, wenn man sich der eigentlichen Katastrophe zuwendet: Menschen, deren Leben in Trümmern liegt, Familien, die zerrissen wurden, Städte, die zu Schutthaufen wurden, Existenzen, die sich in Rauch aufgelöst haben.
Doch das globale Publikum hat die Aufmerksamkeitsspanne eines gelangweilten Smartphones. Es will Drama, aber bitte ohne allzu viel Leid. Es will moralische Gewissheit, aber nicht die Konsequenzen. Es will epische Narrative, solange die Tragödie weit genug entfernt stattfindet.
Satire kann darüber lachen, ja. Aber sie kann nicht wegsehen. Denn hinter jeder politischen Pose steckt ein menschliches Opfer, das keine Pose ist.
Finalakt: Ein Kontinent auf der Suche nach seinem Spiegelbild
Europa steht am Ende des Stücks auf der dunklen Bühne, allein, das Skript in der Hand, die Spots erloschen. Es versucht, sich selbst zu erkennen – als moralische Instanz? Als ökonomischer Patient? Als geopolitischer Zaungast mit Verve?
Was es findet, ist ein Spiegelbild, das müde aussieht, etwas zerzaust, voller guter Absichten, aber mit einem melancholischen Bewusstsein: dass die Weltgeschichte sich keinen Deut darum schert, wer sich für klug, gerecht oder prinzipientreu hält.
Der Vorhang fällt.
Das Publikum murmelt.
Europa verbeugt sich – weil es nicht weiß, was es sonst tun soll.